Fotostrecke

Red Bull: Funsport, Formel 1, Fußball und viel mehr

Foto: Gero Breloer/ AP

Red Bull Der Bull-Doser

Mit einem Energydrink hat Dietrich Mateschitz ein Milliardenimperium geschaffen, neue Sportarten erfunden und nebenbei die Formel 1 revolutioniert. Und was jetzt? Ein Inside-Report aus dem verrücktesten Unternehmen der Welt.

Ortseingang Fuschl am See, im Frühjahr 1995. Gegenüber vom "Brunnenwirt" steht ein einsamer weißer zweistöckiger Zweckbau. In der ersten Etage sitzt ein ziemlich unbekannter Mann namens Dietrich Mateschitz, damals 51 Jahre alt. Auf seinem Schreibtisch steht eine schlanke, silber-blaue Dose, die er schluckweise leert. Dazwischen spuckt er große Töne: "Ich will mit diesem Getränk die Welt erobern."

Das klebrig-süße Gebräu heißt Red Bull und enthält den Muntermacher Koffein und Taurin. In der Getränkebranche erntet Mateschitz mit seinem (An-)Spruch nur süffisantes Lächeln. In Atlanta (Coca-Cola-Headquarter) und Purchase (Pepsico-Zentrale) nimmt man Mister Mateschitz aus Austria damals nicht ernst: Red Bull? Bullshit!

Fuschl am See, im Sommer 2010. Das weiße Haus steht immer noch. Aber es ist inzwischen eingerahmt von großen Glaspalästen in futuristischem Design. Hinter den Scheiben wuseln rund 500 Menschen. Sie lenken einen Weltkonzern: Die Red Bull GmbH, die bei drei Milliarden Euro Umsatz einen dreistelligen Millionengewinn macht.

Der einst unterschätzte Mateschitz hat - wie Coke, wie Pepsi  - eine Weltmarke geschaffen. Gut vier Milliarden Dosen Red Bull verkauft der Mann allein dieses Jahr, in über 160 Ländern - von Afghanistan bis Zypern.

Der Aufstieg von Red Bull aus dem Nichts des Salzkammerguts zu einem Weltkultgut ist eine der genialsten Marketingleistungen der vergangenen Jahrzehnte. Mateschitz kreierte nicht nur ein innovatives Produkt, sondern ein völlig neues Getränkesegment - den Markt für Energydrinks.

Möglich wurde dies durch eine einprägsame Werbekampagne ("Red Bull verleiht Flüüügel") und ein publicityträchtiges Sportengagement, beides finanziert durch einen gigantischen Marketingetat von etwa einer Milliarde Euro pro Jahr.

Konzernchef Mateschitz leistet sich zwei Rennställe in der Formel 1 und bei New York ein neues Fußballstadion. Er stellt direkt neben der Landebahn am Salzburger Flughafen den extravaganten Glaspalast "Hangar 7" hin, wo im Restaurant "Ikarus" Eckart Witzigmann kocht und nebenan firmeneigene Jagdbomber und Hubschrauber zu besichtigen sind.

Trotz dieser Eskapaden bleibt noch viel Geld übrig, um wilde Ideen schnell in die Tat umzusetzen - an einem Tag kauft der genialische Kraftmensch Mateschitz einen Fernsehsender, am nächsten entscheidet er, ins Mobilfunkgeschäft einzusteigen. Red Bull, kein Zweifel, ist das verrückteste Unternehmen der Welt.

Lukrativ sind viele dieser Engagements bislang freilich nicht. Vergaloppiert sich Red Bull etwa, und das ausgerechnet jetzt, da der Drink kein Selbstläufer mehr ist und der Umsatz mehr oder weniger stagniert?

