Zweite Karriere Die Gerhard-Schröder-AG

Türöffner, Ratgeber, Aufsichtsrat: Gerhard Schröder arbeitet für die Wirtschaft wie kein deutscher Altkanzler vor ihm. Er hat Büros in Berlin, Hannover und der Schweiz, wo er seine umstrittenste Klientin vertritt: Die Nord-Stream-Pipeline, deren Bau heute offiziell startet. Einblicke in Schröders hoch rentierliches Geschäftsmodell.

Zug, Grafenauweg, 22. Januar. Es ist eine große Erleichterung zu spüren auf der Sitzung des Aktionärsausschusses der Nord Stream AG in der Schweizer Kleinstadt. Der Vorsitzende Gerhard Schröder verbreitet gute Laune, die Russen sind zufrieden, die Vertreter der westlichen Energiekonzerne wie Eon  oder BASF  ebenfalls. Das Gröbste ist ja geschafft. Die Nord-Stream-Pipeline, die von Russland 1220 Kilometer durch die Ostsee bis nach Greifswald verlaufen soll, ist "politisch durch", wie ein Teilnehmer formuliert.

Die Schröder-Runde spricht bereits die Eröffnungszeremonie ab. Ein erstes Meinungsbild ergibt: Der Baubeginn im April wird im russischen Wyborg begossen. Eine Arbeitsgruppe soll die Details der Feierlichkeiten abklären.

Erlangen, Aula des Schlosses, 27. Januar. Eine Stunde lang hat Gerhard Schröder auf Einladung des Zentrums für Angewandte Geschichte das Publikum mit seinen Ansichten zur Weltlage beglückt. Obamas USA? "Bleibt mächtig." China? "Müssen wir mehr Respekt entgegenbringen." Die EU? "Zeigt Schwäche" und müsse sich "strategisch erweitern", um die Türkei als Mitglied und Russland als assoziierten Partner.

Der Mann zeigt sich in Bestform: Nur ab und zu schaut Schröder in das 32-seitige Redemanuskript. Als sich der Ex-Kanzler (der Republik) beim Kanzler (der Universität) bedankt, weil dieser ihm per Zuruf bei einer Rechenaufgabe hilft, geht - je nach Temperament - ein Glucksen und ein Wiehern durch den Saal. Beim anschließenden Empfang nimmt der Geschichte-Erzähler noch ein Glas im Stehen; eine halbe Stunde später ist er, ohne viel Aufhebens, verschwunden.

Persischer Golf, 14. bis 17. März. Die Deutsch-Emiratische Freundschaftsgesellschaft, mit Gründer Gerhard Schröder an der Spitze, macht sich auf. Zunächst trifft Schröder in Abu Dhabi Scheich Hamdan, den Mitinitiator des Kreises kennt er seit Jahren. Dann geht es nach Bahrein, zum König, der Schröder persönlich eingeladen hat. Der kommt nicht allein, hat 20 Unternehmer im Schlepptau.

Zug, Erlangen, Arabien: Es schrödert im Abend- wie im Morgenland. Auch nachdem der Multikultimann im Herbst 2005 die Bundestagswahl mit Ach und viel Krach gegen Angela Merkel verloren hat, ist sein Terminkalender vollgeschrieben, fast wie zu seligen Kanzlerzeiten. Er ist ja auch gefragt wie kaum ein Amtsinhaber, hat Büroadressen in Berlin (Unter den Linden), im hannoverschen Zooviertel (Kanzlei v. Fromberg & Collegen) und natürlich auch im schweizerischen Zug (Nord Stream).

Lohnender Wechsel

Gerhard Schröder gilt als Modellfall für eine zweite Karriere eines deutschen Ex-Regierungschefs. Er ist der erste, der sich in vielen Rollen, die die Wirtschaft anbietet, bewährt und dabei ein ansehnliches Auskommen findet: als Aufsichtsrat, Berater, Türöffner, Konfliktlöser - und als gut bezahlter Redner sowieso.

