Fotostrecke

Entrepreneure: Eine lebendige Szene von App-Entwicklern

Foto: Armin Brosch

Digitale Wirtschaft Die App-Welle und die Nerd Economy

Eine lebendige Szene von App-Entwicklern liefert den Rohstoff, der iPhone & Co. erst lebendig macht. Konzerne wie Apple, Nokia oder Telekom profitieren von den Ideen der freien Entwickler. Ein Streifzug durch die Hinterhöfe der IT-Branche.

Die Welt versteckt sich in einem Hinterhof an der Münchener Theresienstraße. Dort lümmeln Konrad Hübner (30) und sein Kompagnon Henning Böger (32) auf einem schwarzen Ledersofa, vor sich ihre Arbeitsgeräte: drei Laptops und eine Reihe von Hightech-Handys. Der Blick aus Hübners Zweizimmerwohnung geht in den Garten - und weit darüber hinaus: Die Ideen des Entwicklerduos faszinieren inzwischen Internet- und Telekomkonzerne rund um den Globus.

Eigentlich wollten die Computerprofis, im Hauptberuf IT-Berater bei Capgemini, nur Spaß haben und ein bisschen Geld dazuverdienen. Vor drei Jahren, als die ersten Smartphones mit Touchscreen verkauft wurden, entwarfen Böger und Hübner ein Programm für Mobilitätsjunkies: Cab4me lokalisiert via Mobiltelefon nicht nur den Nutzer, sondern auch die nächste Taxistation, und ermöglicht den Taxiruf per Knopfdruck.

Dann schickten sie die mobile Applikation - im Fachjargon: App - an Google . Der Internetkonzern war derart begeistert, dass er die beiden Entwickler nach Kalifornien einlud und als Sieger seiner weltweiten "Developer Challenge" auszeichnete. Preisgeld: 275.000 Dollar.

Seither können sich Böger und Hübner vor Anfragen aus der Konzernwelt kaum retten. Die Deutsche Telekom , selbst nicht gerade für besonderen Ideenreichtum in Sachen Apps bekannt, wirbt auf Plakaten mit dem Cab4me-Logo. Nokia  bestellte die beiden Programmierer ein, um seine neuesten Softwareprototypen testen zu lassen. Und BMW  erteilte den Auftrag für eine Auto-App, die es den Kunden per Handy ermöglicht, ihre Fahrzeuge zu orten und das Navigationssystem zu programmieren.

Die Erfolgsgeschichte der jungen Entwickler ist typisch für die neue Ära der Digitalwirtschaft. Auf der ganzen Welt haben IT-Profis und Hobbyhacker Hunderttausende kleiner Programme für Mobiltelefone entwickelt - und damit eine regelrechte App-Economy kreiert.

Einzelne Computerfreaks haben Gewinne erzielt, wie sie seit dem Goldrausch nicht mehr möglich waren: Der texanische Entwickler Brian Greenstone verkaufte über Apples App Store Millionen von Minispielen zu Minipreisen von zwei bis drei Dollar. Nun besitzt er eine Ranch, einen Aston Martin und hat für das Alter ausgesorgt. Greenstones Kommentar: "Apps zu entwickeln macht Spaß und ist leicht verdientes Geld."

Der märchenhafte Siegeszug der App-Entwickler zeigt aber auch, dass Konzerne mit den Innovationszyklen der schnelllebigen Web-Wirtschaft nicht mehr Schritt halten können. Ob Softwareunternehmen wie Microsoft, Handyhersteller wie Nokia oder Netzbetreiber wie Vodafone : Sie alle sind auf Ideen von außen angewiesen. Denn ihre Handys, Tablet-Computer oder Mobilfunkverträge können die Unternehmen nur dann verkaufen, wenn ihre Kunden auch vom digitalen Rahmenprogramm überzeugt sind.

"Der Kampf um die Vorherrschaft in der neuen Welt der Smartphones hängt größtenteils davon ab, wer die besten Apps und Entwickler hat", konstatiert Matt Murphy, Partner des Risikokapitalgebers Kleiner Perkins Caufield & Byers, der einen 200-Millionen-Dollar-Fonds für App-Firmen lenkt.

Der Boom steht erst am Anfang. Bis 2014, prognostiziert die Beratungsgesellschaft Booz & Company, werden sich Umsätze mit Apps auf 17 Milliarden Euro nahezu versechzehnfachen (siehe Grafik links).

Wer von der wachsenden App-Wirtschaft profitieren will, braucht kreative Partner. Kann ein Unternehmen die Community nicht für sich gewinnen, droht ihm der Absturz in die Langeweile und langfristig womöglich sogar das vollständige Verschwinden vom Markt.

