Euro 500 Das sind Europas Topkonzerne

Ein Expertenteam hat für manager magazin die 500 größten börsennotierten Konzerne analysiert. Das überraschende Ergebnis: Ausgerechnet die besten Aktien sind derzeit günstig, dabei profitieren sie von starken Wachstumstrends.
Euro 500: Ein Expertenteam hat die 500 größten börsennotierten Konzerne analysiert

Euro 500: Ein Expertenteam hat die 500 größten börsennotierten Konzerne analysiert

Foto: manager magazin

Die Wachstumsstrategie von Unilever-Chef Paul Polman lässt sich in genau zwei Worten zusammenfassen: mehr Shampoo. 2,7 Milliarden Euro will Polman für den US-Haarpflegemittelhersteller Alberto Culver und seine Shampoopalette ausgeben. Vor rund 14 Monaten erst hatte er für 1,3 Milliarden Euro die Körperpflegesparte des US-Konzerns Sara Lee samt deren Shampookollektion erworben.

Die schaumigen Zukäufe sollen Polman helfen, den Umsatz von 40 auf 80 Milliarden Euro zu verdoppeln. Klingt ehrgeizig, aber der 54-jährige Niederländer weiß, was er tut. Er probiert es schließlich zum zweiten Mal: Als Europa-Chef des US-Riesen Procter & Gamble  kaufte er der Familie des gelernten Friseurs und Firmengründers Franz Ströher 2003 ihr Erbe ab, den Darmstädter Wella-Konzern.

Der Umsatz der Amerikaner in Europa stieg, und Polman stieg um und auf: erst zum Finanzchef von Nestlé , dann - als er dort nicht Chef werden durfte - zum Konzernlenker bei Unilever .

Nun muss Polman beweisen, dass mehr Shampoo auch mehr Gewinn für die Aktionäre bedeutet. Beim Rivalen Nestlé spotten sie schon seit Jahren darüber, dass Unilever es noch nie geschafft habe, den Umsatz zu steigern, ohne gleichzeitig durch großzügige Rabatte Marge und Gewinn zu verderben.

Mit dem neuen Chef stehen die Chancen nicht schlecht. Polman war mit seinem spontanen, flapsigen Stil in den die Ruhe des Genfer Sees atmenden Hallen der Nestlé-Zentrale bisweilen angeeckt. Im Londoner Unilever-Hauptquartier wird ihm das nicht mehr passieren: Er hat die Trennwände herausreißen lassen und die Vorstandsebene in ein Großraumbüro verwandelt. Bei Unilever verschwanden aber nicht nur die Wände, sondern auch ein Drittel der ranghöchsten 100 Manager.

Großes Aufholpotenzial: Entwicklung der 500 Topkonzerne Europas, in Milliarden Euro

Großes Aufholpotenzial: Entwicklung der 500 Topkonzerne Europas, in Milliarden Euro

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Abgeschafft hat Polman auch die Prognosen für den Jahresgewinn - es geht ihm eher um die langfristige Perspektive. Und die sieht für Anleger gar nicht so schlecht aus: Der Konzern erwirtschaftet inzwischen eine deutlich höhere Eigenkapitalrendite als Nestlé. Hinzu kommt: Die Hälfte des Unilever-Umsatzes stammt schon heute aus den stark wachsenden Schwellenländern - deutlich mehr als beim Schweizer Rivalen.

Trotzdem ist die Unilever-Aktie - gemessen an dem erwarteten Gewinn und der geschätzten Dividendenrendite von 3,7 Prozent - deutlich günstiger als Nestlé.

Das Schöne für Anleger: Unilever ist keineswegs die Ausnahme. Derzeit sind die Aktien ertragsstarker und finanziell solider Firmen häufig zu attraktiven Kursen zu haben. Dies zeigt die nach Branchen sortierte Analyse der 500 größten europäischen Börsenfirmen, die manager magazin zusammen mit Professor Bernhard Pellens von der Ruhr-Universität Bochum und den Kapitalmarktexperten der Consulting-Firma Deloitte durchgeführt hat. Im Euro-500-Ranking spielen unter anderem die fundamentale Überrendite eines Unternehmens, der Markterwartungswert sowie die Überrendite an der Börse eine Rolle. (siehe: Euro 500: Die Methode).

