Fotostrecke

Lebensversicherungen: Was taugt der Geldanlageklassiker noch?

Foto: David Despau

Lebensversicherungen Zweifel am Geschäftsmodell

Fast jeder Deutsche hat mindestens eine Lebensversicherung. Doch die Renditen der Anbieter sinken, die Zweifel wachsen: Taugt das Geschäftsmodell noch?
Von Michael Gatermann

Wie sorgt der Vorstand eines Lebensversicherers fürs Alter vor? "Selbstverständlich baue ich dabei auf Lebensversicherungen", erklärt Peter Hanus von der Provinzial NordWest in Kiel. Nachdenklich fügt der 62-Jährige hinzu: "Wenn ich heute 30 wäre, hätte ich bei herkömmlichen Produkten vielleicht auch Bedenken."

Genau wie der erfahrene Versicherer zweifeln viele Kunden an der langfristigen Zukunftstauglichkeit des Geschäftsmodells Lebensversicherung. Dabei verfügt - statistisch gesehen - jeder Bundesbürger über mindestens eine Kapitallebensversicherung. Rund 91 Millionen Verträge gab es Ende 2009 in Deutschland, die kumulierte Versicherungssumme belief sich auf rund 2,5 Billionen Euro. Vor allem drei Argumente hatten den Versicherern so viele Kunden beschert:

  • Sicherheit. Die Beiträge sind durch einen Sicherungsfonds vor Totalverlust geschützt, der Erhalt des angelegten Kapitals ist garantiert.
  • Steuervorteil. Bei vor 2005 abgeschlossenen Verträgen mit einer Laufzeit von mindestens zwölf Jahren war der Ertrag steuerfrei.
  • Rendite. Neben dem Garantiezins versprachen die Versicherer hohe Überschussbeteiligungen.

Von diesen Trümpfen sticht heute nur noch der erste, Sicherheit. Die steuerliche Bevorzugung gegenüber anderen Vorsorgeformen ist Geschichte, und das Erwirtschaften einer attraktiven Rendite fällt den Versicherern zunehmend schwer.

Seit gut einem Jahrzehnt erleben die Anleger einen schleichenden Rentabilitätsverlust. Wer heute nach 30 Jahren Laufzeit seine Police ausgezahlt bekommt, hat zwar noch eine Ablaufrendite - also eine durchschnittliche Verzinsung des eingezahlten Kapitals - von gut 5 Prozent. Das ist gut ein Prozentpunkt weniger als noch vor zehn Jahren, was schon bei einer Garantiesumme von 100.000 Euro einen Unterschied von mehreren 10.000 Euro ausmacht.

Kürzer laufende Verträge rentieren sogar dramatisch niedriger - ein Vorgeschmack auf das, was kommt. Bei gerade noch 3,36 Prozent liegt der Schnitt bei zwölfjährigen Verträgen, fast 3 Prozentpunkte weniger als zur Jahrtausendwende. Die seit Mitte der 90er Jahre andauernde Niedrigzinsphase, verbunden mit der seit dem großen Börsencrash Anfang des Jahrtausends fast vollständigen Abstinenz in Sachen Aktienanlagen, hat den Versicherern ein dramatisches Renditeproblem beschert.

2008 erwirtschafteten die deutschen Lebensversicherer einen Gewinn von 8,17 Milliarden Euro. Davon stammten nur 0,89 Milliarden aus Kapitalanlagen. Der Löwenanteil (rund 6,5 Milliarden) entfiel auf sogenannte Risikogewinne - weil die Menschen länger leben, mussten weniger Verträge vorzeitig ausgezahlt werden als bei Abschluss kalkuliert. Den Rest trugen sogenannte Kostengewinne bei - weil es gelang, die Verwaltungskosten unter die Ansätze zu drücken.

Auf Risiko- und Kostengewinne lassen sich aber keine dauerhaften Renditeerwartungen gründen. Neueren Verträgen liegen aktuelle Sterbetafeln zugrunde, und Rationalisierungsmaßnahmen zeigen abnehmenden Grenznutzen. Auch Bewertungsreserven können die Versicherer nicht mehr in großem Umfang realisieren. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin rechnet vor, dass der Zeitwert der Anlagen Ende 2008 nur um 1,2 Prozent über dem Buchwert von rund 720 Milliarden Euro lag.

