Mittwoch, 23. Oktober 2019

Berufseinsteiger Hilfe, die Bachelors kommen

Bachelors: Mit Schmalspur-Abschluss in die Wirtschaft
AP

Die Hochschulen produzieren immer mehr Schmalspur-Akademiker - zum Ärger der Unternehmen. Dass weder Studenten noch Unternehmen dem Bachelor-Abschluss so recht trauen, hat auch mit einer verfehlten Studienreform zu tun. Konzerne wie Bayer oder Bosch haben bereits reagiert.

Wolfgang Zieren hat sich im Griff. Ganz Profiberater, doziert der Vorstand der Wirtschafts- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG über den Kampf um Talente. Doch wenn das Gespräch auf Bachelor-Absolventen kommt, merkt man dem ausgewogenen Mann Skepsis an. KPMG gehört zu den ersten Rekrutierern der Kurzzeitstudenten, seit zwei Jahren stellt das Unternehmen Bachelors ein - und entdeckt, dass die Universitäten vielen Absolventen zu wenig theoretisches Marschgepäck mitgeben. "Vor allem mit Blick auf das anspruchsvolle Wirtschaftsprüferexamen müssen wir die jungen Leute nachqualifizieren", so Zieren.

Gemeinsam mit Deloitte, Ernst & Young und PricewaterhouseCoopers hat das Unternehmen deshalb eine Ausbildungsoffensive gestartet: Die "Big four" suchen Partnerhochschulen, um die Uniabgänger mit einem von Prüfern und Professoren gemeinsam entwickelten Masterprogramm fortzubilden.

Hilfe - die Bachelors kommen! Immer mehr Turbo-Akademiker werden von den Hochschulen produziert: Im Wintersemester 2007/08 schrieben sich knapp zwei Drittel aller Studienanfänger in Deutschland für ein Bachelor-Studium ein. Vorausgesetzt, sie bestehen ihre Prüfungen, drängen in diesem Jahr erstmals mehr Bachelors in die Betriebe als Diplomierte und Magister. Schon über 80 Prozent aller Studiengänge sind auf das neue System umgestellt. Der Dipl.-Ing., das Synonym für technische Spitzenleistungen Made in Germany - abgeschafft. Diplomkaufmann - adieu!

Der dem Lateinischen entlehnte "Bachelor" (abgeleitet von "Baccalaureus" - "junger Geselle") beschreibt nicht nur ein anderes Label, sondern eine völlig neue Philosophie. Schlüsselqualifikationen, Employability, Kompetenzprofile - Schlagwörter wie diese skizzieren die vermeintlichen Vorteile, die die "Bologna-Reform" den Arbeitgebern bringen soll. Akademische Youngster von oft nur 21 Jahren klopfen an die Tür und melden Ansprüche auf Karrierepositionen an - in diesem Alter wurde man in der Bundesrepublik bis 1975 gerade volljährig.

Wochenlange Studentenstreiks im vergangenen Herbst und endlose Reform-der-Reform-Runden zwischen Hochschulen, Ministerien und Verbänden zeigen indes, dass bei "Bologna" einiges gründlich schiefgelaufen ist. Entsprechend groß ist die Verärgerung in den Unternehmen.

Einige lassen unverblümt wissen, dass sie dem Bachelor nicht trauen. Der Anlagenbauer Ferrostaal etwa hat ein Graduate-Traineeprogramm aufgelegt und sucht dafür in einem Internetportal ausdrücklich Absolventen mit Master oder Diplom. Beim Mineralölkonzern ExxonMobil kann man sich "nur schwer vorstellen, dass ein Bachelor-Abschluss in unserer Forschung und Entwicklung ausreichend ist".

Auch die Unternehmensberatung Roland Berger gibt sich skeptisch. Chef Burkhard Schwenker sieht die Universität als "Ort, an dem sich komplexes Denken lernen lässt, durch die Reform entwertet" ( siehe Interview). Die Bergers schufen für Bachelor-Einsteiger einen neuen Titel: Nicht Junior Consultants dürfen sie sich nennen, sondern "Analysten".

Kein Wunder, wenn auch viele Studierende nicht recht an ihren Abschluss glauben. Christian Gerke (23) zum Beispiel, Betriebswirtschafts-Bachelor von der Universität Mannheim. Gerke wird seinen Bachelor in diesem Sommer voraussichtlich mit einer Eins vor dem Komma erwerben, seine Alma Mater steht in Arbeitgeber-Rankings unangefochten auf dem ersten Rang. Trotzdem will Gerke im Wintersemester den Master anschließen: "Ich möchte nie von einem Arbeitgeber hören: Mit dem Bachelor kommen Sie bei uns nicht weiter."

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