Montag, 6. April 2020

Fluglinien Unter den Wolken

Airlines: Aufsteiger und Verlierer in Europa
DPA

Die Airlines in aller Welt verbrennen Milliarden, in Deutschland sorgt die Ticketsteuer für zusätzlichen Ärger bei den Fluggästen. Ist mit Passagierflügen kein Geld mehr zu verdienen? Oder fliegen die Konzerne einfach nur mit dem falschen Geschäftsmodell?

Als ehemaliger Kampfpilot ist Pierre-Henri Gourgeon (64) Sturzflüge gewohnt. Als Generaldirektor von Air France-KLM hingegen muss er noch lernen, jähen Niedergang zu verkraften. Den jüngsten Rekordverlust von fast 1,6 Milliarden Euro redete er schön: "Rein operativ" stehe das Kerngeschäft "gar nicht schlecht da". Die Dividende fällt trotzdem zum zweiten Mal in Folge aus, Pariser Blätter spekulieren über Gourgeons Ablösung.

Air Berlin Börsen-Chart zeigen ging es eigentlich immer gut - zumindest, wenn man Steuermann Joachim Hunold (60) Glauben schenkte. Unterm Strich Geld verdient hat die zweitgrößte deutsche Himmelsmacht indes höchst selten. Und die erste Hälfte dieses Jahres hat trotz anziehender Konjunktur weniger Passagiere und eine schlechtere Auslastung gebracht.

Die Lufthansa Börsen-Chart zeigen steht deutlich besser da als die meisten ihrer Wettbewerber, wie Konzernchef Wolfgang Mayrhuber (63) gern betont. Im vergangenen Jahr aber schrieb auch sie rote Zahlen. In einzelnen Segmenten ihres Fluggeschäfts setzt die Lufthansa Jahr für Jahr Hunderte Millionen Euro zu.

Die Reihe ließe sich beliebig fortsetzen. Ob national, ob international - kaum eine Fluggesellschaft prosperiert wirklich. Die allgemeine Krise nach der Pleite von Lehman Brothers erklärt die Misere nur zum Teil. Offenkundig hat die Branche auch unabhängig von der Konjunktur massiv an wirtschaftlicher Potenz eingebüßt.

An der Börse wird das Drama besonders deutlich, etwa beim Blick auf den Branchenindex XAL, der die Kurse von 13 prominenten Fluglinien bündelt. Die Airlines sind demnach zurzeit nicht mehr wert als Mitte der 90er Jahre, und das trotz erheblichen Wachstums der Unternehmen. Anders gewendet: Anderthalb Jahrzehnte Aufbauarbeit scheinen wirkungslos verpufft.

"Bei vielen Airlines sind die Flugzeuge heute mehr wert als die Gesellschaften selbst", konstatiert Philipp Goedeking vom Frankfurter Beratungshaus Airconomy, "das kommt einer unternehmerischen Bankrotterklärung gleich."

Investoren, Manager und Berater stehen vor einem Mysterium. An den meisten Flughäfen herrscht reger Betrieb, immer mehr Menschen gehen in die Luft. Doch bei den Airlines bleibt kaum Profit hängen. Ist mit Passagierflügen kein Geld mehr zu verdienen? Hat - krass formuliert - die Fliegerei als kommerzieller Wirtschaftszweig ausgedient? Und wo sind die Vorbilder, an denen die Branche sich aufrichten könnte?

Ein schwacher Trost nur, dass die gute alte Zeit der Fliegerei in Wahrheit auch nicht gut war. Seit der Nachkriegszeit wird in der Luftfahrt Geld verbrannt. Früher allerdings dosierter. Und mit mehr Noblesse.

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