Die Spitzenreiter des Leistungsrankings der europäischen Konzernelite liefern nicht nur seit Jahren hohe Eigenkapitalrenditen und Kursgewinne - sie sind darüber hinaus vielfach noch immer günstig bewertet. "Die Investoren haben sich zuerst von ihren Aktien verabschiedet und ignorieren jetzt die guten Resultate vieler Firmen", diagnostiziert Bilanzforscher Pellens: "Dabei haben sich die Gewinne häufig deutlich besser entwickelt, als es der Blick auf die Börse vermuten lässt."

Wo sich der Einstieg noch lohnt

Welche Konzerne aber haben die Substanz, um beim nächsten Aufschwung ganz vorn mitspielen zu können? Wo lohnt sich der Einstieg jetzt noch?

Euro-500-Studie

Auf diese Frage bietet die eine ganze Reihe von Antworten. "Die Analyse zeigt, wer die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg gut überstanden hat und trotz des Einbruchs deutlich mehr als seine Kapitalkosten verdient", sagt Rolf Epstein, Partner bei der Unternehmensberatung Deloitte. Dieser Stabilitätsbeweis ist gerade für Anleger interessant, die eine Rückkehr der Krise fürchten.

Diese Standfestigkeit schätzt auch Franz Weis, Fondsmanager für europäische Aktien beim Investmenthaus Comgest. "Qualitätsaktien kosten, gemessen an den für die nächsten Jahre zu erwartenden Gewinnen, 20 Prozent weniger als im langjährigen Durchschnitt", sagt er: "Der Zeitpunkt ist so günstig wie lange nicht mehr."

Dabei ist der Aktienexperte durchaus wählerisch - eine Aktie kommt ihm nicht ins Depot, nur weil sie billig aussieht. Weis sucht Marktführer, die stark genug sind, um Preise und Gewinnmargen auch in schweren Zeiten verteidigen zu können. Mindestens 15 Prozent Eigenkapitalrendite sollten sie auf Jahre hinaus abwerfen können - als Sicherheitspuffer für schlechte Tage.

Und beinahe noch wichtiger - die Geschäftsmodelle von Kaufkandidaten müssen auf einen der fünf Grundtrends ausgerichtet sein, die in den nächsten Jahren die Kurse weiter antreiben:

  • die stark steigende Nachfrage nach grüner Technologie,
  • das enorme Wachstum von Schwellenländern wie Brasilien oder China,
  • der Rohstoffhunger der Volkswirtschaften Asiens und Lateinamerikas,
  • der wachsende Bedarf an Medikamenten und Medizintechnik für die alternde Bevölkerung in den USA und Europa,
  • die gerade einsetzende Übernahmewelle an den Kapitalmärkten, von der starke Unternehmen profitieren.

Die Greentechpioniere

Von Paul Hyland (57) wollen die Analysten derzeit vor allem eines wissen: wann bei dem Briten der Fernseher aus- und das Licht angeht.

Dabei geht es allerdings nicht darum, wann der Chef des Maschinenbauers Aixtron  seinen heimischen Apparat ausschaltet. Nein, Fernseher - genauer gesagt: Hintergrundleuchten für Flachbildschirme - sind der große Geldbringer des Hightech-Unternehmens.

Mit den Maschinen aus Herzogenrath bei Aachen stellen Konzerne wie Philips  oder deren asiatische Konkurrenten die LED-Leuchten für ihre Bildschirme her. Mit dem Boom der Flatscreens ist der Gewinn des einstigen Neue-Markt-Stars seit 2006 um mehr als den Faktor sieben angewachsen, von 6 auf 45 Millionen Euro. 2010 sollen es sogar 179 Millionen Euro werden, schätzen die Analysten.

Weil aber der TV-Markt bald gesättigt sein dürfte, hofft Hyland nun auf einen neuen Bestseller: Licht. Genauer, auf den Siegeszug von LED-Leuchten durch Büros und Wohnzimmer.

Als sparsame Lichtquelle schlägt die LED-Technik nicht nur die bald EU-weit komplett verbotene Glühbirne, sondern auch herkömmliche Energiesparlampen. Der Haken: LED-Leuchten sind noch zu teuer für den Masseneinsatz. Analysten fürchten deshalb, dass bei Hyland der Fernseher bald aus, das Licht aber noch lange nicht angehen könnte.

