Freitag, 15. November 2019

Kik-Besitzer Stefan Heinig Ramsch ist sein Leben

Kik, Tedi, Woolworth: Deutschlands Ramschkönig
KiK

3. Teil: Gnadenloser Druck auf die Lieferanten

Das Billigkonzept schlug ein. Nach zwölf Monaten hatte Kik bereits 115 Filialen, sieben Jahre später 1000, Ende 2010 werden es 3000 sein. 1998 kam der Grenzübertritt nach Österreich, 2007 nach Tschechien und Slowenien, 2008 nach Ungarn und in die Slowakei. Wachstumsbedingt wurden Verwaltung und Lager mehrmals umgesiedelt, zuletzt 2001 ins westfälische Bönen.

Vom - selbstredend - knallroten Logistikzentrum aus, verkehrstechnisch ideal am Kamener Kreuz gelegen, wird das komplette Filialnetz in Deutschland und Südosteuropa beliefert. Die langen Wege sind zwar etwas teurer, rechnet Heinig vor, aber dafür muss man die in Bönen - meist vom Hafen Bremen - ankommende Ware nur einmal anfassen.

Bei aller perfekten Theorie ärgert ihn immer irgendetwas, wenn er durchs Lager geht. Zum Beispiel, dass die an die Filialen hinausgehenden Paletten nicht hoch genug beladen sind. Das sei verschenkter Lkw-Raum, macht er dem Logistikleiter freundlich klar. Im Ton kommt Heinig kumpelhaft herüber, in der Sache unmissverständlich.

Besonders stark mischt er sich in die Beschaffung ein. Er kaufte aus der Insolvenz die Strumpfmarke Ergee, für die er in der Türkei produzieren lässt. Und er erwarb billig den gesamten Warenbestand aus dem Leipziger Zentrallager des insolventen Versenders Quelle.

Der Cent-Fuchser weiß auch genau, wie viel ein T-Shirt aus Bangladesch kosten darf. Wenn ihm das Angebot zu teuer ist, schickt er den Einkäufer noch einmal los, zum nächsten Fabrikanten. Der gnadenlose Druck auf die Lieferanten führt dazu, dass Kik eine Rohertragsmarge von fast 60 Prozent erzielt. Vom Nettoverkaufspreis muss Kik also nur etwa 40 Prozent für die Beschaffung ausgeben.

Das Einkaufsgebaren hat eine Kehrseite, die Heinig immer wieder Ärger eintrug. So wurde er für angeblich unmenschliche Arbeitsbedingungen in seinem Hauptbeschaffungsland Bangladesch verantwortlich gemacht.

Zwar verpflichtet seit 2006 ein Kik-eigener "Code of Conduct" die Hersteller auf gewisse Mindeststandards. Allerdings gilt der Verhaltenskodex als nicht sehr streng. Seit 2007 arbeitet Kik mit der Otto-Versand-Tochter Systain zusammen, die die Beschaffungswege transparent macht. Es sei wichtig, einen "starken Partner" zu haben, so Heinig, "da man nicht überall selbst hingucken kann".

Nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten, auch Gewerkschafter haben sich auf Heinig eingeschossen. Von Verdi ermutigt, zogen einige Aushilfen vor den Kadi. Das Landesarbeitsgericht Hamm befand, die von Kik gezahlten 5,20 Euro je Stunde seien sittenwidrig, und verurteilte die Firma zur Zahlung von 8,21 Euro.

Anstatt den Richterspruch schamhaft und still zu akzeptieren, kam Heinig einmal aus der Deckung heraus. Gericht und Verdi hätten den Mitarbeiterinnen geschadet, rechnete er öffentlich vor. Denn da die Minijobberinnen durch die erzwungene Lohnerhöhung die Geringfügigkeitsgrenze von 400 Euro monatlich überschritten, mussten sie alles versteuern und auch Sozialabgaben nachzahlen - mit dem Ergebnis, dass ihnen netto statt zuvor 5,20 nun lediglich zwischen 3,20 und 3,50 Euro pro Stunde blieben. Dass die Mitarbeiterinnen im Gegenzug renten-, arbeitslosen- und krankenversichert waren, erwähnte er nicht.

Zwar ist schlechte Bezahlung kein Alleinstellungsmerkmal von Kik, sondern bei Discountern weit verbreitet. Doch ausgerechnet der bisweilen ungelenke Heinig hatte wieder einmal das Klischee des hässlichen Unternehmers bedient. "Rückkehr der Lohnsklaverei", befand das Fernsehmagazin "Panorama".

Weit mehr noch schmerzte Heinig allerdings, dass auch die örtliche Presse auf ihn einschlug. Er hatte gemeint, Gutes zu tun, als er über die Arbeitsagentur des Landkreises Unna Langzeitarbeitslosen ein Praktikum bei Kik anbot. Zwei Drittel von ihnen seien anschließend in der Firma geblieben, berichtete er hinterher stolz. Doch die Lokalzeitung "Hellweger Anzeiger" titelte "Das ist moderner Sklavenhandel", weil Heinig die Praktikanten mit Einkaufsgutscheinen von Kik anstatt mit Bargeld honoriert hatte.

Wenn dann noch Berichte über Rückrufe gesundheitlich bedenklicher Kik-Ware kommen, ist das Negativbild komplett. Immerhin hat Heinig in Bönen eine gut 30-köpfige Qualitätssicherung installiert. Die Ware wird Press- und Reißtests unterzogen, in Dauerwaschgängen traktiert und chemisch analysiert, um Meldungen wie "Schadstoff in Babylätzchen" künftig zu vermeiden.

© manager magazin 8/2010
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