Immer mehr Versicherte verlieren deshalb das Interesse und steigen aus. Nicht einmal die Hälfte der Verträge hält bis zum Ende der vereinbarten Laufzeit. Die Stornoquote liegt inzwischen bei jährlich 5 Prozent. Das sogenannte Frühstorno im ersten Jahr der Laufzeit erreicht sogar 13 Prozent. Hier gilt: Je höher die vereinbarte Prämiensumme, desto höher die Ausstiegswahrscheinlichkeit.

"Finger weg von Kapitallebensversicherungen"

Das Neugeschäft mit der klassisch langen Laufzeit und monatlichen Einzahlungen ist drastisch eingebrochen. 2009 brachten Verträge mit Einmaleinzahlungen rund vier Fünftel der Neugeschäftsbeiträge. Dabei handelt es sich oft um größere Summen - etwa aus Hausverkäufen oder ausgezahlten Versicherungen -, die in der Regel nur für wenige Jahre bei den Lebensversicherern "geparkt" werden. Der Garantiezins der Versicherer von 2,25 Prozent, die Aussicht auf eine Überschussbeteiligung und die brancheneigene Insolvenzsicherung bilden in Zeiten der absoluten Niedrigzinsen ein attraktives Paket.

Manchem Versicherer ist das Angebot zu attraktiv: "Der Liquiditätsüberhang ist auf Dauer schädlich, drückt das Ergebnis auf Kosten der übrigen Versicherten", bemängelt Provinzial-Vorstand Hanus. Die Provinzial NordWest hat deshalb, ebenso wie die Sparkassen-Versicherung (SV), die Konditionen deutlich verschlechtert.

"Die Renditen, die wir einmal hatten, sehen wir nicht mehr", sagt Manfred Poweleit, Herausgeber des einflussreichen Branchen-Newsletters "map report", "der Zinsgewinn der Kunden hat sich seit 2001 etwa halbiert." Einmal im Jahr errechnet der ehemalige manager-magazin-Redakteur mit seinem Team eine Rangliste der erfolgreichen Lebensversicherer, bewertet nach der erreichten Ablaufleistung für die Kunden.

Seine Analyse erlaubt erstaunliche Einblicke in das Wirtschaften der Versicherer. So reicht die Spanne der für den Außendienst abgezweigten Abschlussprovision von unter 2 bis fast 10 Prozent der Vertragssumme, die Verwaltungskosten verzehren zwischen knapp einem und fast 20 Prozent der jährlichen Prämien. Bei manchen Versicherern kommen dank hoher Risikoprämie am Ende nur 60 Prozent der gezahlten Beiträge in der Vermögensanlage an ( siehe Tabellen im Überblick).

Für die Verbraucherschützer vom Bund der Versicherten ist all dies Grund genug für den radikalen Rat auf ihrer Website: "Finger weg von Kapitallebensversicherungen lautet die Devise." Der Versichertenverein argumentiert mit der großen Intransparenz, die entsteht, weil Risiko- und Kapitalversicherung in einer Police kombiniert werden, und moniert die geringe Rendite. Er gibt Tipps, wie Versicherte aussteigen können oder wann es lohnt, die Beitragszahlung auszusetzen (siehe Kasten links).

Schon berufsbedingt hat Uwe Laue eine ganz andere Sicht der Dinge: Der Vorstandschef der Debeka, eines Versicherungsvereins auf Gegenseitigkeit, der regelmäßig die Rendite-Rennliste des "map-Reports" anführt, relativiert den Renditerutsch: "Wir machen Erfolg oder Misserfolg am erwirtschafteten Realzins fest." Als die Ablaufleistungen noch bei 8 Prozent lagen, argumentiert er, war die Inflationsrate deutlich höher. "2009 hat Debeka den Kunden inklusive Schlussüberschussanteile 5,2 Prozent gutgeschrieben", rechnet Laue vor, "die Anlage rentierte sich real mit gut 4 Prozent." Die Inflationsrate lag im vergangenen Jahr bei 0,4 Prozent.