Nichts beweist diese Problematik besser als der langsame Niedergang des Handyweltmarktführers Nokia. Die Finnen schafften es nicht, genügend Ideen zu entwickeln, die ihren App-Laden Ovi mit attraktiven Inhalten füllten. Die Folge: Nokia verlor Kunden, Marktanteile und Umsätze - und zuletzt auch seine wichtigsten Topmanager, die dem Unternehmen in den vergangenen Wochen frustriert den Rücken kehrten. Der neue Chef Stephen Elop beschwört die Entwicklergemeinde: "Ihr seid es, die das System zum Leben erwecken."

"Ohne Apps wäre das iPad nichts weiter als ein Brett"

Der Konkurrent Apple verdankt seinen derzeitigen Erfolg dem guten Design der iPhones und, mehr noch, seiner Entwicklergemeinde. Deren Loyalität ist Apples wichtigstes Asset, das der Konzern entsprechend sorgsam pflegt.

Das Unternehmen, ansonsten Sinnbild der Verschlossenheit und Arroganz, verwöhnt seine Lieblingsentwickler mit ungewohnter Zuneigung: Erfolgreiche Apps werden in TV-Spots vermarktet. Darüber hinaus lädt das Unternehmen jedes Jahr Tausende Programmierer nach San Francisco zur Worldwide Developers Conference. Apple-Chef Steve Jobs persönlich hält die Eröffnungsrede. Anschließend wird der Apple Design Award verliehen, der Oscar der App-Entwickler. Zu den wenigen Auserwählten zählte zuletzt Sophia Teutschler (28).

Fernab von Kalifornien, im nordbadischen Neulußheim, hat die Fachinformatikerin einen Welterfolg programmiert: Articles ermöglicht komfortables Stöbern im Internetlexikon Wikipedia, kostet 2,39 Euro und fand bereits Zigtausende Käufer. Killer-Applikationen werden solche Bestseller in der Szene genannt.

Die Manager in der Apple-Zentrale erkannten Teutschlers Talent und boten ihr einen Traumjob an: Am Hauptsitz in Cupertino sollte sie Softwareprototypen für neue Produkte entwickeln. Sie hätte eng mit Jonathan Ive zusammengearbeitet, dem legendären Designer aller erfolgreichen Apple-Geräte von iMac bis iPad. Und sie hätte wohl einen direkten Draht zu "iGod" Steve Jobs erhalten, den Teutschler liebevoll "den Steve" nennt.

Hätte. Teutschler lehnte ab. Sie wollte lieber unabhängig bleiben, ihr eigenes Softwareunternehmen aufbauen - und weitere Killer-Apps kreieren. "Es gibt noch so viel Neues zu entdecken", sagt Teutschler, "und dazu brauche ich meine Freiheit."

Mit ihrer App-Werkstatt ist Teutschler schon heute voll ausgelastet. Anfragen von Google und Microsoft , auch für sie Programme zu entwickeln, lehnt sie ab. Apple nimmt sie voll in Beschlag, auch ohne festen Job. Die Tätigkeit als Independent Developer - im Branchenslang "Indie" genannt - lohnt sich: In einem guten Monat nimmt Teutschler so viel ein, wie sie früher als IT-Fachkraft pro Jahr verdiente.

Ein angenehmer Nebeneffekt, mehr nicht. Teurer Schnickschnack bedeutet Teutschler nichts, sie trägt Jeansjacke und Turnschuhe. Ihre Computerausstattung bekam sie zum Teil von Apple  geschenkt, als Anerkennung für ihre Erfolge. Für kostspielige Hobbys fehlt ihr die Zeit. Schon als Teenager hat Teutschler am liebsten mit Mac-Computern gespielt, sie hat den Ehrgeiz eines Technikfreaks. Auch beim neuen Tablet-Computer, so Teutschler, sei Apple auf die Einfälle der Entwickler angewiesen: "Ohne Apps wäre das iPad nichts weiter als ein Brett."

Man könnte es auch anders formulieren: Ohne Indies wie Sophia Teutschler und ihre bunten Apps wäre Steve Jobs nur ein besserer Handyverkäufer im grauen Pullover. Kein Wunder, dass Apple seine Indies gut behandelt. Steht einer der medienwirksamen Auftritte des Apple-Chefs bevor, geht seine Entourage gezielt auf die besten App-Programmierer zu - und bittet sie um interessantes Material für Jobs' Präsentation.

Die App-Welle hat die Industrie erfasst

Apples Konkurrenten haben es sehr viel schwerer, die Gunst der Entwickler zu gewinnen. Das ist misslich. Denn die Zeiten, als Netzbetreiber wie Telefónica oder Deutsche Telekom ausschließlich auf ihre Hausentwickler und eigenen Erfindungen vertrauten, sind vorbei.

