Samstag, 30. Mai 2020

Energie Welt ohne Öl

Erdöl: Wie eine Ökonomie ohne Öl funktionieren könnte
Osterwalder's Art Office

4. Teil: Siegeszug der weißen Biotechnologie

Die Chemiebranche dagegen hängt total am Petroleum. Mehr als 90 Prozent ihrer Produkte gewinnen BASF Börsen-Chart zeigen, Bayer Börsen-Chart zeigen und Co. aus Mineralöl.

BASF-Vorstandschef Jürgen Hambrecht hat denn auch schon mal prüfen lassen, ob sich die Kohleverflüssigung nach Fischer und Tropsch auch für sein Unternehmen lohnen könnte - wenn importierte Steinkohle auf dem Rhein bis nach Ludwigshafen geschippert würde.

Bei den derzeitigen Ölpreisen erwies sich der wilhelminische Prozess als völlig unwirtschaftlich. Sollte der Ölpreis aber dauerhaft Werte jenseits von 100 Dollar pro Fass erreichen, mag die Kalkulation zu anderen Ergebnissen führen.

Einstweilen treibt die BASF eine modernere Alternative voran: die Nutzung regenerativer Rohstoffe. Der Petrochemieriese produziert zum Beispiel biobasierte Kunststoffe, zwar noch in geringen Mengen, aber mit hohen Wachstumsraten. Auch mit Übernahmen sucht er die Basis bei biotechisch erzeugten Produkten zu verbreitern. Die zugekaufte Cognis stellt vorwiegend auf Basis nachwachsender Ressourcen Grundstoffe für die Kosmetikindustrie her.

In der weißen Biotechnologie, die mithilfe von Enzymen oder Mikroben aus Pflanzen Biobenzin, Kunststoffe oder Medikamente herstellt, sehen Experten die Zukunft der Chemie. Eine EU-Studie sagt voraus, dass Biotechnik 2030 rund ein Drittel aller global erzeugten Produkte liefern wird. Steigende Ölpreise würden den Umstieg beschleunigen.

Ob Holzpellets oder Biotech - die privaten Haushalte und die petrointensive Industrie könnten sich mit heute verfügbarer Technik weitgehend aus der Ölabhängigkeit befreien. Auch wenn es große Investitionen und radikal veränderte Geschäftsmodelle erfordert: Ein Ausstieg scheint zumindest möglich.

Ganz anders der Transport. Für die Mobilität von Personen und Waren - jenem Bereich, der fast allein die weltweite Petroleumnachfrage treibt - sind die Alternativen zu Benzin, Diesel und Kerosin bestenfalls im Erprobungsstadium.

Die futuristische Tankstelle im Industriegebiet Lohhof im Norden von München liegt abgeschirmt hinter dicken Metallgittern. Nur eine Codekarte öffnet das Tor für Wasserstofffahrzeuge.

Schließlich ist die Technik, die Linde Börsen-Chart zeigen hier auf Alltagstauglichkeit testet, sehr anspruchsvoll. Der flüssige Wasserstoff in dem acht Meter hohen Vorratstank muss bei minus 253 Grad gespeichert werden. Vor dem Tankvorgang wird der Flüssigwasserstoff dann verdampft, in einer Kompressorstation auf passenden Druck gebracht, um zuletzt in drei Minuten an der Zapfsäule den Tank zu füllen.

Auch die Infrastruktur für einen emissionsfreien Wasserstoffverkehr - mit Ökostrom betriebene Elektrolysefabriken und ein engmaschiges, internationales Tankstellennetz - steckt erst im Aufbau. Deshalb ist das Fahren mit Wasserstoff derzeit noch um ein Vielfaches teurer als mit Benzin. Erste serienreife Autos, darunter eine modifizierte B-Klasse von Mercedes, sollen 2015 auf den Markt kommen.

Dennoch ist Linde-Chef Wolfgang Reitzle überzeugt: "Der umweltfreundliche Energieträger Wasserstoff" könne in Zukunft einen "wichtigen Beitrag leisten", um die Ölabhängigkeit zu mildern ( siehe Interview).

© manager magazin 8/2010
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