Merckle Wie Phoenix aus der Asche

Nach dem Verkauf von Ratiopharm an Teva ist Ludwig Merckle befreit von der Schuldenlast und wieder Herr im eigenen Haus. Kann der neue Clanchef jetzt an frühere Erfolge des Familienimperiums anknüpfen?
Wieder Herr im Haus: Ludwig Merckle ist nach der Beinahepleite mehr geblieben als erhofft

Wieder Herr im Haus: Ludwig Merckle ist nach der Beinahepleite mehr geblieben als erhofft

Foto: DPA

Ludwig Merckle ist nicht unbedingt bekannt dafür, dass er seine Gemütslage bereitwillig preisgeben würde wie eine Lawine den Schnee. Auch neigt der 45-jährige Erbe des Merckle-Imperiums nicht dazu, selbst über elementare Ereignisse viele Worte zu verlieren. An diesem Donnerstag Mitte März aber muss er aus sich herausgehen.

Gerade hat er den Verkauf des Pillenkonzerns Ratiopharm besiegelt. Kurz darauf lässt Merckle etwa 50 Topführungskräfte von Ratiopharm in der Ulmer Firmenzentrale zusammenrufen.

Ein schwieriges Jahr liege hinter ihm, erklärt der schwäbische Familienunternehmer sichtlich bewegt. Zunächst habe er den dramatischen Tod des Vaters verkraften müssen. Dann habe es den Streit mit seinem Bruder Philipp (43) gegeben - man erinnert sich: Der hatte sich von der Familie losgesagt und in Gazetten und im Fernsehen das Tun des Vaters und Ludwigs angeprangert. Und nun, so Ludwig Merckle weiter, müsse er sich obendrein von Ratiopharm trennen.

Der Abschied fällt schwer, bis heute. Schließlich war Ratiopharm die Keimzelle des merckleschen Konglomerats. Auch hat er selbst die Firma acht Jahre lang geführt. Wenn er es in der Hand gehabt hätte, so bedauert Merckle zuweilen, dann befände sich die Arzneimittelfirma noch immer in seinem Besitz.

Doch Anfang 2009 hatte die Merckle-Gruppe vor dem Crash gestanden. Patriarch Adolf Merckle reichte es nicht mehr, Pillenkönig zu sein, er wollte mit geliehenen Milliarden auch einer der größten Zement-Tycoons der Welt werden. Die Finanzkrise sorgte dafür, dass er seine hochriskante Wette verlor.

Deshalb mussten die gut 60 Gläubigerbanken die Merckle-Gruppe fast komplett unter die Kuratel von Treuhändern stellen (siehe Kasten links). Darum drängten sie auf den Verkauf des prächtigsten Stücks im Merckle-Reich. Bei der Linie blieben die Banken auch, als sich die Lage entspannte - sicher ist sicher. Ludwig Merckle konnte kaum mehr tun, als das Geschehen aus einer "30.000-Fuß-Perspektive" (ein Beteiligter) zu begleiten.

Seit dem 10. August aber ist Schluss mit Bankenfesseln und Überflugdistanz. An diesem Tag wurde der Eigentümerwechsel bei Ratiopharm vollzogen; Erwerber Teva  hat 3,6 Milliarden Euro überwiesen. Damit kann Merckle den Rest der Altschulden begleichen. Und ist wieder Herr im eigenen Haus.

Dort gibt es reichlich zu gestalten. Trotz des Ratiopharm-Verlusts ist Merckle mehr geblieben, als er zwischenzeitlich hoffen konnte.

Merckle muss Macherqualitäten beweisen

Europas zweitgrößter Arzneihändler, Phoenix  - versehen mit frischer Finanzierung -, gehört zum Portfolio. Ebenso ein schuldenfreies 24,4-Prozent-Paket der Dax-Firma HeidelbergCement . Außerdem der Pistenraupenhersteller Kässbohrer, einige kleinere Firmen und jede Menge Wald. Gesamtwert: rund fünf Milliarden Euro.