Im Gegenteil, eine schwächere Nachfrage sei nicht in Sicht, wehrt Hyland ab: "Vor allem waren die Aussichten noch nie so gut, seit ich 2002 hier angefangen habe. In den Läden stehen bereits die ersten LED-Lampen. Der LED-Beleuchtungsmarkt steht vor dem Durchbruch, und ich bin mir sicher, dass wir heute lediglich den Anfang dessen sehen, was sich in den nächsten Jahren noch entwickeln wird." Bis es so weit ist, hat Aixtron noch so viele Aufträge abzuarbeiten, dass für die kommenden Monate eine solide Grundlage gelegt sein dürfte.

Die Schwellenländer-Profis

Aktien aus China, Indien oder Brasilien sind, wenn man den Verwaltern von Schwellenländer-Fonds folgt, der sichere Weg zu Wohlstand und Rendite. Wer es nicht glauben mag, wird mit Stapeln von Studien und Kursgrafiken zugeschüttet.

Mark Coombs, Chef der auf Wachstumsstaaten spezialisierten Londoner Fondsfirma Ashmore, braucht dagegen nur seinen Kontoauszug zu zeigen. Der 50-jährige Brite wird mit einem geschätzten Privatvermögen von einer Milliarde Euro auf Platz 721 der Liste der reichsten Menschen dieser Erde geführt.

Das Geld hat Coombs nicht geerbt, sondern sich an der Börse erspekuliert: 1992 gründete er, damals noch unter dem Dach der Australia and New Zealand Banking Group , seine Fondsgesellschaft. Sieben Jahre später kaufte er zusammen mit ein paar Kollegen seinem Arbeitgeber die Firma ab. Noch einmal sieben Jahre dauerte es, bis er die Ashmore Group 2006 an der Londoner Börse platzierte. Seither ist der Aktienkurs von unter 200 auf zuletzt mehr als 350 Pfund gestiegen. 2,5 Milliarden Pfund ist das noch keine 20 Jahre alte Investmenthaus an der Börse wert.

Die Finanzkrise hat den Ansturm auf Wachstumsmärkte noch beschleunigt: In diesem Jahr steckten Anleger bereits weitere 50 Milliarden Dollar in Schwellenländer-Aktienfonds, während sie aus europäischen und amerikanischen Aktienfonds 80 Milliarden Dollar abzogen, meldet der Fondsdatenanbieter EPFR.

Erfolgsabhängige Zusatzgebühren lassen die Gewinne derzeit sprunghaft in die Höhe schießen. Im Geschäftsjahr bis Juni 2011 dürfte Ashmore die Summe der Erfolgsprämien auf 63 Millionen britische Pfund verdoppeln, schätzen die Analysten des Londoner Investmenthauses KBC Peel Hunt.

Milliardär Coombs dürfte also gute Chancen haben, in der kommenden "Forbes"-Liste einige Plätze aufzurücken. Und auf dem Weg dahin sollten auch ein paar Euros bei den Aktionären hängen bleiben.

Die Rohstoffspezialisten

Wer auf der A7 in Richtung Norden fährt, wundert sich gelegentlich über riesige weiße Berge, meist mit flachem Plateau, wie sie unweit von Hannover oder Fulda aus der Erde ragen. Diese bis zu 200 Meter hohen Anhöhen, auch Monte Kali genannt, bestehen aus Tonnen von Schutt, den Bergleute seit dem 19. Jahrhundert als Abfall bei der Förderung von Kali ausgegraben und dort angehäuft haben.

Norbert Steiner (55), Chef des Kasseler Unternehmens K+S, ist Herr dieser künstlichen Bergwelt und gebietet über ein stetig wachsendes Reich: Die Nachfrage nach Kali, dem wichtigsten Rohstoff der Düngemittelproduktion, wird bis 2014 um 20 Prozent auf weltweit 59 Millionen Tonnen steigen, schätzt der in Paris ansässige Internationale Branchenverband IFA. Die Gewinne aus diesem schnell wachsenden Geschäft verhalfen K+S zum Sprung in den Dax.

