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Pensionäre: Das süße Leben nach dem Job

Foto: Claudia Kempf

Pensionäre Die Alpha-Rentner

Viele Manager haben Angst vor dem Ruhestand, vor Statusverlust und Langeweile. Doch mit kluger Planung und attraktiven Nebenjobs wird die Rente zur Erfolgsgeschichte.

Rolf Kunisch (69) brauchte ein Hobby. Es sollte eine Jacht werden, denn der ehemalige Vorstandsvorsitzende von Beiersdorf  lebt als Rentner in Überlingen. Das Bodenseeschifferpatent war bestanden, ein Boot ausgesucht.

Aber schon am zweiten Tag an Bord war klar: So wird das nichts. "Das Leben im Hafen ist schrecklich: Man ist eingekeilt zwischen zwei Nachbarn, darf ihren Rotkäppchensekt schlucken, sich über Boote unterhalten und guckt dabei die ganze Zeit gegen eine Kaimauer", erinnert sich der Manager mit Grausen. Also doch keine Jacht für Kunisch. Stattdessen geht er mit Gattin Irma spazieren, schwimmen, in die Sauna, schneidet Rosen oder sitzt einfach in der Sonne.

Doch ein, zwei Mal im Monat unterbricht er die Routine, wird aus dem braun gebrannten Rentner wieder der energische Topmanager. Dann steht er um vier Uhr morgens auf, nimmt das erste Flugzeug nach Hamburg. Es geht zurück zu Beiersdorf oder Maxingvest (vormals Tchibo), wo er als Aufsichtsrat berät, oder zu Oetker, hier sitzt er im Beirat. Dann wird zwei Tage intensiv gearbeitet, Strategien und Visionen werden abgeklopft und abgesteckt. Danach ist er wieder weg.

Ein anregender Wechsel zwischen Aktion und Kontemplation ist es, was Kunisch seit seinem Ausscheiden als Beiersdorf-CEO so geschmeidig dirigiert. Der Mann wirkt beneidenswert ausgeruht, gleichzeitig hellwach und entscheidungsfreudig wie eh und je.

Doch was bei Kunisch spielerisch wirkt, ist für viele Führungskräfte die vielleicht größte Herausforderung ihres Berufslebens: das Ende desselben und die Suche nach dem Neuem. Gerade Managern fällt der Übergang ins Rentnerdasein schwer. "War man vorher qua Amt im Mittelpunkt, ist man plötzlich auf die eigene Person zurückgeworfen. Das ist für viele ein Schock", sagt Hermann Simon (63), Gründer der Unternehmensberatung Simon-Kucher & Partners und seit Kurzem formal Privatier. Tatsächlich hat er noch sein Büro in der Firma und hält Vorträge rund um die Welt.

Auch Kunisch fand es "beschissen, von 130 Prozent auf null zu fallen". Je mehr Verantwortung ein Manager hatte, desto schwerer tut er sich, loszulassen. Die Macht, den Status, die durchgetakteten Tage. "Etwa ein Drittel der Führungskräfte hat schwere Probleme mit dem Ruhestand, denn gerade für erfolgreiche Menschen ist Arbeit ein großer Teil der Persönlichkeit. Mit der Rente verlieren sie vieles, was sie ausgemacht hat", sagt Otto Quadbeck. Der frühere Bankdirektor studierte im Ruhestand Psychologie und forscht seither über das "Empty-Desk-Syndrom" bei Managern - die Leere nach der Pensionierung (siehe Grafik links).

Dann erhält die Lufthansa  verzweifelte Anrufe, ob man nicht den Hon-Status doch behalten könne. Und die einstigen Masters of the Universe stehen in zunehmender Gereiztheit vor dem Haus und warten auf den Chauffeur - bis ihnen einfällt, dass sie keinen mehr haben. Gestern noch Milliarden dirigiert, Konzerne umgebaut - und heute ist da nur ein schwarzes Loch. Es gibt Statistiken, nach denen jede dritte Führungskraft binnen fünf Jahren nach der Pensionierung stirbt. Alphatiere kann man nicht einsperren.

Und so finden sich die wenigsten ab mit dem verordneten Nichtstun. Der Pensionär, der darin aufgeht, seine Stiefmütterchen zu hegen und sein Golf-Handicap zu pflegen, ist vom Aussterben bedroht. "Der Stress für aktive Topführungskräfte ist heute viel stärker als etwa vor 20 Jahren. Für Hobbys bleibt da keine Zeit", sagt der Personalexperte Christian Scholz von der Universität Saarbrücken. "Deshalb fällt es auch schwerer, einfach aufzuhören."

