Samstag, 21. September 2019

Weltwirtschaft China bläst zur Jagd auf globale Konzerne

China: Pekings Strategen setzen zum nächsten Schlag an
Ingrid von Hoff / Björn Carstensen

Mit immer ausgefeilteren Strategien strebt Peking nach globaler Dominanz. Auch die demonstrative Harmonie während des Staatsbesuches von Chinas Vizepremier Li Keqiang kann nicht verdecken: Der angeschlagene Westen hat dem chinesischen Expansionsdrang wenig entgegenzusetzen.

Eagle Ford Shale, Südtexas, 11. Oktober 2010: flaches Land, 400 Meilen lang, 50 Meilen breit. Fu Chengyu, Chef des staatlichen chinesischen Ölunternehmens Cnooc, betritt Neuland. Erstmals gelingt es einem Investor aus dem Reich der Mitte, im Herzland des Kapitalismus Bodenschätze zu sichern.

Fu kauft ein Drittel eines gigantischen Schieferfeldes, das mit Öl und Gas versetzt ist und als eines der zukunftsträchtigsten Bodenexplorationsprojekte in den USA gilt.

Vor fünf Jahren noch war Fus Firma mit dem Versuch gescheitert, sich bei einer kalifornischen Ölfirma einzukaufen. Jetzt darf er zwei Milliarden Dollar in Texas investieren. Die Reaktion bleibt dennoch skeptisch. "Könnte dies der Anfang eines Ausverkaufs amerikanischen Bodens an China sein?", fragen US-Kommentatoren besorgt.

Akropolis, Athen, 3. Oktober 2010: Reste antiker Macht und Pracht. Chinas Ministerpräsident Wen Jiabao erobert das erste Euro-Land. "Opa Wen", wie er in der Heimat gern genannt wird, will mit Milliardenzuwendungen das überschuldete Hellas zum chinesischen Brückenkopf im Handel mit Europa und Nordafrika aufbauen. Auch die Schiffbauindustrie soll nicht länger darben. Und natürlich kauft Peking weiterhin griechische Staatsanleihen. "Freunde sind da, um zu helfen", sagt Wen. Die geplagten Griechen jubeln wie lange nicht mehr.

Messegelände, Shanghai, 15. Oktober. Schaltzentrale der Moderne. Hu Maoyuan, Chef des größten chinesischen Autobauers Saic, unternimmt einen kalkulierten Vorstoß. Er halte es für nicht ausgeschlossen, diktiert Hu Reportern in den Block, dass sich Saic einen Teil von General Motors Börsen-Chart zeigen greifen werde. Die US-Regierung, die seit der Krise 61 Prozent an "Government Motors" hält, hat die Firma am 18. November mittels eines Börsengangs reprivatisiert. Hu weiß aber: Es wird nicht leicht, wenn der technische Juniorpartner - Saic und GM bauen bereits gemeinsam Autos für den chinesischen Markt - nach dem großen Vorbild greift.

Texas, Athen, Shanghai: Chinesen bemächtigen sich der Weltwirtschaft - oder versuchen es zumindest. Mit gigantischen Devisenmengen im Rücken machen staatliche wie private Unternehmen rund um den Globus Jagd auf immer größere und bedeutendere Konzerne.

Sogar in der zweiten Hälfte 2009, als die Krise sich wie eine Epidemie auf den Handel mit Firmen legte, hielt die chinesische Akquisitionsmaschinerie nicht inne.

An 145 M&A-Transaktionen auf allen Kontinenten waren Unternehmen aus dem Reich der Mitte beteiligt. Und auch 2010 kauften sich chinesische Unternehmen im Westen ein - ob bei Volvo Börsen-Chart zeigen oder dem Club Med.

Bislang wagen sich die Chinesen vor allem vor, wenn sie freundlich empfangen werden. Doch wie lange währt die Vorsicht? Schon jetzt holt sich Peking kühl und berechnend, was es für wichtig erachtet: Technik, Know-how, Bodenschätze.

Geschickt nutzen die Angreifer Schwächephasen von Konzernen oder die Not klammer Staaten, um sich in Position zu bringen. So hat sich China weite Teile des afrikanischen Kontinents als Bodenschatzreservoir gesichert.

© manager magazin 12/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung