Sonntag, 31. Mai 2020

Energie Welt ohne Öl

Erdöl: Wie eine Ökonomie ohne Öl funktionieren könnte
Osterwalder's Art Office

2. Teil: "Die Zeiten billigen Öls sind ein für alle Mal vorbei"

Erholt sich zudem die Weltwirtschaft von ihrem jüngsten Absturz so schnell, wie es sich im Frühjahr 2010 abzeichnete, steigt bei rückläufigem Angebot die Nachfrage für Petroleum. "Dann könnten 80 Dollar pro Barrel wohl eher an der unteren Grenze sein", prophezeit Birol. Eine Preisexplosion wie im Juli 2008, als das Fass plötzlich knapp 150 Dollar kostete, ist nicht mehr auszuschließen.

Zumal der Aufwärtstrend laut Birol anhalten wird: "Die Zeiten billigen Öls sind ein für alle Mal vorbei." Mit allen negativen Auswirkungen auf die globalisierte Wirtschaft - Kostenexplosion, Produktionsrückgang, Arbeitslosigkeit.

"Wir müssen endlich aus der Abhängigkeit vom Öl aussteigen", fordert Professor Claudia Kemfert. Laut der Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung soll der globale Ölverbrauch in den nächsten 20 Jahren durch eine effizientere Ressourcenverwendung und Alternativtechnologien zumindest nicht weiter steigen. "Gelingt uns die Energiewende nicht, stürzen wir in eine weltweite Rezession, die sich gewaschen hat", warnt die Ökonomin.

Kemferts Szenario ist keineswegs unrealistisch. Die globale Ölnachfrage steigt wegen des rasant wachsenden Bedarfs der aufstrebenden Staaten - allen voran China und Indien - kräftig an. Wirtschaftet die Welt weiter wie bisher, schnellt der Bedarf laut IEA bis 2030 auf mehr als 105 Millionen Barrel pro Tag hoch - ein Viertel mehr als heute.

Die Förderung kann, wenn überhaupt, nur mühsam Schritt halten. Die konventionellen Quellen versiegen allmählich. Im riesigen Feld Cantarell in Mexiko etwa kann statt wie erhofft der Hälfte des dort vorhandenen Öls gerade einmal ein knappes Drittel gefördert werden.

Viele Ölstaaten erleben in diesem Jahr den Höhepunkt ihrer Produktion. Die Organisation erdölexportierender Länder (Opec) verfügt zwar noch über größere Reserven, doch steigt damit die Abhängigkeit der industrialisierten Welt von den zum Teil politisch instabilen Staaten. Und selbst die Vorräte der Opec halten nicht ewig. Spätestens 2020 wird der Wendepunkt in der Produktion auch nach den konservativen IEA-Schätzungen weltweit erreicht sein.

Bereits heute steht fest, dass die derzeit aktiven Ölfelder 2030 gerade noch ein Drittel des weltweiten Bedarfs liefern (siehe Grafik links oben). In die Erschließung neuer Vorkommen aber wird seit Jahren wegen der extremen Schwankungen des Ölpreises zu wenig investiert - gerade hat die globale Finanzkrise der Exploration einen weiteren empfindlichen Dämpfer verpasst.

Und nun auch noch das BP-Desaster. Die Unmengen Öl, die Tag für Tag aus dem Leck der Tiefseebohrung Deepwater Horizon schießen, zerstören nicht nur die Natur. Sie vernichten auch die Illusion, die globale Ökonomie könne sich dauerhaft auf ergiebig und kostengünstig sprudelnde neue Quellen verlassen.

Stattdessen muss die kostbare Ressource mit großem Aufwand und enormen Risiken erschlossen werden. Die Technologien, mit denen die vor allem noch in der Tiefsee vorhandenen Reserven angezapft werden sollen, sind weit weniger verlässlich, als die Ölmultis bislang glauben machten. Heute gestehen Experten, dass Bohrungen in mehreren Tausend Metern Tiefe wegen des riesigen Drucks und der extremen Temperaturen unkalkulierbare Gefahren bergen.

Auch die Erschließung anderer unkonventioneller Vorkommen - etwa der Teersände Kanadas, der Ölschiefer in den USA, Russland und Brasilien oder des Schwerölvorrats im venezolanischen Orinoco-Gürtel - erweist sich als extrem aufwendig und umweltschädlich. Die Extraktion raffinierbaren Öls aus Teersand in Alberta etwa verbraucht so viel Energie, dass die Kanadier bereits den Bau eines Atomkraftwerks erwägen.

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