Die Menschen werden immer älter, sie werden immer gesünder älter, und sie wollen länger aktiv sein. Gerade pensionierten Führungskräften bieten sich heute mehr Möglichkeiten denn je, nach dem regulären Jobende weiter das zu machen, was sie immer schon am liebsten taten. Als Aufsichtsräte, Berater oder kundige Helfer in der Private-Equity-Szene sind die Power-Pensionäre gefragt. Ihr Wissen, ihre Erfahrung, ihr Netzwerk wird hoch geschätzt. Aber der Druck ist weg. So gelingt vielen im oft gefürchteten dritten Lebensabschnitt erstmals eine Balance von Arbeit und Freizeit. Das süße Leben nach dem Job.

"Zum ersten Mal seit der Schulzeit ist mein Kopf frei"

Das schönste daran erlebt Rolf Kunisch jeden Tag als Erstes. "Ich wache auf, ohne ständig an Unerledigtes denken zu müssen", sagt er, "zum ersten Mal seit der Schulzeit ist mein Kopf frei."

Mehr als 25 Jahre lang war Kunisch Führungskraft mit Alleinverantwortung, erst bei Procter & Gamble , später bei Beiersdorf, über zehn Jahre bis 2005 als Vorstandsvorsitzender. Je älter er wurde, desto genauer erkannte er, was die Pensionierung aus denen machte, die nur von und für ihren Beruf lebten. Die sich festklammerten am Amt, weil sie ohne zum Niemand wurden. Ihm war klar: "Ich will kein PIP werden - eine Previously Important Person, die nur erzählt, wie wichtig sie mal war, und keine Sau interessiert es. Ich möchte auch jetzt noch etwas Sinnvolles machen."

Zunehmend beobachten Soziologen und Altersforscher, wie sich die scharfe Trennung von Ausbildung, Beruf und Ruhestand auflöst. An ihre Stelle tritt, gerade in der "dritten Lebensphase", eine bunte Mixtur aus Lernen, Freizeit und regulären, ehrenamtlichen oder Teilzeitjobs. So steigt seit Jahren die Zahl der über 55-Jährigen, die noch in Lohn und Brot stehen.

Ein Gesinnungswandel ist da zu beobachten: Arbeit ist nicht mehr nur Broterwerb, sondern Stütze fürs Selbstbewusstsein. Sie bringt Sozialkontakte, festen Tagesrhythmus, geistige Herausforderung. Studien zeigen, dass Menschen mit Arbeit glücklicher sind als Arbeitslose - egal welchen Alters. Forscher haben herausgefunden, dass eine erfolgreiche Jobsuche glücklicher machen kann als die eigene Hochzeit.

Umgekehrt verpufft die vermeintliche Freude über das süße Nichtstun schneller als gedacht. Je früher vor der normalen Altersgrenze und je unfreiwilliger es einsetzt, desto größer ist die Gefahr gesundheitlicher Schäden, hat das Deutsche Zentrum für Altersfragen ermittelt. Denn heute sind 65-Jährige oft so fit wie früher die 55-Jährigen. Kein Wunder: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Lebenserwartung von Männern in Deutschland 45 Jahre - heute liegt sie bei 77 Jahren. In 40 Jahren, das sagen Prognosen, wird ein 60-Jähriger noch weitere 26 Jahre zu leben haben.

Die Unternehmen reagieren darauf: Bosch betreibt seit Jahren den "Bosch Management Support", in dem ehemalige Fach- und Führungskräfte der Firma mit Rat und Tat beispringen. Bei der Postbank  berät ein aus Senioren zusammengesetzter Kundenbeirat die Bank. Es ist höchste Zeit: Bereits 2020 wird es in Deutschland gut vier Millionen weniger Erwerbsfähige geben als heute. Selbst explodierende Geburtenraten können diese Lücke nicht mehr schließen. Künftig wird sich kaum jemand leisten können, auf die Silver Workers zu verzichten.

Die Topleistungsträger stehen naturgemäß an der Spitze der Bewegung. Sie wollen das auch. "Zuerst sind viele happy, dass sie raus sind aus der Tretmühle", sagt Hermann Simon. "Aber wenn sie zu Hause übers Staubsaugerkabel stolpern, dann fühlen sie die Leere."