Entscheidender noch ist die Frage: Wer folgt Mateschitz? Der Alleinherrscher ist 66 Jahre alt. Er ist zwar ein schon fast krankhafter Sportfanatiker und zwängt seine formidable Figur wie ein Gigolo in enge Jeans. Doch Red Bull verleiht zwar Flügel, aber kein ewiges Leben. Wer kommt dann? Sein Sohn, seine thailändischen Mitbesitzer oder vielleicht doch Coca-Cola  oder Pepsi?

Als Unternehmer ein Spätberufener

Noch dementiert Mateschitz jegliche Verkaufsabsicht heftigst. Er will sein Lebenswerk noch etwas länger genießen, schließlich ist er als Unternehmer ein Spätberufener.

Der mäßige Wirtschaftsstudent (20 Semester!) Dietrich Mateschitz war lange Zeit Marketingmanager beim Zahnpastahersteller Blendax in Mainz. Anfang der 80er Jahre verdiente er dort blendend, rund 200.000 Mark im Jahr. Als Vertriebsmann kam er viel herum, auch nach Asien. Eines Abends im Jahr 1982 saß er an der Bar des legendären "Mandarin"-Hotels in Hongkong, blätterte in "Newsweek" und entdeckte eine Liste der größten Steuerzahler Japans. Ganz oben stand kein Honda , kein Toyota , sondern ein Herr Taisho, der Besitzer des Aufputschdrinks Lipovitan.

Es war der Abend, der sein Leben verändern sollte. Die Idee, mit einem solchen Getränk weltweit Geld zu verdienen, faszinierte ihn. Der Zufall wollte es, dass ein Blendax-Geschäftspartner, der thailändische Pharmakonzern TC Pharmaceuticals, ein ähnliches Getränk produzierte. Sein Thai-Name: Krating Daeng, auf Englisch: Red Bull. Mateschitz tat sich mit der Eignerfamilie Yoovidhya zusammen und gründete 1984 die Red Bull Trading GmbH. Kurze Zeit später schmiss er seinen Job bei Blendax und investierte sein Erspartes, um Red Bull in Europa zu etablieren.

Von den Thais übernahm er die Idee und das Logo mit den beiden roten Bullen. Heute ist ihm die Thai-Connection eher lästig, zerstört sie doch den Mythos des Red-Bull-Erfinders. Mateschitz hat das Getränk lediglich entdeckt, aber dann genial vermarktet - zusammen mit Johannes Kastner (64), der damals eine kleine Werbeagentur in Frankfurt besaß.

Didi und Hansl - wie die beiden Österreicher einander nennen - standen zunächst vor der Frage: Wie positioniert man ein Produkt, das keiner kennt? Sie definierten erst mal, was Red Bull nicht ist: kein Sportdrink, kein Szenegetränk und auch kein reiner Durstlöscher. Kastner: "Red Bull ist kein Zielgruppenprodukt." Es ist für alle da - wie Wasser. Zielgruppe also: die Menschheit.

Und warum soll der Mensch das kaufen? Weil Red Bull einen Zusatznutzen bietet, sagt Mateschitz. Viel Koffein und Taurin hielten den Trinker wach. Und weil es diesen Nutzen biete, könne man auch viel Geld verlangen für ein Produkt, das in der Herstellung weniger als 20 Cent pro Dose kostet.

So entschied sich Mateschitz von Anfang an für eine Premiumpreisstrategie. Red Bull kostete vier- bis sechsmal so viel wie eine Cola. Über den hohen Preis wollten Mateschitz und Kastner suggerieren, dass Red Bull etwas Besonderes sei. Auch äußerlich. Red Bull gab es nur in einer schlanken 250-Milliliter-Dose. Ein Format, das es bis dahin nicht gegeben hatte.

Unterstützt wurde der Abverkauf von einer cleveren Werbung. Eineinhalb Jahre produzierte Kastner jede Menge Sprüche, die Mateschitz allesamt ablehnte. Bis eines Nachts Kastner bei Mateschitz anrief und ihm ins Ohr nuschelte: "Red Bull verleiht Flüüügel ..." Mateschitz nickte, die Kampagne startete 1987. Der Spruch - kombiniert mit witzigen Zeichentrickfilmchen - blieb bis heute unverändert, auf der ganzen Welt. Sechs Filmchen stellt Kastners Agentur nach wie vor jedes Jahr her. Die Red-Bull-Länder wählen dann drei bis vier aus.