Er selbst hängt es niedrig: Privatmann sei er halt. Solle man doch schreiben, er kümmere sich um Frau und Kinder - basta. Was hiermit erledigt wäre und somit auch nicht weiter aufhält.

Stets war sein Credo: Ein Politiker brauche einen Job vor und einen nach dem Amt. Rechtsanwalt hat er gelernt. Nach dem Abschied aus der Politik trat er in die Kanzlei des Götz-Werner v. Fromberg ein. Mit dem Namensgeber ist er seit Jahren eng befreundet; Fromberg lädt in seinen Partykeller, man trifft sich zum Weihnachtsgansessen.

Er brauchte halt eine Sozietät für seine Zulassung als Anwalt: "Mir war klar, dass ich meine in der Politik zusätzlich erworbenen Kenntnisse nicht am Amtsgericht Hannover umsetzen kann, sondern besser in Form von Beratung an der Nahtstelle zwischen Wirtschaft und Politik", sagt Schröder.

Seine "innere Freude an ökonomischen Prozessen" (ein Wegbegleiter) trifft auf einen wachsenden Bedarf der Wirtschaft an politischer Expertise. Solche Fähigkeiten sind ja in der Unternehmenswelt nur rudimentär vorhanden. Was der Erfolg internationaler Großpolitiker mit vergleichbaren Geschäftsmodellen wie Schröder beweist: Bill Clinton zum Beispiel oder Tony Blair und Ehud Barak.

Da kommt einer, der seit je die Nähe zu den Konzerngewaltigen sucht, ob als Autokanzler oder Energiepromoter, gerade recht. Einer, der - so ist nun einmal seine Mentalität - kameradschaftliche Beziehungen zu vielen Staats- und Regierungschefs unterhält. Einer, dessen Ruf im Ausland schon immer besser war als daheim. Einer, der - strategisch geschickt - die Regionen besetzt, die Nachfolgerin Merkel nur unzureichend abdeckt: Russland, China, Arabien, Türkei - allesamt hochsensible und hochinteressante Märkte für weite Teile der deutschen Wirtschaft.

Im Grund gehe es für die Politiker darum, "ihr Adressbuch zu versilbern", sagt John Wittgenstein, Seniorpartner der Personalberatung Korn/Ferry. "Sie kapitalisieren ihre Kontakte." Das Jahreseinkommen der Gerd-AG (Rednerhonorare inklusive) schätzen Gehaltsexperten auf anderthalb Millionen Euro.

Wie alles angefangen hat

Wie hat das alles angefangen? Im Dezember 2005 sei er einer Bitte des damaligen russischen Präsidenten Wladimir Putin nachgekommen. Der wollte, dass er den Vorsitz im Aktionärsausschuss von Nord Stream übernimmt. Schröder: "So etwas schlägt man nicht ab."

Weil er den Job nur wenige Wochen nach Ende seiner Kanzlerschaft annahm und die Ostseepipeline zuvor vehement unterstützt hatte, haftete - gleich zu Anfang seiner zweiten Laufbahn - der Makel der Korrumpierbarkeit an ihm. Diese Unterstellungen weist Schröder als "falsch" und "ehrenrührig" zurück.

Gleichwohl hat ihn, den großen Kommunikator, damals der Instinkt für das richtige Timing verlassen. "Die Zusage kam zwei bis drei Monate zu früh", sagen selbst engste Vertraute. Bis nach Weihnachten hoffte Schröder die Nachricht unter Verschluss halten zu können. Doch dann traf der damalige Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU) auf einer Sibirienreise einen vor Stolz berstenden russischen Energieminister. Der berichtete freudig erregt von der Schröder-Personalie. Die medialen Prügel, die der Pipelinewächter anschließend bezog, hätte alle "düsteren Visionen" übertroffen, so Schröder.