Diese Gefahr drohte Rolf-E. Breuer (72) nicht wirklich. Nein, Angst vorm schwarzen Ruhestandsloch hatte er nicht, einen Plan für die Zeit nach seinem Ausscheiden als Aufsichtsratsvorsitzender der Deutschen Bank  2006 gab es nicht. "Ich habe so viele Interessen, dass ich sicher war, mir würde nicht langweilig."

"Pflicht und Neigung angenehm verbinden"

Auf der Visitenkarte des Mannes, der wie stets gelassen und geschliffen im rheinischen Singsang parliert, steht heute ganz schlicht "Rolf-E. Breuer". Sonst nichts. Man kennt ihn. Ohnehin würde die schiere Masse seiner Tätigkeiten höchstens auf ein DIN-A4-Blatt passen.

Breuer, der früher begeistert Cello spielte und ein Faible für Bach, Strawinski und moderne Literatur pflegt, ist Multimitglied in diversen Kuratorien und Beiräten rund um die schönen Künste, Kultur und Wissenschaft. Etwa bei den Freunden der Berliner Philharmoniker, bei der Komischen Oper Berlin, der Alten Oper in Frankfurt. Daneben in Gremien der Pinakothek der Moderne, der Museumsinsel Berlin, der Hessischen Kulturstiftung, Vorsitzender des Hochschulrats der Goethe-Universität, Aufsichtsrat im Frankfurter Uni-Klinikum, sowie im europäischen Beraterkreis der Harvard Business School. Um nur das Wichtigste genannt zu haben.

Viele der Mandate stammen aus Breuers aktiver Zeit, und auch heute nimmt er sie für die Deutsche Bank wahr. Das Institut will kulturell Flagge zeigen, da passt ein Feingeist wie Breuer perfekt. Schon als nach der Wiedervereinigung die Komische Oper in ihrer Existenzangst die Banker um Unterstützung bat, sagten die Vorstände: "Das klingt nach Musik, das macht der Breuer." Der sagt, er könne "Pflicht und Neigung angenehm verbinden". Ohnehin seien die Probleme meist die gleichen: Finanzen, strategische Ausrichtung, Markenaufbau.

Wirtschaftliche Aktivitäten hat Breuer bewusst zurückgefahren. Er ist Berater für Oliver Wyman und sitzt, aus alter Verbundenheit zu seinem Freund Reinfried Pohl, im Beirat der Deutschen Vermögensberatung AG. Das war's. "Es macht mir Spaß, mein Wissen und meine Erfahrung in andere Bereiche einzubringen."

Zusammen mit anderen Ex-Vorständen logiert Breuer in einem zweckmäßigen Neubau in Frankfurt unweit der Deutschen-Bank-Türme, sie teilen sich Sekretärinnen und Dienstwagenpool. Zeit für gemeinsamen Lunch bleibt auf dem "Elefantenfriedhof", so die interne Bezeichnung, selten. Breuer schätzt, dass ein Drittel seines Jahres Freizeit ist. Dann reist er (zuletzt nach Patagonien), liest (derzeit Katharina Hackers "Die Erdbeeren von Antons Mutter"), spielt Golf (Handicap 29) oder fährt Ski in Kitzbühel. Und geht, natürlich, oft in die Oper.

Das Geheimnis liegt darin, sich auf den Ausnahmezustand vorzubereiten, meint Psychologe Quadbeck. Wer sich erst am letzten Arbeitstag mit der neuen Situation beschäftigt, vielleicht noch auf Weltreise geht und in dieser kritischen Phase sein Netzwerk vernachlässigt, der läuft Gefahr, am Ende mit leeren Händen dazustehen. Oder sich in Pseudoaktivitäten zu verzetteln, die Bedeutung vorgaukeln, wo nur der leere Terminkalender ist und eine Ehefrau, die mit der neuen Freizeitmasse ihres Gatten nichts anzufangen weiß.

Wie die meckerigen Rentner Waldorf und Statler aus der "Muppets Show" kämen ihm diese Ex-Manager von der traurigen Gestalt zuweilen vor, sagt Personalexperte Scholz. "Die reden überall rein, obwohl ihnen keiner mehr zuhört." Oder sie gehen, wie der ehemalige KarstadtQuelle-Chef Wolfgang Urban, nie ohne zwei Handys aus dem Haus, weil sie auf dem Golfplatz endlich den ersehnten Anruf erwarten, der ihnen eine Beteiligung, einen Aufsichtsratsposten, ein Beratungsmandat verschafft. Hauptsache irgendetwas. Der Loriot-Film "Pappa ante Portas" lässt grüßen.