Red Bull ist eigentlich nur eine riesige Marketingmaschine. Sie produziert Ideen, aber keine Produkte. Das Unternehmen hat keine Fabriken, keinen Fuhrpark. Von Beginn an setzte Mateschitz auf konsequentes Outsourcing. Gemischt und abgefüllt wird beim Fruchtsafthersteller Rauch in Nüziders in Vorarlberg und neuerdings auch in Widnau in der Schweiz. Von diesen beiden Standorten werden die Dosen unter logistischer Führung des Logwin-Konzerns in alle Welt geliefert.

Eine riesige Marketingmaschine

Mit Österreich fing es 1987 an, dann folgten 1992 der Nachbarstaat Ungarn und 1994 Deutschland. Nicht nur hierzulande rankten sich wilde Gerüchte um Red Bull. Ist es vielleicht doch eine Droge?, fragten sich besorgte Behörden. "Koks für Arme" sei es, spotteten manche. Diese negative Etikettierung schadete der Dose nicht. Im Gegenteil: Red Bull bekam so den Ruch des Verbotenen - und setzte seinen Siegeszug um die Welt munter fort.

Ab 1997 fuhr das Unternehmen, das nun eine Viertelmilliarde Euro Umsatz machte, eine konsequente Expansionsstrategie. Jedes Jahr wurden vier bis fünf große Länder angegangen, meist nach demselben Prinzip. Ex-Auslands- und Marketingchef Norbert Kraihamer (50) erklärt es: "Wir haben das Prinzip der gesunden Marktzelle entwickelt." Er definierte kleine, überschaubare Märkte zwischen 5 und 20 Millionen Einwohnern, die er nach und nach eroberte. Beispiel USA: Von Stadt zu Stadt kämpften sich die Red-Bull-Verkäufer vor, erst das kleine südkalifornische Santa Cruz, dann San Diego, L. A. und San Francisco und dann von Amerikas Westen in den Osten.

In Bussen, vollgepackt mit Displays und Kühlschränken, tourten die Red-Bull-Verkäufer durch die diversen Lande. Unterstützt wurden sie von einer Armada freiberuflicher Helfer. Sogenannte Musketeers durchstreiften Kneipen, um den Trank in die Gastronomie zu drücken und gleichzeitig zu überprüfen, ob es dort richtig präsentiert wird. Student Brand Managers sorgten dafür, dass auf Uni-Feten Red Bull ausgeschenkt wurde. Und doppelte Flottchen - Mädchen in Miniröcken und BMW-Minis - verteilten Dosen am Rande von Events aller Art.

Da war es von Vorteil, dass sich parallel zu Red Bulls Aufstieg in vielen Ländern eine Eventkultur entfaltete. Vor allem junge Menschen treibt es seit 10, 15 Jahren hordengleich zu Großveranstaltungen. Und Red Bull war und ist meist mit von der Party.

Je abgehobener, desto besser. Weltberühmt sind die Red Bull Air Races, bei denen tollkühne Männer in ihren fliegenden Kisten um riesige Slalomstangen kurven. Für Angsthasen hat Red Bull die Papierflieger-WM im Programm.

Sport ist das große Werbemedium für Red Bull. Bald eine halbe Milliarde Euro fließt aus dem Marketingetat in die Taschen von Sportlern, Vereinen und Veranstaltern. Mit fast 600 Sportlern hat Red Bull individuelle Werbeverträge - vom Extrembergsteiger Stefan Glowacz bis zum Extremabsteiger Mario Gomez. Geschickt unterstützte Red Bull aufkommende Trendsportarten wie Snowboarding, Mountainbiking und Freeclimbing. Doch damit erreicht man nur die Jugend in wenigen Ländern.