Ludwig Merckle, an der Seite des Vaters unternehmerisch eher unauffällig, muss nun Macherqualitäten beweisen. Ein Familienunternehmen, das mit einst 38 Milliarden Euro Umsatz zu den größten und erfolgreichsten in Deutschland zählte, steht vor dem Neustart.

Wie wird Ludwig Merckle die neu gewonnene Freiheit nutzen? Hat er das Zeug dazu, an den einstigen Erfolg des Vaters anzuknüpfen?

Einige Vorübungen hat er schon absolviert. In der Familie hat der gelernte Wirtschaftsinformatiker bereits seit Mai vergangenen Jahres das Sagen. Mutter Ruth (73) hält sich seitdem aus dem Geschäftlichen weitgehend heraus, verbringt die meiste Zeit auf dem Landgut Hohen Luckow in Mecklenburg-Vorpommern. Bruder Philipp kümmert sich um zwei eigene Unternehmen (siehe Fotostrecke links). Und die übrigen Geschwister hatten schon zu Lebzeiten des Vaters kaum etwas mit der Firma zu tun.

Während der Bankenherrschaft hat der Clanchef auch unternehmerisch erste Pflöcke gesetzt. Merckle ging es vorrangig darum, von den Geldhäusern unabhängig zu werden. Er wolle nie wieder in eine Schuldenfalle laufen, "das ist sein Credo", sagt ein Merckle-Mann.

Dem Ziel hat Merckle bislang alle anderen Interessen untergeordnet. Beharrlich bis an die Grenze der Demut hat er sich der Macht der Gläubigerbanken gebeugt. Stets ist er leise geblieben, hat wenig gebockt. Freilich nur, um die Bande am Ende wieder loswerden zu können.

Dem Einsatz von Treuhändern und externen Sanierungsexperten (neudeutsch: Chief Restructuring Officers, CROs) bei seinen größten Firmen hat Merckle ohne Zögern zugestimmt. Und dies, obwohl die Kandidaten kaum seine Wahl waren und er in ihnen anfangs "U-Boote der Banken" vermutete. Selbst für ihn harte Verfügungen der Verwalter hat Merckle hingenommen. Diese loben deshalb unisono: "Die Zusammenarbeit war reibungslos."

Merckle ist verantwortungsbewusst, wie ein erstgeborener Sohn nur sein kann. Jegliche Allüren sind ihm fremd.

Ganz im Gegensatz etwa zu Bruder Philipp. Der stellte, bevor er Mitte vergangenen Jahres seine Büroräume in der Ulmer Ratiopharm-Zentrale aufgeben musste, seine schwarze S-Klasse-Limousine gern morgens direkt vor der Eingangstreppe ab. Offenbar war er der Auffassung, dass ihm dies als dem ehemaligen Chef der Firma und Sohn einer Unternehmerlegende zustünde. Ludwig dagegen parkte seinen Audi A4 stets auf dem zugewiesenen Parkplatz.

Er mag es erahnt, zumindest erhofft haben - heute weiß Merckle: Die Kooperationstrategie hat sich für ihn ausgezahlt. Die Übergangsverwalter haben längst nicht nur den Banken zugearbeitet, sondern auch ihm erheblich genutzt.

Höherer Erlös für Ratiopharm brachte Entwarnung für Phoenix

Einige organisatorische Verwerfungen der Merckle-Gruppe etwa sind nun getilgt, vor allem im wichtigen Finanzbereich. Bei Phoenix haben das Gespann Michael Keppel (45) und Harald Wiedmann (65) das Zahlenwesen zentralisiert und jetzt auch eine Finanzierung aus einem Guss geschaffen. Bis dahin hatte niemand in der Firma einen wirklichen Überblick. Jede Landesgesellschaft machte ihr eigenes Ding, auch bei der Geldbeschaffung.