Selbst die mit ordentlich öffentlichem Aplomb gestartete Bürogemeinschaft von Herbert Walter, Hartmut Mehdorn und seinem Ex-Finanzchef bei der Bahn, Diethelm Sack, weiß noch nicht recht, was werden soll mit den Büroräumen im Hochparterre eines Gründerzeithauses im Frankfurter Westend. Ein bisschen Kunst, eine Pantryküche und vier knallrote Ledersessel stehen in der Manager-WG bereit. Walter berät im Bankendunstkreis, Mehdorn hat als Senior Adviser bei Morgan Stanley angeheuert, und Sack steht der Bahn mit Rat zur Seite. Gemeinsame Projekte, Firmenbeteiligungen etwa, sind angedacht, konkret ist noch nichts. Man befinde sich in der Orientierungsphase, lässt das Trio mitteilen.

Weitaus lebhafter ist die Stimmung bei Hans-Joachim Körber (64), Ex-Vorstandschef der Metro AG. Sein neues Büro liegt 300 Meter von seiner Wohnung in Düsseldorf entfernt, ein edler Altbau, die Königsallee um die Ecke. Am Kopfende des schwarzen Besprechungstisches steht ein brusthohes, dreistöckiges Getränkekarussell mit etwa 30 Spirituosen verschiedenster Herkunft. Körber trinkt Evian, es ist heiß, der Tag noch jung. Von sieben bis acht hat er sich mit seinem Personal Trainer beim Pilates verbogen, seit neun Uhr sitzt er am Schreibtisch.

"Der Leistungsdruck ist weg"

Nach seinem Metro-Ausstieg 2007 versprach er seiner Frau drei Dinge: "Kein operativer Job mehr. Nicht mehr als 50 bis 60 Prozent arbeiten, gemessen an einem Zwölf-Stunden-Tag. Nur tun, was mir persönlich etwas gibt."

Weil er nur noch nach dem Lustprinzip lebt und arbeitet, ist sein neues Lieblingswort "Nein". Nur aus Zwang oder Höflichkeit macht er nichts mehr, keine gesetzten Essen mit oberflächlichen Tischnachbarn, keine politischen Gefälligkeiten, keine falschen Kompromisse.

"Ich muss mir nichts mehr beweisen. Und ich mache nichts mehr nur fürs Geld. Das erweitert den Spielraum ins Unendliche", sagt Körber, "das Blödeste wäre gewesen, einfach das weiterzumachen, was ich bisher gemacht hatte." Er wollte nicht seine Freizeit optimieren, sondern seine Lebensqualität. Körber macht jetzt öfter Urlaub, bestieg den Kilimandscharo und nahm an einer Expedition zum Nordpol teil. Sein Freundeskreis hat sich vergrößert, die Entschuldigung "Keine Zeit" gibt es ja nicht mehr. Und sein Enkel kam just in der Minute zur Welt, als er mit Eckhard Cordes seinen Ausstieg bei der Metro unterschrieb. Trotzdem: Arbeit ist sein liebstes Hobby.

Also sagt er "Ja", wenn junge Leute seinen Rat brauchen. Überzeugt ihn ein Projekt, steigt er ein. So wurde er Teilhaber einer Bananenplantage in Indien - geführt von jungen Schweizern. Und er ist Aufsichtsrat bei Air Berlin  und Wepa. Doch weil er zu viel Deutschland langweilig findet, pflegt er auch internationale Mandate: bei Sysco in den USA und Esprit in Hongkong.

Wie andere profitiert Körber davon, dass die Betätigungsfelder für Topmanager a. D. in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden sind. So wächst etwa der Bedarf an Aufsichtsräten (AR) -, die schon 2006 im Schnitt 57 Jahre alt waren, die Vorsitzenden sogar 66 Jahre.

"Vor dem Hintergrund gestiegener Corporate-Governance-Anforderungen fahren viele die Zahl ihrer Mandate herunter", sagt Personalberater Florian Schilling, in der Branche bekannt als AR-Doyen. Der Kodex empfiehlt eine Beschränkung auf drei AR-Posten - vorbei die Zeiten eines Hermann Josef Abs, der es auf sagenhafte 24 brachte. "Zudem steigt der Druck auf aktive Manager, sich auf ihr Geschäft zu konzentrieren und externe Mandate zu reduzieren. Das schürt die Nachfrage."