Schnee von gestern. Immerhin hat sich Schröder für die Nord-Stream-Protagonisten als Glücksfall erwiesen. Er habe in den vergangenen Monaten einen "erheblichen Beitrag" geleistet, so ein Ausschussmitglied, um die politischen Widerstände gegen das umstrittene Projekt nach und nach auszuräumen.

Da kommen ihm seine langjährigen persönlichen Beziehungen zugute. So half er mit, den früheren finnischen Ministerpräsidenten Paavo Lipponen als Nord-Stream-Lobbyisten zu gewinnen - die beiden Sozialdemokraten schätzen einander seit Langem.

Er ist ja schon immer ein Menschenfänger gewesen. "Man merkt, dass er das Ausgleichen gelernt hat", sagt ein Nord-Stream-Aktionär.

In intensiven Gesprächen, oft unter vier Augen, musste er die unterschiedlichen Aktionärsinteressen auf eine Linie bringen. Die Russen wollten von Anfang an kräftig investieren, obwohl für Nord Stream längst noch nicht alle Genehmigungen vorlagen. Die Konzerne BASF oder Eon zeigten sich hingegen weniger risikofreudig. Man einigte sich schließlich darauf, für vier Milliarden Euro Röhren zu bestellen und zu lagern.

Die Durchsetzungskraft

Die deutschen Partner profitieren davon, dass Schröder weiß, was den Russen gefällt. Dazu gehört natürlich auch das passende Ambiente. So treffen sich die Nord-Streamer meist am Abend vor einer Aktionärssitzung zum gemütlichen Gedankenaustausch. Gern in einem Edelrestaurant am Vierwaldstätter See, gern auch bei der einen oder anderen guten Flasche Rotwein - Arbeitgebervorbesprechung nennt man so etwas im nüchternen Corporate-Governance-Sprech.

Nicht nur solche Stilfragen qualifizieren Schröder für Jobs in Diensten der Wirtschaft. Seine Geschäftspartner schätzen an ihm, dass er (seit seiner Zeit im VW-Aufsichtsrat) vermag, "eine Bilanz und eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung sauber zu lesen". Er könne Situationen schnell erfassen, Leute mobilisieren und Probleme lösen, loben ihn Konzernführer. "Was ist machbar?" Das Pragmatische steht bei ihm im Vordergrund.

Die Durchsetzungskraft war es, die er in der Welt der Konzerne schon immer bewunderte. "Das Wölfische", wie es ein Wegbegleiter ausdrückt: jagen, zubeißen, Kadaver wegräumen. Paradiesische Zustände für einen, dem in Ausschüssen, Fraktionen und auf Parteitagen vieles klein- und ausgeredet wurde.

Gelernt hat er den Umgang mit den Leitwölfen vor langer Zeit, als Ministerpräsident von Niedersachsen. Der Unternehmensberater Roland Berger, der schon für die Vorgängerregierung Albrecht (CDU) gearbeitet hatte, brachte Schröder damals die nötigen Grundkenntnisse bei und führte den Sozi in die Chefetagen der Deutschland AG ein.

Schröder setzte sich als erster Ministerpräsident in den Aufsichtsrat der Landesbeteiligung Volkswagen , aus der Überzeugung heraus: "Wenn VW hustet, wird Niedersachsen krank." Und um die Bronchien von VW war es damals schlecht bestellt.

Schröder förderte deshalb den kaltblütigen Ferdinand Piëch als neuen VW-Chef, obwohl er zunächst den SPD-nahen Gegenkandidaten Daniel Goudevaert präferiert hatte. Er merkte schnell: Mit dem österreichischen Milliardär und Mastermind ließen sich Geschäfte auf Gegenseitigkeit machen. Piëch sicherte auch in der schwierigen VW-Sanierungsphase Jobs in Niedersachsen; Schröder stützte ihn dafür in der López-Affäre, reiste etwa zur Beilegung des Streits mit General Motors eilends nach London.

