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Wintersport: Gleiten durch unberührten Tiefschnee

Foto: Doug Marshall / El Photo Grande

Wintersport Gespür für Schnee

Pistenabfahrt war gestern. Immer mehr Wirtschaftslenker entdecken den Spaß am Champagner-Powder jenseits der planierten Pfade - zum Beispiel in den kanadischen Rocky Mountains.

Drei Tage lang unvorstellbar blauer Himmel, fantastisches Wetter, toller Tiefschnee. Traumhaft." Stephan Krafft sitzt in der Herbstsonne, stochert abwesend mit der Gabel in der Trüffelpasta vor sich, einzig den Winter vor Augen. Wenn der Jungmanager, mit 38 Jahren Head of Sales ATC Systems beim Münchener Mess- und Funktechnikanbieter Rohde & Schwarz, über seinen Skiurlaub in Kanada redet, gerät er unweigerlich in heftige Schwärmerei.

Die freudige Erinnerung gilt einem eher kurzen Aufenthalt im Frühjahr in den kanadischen Rocky Mountains, sechs beschwerliche Autostunden nördlich von Vancouver. Eine menschenleere Region, umstellt von schneebedeckten Gipfeln, die so sonderbare Namen tragen wie Mount Athelstan, Big Dog oder Birkenhead Peak.

Dort, im "Tyax Wilderness Resort", einer Ansammlung aus Hotel-Lodge und zwei separaten Blockhäusern an einem verschneiten See, lockt das ganz große Abenteuer: Heliskiing inmitten nahezu unberührter Landschaft, mit dem Hubschrauber über den Berg und in die Wälder. Der Rückzug in die Natur als Urerlebnis des Winters. Und eben kein Massenauftrieb wie in den Alpen, kein Skizirkus, kein Liftgedränge, kein Kampf-Carven, kein Society-Rummel.

"Ein absoluter Glücksgriff", sagt Krafft, der zwölf Jahre bei den Gebirgsjägern in Berchtesgaden gedient hat und die Berge kennt. "Unendlich viele Gipfel, und Sie können abfahren, wo Sie Lust haben."

Immer öfter kehren Manager und Unternehmer den Auswüchsen des Wintersports, wie sie in Kitzbühel oder St. Moritz exekutiert werden, den Rücken. Und suchen das reine Sport- und Schneevergnügen in der abgelegenen Bergwelt. Kanada gilt ihnen als bevorzugtes Ziel.

Zu den Off-Pist-Fahrern zählen so unterschiedliche Naturelle wie der neue Roland-Berger-Chef Martin Wittig, der Tom-Tailor-Gründer Uwe Schröder oder der Ex-Metro-Häuptling Hans-Joachim Körber, allesamt Verfechter des exklusiven Fahrens in der Abgeschiedenheit.

So gab Martin Wittig, von dem es heißt, dass er sich sein Studium zum Teil als Skilehrer verdient habe, kürzlich zu Protokoll, dass "man besser entspannen kann in Regionen, in denen der Blackberry nicht funktioniert. Das gilt zum Beispiel für die Skigebiete in Kanada, in denen es keine Lifte gibt." Dabei residiert der Schweizer in Zürich, die Alpen vor der Tür.

Die Trend-Trecks in die Provinzen Alberta und British Columbia spüren auch die Anbieter des kanadischen Pulverschnee-Idylls. Pia Stumböck, deren Stumböck Club als Spezialanbieter für Heliskiing in Kanada firmiert, kann es am Nachfragezuwachs ablesen. "In den vergangenen fünf Jahren ging es stetig bergauf", sagt sie. Ein Plus von 300 bis 500 Gästen im Jahr, auf zuletzt rund 3000. "Der Trend heißt: weg von der Piste, ausklinken aus der Schnelllebigkeit, hin zu Ruhe und Luxus."

Allein mit den Bergen

Ihr schweizerischer Mitbewerber Daniel Sandoz, Inhaber von Sandoz Concept in Zug, sieht das ähnlich. "Unsere Gäste - CEOs und eine Hierarchieebene darunter, Ärzte in Führungspositionen, Investmentbanker - sagen: Ich habe nicht viel Zeit, in einer Woche möchte ich das bestmögliche Erlebnis für mich haben und keine Kompromisse eingehen."

Freilich haben derlei Zielvorgaben ihren Preis. So gibt es für das von Stephan Krafft besuchte Resort ein Platinpaket für fünf Tage inklusive eines eigenen Hubschraubers, eigener Blockhütte, einer Mannschaft aus Pilot, zwei Bergführern, Koch, Therapeuten, dazu unlimitierte Höhenmeter und zwei Übernachtungen im Fünf-Sterne-Hotel in Vancouver für zehn Personen zu umgerechnet 100.230 Euro. In der Version für vier Personen für 57.700 Euro.