"Die interne Kreativität reicht nicht mehr aus, um in der digitalen Wirtschaft wettbewerbsfähig zu sein", sagt Roman Friedrich, Partner und Telekom-Experte bei Booz & Company. Die letzte große Innovation gelang den Konzerningenieuren vor etwa zwei Jahrzehnten: die Einführung der SMS.

Sogar der nach Umsatz weltgrößte Mobilfunkanbieter, Vodafone, hat den App-Boom verschlafen. Statt eine konkurrenzfähige Plattform für Drittanbieter zu schaffen, versuchten die Briten, den Smartphone-Verkauf mithilfe eigener Internetdienste zu forcieren. Im Frühsommer erkannte Vodafone das Scheitern dieser Strategie (siehe mm 7/2010) und zog unlängst die Konsequenzen: Internetchef Pieter Knook musste das Unternehmen verlassen. Künftig will Vodafone externe Kräfte stärker einbinden und sein App-Angebot verbessern.

Auch Hersteller von Endgeräten und Handysoftware hatten lange Zeit nichts zu bieten außer programmierter Langeweile. Handys mit Microsoft-Software galten in der Szene als öde Bürorechner für unterwegs: Mittels eines Plastikstifts ließen sich E-Mails bearbeiten oder Termine verwalten. "Wir waren zu lange im Business-Segment verhaftet", räumt Frank Fischer ein, Leiter der mobilen Kommunikation bei Microsoft. "Die Bedürfnisse des Mobilfunknutzers an sein Gerät haben sich geändert."

Letztlich bleibt Konzernen wie Microsoft, Vodafone oder Nokia nur eine Wahl: Sie müssen die Schaffenskraft der unabhängigen Entwickler besser nutzen.

Microsoft hat seine Mobilfunkstrategie nicht zuletzt aus diesem Grund fundamental geändert. Im Oktober kommen erste Mobiltelefone mit der neuen Software Phone 7 auf den Markt. Diese lassen sich komplett mit dem Finger bedienen, enthalten zahlreiche Lifestyle-Gimmicks und sollen eine breitere Zielgruppe von Kunden und Entwicklern ansprechen. Überdies will der Konzern externen Programmierern künftig direkte finanzielle Unterstützung bieten.

Nokia plant App-Allianzen mit Netzbetreibern. Die Idee dahinter: Handyhersteller und Telekom-Anbieter werfen ihr Angebot an Miniprogrammen zusammen. Der App-Kauf wird bequem per Mobilfunkrechnung abkassiert, im Gegenzug erhält der Netzbetreiber 10 Prozent der Erlöse. Eine gute Chance für Nokia, die Zahl der Downloads zu steigern - und dadurch mehr Entwickler auf seine Plattform zu locken. In Kooperation mit dem Telekomriesen AT&T hat Nokia in den USA außerdem Preisgelder für App-Tüftler ausgeschrieben.

Sony Ericsson hat sich von seinem ursprünglichen Ansatz, Kunden und Entwickler ausschließlich an das eigene App-Angebot zu binden, gänzlich verabschiedet. Der Online-Laden PlayNow wird nur noch als ergänzender Premiumdienst weiter betrieben. Stattdessen lotst der Handybauer seine Nutzer verstärkt auf Googles Android-Market, der einen Pool von fast 200.000 Entwicklern und rund 80.000 Apps bietet.

Während Konzerne aus der Mobilfunkbranche noch den Anschluss an die App-Revolution suchen, greift der Bazillus weiter um sich. SAP , Weltmarktführer für Unternehmenssoftware, will mit mobilen Applikationen bis 2015 eine Milliarde Kunden erreichen - und sich dabei der Hilfe konzernfremder Programmierer bedienen.

Selbst branchenferne Unternehmen erkennen die Vorzüge des Apple-Modells. Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen plant einen eigenen App Store für Telematiklösungen wie elektronische Fahrtenschreiber oder virtuelle Auftragsbücher. "Unsere Plattform lebt von der Kooperation mit Drittanbietern", sagt ZF-Manager Thomas Rösch, der den Bereich verantwortet.

Die App-Welle hat die Industrie erfasst. Und Konrad Hübner, Erfinder der Taxi-App Cab4me, schwimmt ganz oben. Im Dezember tritt der Google-Preisträger einen neuen Job an. Der Autokonzern BMW, der seine Autos in Zukunft mit dem Internet verknüpfen will, holt Hübner in seine Abteilung "Connected Drive". Nach dem Smartphone soll nun das Auto surfen lernen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.