Dienstag, 2. Juni 2020

Red Bull Der Bull-Doser

Red Bull: Funsport, Formel 1, Fußball und viel mehr
AP

Mit einem Energydrink hat Dietrich Mateschitz ein Milliardenimperium geschaffen, neue Sportarten erfunden und nebenbei die Formel 1 revolutioniert. Und was jetzt? Ein Inside-Report aus dem verrücktesten Unternehmen der Welt.

Ortseingang Fuschl am See, im Frühjahr 1995. Gegenüber vom "Brunnenwirt" steht ein einsamer weißer zweistöckiger Zweckbau. In der ersten Etage sitzt ein ziemlich unbekannter Mann namens Dietrich Mateschitz, damals 51 Jahre alt. Auf seinem Schreibtisch steht eine schlanke, silber-blaue Dose, die er schluckweise leert. Dazwischen spuckt er große Töne: "Ich will mit diesem Getränk die Welt erobern."

Das klebrig-süße Gebräu heißt Red Bull und enthält den Muntermacher Koffein und Taurin. In der Getränkebranche erntet Mateschitz mit seinem (An-)Spruch nur süffisantes Lächeln. In Atlanta (Coca-Cola-Headquarter) und Purchase (Pepsico-Zentrale) nimmt man Mister Mateschitz aus Austria damals nicht ernst: Red Bull? Bullshit!

Fuschl am See, im Sommer 2010. Das weiße Haus steht immer noch. Aber es ist inzwischen eingerahmt von großen Glaspalästen in futuristischem Design. Hinter den Scheiben wuseln rund 500 Menschen. Sie lenken einen Weltkonzern: Die Red Bull GmbH, die bei drei Milliarden Euro Umsatz einen dreistelligen Millionengewinn macht.

Der einst unterschätzte Mateschitz hat - wie Coke, wie Pepsi Börsen-Chart zeigen - eine Weltmarke geschaffen. Gut vier Milliarden Dosen Red Bull verkauft der Mann allein dieses Jahr, in über 160 Ländern - von Afghanistan bis Zypern.

Der Aufstieg von Red Bull aus dem Nichts des Salzkammerguts zu einem Weltkultgut ist eine der genialsten Marketingleistungen der vergangenen Jahrzehnte. Mateschitz kreierte nicht nur ein innovatives Produkt, sondern ein völlig neues Getränkesegment - den Markt für Energydrinks.

Möglich wurde dies durch eine einprägsame Werbekampagne ("Red Bull verleiht Flüüügel") und ein publicityträchtiges Sportengagement, beides finanziert durch einen gigantischen Marketingetat von etwa einer Milliarde Euro pro Jahr.

Konzernchef Mateschitz leistet sich zwei Rennställe in der Formel 1 und bei New York ein neues Fußballstadion. Er stellt direkt neben der Landebahn am Salzburger Flughafen den extravaganten Glaspalast "Hangar 7" hin, wo im Restaurant "Ikarus" Eckart Witzigmann kocht und nebenan firmeneigene Jagdbomber und Hubschrauber zu besichtigen sind.

Trotz dieser Eskapaden bleibt noch viel Geld übrig, um wilde Ideen schnell in die Tat umzusetzen - an einem Tag kauft der genialische Kraftmensch Mateschitz einen Fernsehsender, am nächsten entscheidet er, ins Mobilfunkgeschäft einzusteigen. Red Bull, kein Zweifel, ist das verrückteste Unternehmen der Welt.

Lukrativ sind viele dieser Engagements bislang freilich nicht. Vergaloppiert sich Red Bull etwa, und das ausgerechnet jetzt, da der Drink kein Selbstläufer mehr ist und der Umsatz mehr oder weniger stagniert?

Entscheidender noch ist die Frage: Wer folgt Mateschitz? Der Alleinherrscher ist 66 Jahre alt. Er ist zwar ein schon fast krankhafter Sportfanatiker und zwängt seine formidable Figur wie ein Gigolo in enge Jeans. Doch Red Bull verleiht zwar Flügel, aber kein ewiges Leben. Wer kommt dann? Sein Sohn, seine thailändischen Mitbesitzer oder vielleicht doch Coca-Cola Börsen-Chart zeigen oder Pepsi?

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