Donnerstag, 20. Juni 2019

Innovation Forsche Firmen dringend gesucht

Deutsche Start-ups: Sonnenfänger, Lärmstopper, Heiler
Sven Döring

Globale Marktanteile wird nur die Volkswirtschaft gewinnen, der etwas Neues einfällt. An deutschen Unis entstehen jedoch immer weniger Start-ups. Wie unsere Hochschulen Hightech-Spin-offs besser fördern können.

Die Vorführung lässt die Luft vibrieren: Ein Höllenlärm erfüllt das Klanglabor, abgesondert von einem Kompressor. Es ist so laut, dass es unmöglich ist, auch nur ein Wort zu wechseln. Dann tritt Arndt Niepenberg an einen kleinen orangefarbenen Kasten und drückt einen Knopf. Prompt erstirbt der infernalische Krach, nur dezentes Surren schwebt noch durch den Raum. Ein elektronischer Trick: Niepenberg hat einen winzigen Rechner aktiviert, der den Schallwellen, die der Kompressor erzeugt, eine spiegelbildliche Version ihrer selbst entgegensendet - und so den Lärm weitgehend neutralisiert.

Den elektronischen Lärmstopp hat der junge Elektroingenieur ab 2005 im Anschluss an seine Diplomarbeit als wissenschaftliche Hilfskraft an der Bergischen Universität Wuppertal entwickelt. Heute residiert Niepenberg mit seiner Firma WaveScape im Technologiepark W-Tec, fünf Minuten zu Fuß vom Institut von Professor Detlef Krahé entfernt, der ihn bei seiner Tüftelei betreute. Das Akustiklabor der Uni darf das Wave-Scape-Team nutzen, um die Technologie der aktiven Geräuschkontrolle zu perfektionieren. Schließlich hat Krahé das Start-up mitgegründet, das nun zusammen mit diversen Konzernen seinen Hightech-Lärmkiller in der Praxis testet.

2011 sollen die ersten leisen Hausgeräte und Maschinen mit der neuen Technik auf den Markt kommen. Der innovative Lärmstopper erweist sich als viel effektiver als die herkömmlichen schalldichten Gehäuse und ist vor allem preisgünstiger als dicke Dämmung.

Das Spin-off zeigt idealtypisch, wie der Transfer von wissenschaftlicher Erkenntnis in wirtschaftlichen Nutzen ablaufen sollte: Aus der Invention eines Forschers entsteht die Innovation eines Unternehmens - aus wissenschaftlicher Erkenntnis wird technischer und dann ökonomischer Fortschritt.

WaveScape habe exzellente Zukunftsaussichten, glaubt Lambert Koch. Die junge Firma habe das Zeug, "einer jener mittelständischen Weltmarktführer zu werden, die Deutschland global wettbewerbsfähig halten". Koch ist Wirtschaftsprofessor und Rektor der Uni Wuppertal, er bemüht sich intensiv, unter den Lehrkräften, Doktoranden und Studenten seiner Hochschule mehr Unternehmergeist zu verbreiten - jenen speziellen Spirit, der Entdeckereifer mit der Lust an der praktischen Anwendung und dem Reiz des Pioniergewinns paart.

Weil die direkte Brücke zwischen Forschung und Wirtschaft die wichtigste Voraussetzung ist, um Deutschlands Wohlstand auch künftig zu sichern, hat manager magazin die Hall of Fame der deutschen Forschung ins Leben gerufen (siehe Kasten links).

Die grundlegende Innovation, die das Bisherige infrage stellt - typischerweise ist das die Stärke junger Hightech-Firmen. Vor allem Newcomer entwickeln bahnbrechende Neuerungen, die gesellschaftliche Probleme lösen, Konsumenten beglücken und neue Märkte eröffnen. Sie schaffen das Wachstum und die gut bezahlten Arbeitsplätze der Zukunft.

"Deutschland benötigt dringend mehr Technologiegründungen", fordert denn auch Professor Dietmar Harhoff, Vorsitzender des Innovationsrats der Bundesregierung: "Und diese Firmen sollten auch aus den Universitäten und Forschungsinstituten heraus entstehen."

© manager magazin 10/2010
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