Besonders gründlich aufräumen mussten die Sachwalter bei Ratiopharm. Schließlich sollte die Firma ja einem neuen Eigentümer gefallen. CRO Hans-Joachim Ziems (56) und Treuhänder Martin Stockhausen (50) aus der Kanzlei Görg blieb deshalb nichts anderes, als in Ulm ganz neue Spielregeln einzuführen.

Adolf Merckle hatte Teile der Firma genutzt, um von dort sein Unternehmensimperium zu steuern. So führte etwa die Finanzabteilung von Ratiopharm ein bizarres Eigenleben. Sie kümmerte sich um die Kassen von rund 140 Merckle-Firmen, schob Gelder hin und her, je nachdem, wo sie gerade benötigt wurden. Erst der Interimsmann bereitete der eigenwilligen Governance ein Ende.

Den größten Dienst aber hat Ziems Merckle dadurch erwiesen, dass er beim Verkauf der Gute-Besserung-Firma weit mehr Geld herausholte, als Experten erwartet hatten. Statt 2 Milliarden Euro kommen gut 3,6 Milliarden in die Kasse.

Wegen des Erfolgs in Ulm konnte Ziems-Kollege Michael Keppel Entwarnung bei Phoenix in Mannheim geben. Das andere Bankenpfand brauchte - wohl zum Bedauern von Finanzinvestor KKR , der als Kaufinteressent bereitstand - nun nicht mehr versilbert zu werden. Manche Beteiligten sehen in Ziems deshalb den "Rockstar der Merckle-Restrukturierung". Denn auch schon vor dem Ratiopharm-Coup hatte er bei der Geldgenerierung durch das Merckle-Asset HeidelbergCement eine glückliche Hand bewiesen.

An dem Projekt hatte sich Anfang 2009 zunächst im Alleingang HeidelbergCement-Chef Bernd Scheifele (52) erfolglos versucht. Sein Plan: Das damalige 79-Prozent-Paket Merckles für rund elf Euro je Aktie an Finanzinvestoren abzugeben. Dann übernahmen die Gläubiger die Regie, weitgehend an Scheifele vorbei. Sie propagierten eine 10-prozentige Kapitalerhöhung nebst Platzierung eines Zehntels der Merckle-Aktien und einer Anleihe. Die Preisvorstellung: 17 bis 20 Euro je Anteilsschein.

Potenzial nach oben

Gegriffen hat schließlich im September 2009 ein Konzept, an dem neben Finanzgrößen wie Commerzbank-Vormann Martin Blessing (47) auch Scheifele, Merckle und Ziems kräftig mitgewirkt haben. Danach verkaufte Merckle parallel zu einer Kapitalerhöhung der Gesellschaft 57 Millionen HeidelbergCement-Aktien zu je 37 Euro. Das brachte 2,1 Milliarden Euro für die Schuldentilgung. Außerdem blieb Merckle größter Aktionär des Zementgiganten.

An der Beteiligung will Merckle festhalten. Er verweist gern auf den Portfoliomix, der ihm wichtig sei. Hier das zyklische Bau-Business, dort der nicht zyklische Medizinhandel. Da gebe es keinen Änderungsbedarf. Auch der Aufbau eines neuen Geschäftsfelds stünde nicht an, heißt es im Hause Merckle.

"Merckle wird erst einmal durchatmen", prophezeit ein Wegbegleiter. Befreit vom Druck der Banken, könne er in Ruhe das Family Office aufbauen. Vor Monaten ist Merckle bereits mit seiner Merckle Service GmbH bei Ratiopharm ausgezogen. Wenige Hundert Meter entfernt, auf dem Gelände des Motorenbauers Deutz , hat er neue Räume bezogen.

