Drahtzieher Die Kummerkasten-Frau

Drahtzieher SAP-Personalchefin Dammann als Stimmungskanone.
Angelika Dammann: Mannschaftsarzt, Fitnesscoach und Taktiktrainer zugleich

Angelika Dammann: Mannschaftsarzt, Fitnesscoach und Taktiktrainer zugleich

Foto: Wolfram Scheible / SAP

Die neue Vorstandsfrau steckt in einem Trikot der deutschen Nationalmannschaft mit der Rückennummer 10, Namensaufdruck "Angelika". Beim Fußballturnier der SAP-Belegschaft im süddeutschen Rettigheim präsentiert sich die Personalchefin - vollständiger Name: Angelika Dammann (50) - Anfang Juli als volksnahe Sportsfrau.

Doch der Eindruck, Dammann sei womöglich nur ein SAP-Maskottchen, wäre falsch. Sie ist Mannschaftsarzt, Fitnesscoach und Taktiktrainer zugleich: Nach zwei schwierigen Jahren muss sie die Wunden der Belegschaft heilen, ein neues Spielsystem etablieren - und die Truppe zu unerreichten Höchstleistungen motivieren.

Dammanns Rolle ist ein Novum beim einzigen deutschen IT-Konzern von Weltrang. Die ehemalige Unilever-Managerin ist der erste Vorstand bei SAP  mit ausschließlicher Zuständigkeit für das Humankapital. In einem Leitungsgremium voller langjähriger SAP-Veteranen ist sie überdies die erste Externe seit Langem. Und nicht zuletzt: Angelika Dammann zieht als erste Frau überhaupt in das SAP-Topmanagement ein - und zählt damit zur kleinen Minderheit von jetzt vier weiblichen Vorständen in der Dax-Liga.

Ihr steht harte Arbeit bevor. Denn das Stimmungstief in der Belegschaft, das im Februar mit zum Abgang des damaligen CEOs Léo Apotheker (56) geführt hatte, ist noch längst nicht abgezogen. Das ernüchternde Ergebnis der damaligen SAP-Mitarbeiterbefragung wird jetzt durch eine neue Erhebung der Gewerkschaft Verdi in der Tendenz bekräftigt: Demnach empfindet jeder dritte SAPler seine Arbeit als belastend. Gut die Hälfte stuft ihre Tätigkeit als verbesserungswürdig ein. Nur eine Minderheit bewertet die Arbeitsbedingungen als exzellent.

Vor allem die Aufstiegsmöglichkeiten halten die Befragten für unzureichend. Mehr als ein Drittel kann sich nicht vorstellen, unter den aktuellen Umständen bis zur Rente bei SAP zu arbeiten. Nur für "Kollegialität" und "Sinngehalt der Arbeit" erhält der Konzern Spitzennoten. "Mit diesen Ergebnissen", so Betriebsrat Hansjörg Jäckel, "wird die SAP ihrem Anspruch als mehrfach ausgezeichneter Arbeitgeber nicht gerecht." In den kommenden Monaten sollen betriebsintern Lösungen gefunden werden.

Zum Amtsantritt hat Dammann bereits einen virtuellen Kummerkasten eingerichtet. Die Zuschriften zeugen von Frust über ausbleibende Beförderungen ("Wenn das so weitergeht, werden gute und engagierte Leute diese Organisation verlassen") und von Ärger über die Führungskräfte: "Sie sind technisch nicht stark genug, um System und Werte von SAP zu verstehen."

Dammanns vornehmste Aufgabe, die Personalentwicklung zu professionalisieren und neue Karrierepfade zu eröffnen, könnte sich an der Realität stoßen. Das CEO-Doppel Bill McDermott (48) und Jim Hagemann Snabe (44) will mithilfe kleinerer, kundennaher Entwicklerteams Produkte schneller in den Markt bringen. Die dazu eingeführte Reorganisation ("Success") bedeutet tendenziell stärkeren Druck, mehr Arbeit - und womöglich langfristig weniger Stellen. Der Abbau von Hierarchien droht überdies unzufriedene Ex-Manager zu hinterlassen.

Bislang hat Dammann die Arbeitnehmersympathien jedoch auf ihrer Seite: Beim Bonner Betriebsrätetag im Oktober wird sie über Mitbestimmung referieren - bei SAP lange ein Tabuthema. "Dass ein Vorstand überhaupt darüber spricht", freut sich ein Betriebsrat, "ist schon ein Erfolg."

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