Freitag, 19. Juli 2019

Pimco Das Orakel von Newport Beach

Was passiert mit den Staatsanleihen? Was passiert mit der Inflation, der Weltwirtschaft? Droht ein neuer Kollaps, nachdem der jüngste kaum überwunden ist? Ein Besuch bei Pimco-Gründer Bill Gross, dem einflussreichsten Vermögensverwalter der Welt, gewährt Einblicke in seine Strategie für die Märkte von morgen.

Auf den ersten Blick bietet Newport Beach wenig Glamour. Sechsspurig führt der Abzweig vom Interstate-Highway, der Los Angeles mit San Diego verbindet, in das kalifornische Küstenstädtchen. Besucher werden begrüßt von verspiegelten Büroklötzen, umrandet von Rasenflächen und Palmen, die allesamt so knallgrün leuchten, als seien sie aus Plastik. Dahinter taucht eine der wenigen Attraktionen des Ortes auf, "Fashion Island", eine im mediterranen Stil gehaltene Luxus-Shopping-Mall für die vielen Reichen, die hier wohnen, sich allerdings selten blicken lassen. Es ist wenig los in den teuren Boutiquen und Restaurants, gepflegte Ödnis allerorten.

Allenfalls frühmorgens, wenn im Winter zwischen den Palmen langsam der Nebel vom Pazifik heraufkriecht, wirkt der Ort ein wenig geheimnisvoll-verwunschen. Und genau dann passiert manchmal etwas Magisches, das das sonst so unspektakuläre 86.000-Seelen-Städtchen für einen Moment zum Mittelpunkt des Interesses von Millionen Amerikanern und nicht wenigen Europäern werden lässt: The beach speaks.

"The beach" - das ist nicht der lange Sandstreifen vor Newport Beach, sondern ein Synonym für eines der einfluss- und erfolgreichsten privaten Finanzunternehmen der Welt: die Pacific Investment Management Company, kurz "Pimco", 1971 gegründet, seit dem Jahr 2000 Tochter der zum Münchener Allianz-Konzern gehörenden Fondsgesellschaft Allianz Global Investors.

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Mit mehr als einer Billion US-Dollar an verwaltetem Kundenvermögen, das vorwiegend in Anleihen investiert ist, zählt Pimco zu den zehn größten Vermögensverwaltern der Welt. Der Flaggschifffonds Pimco Total Return übersprang Ende Dezember dank massiver Mittelzuflüsse die 200-Milliarden-US-Dollar-Marke und wurde Anfang Januar schließlich zum weltweit größten Investmentfonds aller Zeiten. Fondsmanager und Pimco-Gründer Bill Gross (65) empfing nahezu zeitgleich von der renommierten Ratingagentur Morningstar für die seit zehn Jahren ungebrochen herausragende Performance seiner Fonds den begehrten Titel "Fixed-Income-Fund Manager of the decade".

Gross war es, der die Pimco-Magie schuf. "The beach speaks", das bedeutete lange: Gross spricht. Meist im Fernsehen auf seinem Lieblingssender CNBC, der in der Pimco-Zentrale in Newport Beach auf großen Bildschirmen rund um die Uhr tonlos flimmert, um sofort laut gestellt werden zu können, wenn der Meister auftritt. Die Äußerungen des "Bond King", wie das amerikanische Magazin "Fortune" den Finanzmanager einst betitelte, werden rund um die Welt aufgenommen wie die Worte eines Messias. Sie mögen nicht die Herzen der Zuschauer bewegen, wohl aber ihre Depots - und damit oft die internationalen Finanzmärkte.

© manager magazin 3/2010
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