Wer so etwas bucht?

Da ist jene reiche Schweizerin, die für dieses Jahr ein Platinpaket für sich allein bucht, und zwar für zwei Wochen. Und für kommendes Jahr bereits vorgebucht hat. Sie wohnt dann in einer Lodge mit neun Zimmern, begleitet bei den Mahlzeiten von den zwei Guides, mit denen sie tagsüber Ski fährt. Ein Spaß für mehrere hunderttausend Dollar.

Oder jener Investmentbanker aus einer erlesenen Mailänder Industriellenfamilie mit Sitz in London, der seinen Namen hier nicht lesen möchte, Eigentümer eines Hubschraubers, mit dem er von Berufs wegen zwischen Mailand und der Schweiz pendelt. Und sich winters jeweils für zehn Tage in die kanadischen Berge verschleicht, um dort Heliski zu fahren. Oder ganz und gar ohne jegliche Motorisierung Skitouren zu machen, Felle unter die Bretter geschnallt, allein mit den Bergen.

Aber auch in der Hauptlodge mit ihren 40 Plätzen treffe man immer interessante Zeitgenossen, verspricht Daniel Sandoz. Hier mietet sich etwa der Inhaber einer der größten Münchener Reinigungsfirmen ein, der Geschäftsführer eines großen deutschen Elektrohauses oder ein Gast aus Neuseeland, der alljährlich mit drei erwachsenen Töchtern anreist.

Den regen Zuspruch verdankt die kanadische Skiregion auch dem Umstand, dass es - verhältnismäßig - niemals so günstig war, hier Winterurlaub zu machen, wie heute.

Bis zur Finankrise waren die Preise jedes Jahr um 7 bis 10 Prozent gestiegen. Seit aber die US-Amerikaner wegen ihrer angespannten Wirtschaftslage wegbleiben, halten die Anbieter ihre Forderungen stabil.

"Seit drei Jahren haben wir die gleichen Preise", sagt Tanja Beumler, Mitarbeiterin bei Sandoz Concept. "Und es werden noch Leistungen addiert, etwa indem unbegrenzte Höhenmeter angeboten werden - ein Gutschein zum beliebigen Freiflug."

Nichts für Anfänger

Auch die Anbieter von Skigerät haben den Trend zum Fahren in der Wildnis aufgenommen. Und eigens einen speziellen Ski für das Tiefschneesurfen entwickelt, den Allmountain-Ski.

Es handelt sich um Bretter von größerer Breite, zumal in der Mitte, und der Möglichkeit, für die Bewegung im Gelände die Bindung am Hacken zu lösen, sodass sie bei den unterschiedlichsten Bedingungen und in jedem Gelände funktionieren. Die Taillierung des "Savage Ti", Topprodukt des Herstellers Atomic - 134 - 93 - 120 -, lässt denn auch die schönsten Assoziationen zu. Aber bitte, es handelt sich lediglich um Bretter, und es sind Millimeter gemeint.

"Allmountain wird immer wichtiger", sagt Herbert Buchsteiner, Produktmanager bei Atomic. Und die brave "FAZ" schwärmte unlängst in einem Fahrbericht über die wilden Alleskönner: "Der Zauber der (wahren) Allmountain-Ski entfaltet sich schon auf den ersten Metern. Er besteht darin, dass das Tiefe, Zerfahrene, Brüchige außerhalb des markierten Raums nicht nur seinen Schrecken verliert, sondern unentwegt lockt."

Stephan Krafft kennt die Verlockung. "Sie sehen keine Hütte, keinen Weg, keinen Ort", erzählt er von seinen drei Tagen auf Tyax. "3500 Quadratkilometer, so groß wie das Saarland plus ein Drittel dessen noch drauf, nur Berggipfel im Schnee und Wald, Hunderte Abfahrten. Das waren drei Tage Skifahren von morgens um acht bis nachmittags um vier Uhr, fast durchgängig mit einer Pause."

Und abends auf der Lodge feines Essen, guten Wein. Und bei Bedarf eine Massage.

Freilich, etwas Kondition, sagt der Triathlet, sollte man schon mitbringen zum Off-Pist-Fahren und einiges Können auf den Skiern auch, nichts jedenfalls für Anfänger.

Aber sein Bekenntnis zum Skifahren jenseits der Pisten ist eindeutig. Auch hierzulande, vor den Toren Münchens. "Mich reizt es schon lange nicht mehr", sagt er, "zum üblichen Skifahren zu gehen, ich mach's auch nicht mehr." Lieber macht er auch daheim Skitouren. "Ich schnall' mir Felle unter die Ski, geh' irgendwo rauf und fahr dann runter, wo es mir gefällt."

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