Und noch etwas ist anders. Früher war Aufsichtsrat ein Posten auf Lebenszeit, in dem man möglichst nicht durch ein Übermaß an Aktivität oder kritische Fragen aufzufallen hatte. "Heute suchen die Firmen Branchenexpertise und scheuen sich auch nicht, jemanden rauszuwerfen, der nichts leistet", sagt Schilling. Das prestigeträchtige Ehrenamt hat sich zur Profession gewandelt, und mit ihm die Bezüge: Um die 100.000 Euro bekommt ein einfaches AR-Mitglied im Dax , der Vorsitzende das Drei- oder Vierfache.

Dennoch spielt das Geld für Fritz Fröhlich (68) eine untergeordnete Rolle. In mehr als 30 Jahren in Toppositionen, zuletzt als Finanzvorstand bei Akzo Nobel , hat er genug verdient, um sich seiner Kunstsammlung zu widmen, mit seiner Frau die über die Welt verstreuten drei Söhne zu besuchen, zu schwimmen, zu tauchen oder den lieben Gott in seinem Haus in Südfrankreich einen guten Mann sein zu lassen. Doch Fröhlich, blaue Augen und weißer Stoppelschnitt, ist Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen; schon als Student managte er einen Jazzkeller. Müßiggang kommt in seinem Sprachschatz nicht vor. "Die internationale Tätigkeit, die Entscheidungen, das Treffen interessanter Menschen, all das hätte mir gefehlt."

Deshalb arbeitet Fröhlich heute in nicht weniger als acht Aufsichtsräten in drei Ländern, bei Randstad und Altana  sogar als Vorsitzender. Gerade sitzt er im "Maritim-Hotel" in Düsseldorf, auf dem Sprung nach Duisburg, wo die Altana-Hauptversammlung morgen den Squeeze-out beschließen wird. Fröhlich als Versammlungsleiter muss genau darauf achten, dass alles regelkonform abläuft, sonst hat Hauptaktionärin Susanne Klatten eine Anfechtungsklage am Hals - und Fröhlich ein Problem. "Das grenzt schon wieder an Stress", lacht er im schnörkellosen Ruhrpott-Sound. "Aber ich mag die Kombination von Börse und privatem Großinvestor. Eine tolle Mischung aus Spannung und Stabilität."

Seine Termine managt Fröhlich per iPhone und aus dem kleinen Home-Office unterm Dach; der Chauffeur wurde ersetzt durch Frau Rose, eine Taxifahrerin aus Wuppertal, die quasi rund um die Uhr für den rastlosen Mann mit der Schwimmerfigur fährt: "Ist billiger als Fliegen." Sicher, er brauche das Gefühl, gebraucht zu werden, Dinge beeinflussen zu können. "Aber der Leistungsdruck ist weg, weil ich nicht mehr operativ für das Ergebnis verantwortlich bin."

Ob Peter Strüven (61) in seinem künftigen Ruhestandsjob weniger Druck haben wird, ist dagegen längst nicht ausgemacht. Der ehemalige Deutschland- und Asien-Chef der Boston Consulting Group (BCG) liebt die hohe Drehzahl, seit 33 Jahren ist er Berater. Jetzt, findet er, ist es Zeit für den Absprung: "Je später man aufhört, desto schwieriger wird es, etwas Neues zu beginnen." Angst vorm leeren Schreibtisch quält den distinguierten Strüven nicht, "aber ich habe Respekt davor, wie sich die Routine durch die größere Selbstbestimmung ändern wird".

"Ich brauche immer was zu tun"

Seit Längerem schon plant Strüven einen fließenden Übergang: Ab 2011 wird er BCG noch für zwei Jahre als Senior Adviser erhalten bleiben; die Firma zahlt ihm dann kein Gehalt, sondern Tagessätze. Schon jetzt fungiert er auch als Berater für den Private-Equity-Fonds Navis Capital, der sich mit 2,5 Milliarden Euro gemanagtem Kapital vor allem auf Asien konzentriert.

Das passt gut, denn Strüven hat das Asien-Geschäft für BCG aufgebaut, die Fondsmanager sind ehemalige Kollegen. Auch seine politischen Aktivitäten würde der Berater, der eng mit dem Wirtschaftsrat der CDU zusammenarbeitet, gern ausbauen. Wie andere Aktivrentner rechnet Strüven nicht wirklich damit, dass die Arbeitslast rapide absinkt. "Ob ich mehr Freizeit haben werde, kann ich noch nicht sagen. Mit Sicherheit aber mehr Freiheit."