Nähe zu Niedersachsen

Seine Nähe zu Niedersachsen holt Schröder, der nach wie vor in Hannover wohnt und lebt, immer wieder ein. So fühlte er sich am Portepee gepackt, als der frühere Conti-Chef Manfred Wennemer ihm im Konflikt mit Schaeffler die Rolle des Beschützers antrug.

Eine Investorenvereinbarung zwischen Conti und dem Großaktionär Schaeffler sollte verhindern, dass der Aufkäufer Conti ausnimmt. Schröder sollte als sogenannter Garantor des Agreements zwischen den Parteien moderieren, nötigenfalls Streit schlichten. Die "pazifierende Tätigkeit" (Schröder) war dann schwieriger als gedacht. Nachdem schon Wennemer hingeworfen hatte, wollte Schaeffler nun dessen Nachfolger Karl-Thomas Neumann ablösen und reklamierte den Conti-Aufsichtsratsvorsitz für sich.

Um Frieden zu schaffen, lud Schröder die Conti-Spitze und CDU-Ministerpräsident Christian Wulff ins Restaurant "Wichmann". In dem Hannoveraner Traditionshaus (Baujahr: 1848) hatte er einst Putin bei dessen Staatsbesuch im April 2005 beköstigt (Gänsestopfleber, Steinbutt, Salzwiesenlamm). Im Delfter Zimmer rangen die Tischgenossen hinter einem hellbraunen Vorhang um eine Lösung. Zu später Stunde bot schließlich Conti-Oberaufseher Hubertus von Grünberg seinen Rücktritt an - Schröder und Wulff zeigten sich erleichtert.

Heilfroh konnte Schröder sein, dass er sein vereinbartes Honorar (mehrere Zigtausend Euro) von vornherein gespendet hatte. Zwei Firmen am Abgrund - und Schröder kassiert: Das hätte er, derlei kommt ja immer ans Tageslicht, der Öffentlichkeit kaum vermitteln können.

Schon bei Nord Stream hatte er sein Salär (man hatte ihm zunächst eine runde Million geboten) gleichsam herunterverhandelt - auf publikumsverträglichere 250.000 Euro. Die anderen Aufseher, deren Tantieme sich nach dem Gehalt des Vorsitzenden bemisst, schluckten und murrten im Stillen.

Das Hannoveraner Netzwerk pflegt er, so gut es geht. Den Verbindungen hat er viel zu verdanken. Sein Spezi Carsten Maschmeyer gab Schröder Starthilfe für die zweite Karriere. Der AWD-Chef half beim Vermarkten der Memoiren ("Entscheidungen. Mein Leben in der Politik") und sorgte so für Einnahmen von rund einer Million Euro. Der Altkanzler konnte daraufhin - sorry, Hillu - Altlasten beseitigen: seine Haushypothek tilgen, seine Ex-Frau Hiltrud auszahlen.

Schröders Business-Welt

Auch Schröders neue Business-Welt fußt, was Wunder, auf persönlichen Freundschaften: mit Putin, dem türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan (er kam zu Schröders 65.), Abu-Dhabi-Scheich Hamdan, Frankreichs Ex-Premier Jacques Chirac.

Diese Kontakte machen attraktiv, ziehen Auftraggeber an. Schröder konnte sich seine Geschäftspartner aussuchen.

Ohne lange zu zögern, entschied er sich, etwa zeitgleich mit der Nord-Stream-Zusage, für Michael Ringier. Den Chef des größten Schweizer Medienunternehmens ("Blick", in Deutschland: "Cicero") schätzt Schröder als "Verleger alter Schule". Auch, weil dessen Stiftung alljährlich im August einen hoch dotierten Preis für politische Kultur verleiht (2008 ging die Ehrung an Jürgen Habermas). Damit verbunden ist das "Dîner républicain" im mondänen Ascona, zu dem die Elite der Schweizer Gesellschaft geladen wird. In solcher Umgebung fühlt sich der Altkanzler wohl. Die Honorierung (geschätzte 150.000 Euro jährlich) schien Schröder vertretbar. Auf ein eigenes Büro, das Ringier ihm in Zürich einrichten wollte, verzichtete er aber. Am Ende hätte ihn noch jemand für einen Steuerflüchtling gehalten. Schröder: "Ich weiß, was ich dem ehemaligen Amt schuldig bin."