Deshalb seit wenigen Jahren das Engagement in der Formel 1. So besitzt Mateschitz als erster Investor in der Geschichte der Formel 1 gleich zwei eigene Rennställe: Red Bull Racing sowie die Scuderia Toro Rosso, jährliche Kosten um 200 Millionen Euro. Erregten die Österreicher zunächst vor allem dadurch Aufsehen, dass sie Partys und Misswahlen im Fahrerlager veranstalteten, so steht Red Bull inzwischen für Erfolg: Mit Mark Webber und Sebastian Vettel hat das Team gleich zwei starke Fahrer im Rennen um den Weltmeistertitel. Ihr Fahrzeug, der Red Bull RB6 mit Renault-Motor, gilt als derzeit bestes Auto im Wettbewerb. "Mateschitz hat es geschafft, Autokonzerne wie Mercedes und Ferrari vorzuführen", lobt Ex-Rennfahrer Niki Lauda, "die Formel 1 wird heute von einem Energydrink aus Österreich technisch dominiert."

Doch auch der Formel-1-Zirkus hat weltweit nicht genügend Zuschauer. Mateschitz will noch mehr erreichen: "Red Bull ist globaler geworden und auch erwachsener. Da kommt man marketingstrategisch an einer Sportart wie Fußball als wichtigste der Welt nicht vorbei."

Deshalb hat er Ende 2009 Dietmar Beiersdorfer (46), den ehemaligen Manager des Hamburger Sport-Vereins, engagiert. Der trägt den stolzen Titel "Head of Global Soccer". Nachdem Mateschitz noch vor Jahren den ihm angebotenen Einstieg bei Real Madrid abgelehnt hatte, kicken nun in Österreich, den USA, Brasilien und Ghana Red-Bull-Fußballer. Und neuerdings auch in Leipzig. Beiersdorfer (Vertrag bis 2013) soll den Durchmarsch des Viertligisten RB Leipzig in die Bundesliga und möglichst gar in die europäische Champions League organisieren.

Erfolg ist nicht käuflich

Doch Erfolg ist nicht käuflich - weder im Fußball noch in der Wirtschaft. Das muss Mateschitz in diesen Zeiten leidvoll erfahren. Seine Energiebrause ist trotz der vielen Werbemillionen kein Selbstgänger mehr, seine Diversifizierungsversuche klappen nicht so recht, und seine Marketingmaschine kommt zunehmend ins Stottern.

Nach Jahren gigantischer, meist zweistelliger Steigerungsraten ging der Umsatz von Red Bull 2009 zurück. Auch in diesem Jahr wird der Red-Bull-Chef deutlich hinter seinen ambitionierten Zielen zurückbleiben: Acht Milliarden Dosen wollte er ursprünglich im Jahr 2010 absetzen - doppelt so viele, wie er 2009 verkaufte. Zugleich nagen die konstant hohen Marketingkosten am Gewinn, der zuletzt nur noch etwa die Hälfte früherer Rekordjahre betrug.

Dutzende Konkurrenten machen dem Platzbullen inzwischen die Stammreviere in Europa und Amerika streitig - darunter die jüngste Coca-Cola-Kreation Relentless, aber auch das deutsche Produkt Effect. In den großen Wachstumsmärkten Indien, China und dem Nahen Osten ist Red Bull bislang vergleichsweise schwach oder gar nicht vertreten.

Als einer der letzten weißen Flecken im Red-Bull-Reich verbleibt ausgerechnet das bevölkerungsreichste Land der Welt: China. Denn der asiatische Raum ist bis heute die Domäne der Mehrheitseigner aus Thailand, die dort den Red-Bull-Vorläufer Krating Daeng verkaufen.

