Vermögensplanung - Expertenrat Anlegen mit Augenmaß

Jean-Louis Lovisa, Vermögensverwalter der schweizerischen Privatbank Pictet & Cie, erklärt, wie Sie ihre Finanzen planen müssen, um richtig fürs Alter vorzusorgen, und welche Aktien Sie jetzt kaufen sollten.

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Herr Lovisa, wie baut man ein Vermögen auf, um auch im Ruhestand mit dem gewohnten Standard weiterzuleben?

Lovisa: Am Anfang steht immer die Analyse aktueller und künftiger Ausgaben. Dazu gehört neben kalkulierbaren privaten Ausgaben und Verbindlichkeiten eine gründliche Bestandsaufnahme der persönlichen Risiken. Nur wer seine Belastungen genau kennt, weiß überhaupt, wie viel er zurücklegen kann.

mm: Worauf achten Sie bei der Vermögensplanung?

Lovisa: Ich schaue zuerst auf die Kosten. Wie viel Geld brauche ich, um die alltäglichen Ausgaben für Miete, Konsumgüter, Versicherungen und Urlaub zu bezahlen? Welche Ausbildung brauchen die Kinder? Ein Hochschulstudium mit Auslandsaufenthalt ist ein riesiger Kostenblock. Plant der Kunde den Kauf einer Wohnung oder eines Hauses? Wer zur Miete wohnen will, kann seine An-lagestrategie ganz anders aufbauen.

mm: Welche Risiken dürfen nicht unbeachtet bleiben?

Lovisa: Finanzielle Absicherung gegen Krankheit, Berufsunfähigkeit und Tod ist ein absolutes Muss. Vor allem Familien mit kleinen Kindern können erst an den Vermögensaufbau denken, wenn sie diese Risiken im Griff haben.

mm: Statt Planung herrscht in vielen Depots Chaos. Welche Fehler werden am häufigsten gemacht?

Lovisa: Die meisten geben zu viel für den Konsum aus und fangen zu spät mit dem Vermögensaufbau an. Wenn im Alter zwischen 30 und 40 Jahren das Einkommen steigt, bleibt häufig am Monatsende nicht mehr übrig als vor der Gehaltserhöhung. Der Lebensstandard steigt genauso schnell wie der Verdienst. Wer aber nicht rechtzeitig Geld zurücklegt, dem gehen wichtige Jahre für die Altersvorsorge verloren.

mm: Und wenn die Einsicht kommt, bricht hektische Betriebsamkeit aus.

Lovisa: Richtig. Dann wird planlos viel zu einseitig angelegt. Die einen investieren ausschließlich in Immobilien, die anderen stecken ihr ganzes Kapital in Lebensversicherungen. Was dabei völlig vergessen wird: Vermögensaufbau mit nur einer Anlageform bedeutet neben eher geringen Renditen auch ein unverhältnismäßig hohes Risiko.

Mündelsicher

Aktien aus dem Depot der sechsjährigen Tochter des Bankiers Lovisa

BSCH (WKN: 858872): Die spanische Banco Santander überzeugt durch eine hervorragende Kostenkontrolle und ausgezeichnete Perspektive im E-Banking.

Lafarge (WKN: 850646): Das Management des französischen Bauzulieferers verfolgt eine kluge Akquisitionspolitik. Die Aktie ist zur Zeit sehr preiswert.

LVMH (WKN: 853292): Der französische Luxuswarenkonzern ist einer der wenigen europäischen Markenartikler mit überzeugender Verkaufsstrategie im Internet.

Nokia (WKN: 870737): Weiterhin starkes Wachstum im europäischen Mobilfunk. Die neue Handygeneration ermöglicht die Integration einträglicher Dienste.

Microsoft (WKN: 870747): Viel versprechende Aktie, wenn die Ungewissheit über die Zerschlagung beseitigt ist. Windows läuft gut.
mm: Was spricht denn dagegen, alles auf die Aktienkarte zu setzen?

Lovisa: Gegen Aktien spricht gar nichts. Aber wenn Sie nur Unternehmensanteile kaufen, sind Sie ziemlich unvorsichtig. Der Börsenboom der vergangenen Jahre hat vor allem die Gier nach schnellem Geld geweckt. Viele spekulieren, um rasch reich zu werden. Das mag dem einen oder anderen auch gelingen. Mit Vermögensplanung hat das allerdings nichts zu tun. Das Verlustrisiko bei der Anlage in Aktien ist noch immer da, auch wenn es heute von vielen gern verdrängt wird.

mm: Als Privatbankier werden Sie uns doch jetzt nicht zu Bundesschatzbriefen raten?

Lovisa: Nein, nein. Aber Diversifikation, die richtige Vermögensstruktur in jeder Lebensphase ­ das ist der Schlüsselfaktor einer klugen Finanzplanung.

mm: Wie würden Sie Aktien, Immobilien und Anleihen abhängig vom Lebensalter gewichten?

Lovisa: Der 30-Jährige beginnt mit 70 Prozent Aktien und 30 Prozent festverzinslichen Anlagen. Dazu zähle ich neben Anleihen auch Immobilien- und Geldmarktfonds. Mit 40 sollten die Anteile etwa gleichgewichtet sein. Ab 50 ist das Verhältnis umgekehrt: 30 Prozent Aktien und 70 Prozent festverzinslich (siehe Grafik). Wichtig ist der gleitende Übergang zwischen den Lebensphasen, um von aktuellen Börsenentwicklungen unabhängig zu sein.

mm: Das klingt sehr vorsichtig. Viele Fondsmanager empfehlen einen deutlich höheren Aktienanteil.