Steiner muss sich keine Sorgen machen, dass die Erfolgsgeschichte in absehbarer Zeit zu Ende gehen könnte. "Die zwei großen Nachfragetrends für unsere Produkte sind intakt: Die Weltbevölkerung wächst und die Wirtschaft der Schwellenländer ebenso", sagt er.

Dass Steiner mit diesem Glauben nicht alleinsteht, demonstriert derzeit der Minenbetreiber BHP Billiton . Schlanke 40 Milliarden Dollar bietet der australisch-britische Konzern, um den nordamerikanischen K+S-Konkurrenten Potash  zu schlucken. Der Deal ist keineswegs sicher, ein chinesischer Staatskonzern arbeitet an einem Gegengebot. Der Verlierer der Übernahmeschlacht könnte den Blick nach Kassel wenden: K+S ist an der Börse nur 8,5 Milliarden Euro schwer, somit für Minenkonzerne und Chinas Staatsbetriebe ein Häppchen.

Obwohl die Übernahmefantasie den K+S-Kurs in den vergangenen Wochen beflügelte, ist die Aktie mit dem 12,5-Fachen des für 2011 geschätzten Gewinns moderat bewertet, und die Dividendenrendite von 2,1 Prozent ist sehr ordentlich für ein Unternehmen, das seine Gewinne in erster Linie reinvestiert. Das Papier lohnt selbst dann, wenn kein Konkurrent zum Angriff ansetzt.

Womit Konzernchef Steiner wahrscheinlich ohnehin glücklicher wäre. Denn der einstige BASF-Mann kennt sich zwar bestens im Kali-Geschäft aus, nicht aber mit Übernahmeschlachten. Sollte ein Kaufinteressent kommen, müsste Steiner vom Geld der Aktionäre teure Berater anheuern, nur um am Ende womöglich doch seinen Job zu verlieren.

Die Medizinmänner

Wenn Chinesen und Inder immer mehr Fleisch essen, hilft das auch Lars Rebien Sørensen (56), Chef des Diabetesmittel-Spezialisten Novo Nordisk. Das Kalkül ist simpel: Je ungesünder und fetthaltiger das Essen, desto größer ist der Markt für blutzuckersenkende Präparate.

Weltweit kontrollieren die Dänen rund 50 Prozent des Marktes. Schon heute befriedigen sie mehr als 60 Prozent der chinesischen Nachfrage - und weisen damit in der Wachstumsregion schlechthin deutlich höhere Marktanteile aus als in den saturierten Volkswirtschaften Europas und Nordamerikas.

Und noch etwas spricht für ein gut in der Gesundheitsbranche positioniertes Unternehmen wie Novo Nordisk - die Erwartungen an den Kapitalmärkten sind niedrig und die Aktien vergleichsweise günstig bewertet.

"Für eine Reihe dieser Firmen erwartet die Börse kaum fundamentale Performance-Steigerungen", sagt Deloitte-Berater Tobias Witzemann, "es ist für sie daher leichter, positiv zu überraschen, als für Konzerne, bei denen die Erwartungen hoch sind und die Gefahr von Enttäuschungen groß ist, wie etwa bei den Autoherstellern." Die aktuellen Kurse seien gut abgesichert und selbst dann gerechtfertigt, wenn der Gewinn der Unternehmen nicht steige, so Witzemann.

Dass ausgerechnet Unternehmen mit stabilem Geschäftsmodell und exzellenten Wachstumsperspektiven preiswert zu haben sind, verblüfft auch erfahrene Börsianer wie John Carey (61). Seit 30 Jahren ist er nun schon Fondsmanager beim US-Investmenthaus Pioneer .

Für gewöhnlich ignoriert er hochgejubelte Modeaktien und konzentriert sich lieber auf scheinbar angeschlagene Firmen, deren Substanz vom Rest des Marktes übersehen wird. "Jetzt aber sind plötzlich gute Firmen mit stabilem Geschäft und hoher Dividende außer Mode", wundert sich Carey, "das gilt auch in Europa. Die Märkte zeigen derzeit eine Preisanomalie, die große Chancen bietet. Und das Risiko ist niedriger als zu den meisten anderen Phasen meiner Karriere." Zeit zum Zugreifen also.

Euro 500: Die Ranking-Methode

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