Als Red Bull international zu wachsen begann, teilten Mateschitz und die Familie Yoovidhya die Weltmärkte unter sich auf. Die Thailänder bekamen ihre Heimatregion Asien, Mateschitz den Rest. Allerdings gelang es dem Red-Bull-Chef, seine Machtsphäre bei den regelmäßigen Shareholder-Treffen im Fünf-Sterne-Hotel "Oriental" in Bangkok Jahr für Jahr auszuweiten: Mal schwatzte er seinen Miteigentümern Indien ab, mal Malaysia.

Im Fall China sind die Thais bislang jedoch stur geblieben: Sie wollen den Zukunftsmarkt selbst beackern. Ein schwerer Schlag für Mateschitz, der sich vom chinesischen Markt einen gewaltigen Umsatzschub erhofft hatte - und gegen den Willen der Yoovidhyas wenig ausrichten kann. "Die Thais haben ihren eigenen Stolz", sagt ein Ex-Mitarbeiter, der an der Vorbereitung der Anteilseignertreffen in Bangkok beteiligt war. "Sie betrachten sich als Erfinder von Red Bull und wollen sich nicht vorschreiben lassen, wie sie ihr Geschäft zu führen haben."

Nicht nur an der chinesischen Mauer wird Mateschitz' globaler Siegeszug ge- stoppt. Auch in einigen etablierten Märkten hat Red Bull Probleme - vor allem in den USA, die inzwischen etwas mehr als ein Drittel zum Gesamtumsatz beitragen. Dort schwächelt Red Bull bei Absatz und Renditen, verlor den Spitzenplatz unter den Energydrinks. Preiswertere Konkurrenzprodukte wie Monster oder Rockstar schlagen die Österreicher mit ihren eigenen Waffen: frecher Markenauftritt und Event-Sponsoring. Mehrfach hat Red Bull das US-Management ausgetauscht, Krisenteams nach drüben geschickt - bislang ohne große Wirkung.

Auch in Russland hat die Konkurrenz Red Bull vom Thron gestoßen, im Nahen Osten macht ausgerechnet der österreichische Mitbewerber Power Horse Probleme. Der lange Zeit unbestrittene Marktführer ist angreifbar geworden.

Um die Abhängigkeit vom Kernprodukt zu reduzieren, braucht Mateschitz dringend alternative Erlösquellen. Die glaubt er bereits gefunden zu haben. Schon 1993 gründete Mateschitz neben Red Bull eine Firma für Gesundheitsgetränke unter dem Label Carpe Diem. Produkte wie Kombucha, ein gegorenes Teegetränk, zwingt Mateschitz den Händlern im Paket mit Red Bull auf. Der Erfolg hält sich bislang in Grenzen: 2008 vermeldete das Unternehmen Verluste in Millionenhöhe, seither drangen keine Zahlen mehr nach draußen. Einige Carpe-Diem-Produkte, etwa das Grüntee-Getränk Gingko, sind wieder vom Markt verschwunden.

Verlust an Sympathie und Coolness

Auch unter dem Red-Bull-Logo versucht Mateschitz, Naturprodukte zu vertreiben. Vor zwei Jahren brachte er eine Cola auf den Markt, die angeblich nur natürliche Zutaten enthält. Doch beim Kunden führt das Produkt zu Missverständnissen: Wer eine Aludose mit zwei aufgedruckten roten Stieren kauft, erwartet keinen Wellnessdrink. "Red Bull steht nicht für gesunde Produkte, sondern für Energiegetränke", sagt ein Kenner des Unternehmens, "man hätte besser eine reine Energy-Cola kreiert."

Bislang ist Mateschitz also den Beweis schuldig geblieben, dass er auch andere Produkte zum Erfolg führen kann. Trotzdem wagt er sich nun sogar auf ihm völlig unbekanntes Terrain.