Noch sind Strüvens Planungen eher vage, und das mit Absicht. Denn so wichtig Vorbereitung auch ist: Studien zeigen, dass die Schwierigkeiten, im neuen Unruhestand anzukommen, abnehmen, je höher jemand in der Hierarchie rangiert. Einmal gefragt, immer gefragt. Und um eine Sache muss sich Strüven tatsächlich keinen Kopf machen: den Status. Vorstandsbrimborium wie Vorzimmer, Chauffeur und separaten Speiseraum gibt es bei den Beratern ohnehin nicht. So wird sich wenig ändern: Auch als Private-Equity-Mann wird Strüven weiter mit Blackberry, Laptop und Trolley unterwegs sein auf den Flughäfen dieser Welt. Wie jetzt auch schon.

Mit solch schnörkelloser Rolle tun sich langgediente Vorstände oft schwer. Dabei ist gerade in der Private Equity der Bedarf an den sogenannten Senior Advisern in den vergangenen Jahren explodiert. So arbeitet etwa Ex-Jägermeister-CEO Hasso Kaempfe für EQT; der ehemalige Bertelsmann-Vorstand Arnold Bahlmann heuerte 2003 bei Permira an. Fieberhaft sucht die Branche nach interessanten Übernahmeobjekten und natürlich auch Aufsichtsräten. Auch hier wird jedoch vor allem Branchen- und Fachkenntnis gefordert - der klassische Türöffner mit dickem Telefonbuch ist nicht mehr angesagt. Dafür winken im Erfolgsfall üppige Gewinne.

Nicht einen Cent verdient hingegen Josef-Albert Beckmann (77), wenn er andere Unternehmen neu strukturiert. Er engagiert sich beim Senior Experten Service (SES). Die Stiftung schickt berufs- und führungserfahrene Pensionäre ehrenamtlich ins Ausland, damit sie dort kleinen und mittelständischen Betrieben zur Hand gehen - mit deutscher Erfahrung und Gründlichkeit. Fünfmal war der ehemalige Inhaber und Geschäftsführer der Ibena Textilwerke auf mehrwöchigen Einsätzen in Äthiopien bei der "Nazareth Garment Share Company", dem mit etwa 600 Mitarbeitern wohl größten Bekleidungsbetrieb des Landes.

Als Beckmann vor drei Jahren zum ersten Mal anreiste, war die Firma ein Hort der Fröhlichkeit, aber auch der Ineffizienz: "Kein Rechnungswesen, keine IT, keine Zuständigkeiten. Und nur einen ausländischen Kunden. Ich habe erst mal die Stärken und Schwächen der Fabrik herausgearbeitet. Der Geschäftsführer war sehr überrascht", sagt Beckmann.

Ist der Deutsche nicht vor Ort, arbeitet er von zu Hause weiter: Er nutzt seine Kontakte, um neue Auftraggeber für die afrikanischen Näharbeiten zu finden, oder verhandelt mit Logistikfirmen. Beckmann ist Unternehmer durch und durch, das Modell eines ruhigen Altenteils existiert für ihn nicht. "Ich brauche immer was zu tun", sagt er. "Wenn mich jetzt jemand fragt, was ich mache, sage ich: Ich bin Entwicklungshelfer."

Beckmann nutzt die Freiheit des Ruhestands, um sich für Wochen aus dem deutschen Leben auszuklinken und wohltätig zu sein. Für andere Rentner bedeutet Freiheit, protokollfrei weiterarbeiten zu können; wieder andere verbringen mehr Zeit mit der Familie. Alle haben ein Ziel: Die Mitte finden zwischen neuem Leben und alter Passion. Im letzten Drittel bleibt keine Zeit für Fehler.

"Das Gefühl, es ist 11 Uhr morgens und du hast drei Krisen bewältigt, das fehlt jetzt natürlich", sagt Rolf Kunisch, "aber es ist kompensierbar." Durch die Aufsichtsratsmandate. Sein Engagement für eine Schule in Indonesien. Durch drei Töchter und fünf Enkel, zwischen denen er fast jedes Wochenende pendelt. Durchs Klavierspiel.

Aber vor allem durch die Gewissheit, immer Vollgas gegeben zu haben und im richtigen Moment ausgestiegen zu sein: Um mit Würde zu gehen, mit der Kraft, das zu tun, wonach das Herz verlangt. "Wenn auf meinem Grabstein steht ,Er hat viel Nivea verkauft', reicht das nicht. Da sollte noch stehen: ,... und hat sich um ein paar Leute gekümmert.'"

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