Freitag, 20. September 2019

Internet Die Welt ist nicht genug

2. Teil: Schutz vor der Gratiskultur

Apple verspricht Schutz vor der Gratiskultur des Internets - und verlangt im Gegenzug totale Unterwerfung. Wer mit seinen Produkten ins Sortiment des App-Store will, muss nicht nur 30 Prozent Umsatzprovision abführen - sondern sich auch Apples Geschmacksscreening beugen: Eine digitale Ausgabe der Illustrierten "Stern" flog raus, weil nackte Brüste auf dem Titel zu sehen waren.

Plattgemacht von Googles Gratisanarchie oder ausgeliefert an Apples Bezahlregime: Das sind die Alternativen für bedeutende Teile der Wirtschaft - auch der deutschen. Gefährdet ist prinzipiell jedes Produkt, das sich in digitaler Form anbieten lässt - von Medieninhalten über Telefongespräche und Banktransaktionen bis zu Softwarelizenzen.

Autobauer wie Audi Börsen-Chart zeigen und BMW Börsen-Chart zeigen kooperieren mit Google, um die Kartendienste des Internetkonzerns in ihre Fahrzeuge zu integrieren. Für den Traditionsbetrieb Bosch hingegen bringt das Geschäft mit Konsumentenelektronik im Auto keine attraktiven Renditen mehr. Selbst die Energiebranche darf sich nicht länger sicher fühlen: In den USA hat Google vor einigen Monaten eine Lizenz als Stromhändler beantragt, um sich selbst, aber auch amerikanische Haushalte mit günstigem Ökostrom zu versorgen.

Etwa 7 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung dürften durch Google, Apple und Konsorten massiv unter Druck geraten, schätzt die Unternehmensberatung Arthur D. Little. In einzelnen Branchen wie der Telekommunikation und der Musikindustrie droht im Extremfall ein Rückgang der Umsätze um 20 Prozent pro Jahr, nicht ausschließlich, aber zu einem großen Teil verursacht durchs Internet.

In den USA steigen wenigstens die Gewinne und Börsenkurse von Apple, Google und anderen Internetkonzernen. Doch Deutschland, ja ganz Europa ist in dieser Zukunftsbranche nicht mit nennenswerten Unternehmen vertreten. Wir erleiden die Zerstörung, der kreative Neuaufbau passiert in Kalifornien. Die deutsche Wirtschaft, sie wird gegoogelt und verappelt.

Das zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Telekommunikationsbranche. Konzerne wie die Deutsche Telekom Börsen-Chart zeigengalten noch vor zehn Jahren als Hoffnungsträger der digitalen Zukunftswirtschaft. Doch seit Kunden bevorzugt günstige Flatrates oder Gratissprachdienste wie Skype nutzen, erodieren Preise und Umsätze im Kerngeschäft der Telekomkonzerne. Gerade in den gesättigten Märkten Nord- und Westeuropas, darunter auch Deutschland, lässt sich mit Sprachtelefonie, SMS und Internetzugang immer weniger Geld verdienen.

© manager magazin 4/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung