Dienstag, 22. Oktober 2019

Einzelhandel Jugendweihe bei Schlecker

Gehen künftig mehr nach draußen: Gründerkinder Meike und Lars Schlecker
Benno Kraehahn
Gehen künftig mehr nach draußen: Gründerkinder Meike und Lars Schlecker

Kaputtes Image, miese Zahlen: Die Gründerkinder Lars und Meike Schlecker wollen die letzte Chance nutzen, den Verfall des Drogeriefilialisten aufzuhalten. Keine leichte Aufgabe.

Anton Schlecker (66), Gründer und Inhaber der gleichnamigen Drogeriekette, musste in den vergangenen Jahren viel Prügel einstecken. Bespitzelung von Mitarbeitern, Streit über tarifgerechte Entlohnung, ein hausgemachter Leiharbeitsskandal - das Image ist ganz unten angelangt. Umsatzrückgänge und zunehmende Verluste führten zu massenhaften Filialschließungen.

Aber aus der Deckung kommen, sich wehren, Publizität suchen? Das wollte der Schwabe nicht. "Nein, das sollen einmal meine Kinder machen", beschied er Anfrager stets - ohne zu sagen, wann denn seine Tochter und sein Sohn endlich das Licht der Öffentlichkeit erblicken dürften.

Der Zeitpunkt ist gekommen. Meike (37) und Lars Schlecker (39) dürfen reden, sich nach außen zeigen. Sie waren es, die das Coming-out wollten, und der Vater wollte es dann auch.

Und so sitzen die beiden nun im großen Konferenzraum im sechsten Stock der Ehinger Unternehmenszentrale - ohne den Senior. Meike mit blondem, streng zurückgekämmtem Haar; klassisch-elegant in schwarzem Hosenanzug und weißer Bluse. Lars mit voluminösem Lockenhaar; der jungenhafte Schlaks trägt, ganz der Vater, keine Krawatte.

Er leicht nervös, sie ziemlich cool. Er leicht schwäbelnd, sie nahezu akzentfrei. Er meist das Wort führend, sie immer mal intervenierend. Das Wichtigste: Beide haben etwas zu sagen (siehe Interview), sie sind kampflustig, und sie haben anscheinend die Energie und den Willen, Schlecker aus dem Schlamassel herauszuführen.

Aber ist das wirklich schon der Generationswechsel? Meike und Lars wiegeln ab: Es werde auch künftig alles in der Familie gemeinsam entschieden.

Lediglich eine Verbeugung vor dem Drogeriemarktpionier und seiner Ehefrau Christa (62), die das Unternehmen von Anfang an mitgestaltete?

Tatsache ist: Anton Schlecker bleibt Alleineigentümer. Doch wer den Senior in den vergangenen Monaten traf, beschreibt ihn als müde. Die Situation des Unternehmens zehre an ihm, die öffentlichen Anwürfe hätten ihn nicht unberührt gelassen.

Die brancheninternen Auftritte überlässt er zunehmend seinem Sohn. Etwa das jährliche Kundenevent des Verrechnungskontors Markant in Istanbul. Oder die Gala zur Verleihung des "Goldenen Zuckerhuts" durch die "Lebensmittel Zeitung" in Berlin.

Was im Unternehmen geschieht, deutet ebenfalls darauf hin, dass der Gründer sich zurücknimmt. Es tut sich wahrhaftig Revolutionäres: dreistellige Millioneninvestitionen, massive Inanspruchnahme externer Berater sowie die klare Erkenntnis, dass das schlechte Geschäft durchaus mit dem miesen Image zu tun hat. Die Schleckers, besonders die Kinder, wissen offenbar, dass dies die letzte Chance ist, ihr Imperium vor dem Verfall zu retten - dem Sog von Umsatz- und Gewinnverfall zu entgehen.

© manager magazin 12/2010
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