Als kaufmännischen Leiter der Gesellschaft hat Merckle Rolf Glessing (48) angeheuert. Man kennt sich aus der Zeit, als Glessing Vorstand des Pistenraupenherstellers Kässbohrer war. Später führte er das Finanzressort beim Immobilienkonzern Gagfah . Jetzt soll er letzte Details der finanziellen Neuausrichtung klären. Auch wird er im August weitere gruppeninterne Ämter von Managern übernehmen, die jetzt noch in Doppelfunktion für Ratiopharm und Merckle arbeiten.

Glessing täte obendrein gut daran, die Organisation der Gruppe zu bereinigen. Denn gesellschaftsrechtlich ist das mercklesche Firmenreich fast so verwinkelt und undurchdringlich wie eh und je. Deshalb ist die menschlich mitunter schwierige Vertraute von Adolf Merckle, Susanne Frieß (49), weiterhin unverzichtbar. Sie optimiert die Steuern und die Bilanzen über die VEM-Holding. Erst kürzlich ist sie mit der Schaltstelle von Dresden ins brandenburgische Steuerschlupfloch Zossen emigriert - offensichtlich damit der Fiskus möglichst wenig von den Verkaufserlösen profitiert.

Merckle überlegt nun, wie er mit seinem wichtigsten Asset - Phoenix - weiter verfahren will. Zwar ist die Finanzierung gesichert. Bis Ende 2013 haben 17 Banken einen Kredit in Höhe von 2,6 Milliarden Euro gewährt. Außerdem hat die Deutsche Bank  eine Hochzinsanleihe über 500 Millionen Euro platziert. Noch einmal die gleiche Summe hat Merckle in die Firma eingeschossen. Trotzdem lasten auf Phoenix noch mehr Schulden als auf dem etwa gleich großen Rivalen Celesio . Deshalb dürfte die notwendige Ausweitung ins europäische Ausland nicht eben ein Spaziergang werden.

Zu Merckles Glück kann er sich in der Angelegenheit auf einen erfahrenen Top-manager und langjährigen Mitstreiter stützen: Bernd Scheifele. Schon bei der Restrukturierung von Phoenix sei nichts Wesentliches passiert, ohne dass Scheifele es abgenickt habe, berichten Insider. Ein offizielles Amt bekleide er nicht, dennoch fungiere Scheifele als eine Art geschäftsführender Aufsichtsrat. Deshalb hätten auch die Verhandlungen über die neue Finanzierung von Phoenix statt am Firmensitz in Mannheim häufig in Heidelberg stattgefunden.

Über die Börse, da sind sich Merckle und Scheifele wohl einig, werden sie jetzt noch kein Geld einsammeln. Dafür ist die Firma noch nicht reif. Merckle, so heißt es, scheue sich aber grundsätzlich nicht, Anteile an der Firma abzugeben. Im kommenden oder übernächsten Jahr könnte es so weit sein.

Womöglich müsste er zuvor eine erste harte Personalentscheidung treffen. Denn Phoenix-Chef Reimund Pohl gilt nicht als parkettsicher. Als Nachfolger für Pohl ist der langjährige Merckle-Manager Oliver Windholz im Gespräch, der nach der Übernahme von Ratiopharm durch Teva seinen Posten bei dem israelischen Konzern aufgeben wird und zu Merckle zurückkehren könnte.

Merckle, so scheint es, ist auf dem richtigen Weg. Die verbliebenen Firmen haben Potenzial nach oben. Das gilt für Phoenix wie für den Dax-Aufsteiger HeidelbergCement und auch für Kässbohrer, Profiteur des letzten harten Winters.

Merckle könnte in einigen Jahren wieder zu den ganz Großen unter Deutschlands Familienunternehmen zählen, wenn er auch noch vorhandene Governance-Schwächen abstellt.

Ein wichtiges Ziel auf dem Weg zu neuem Ruhm hat der Clanchef schon erreicht. Bei den Banken wird er inzwischen nicht mehr als Sorgen machender Bittsteller betrachtet, sondern wieder als begehrter Kunde. Der Konsortialkredit für Phoenix soll deutlich überzeichnet gewesen sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.