Der Debeka-Chef räumt ein: "Wenn die Niedrigzinsphase noch zwei oder drei Jahre anhält, geht die Rendite zurück." Dann würden aber auch die Erträge alternativer Anlagen mit hoher Sicherheit weiter fallen.

Das Geschäftsmodell Lebensversicherung, so wie es die Debeka verstünde, rühmt Laue als "hervorragend": Die Rechtsform des Vereins auf Gegenseitigkeit stelle sicher, dass die Überschüsse so hoch wie möglich an die Versicherten weitergereicht würden, eine "langweilige" (Laue) Anlagepolitik, die vor allem auf deutsche festverzinsliche Papiere bester Bonität setze, bringe hohe Sicherheit, und im Vergleich sehr knappe Verwaltungs- und Abschlusskosten ließen viel Spielraum für Ausschüttungen.

Zweifel an der Krisenfestigkeit der Anlagen von Lebensversicherern

Uwe Laue sagt, er persönlich habe noch nie eine Aktie gekauft: "Immer wenn ich Geld übrig hatte, habe ich in Lebensversicherungen investiert." Über 28 Jahre habe er damit im Schnitt fast 6 Prozent Rendite erzielt "und dabei immer ruhig schlafen können".

Die künftige Krisenfestigkeit der Anlagen von Lebensversicherern bezweifelt Ulrich Köster von der Vermögensverwaltung Value Experts: "Wir erleben, dass scheinbar sichere Anlagen doch nicht sicher sind." Er argumentiert, dass sichere Anlagen wie sieben Jahre laufende Bundesschatzbriefe zurzeit unter 2 Prozent rentieren. Wenn die Versicherer davon ihre internen Kosten abzögen, bliebe gerade noch ein Prozent Rendite übrig: "Da bleibt doch nur der Weg in risikobehaftete Anlagen." Er fragt sich, wie viele Griechenland-, Spanien- oder Portugal-Staatsanleihen in den Portefeuilles der Versicherer stecken. Die galten bis vor Kurzem schließlich auch als ausgesprochen sicher.

Nicht nur Köster moniert, dass die Assekuranzunternehmen die Struktur ihrer Anlagen nicht aufdecken müssen - anders als die Großbanken, bei deren Stresstest im Juli die Portfolios offengelegt wurden. "Das ist eine Schwäche in den Bilanzrechtsvorschriften", kommentiert Manfred Poweleit vom "map-Report" die mangelnde Transparenz. Er schätzt den Anteil von Staatsanleihen in den Portefeuilles auf etwa 15 Prozent, mit einem sehr geringen Anteil aus den europäischen Problemländern.

Uwe Laue kann für seine Debeka sagen: "Wir haben so gut wie nichts aus den sogenannten PIGS-Staaten, also Portugal, Italien, Griechenland oder Spanien."

Eine gestiegene Risikoneigung registriert Branchenbeobachter Poweleit bei den Versicherern nicht. "Von Aktien haben die meisten genug, denn die haben mehrere Unternehmen in der großen Krise der Lebensversicherer 2002 an den Rand des Ruins gebracht."

Viele Assekurateure waren spät und teuer in den Dotcom-Börsenboom eingestiegen und hatten dann nach dem Platzen der Blase auch ihre Qualitätsaktien der deutschen Dax-Unternehmen zu Tiefkursen verramscht. Die Buchgewinne aus den jahrzehntelang gehaltenen Dax-Werten mussten die Verluste aus den Internettraumpapieren ausgleichen.

Auch aus Immobilien haben sich die Versicherer weitgehend zurückgezogen. Gerade noch 2 Prozent der Anlagen stecken darin, etwa ein Fünftel des früheren Anteils, schätzt Poweleit. Er beobachtet eine vorsichtige Neigung der Unternehmen, den Anteil wieder aufzustocken: "Vielleicht von 2 auf 2,5 Prozent Anteil an den Portfolios."

Udo Schindler, Vorstand des unabhängigen Vermögensverwalters KSW, ist skeptisch: "Ich frage mich, wie die Lebensversicherer auf Dauer die Garantieverzinsung erwirtschaften wollen."