So überraschte er die Öffentlichkeit mit dem Kauf eines Salzburger TV-Senders. Um diesen aufzupeppen, ließ er sich von Branchengrößen wie Ex-RTL-Manager Hans Mahr beraten, warb Journalisten von großen Konkurrenten ab und entwickelte einen ungewöhnlichen Programmmix aus Sport, Kultur und Heimatkunde. Zwar bezweifeln Branchenkenner die Wirtschaftlichkeit des Investments. "Mit diesem Programm wird Servus TV keine hohen Reichweiten erzielen können", sagt der langjährige RTL-Chef Helmut Thoma. Doch aus marketingstrategischer Sicht könnte die hauseigene TV-Produktion Sinn ergeben, vor allem in Kombination mit dem jüngsten Engagement im Mobilfunk.

Gemeinsam mit Telekom Austria bietet Red Bull seit 2008 einen Handytarif an, der auch den Zugriff auf Medieninhalte aus dem Red-Bull-Imperium umfasst. Zuschauer und Telefonierer sollen Teil der "Welt von Red Bull" werden, so das Kalkül: Wer sich via Handy über die hauseigenen Sportevents informiert, wird sich ja wohl auch zum zuverlässigen Red-Bull-Trinker entwickeln.

Ähnlich wie einst mit seinem Kultgetränk, will Mateschitz nun mit Red Bull Mobile die internationalen Märkte erobern. Seit Kurzem ist das Angebot auch in Ungarn und der Schweiz erhältlich und soll im Herbst in Deutschland an den Start gehen. Hier plant Red Bull eine Zusammenarbeit mit Telefónica O2 .

Gewinne hat Mateschitz mit seinem Medienengagement nicht eingeplant. Ihm geht es um die totale Vermarktung seines Kernprodukts: die Aufmerksamkeit seiner Zielgruppe zu jeder Zeit und an jedem Ort der Welt.

Doch der Marketing-Overkill birgt auch Risiken. "Wer Red Bull trinkt, braucht nicht auch ein Red-Bull-Handy. Der Konsument von heute will nicht in die Red-Bull-Schublade gesteckt werden", warnt ein früherer Mitarbeiter. Red Bull drohe durch seine Omnipräsenz die wichtigsten Assets zu verlieren: Sympathie und Coolness.

Die Frage ist: Lässt sich Verrücktheit als Geschäftsprinzip beliebig ausdehnen?

Früher heckte Mateschitz mit engen Vertrauten bis tief in die Nacht Strategien aus, wälzte Kundenbriefe - und stimmte per Büroklammernwurf über Neueinstellungen ab: Drei Klammern signalisierten die uneingeschränkte Zustimmung, null Klammern das klare Nein.

"Am Anfang waren wir eine Truppe eingeschworener Profis, die sich für die Marke und die Firma hätten vierteilen lassen", sagt Ex-Marketingchef Kraihamer. "Wir haben nicht für Red Bull gearbeitet, wir waren Red Bull."

Verkauf die wahrscheinlichste Option

Mit dem rasanten Wachstum kamen jedoch zahlreiche Jungspunde ins Unternehmen, die ihr Handwerk bei Konsumgütermultis wie Unilever  oder Procter & Gamble  gelernt hatten. Sie ersetzten kreativen Gründergeist zunehmend durch solide Fachkompetenz, unbürokratische Strukturen durch lähmende Controllingsysteme. Einige Nachwuchsmanager überforderte das hohe Arbeitspensum, andere die große Freiheit: Red-Bull-Urgestein und Finanzchef Walter Bachinger, von Amts wegen eigentlich zur Kostendisziplin angehalten, sah sich wiederholt veranlasst, die zögerlichen Nachkömmlinge zu höheren Ausgaben aufzufordern. Viele gingen nach kurzer Zeit, die Fluktuation in Fuschl ist deutlich angestiegen. Red Bull ist keine Firma für Konzernbeamte.