Lovisa: Das ist bis zu einem gewissen Grad verständlich, da sie ja auch an den Ausgabeaufschlägen und Gebühren verdienen. Aber natürlich kann jeder Anleger, je nach seiner Risikoneigung, leicht von dieser grundsätzlichen Empfehlung abweichen. Wer aber 100 Prozent auf Aktien setzt und Geld braucht, wenn die Kurse fallen, muss Verluste realisieren. Anleger, die das einmal erlebt haben, werden anschließend deutlich vorsichtiger.

mm: Lassen Sie uns bei Aktien bleiben. Warren Buffet hat Amerikas Sparer jahrzehntelang mit Standardwerten reich gemacht, Aktien wie Gillette oder Coca-Cola, die jeder kennt. Viele dieser Titel haben sich im vergangenen Jahr halbiert. Taugen in Zeiten des Internets klassische Blue Chips nicht mehr für die Altersvorsorge?

Lovisa: Doch natürlich. Die Basis eines gut strukturierten Aktiendepots muss aus Klassikern bestehen. Das heißt nicht, dass die Unternehmen über 100 Jahre alt sein müssen, sondern dass sie ein langfristig hohes Gewinnwachstum aufweisen. Ein gutes, wenn möglich erfolgsabhängig bezahltes Management und starke Produkte, die Sie als Anleger auch selbst kaufen würden, sind darüber hinaus nach wie vor ein hilfreicher Indikator bei der Aktienauswahl.

mm: Und was ist mit den High-Tech-Aktien, die seit Jahren die Börsenkurse treiben?

Lovisa: Auch sie gehören in jedes Depot. Aber lassen Sie mich eines klarstellen. Die so genannte New Economy wird die Gesetze der Wirtschaft nicht verändern. Nur jedes zehnte High-Tech-Unternehmen wird langfristig Erfolg haben. Das macht die Auswahl ungeheuer schwierig.

mm: Da niedrige Umsätze und hohe Verluste bei vielen Unternehmen offenbar Garant für den Börsenerfolg sind, sprechen Experten von einer Aktienblase, die zu platzen droht.

Lovisa: Ich glaube nicht, dass wir vor einem Crash stehen. Stattdessen sehen wir seit Monaten in wechselnden Branchen kräftige Kurseinbrüche. Der Crash findet immer nur in einem Sektor statt. Dennoch ist das Bild von der spekulativen Blase nicht falsch. Die Kursentwicklung bei Internet- oder Biotech-Werten erinnert an die japanische Börsenentwicklung Anfang der 90er Jahre.

mm: Wie kommen Sie darauf? In Japan trieben doch Fantasiepreise auf dem Immobilienmarkt die Börsenkurse bis zum Kollaps.

Lovisa: Richtig, die japanischen Banken fuhren ein hohes Risiko mit ihren Engagements. Und das ist die Parallele zur High-Tech-Manie von heute. Viele Geldhäuser beteiligen sich derzeit massiv an jungen Unternehmen. Jeder hofft auf gigantische Gewinne beim Börsengang, und deswegen werden irrwitzige Preise für Neugründungen gezahlt. Noch vor drei Jahren war es üblich, eine Start-up-Beteiligung nach sieben Jahren an die Börse zu bringen. Heute kommt das Going Public oft schon sechs Monate nach dem Einstieg der Investoren in die Firma. Wenn das Emissionsgeschäft zusammenbricht, stehen Banken, Fonds und Investoren vor einem Scherbenhaufen.

mm: Danach sieht es zur Zeit nicht aus. High-Tech-Fonds werden mit Geld regelrecht zugeschüttet.

Lovisa: Aber häufig nur, weil die Anleger gar nicht verstehen, was sie da kaufen. Viele kennen kaum den Firmennamen, geschweige denn die Produkte oder die Qualität des Managements. Der Einbruch der Biotech-Aktien im März illustriert eindrucksvoll die Naivität vieler Investoren.

Die von Bill Clinton und Tony Blair Mitte März geforderte Veröffentlichung der Forschungen am menschlichen Gen gefährdet die Gewinne der Unternehmen nicht. Die verdienen ihr Geld mit Medikamenten, die sie sich nach wie vor patentieren lassen können. Trotzdem brachen die zuvor hochgejubelten Kurse massiv ein. Diese Reaktion ist typisch für die Irrationalität eines aufgeblasenen Aktienmarktes.

mm: Wie sollten Anleger vorgehen, um trotz der Risiken von den neuen Technologien zu profitieren?

Lovisa: Hier bietet sich praktisch ausschließlich der Kauf von Fonds oder Zertifikaten an. Mit einzelnen Aktien gelingt selbst bei größeren Depots kaum eine effiziente Risikostreuung. Ich empfehle dem 30-Jährigen 20 Prozent New-Economy-Titel und dem 40-Jährigen etwa 10 Prozent.

Dieser Teil des Portfolios muss sehr genau beobachtet werden. Wird der New-Economy-Anteil durch Kurssteigerungen zu groß, müssen unbedingt Gewinne mitgenommen werden. Das Geld wird anschließend zwischen wachstumsstarken Blue Chips und Titeln aus neuen Technologietrends aufgeteilt.

mm: Eine sehr anspruchsvolle Anlagestrategie, die sich nicht jeder zutrauen wird. Welche Aktien können Sie denn bedenkenlos empfehlen?

Lovisa: Ganz einfach: Das Depot, das ich gerade für meine sechsjährige Tochter angelegt habe (siehe Kasten). Damit wird sie sich in zwölf Jahren ohne Probleme ihr Studium finanzieren können.

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