Montag, 20. Mai 2019

Investmentbanken Die Unbelehrbaren

Investmentbanken: Wie die Topbanker ihre Gewinne hebeln
AP

Trotz Finanzkrise und Euro-Malaise zocken die Geldhäuser ungeniert weiter. Der US-Kongress hat unterdessen die umfassendste Finanzreform seit der Großen Depression erlassen. Doch können strengere Regeln die Topbanker bremsen?

Der beleibte Herr, der diesen Sommerabend mit Geschäftspartnern in einem Edelrestaurant der französischen Künstlerenklave Saint-Paul de Vence verbrachte, war bester Laune. Soeben hatte Dirk Röthig (43) das hervorragende Abendessen mit dem dritten Nachtisch gekrönt. Jetzt bekam er Lust auf eine ordentliche Havanna.

Die Gastgeber, hochrangige Manager namhafter Großbanken, ließen ihren Geschäftsfreund gern gewähren. Termine wie dieses ausgedehnte Treffen an der Côte d'Azur waren für sie Routine. Und Röthig war nicht irgendwer. Für die Vertriebsprofis internationaler Investmentbanken war der sinnenfreudige Banker, zumindest invor einigen Jahren, einer der gefragtesten Gesprächspartner. Das lag weniger an seinem geselligen Naturell als an seinem Job: Dirk Röthig war bis Januar 2006 Chefeinkäufer für strukturierte Finanzprodukte bei der IKB Deutsche Industriebank Börsen-Chart zeigen.

Das kleine Geldhaus aus Düsseldorf, offiziell dem deutschen Mittelstand verpflichtet, hatte sich über die Jahre zu einem der größten Investoren für sogenannte Collateralized Debt Obligations (CDOs) entwickelt. Dafür stand, neben dem damaligen Bankchef Stefan Ortseifen (60), vor allem ein Mann: Dirk Röthig. Die IKB sei zu sehr abhängig von der deutschen Wirtschaft, sie müsse "diversifizieren", tönte er in Fachblättern.

Für Investmenthäuser wie Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen, Merrill Lynch Börsen-Chart zeigen, Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen oder UBS Börsen-Chart zeigen war die IKB ein echter Glücksfall. Denn sie investierte nicht nur große Summen in die CDOs, hochkomplexe Finanzprodukte, die Tausende einzelner Kredite bündelten, meist aus den USA. Die Düsseldorfer kauften auch gern die besonders riskanten Konstrukte, die den Herstellern die höchsten Profite einbrachten.

Eines davon war ein von der New Yorker Investmentbank Goldman Sachs konzipiertes "synthetisches" CDO namens "Abacus-2007 ACI", im Prinzip eine Wette auf die Wertentwicklung am amerikanischen Immobilienmarkt. Die IKB-Manager kauften, wie meistens, die sogenannte Mezzanine-Tranche, die besonders satte Renditen versprach.

Es gab bei dem Deal allerdings noch einen anderen Investor. Einen schlanken, dunkelhaarigen Mann mit durchdringendem Blick. Dieser Hedgefondsmanager, John Paulson (54), setzte nicht wie die fidelen Düsseldorfer darauf, dass die seit Jahren steigenden Preise am amerikanischen Häusermarkt weiter in die Höhe klettern würden.

Paulson rechnete damit, dass die IKB mit ihren Investments Schiffbruch erleiden würde. Dass der US-Immobilienmarkt einbrechen würde. Und er stand mit dieser Erwartung nicht allein. Auch manche Investmentbank sah zu dieser Zeit, im Frühjahr 2007, schon seit Längerem ein Ende des Häuserbooms voraus. Eben jene Gastgeber, die ihre Klienten mit teuren Weinen und dicken Zigarren verwöhnten, stellten sich deshalb mit der eigenen Anlagestrategie irgendwann gegen die Kunden.

Und anders als den IKB-Oberen war den Kapitalmarktprofis sonnenklar, dass dieses Geschäft ein Nullsummenspiel war. Dass am Ende einer die Wette gewinnen würde - und der andere bezahlen musste. Genau das passierte auch: Die IKB brach im Sommer 2007 de facto zusammen. Paulson verdiente im gleichen Jahr fast 4 Milliarden Dollar. Goldman Sachs 12 Milliarden Dollar. Die Deutsche Bank immerhin 6,5 Milliarden Euro.

© manager magazin 6/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung