Freitag, 19. Juli 2019

Kik-Besitzer Stefan Heinig Ramsch ist sein Leben

Kik, Tedi, Woolworth: Deutschlands Ramschkönig
KiK

5. Teil: Die Woolworth-Übernahme

Nur wenige Freunde machte sich Heinig mit seinem jüngsten Coup, der Übernahme von Woolworth. Im Januar 2010 gehörte Heinigs Obergesellschaft H. H. Holding zum Kreis der vier ernsthaften Interessenten.

Heinig war neben drei Finanzinvestoren der einzige Bewerber aus der Branche. Entsprechend großspurig trat er bei Insolvenzverwalter Ottmar Hermann (59) in Frankfurt auf - "ganz so, als gehöre ihm Woolworth Börsen-Chart zeigen bereits", erinnert sich ein Teilnehmer der Runde.

Doch ein förmliches Bieterverfahren, bei dem er auch noch den Kaufpreis vorab hätte hinterlegen müssen, war nicht nach Heinigs Geschmack. Er mag es gar nicht, wenn andere die Regeln vorgeben. Also stieg er offiziell aus dem Verfahren aus.

Ende April schloss der Insolvenzverwalter vorläufige Verträge mit den drei verbliebenen Interessenten ab und unterbreitete die Angebote dem Hauptvermieter von Woolworth, dem Private-Equity-Fonds Cerberus. Doch überraschenderweise weigerten sich die Cerberus-Leute, ihre Zustimmung zu geben.

Warum, stellte sich bald heraus. Am Insolvenzverwalter vorbei hatte sich Heinig mit Cerberus geeinigt. Die Fondsgesellschaft stellte Hermann vor die Wahl, mit Heinig abzuschließen - oder Woolworth abzuwickeln.

Nicht die feine Art, aber aus Heinigs Sicht effizient. Den leer ausgehenden Bewerbern blieb nicht viel mehr, als ihren Unmut auszudrücken. Sie hatten schon viel Arbeit und Geld in ihre Konzepte investiert.

Woolworth-Geschäftsführer Heinz Thünemann (47), der nach der Insolvenz von Hermann engagiert worden war und die Firma ein Jahr lang vorsaniert hatte, verließ das Haus. Nun soll Heinigs Spezi Schindel den Filialisten weiterentwickeln - auf bis zu 1000 Läden.

Doch die Traditionsmarke Woolworth ist etwas anderes als Kik oder Tedi. So staunte Heinig über den hohen Umsatz, als er die Woolworth-Filiale in Frankfurt-Sachsenhausen besuchte. Die Erlöse je Quadratmeter sind weit höher als bei Kik, wo der Filialumsatz im Krisenjahr 2009 auch noch schrumpfte. Dafür liegt der Rohertrag bei Woolworth dramatisch unter den 60 Prozent von Kik.

Heinig ahnt, woran Woolworth zugrunde gegangen ist. Er fand dort eine Packung der Pralinenmarke Toffifee, die für einen Euro (einschließlich Mehrwertsteuer) verkauft wurde, aber bereits 91 Cent netto im Einkauf gekostet hatte. Rohertrag: zwei Cent, Deckungsbeitrag: deutlich negativ. Dieses Beispiel hält er allen Einkäufern vor Augen.

Riskant wird es, wenn Schindel, wie allgemein erwartet wird, das bereits von einst 175.000 auf nun weniger als 30.000 Artikel reduzierte Sortiment weiter einschränkt. Stammkunden, die gern ihre gewohnten Verbrauchsartikel wiederfinden, könnten verprellt werden.

Das Ausräumen geht schon los. Das gerade von Thünemann eingeführte Sportsortiment "Jump and Run" soll wieder verschwinden. Marken, wie sie bei Woolworth derzeit noch zu finden sind, wird Heinig auf Dauer nur dulden, wenn sie so hohe Erträge wie sein Kik-Sortiment bringen - also als billig erstandene Postenware oder wenn sie ihm selbst gehören, wie etwa Ergee.

Wenn es Heinig gelingt, mit Woolworth die angepeilte Größe von 500 oder gar 1000 Filialen in Deutschland zu erreichen und lukrativ zu führen, ist dem Discountpionier - Diplomatie hin, Image her - der Platz in der Ruhmeshalle des deutschen Einzelhandels nicht mehr zu nehmen.

Aufhören zu arbeiten wird der Rastlose auch dann nicht. Denn: Ramsch ist sein Leben.

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