Fast alle seine Kunden haben mindestens eine Lebensversicherung im Vermögensbestand: "Rund 60 Prozent haben eine Dynamisierung im Vertrag, die keinen Sinn macht" - spätestens bei Restlaufzeiten von weniger als zehn Jahren rechnet sich die Dynamisierung nicht, weil sie wie ein Neuabschluss immer wieder mit Gebühren belegt wird. "Da muss man etwas tun", sagt der Vermögensverwalter und rät seinen älteren Kunden regelmäßig, diese automatische Beitragserhöhung zu kündigen. Kunden mit Policen bei renditeschwachen Versicherern empfiehlt Schindler auch schon mal die Beitragsfreistellung.

"Die Ruhe vor dem Sturm"

Immerhin birgt die starke Gewichtung niedrig rentierender festverzinslicher Wertpapiere für die Zukunft einige Gefahr. Wenn es tatsächlich zum befürchteten Anstieg der Inflationsrate kommt, drücken diese Anlagen auf Jahre das Ergebnis der Versicherer. Denn die engagieren sich auch jetzt in langlaufenden Papieren, um den kleinen Renditeaufschlag mitzunehmen.

Während viele Unternehmen bis heute von hochrentierlichen Wertpapieren profitieren, die sie vor dem Beginn der Niedrigzinsphase Mitte der 90er Jahre ins Portfolio genommen haben, tritt dann der umgekehrte Effekt ein: Wenn am Markt schon wieder - inflationsbedingt - höhere Zinsen gezahlt werden, drücken niedrig rentierende Schatzbriefe dann die Rendite der Assekuranz.

"Die Lebensversicherer müssen wieder stärker in Sachwerte investieren", fordert Provinzial-Vorstand Peter Hanus, "traditionelle Produkte sind allein nicht ausreichend, wenn wir 5 Prozent Inflation bekommen - und damit rechne ich." Er sieht die Versicherer gefordert, Produkte zu entwickeln, die den Kunden gegen Inflation absichern. "Wir haben ein dynamisches Hybridprodukt entwickelt, das traditionelle Anlagen mit fondsgebundenen Investments kombiniert", sagt Hanus, "da garantieren wir das Kapital in Höhe der gezahlten Beiträge und haben einen Inflationsschutz durch die Beteiligung an Sachwerten."

Dabei wird reichlich Überzeugungsarbeit zu leisten sein: Gerade mit fondsgebundenen Policen hatten viele Kunden in den ersten Jahren des Jahrtausends herbe Verluste eingefahren - ohne den von der Provinzial versprochenen Kapitalschutz sind die Produkte praktisch nicht mehr zu verkaufen.

"Außerdem braucht die Branche Produkte mit höherer Flexibilität, sowohl bei den Ein- als auch bei den Auszahlungen", fordert Hanus. Niedrige monatliche Beiträge, mit der Option einzelner Sondereinzahlungen, mehr Möglichkeiten, vorzeitig Kapital ausbezahlt zu bekommen - all das ist attraktiv für Kunden, aber teuer für den Versicherer.

"Moderne Lebensversicherungen" nennt Debeka-Chef Uwe Laue solche Angebote. Vor allem die Möglichkeit, statt der Kapitalleistung am Ende der Laufzeit eine monatliche Rente zu bekommen, überzeugt Kunden. Viele wählen auch die Möglichkeit, gegen eine Einmalzahlung eine im Extremfall sofort beginnende lebenslange Rente zu beziehen. Das ist steuerlich interessant, weil bei der Rentenauszahlung nur auf den festgelegten Ertragsanteil von 18 Prozent Einkommensteuer gezahlt wird.

Kein Zweifel: Die Lebensversicherungsbranche bewegt sich. "Wenn wir noch mit dem klassischen Geschäftsmodell unterwegs wären, würden wir vom Markt verschwinden", sagt Debeka-Mann Laue. Und sein Provinzial-Kollege Hanus sieht gleich den ganzen Markt vor einem Umbruch: "Noch erleben wir die Ruhe vor dem Sturm."

Überblick: Abwärts - für die Versicherten gibt's immer weniger

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.