Männer der ersten Stunde sorgen sich, dass zu wenig "verrückter" Nachwuchs kommt. Werbe-Ikone Johannes Kastner unterbreitete seinem Freund Mateschitz deshalb per Brief einen ungewöhnlichen Vorschlag. Man möge fünf "Rebellen" einstellen, die völlig frei über üppige Marketinggelder verfügen sollten. Davon erhoffte Kastner sich frische Ideen und neue Kreativität.

Mateschitz' Antwort fiel knapp und eindeutig aus: "Hansl, das ist nicht nötig. Es gibt ja noch uns zwei."

Mateschitz ist und bleibt der Alleinherrscher. Inzwischen residiert er überwiegend in seinem Event-Palast "Hangar 7" am Salzburger Flughafen und empfängt dort in der "Cigars Lounge" seine Untergebenen, die aus Fuschl anreisen müssen. Ein großer Teil der Belegschaft fürchtet den mächtigen Übervater, der Loyalität zwar belohnt, Fehlleistungen jedoch mit Wutausbrüchen quittiert. Dabei fliegen schon mal Gegenstände durch den Zigarrensalon.

Seine sämtlichen Versuche, sich aus dem Tagesgeschäft zurückzuziehen, sind gescheitert. Mehrere Kronprinzen wurden vom Hof gejagt oder gaben auf. Flemming Sundo, 2003 als Chief Operating Officer eingesetzt, ist wieder weg. Ebenso Dany Bahar, zeitweise Nummer zwei hinter Mateschitz und bei Red Bull für die Diversifizierung zuständig. Der Schweizer ist heute Chef des Autobauers Lotus.

"Wir haben es nur bedingt geschafft, eine breite Basis an Leuten aufzubauen, die mit der Firma und der Marke adäquat umzugehen wussten", erklärt Ex-Marketingchef Kraihamer, der dem Unternehmen und Mateschitz immer noch sehr verbunden ist.

Die wichtigste Frage für die Zukunft von Red Bull bleibt damit nach wie vor ungelöst: Wer wird Dietrich Mateschitz eines Tages beerben?

Bekannte halten es für denkbar, dass er seinen Sohn Mark zum Nachfolger heranziehen wird. Der ist aber erst 18, geht noch zur Schule und kam mit dem Unternehmen bislang kaum in Berührung.

Möglicherweise werden auch die Thais Anspruch auf den Chefposten erheben. Patriarch Chaleo Yoovidhya hat aus zweiter Ehe mehrere Kinder, die im passenden Alter von 30 bis 40 Jahren sind, beste englische Business Schools besucht haben und nun Praxiserfahrung im Familienimperium sammeln. Bislang hatten sich die Thailänder aus der operativen Führung von Red Bull jedoch stets herausgehalten. Die kulturellen Unterschiede zwischen dem asiatischen Traditionsbetrieb und der österreichischen Marketingfabrik sind groß.

Branchenkenner halten deshalb einen Verkauf für die wahrscheinlichste Option. Coca-Cola und PepsiCo, denen bis heute kein global erfolgreicher Energydrink geglückt ist, haben immer wieder Interesse an dem frechen Konkurrenten gezeigt. "Für eine angemessene Summe", sagt einer, der Mateschitz gut kennt, "würde er sicher verkaufen."

Das Loslassen dürfte ihm allerdings nicht leichtfallen. Mateschitz war immer mit dem Unternehmen verheiratet. Red Bull ist gleichzeitig seine Familie und sein Baby.

Er hat zwar ein geschätztes Vermögen von über drei Milliarden Euro, eine stattliche Flugzeugflotte, ein 900-Quadratmeter-Haus in Salzburg und die Trauminsel Laucala in der Südsee.

Doch letztlich ist sein Lebensmittelpunkt eine kleine Aluminiumdose.

Kürzlich waren er und Spezl Kastner auf einem Red-Bull-Großevent mit über 100.000 Zuschauern. Da wurde er plötzlich melancholisch und flüsterte gedankenversunken: "Und das alles wegen einer Dose."

Mehr lesen über