Seinen Dienst versieht er - statt lautstark und publikumswirksam wie früher - jetzt diskret. Bereits im März 2006 stellte er das bei Ringier unter Beweis. Damals besorgte er dem Verlagschef unauffällig Zugang zu dem für Propaganda und das Verlagswesen zuständigen chinesischen Politbüromitglied. Die Schweizer, die in China schon Reiseführer, Fachzeitschriften und Bordmagazine für Fluggesellschaften vertreiben, wollen dort noch mehr Projekte anschieben.

Weitgehend von der Öffentlichkeit unbeobachtet bleibt auch sein Wirken als Aufsichtsrat des russisch-britischen Öl-Joint-Ventures TNK-BP. Die Partner hatten sich zutiefst zerstritten, übers Personal und über die Geschäftspolitik. Der Altkanzler ist einer von drei sogenannten unabhängigen Aufsichtsräten, von denen allerdings je einer von den Russen und Briten ernannt wurde. Schröder: "Ich bin der independent Independent." Seitdem er zwischen den einst verfeindeten Parteien sitzt, herrscht Ruhe.

Mitunter verlangt Schröder für die Vermittlungsdienste nicht mal Geld. So nahm er etwa im vergangenen Jahr seinen Freund Maschmeyer mit auf eine private Reise in den Iran. Eingeladen hatte ihn ein in Iran geborener Neurochirurg aus Hannover. Bei dieser Gelegenheit traf Schröder fast die gesamte Führungselite des Landes, einschließlich Präsident Mahmud Ahmadinedschad. So konnte Maschmeyer mit dem einen oder anderen Funktionär mal ausloten, ob sich nicht auch in Iran Rentenpolicen an den Mann bringen ließen.

Friends & Family

Seinem ehemaligen Wirtschaftsminister Werner Müller assistierte er - ebenfalls honorarfrei - bei einem politisch sensiblen Projekt. Als der damalige Evonik-Chef das Modell für die Kohlestiftung entwarf, arrangierte der Ex-Kanzler ein Essen im Berliner Hotel "Adlon" mit einflussreichen Bundespolitikern.

Und für den Skatkumpel und RWE-Vormann Jürgen Großmann besorgte Schröder ein Entree bei Erdogan. Der Energiekonzern hat in der Türkei Großes vor, will dort unter anderem ein 750-Megawatt-Gaskraftwerk bauen.

Friends & Family, das gehört bei Schröder zum Programm. Selbst manch kleinerem Geschäftsmann ist Schröder behilflich, vollkommen unentgeltlich. Martin Herrenknecht zum Beispiel, dessen Bohrmaschinen U-Bahn-Tunnel durchs Erdreich treiben, lotste er durch etliche chinesische Provinzen. Dem Unternehmer Eginhard Vietz, der Spezialteile für Pipelines herstellt, verschaffte er Termine bei Putin und Gazprom-Chef Alexej Miller. Sogar einen ganz dicken Auftrag hätte Schröder ihm beinahe vermittelt, wenn nur das Testat des Bundesamtes für Materialprüfung rechtzeitig vorgelegen hätte.

In Schröders neuem Metier ist vieles möglich. Es ist ein Graubereich, in dem sich ehemalige Politgrößen bewegen. Der wird auf der einen Seite begrenzt von selbstloser Unterstützung für Gutmenschenprojekte, auf der anderen von schnöder Maximierung des Profits, sei es der eigene oder der der Auftraggeber.

Deshalb sind die Modelle der zweiten Karriere so vielfältig wie das Parteienspektrum der Weimarer Republik. Einige Ex-Volksvertreter wie der ehemalige thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus lassen sich von einem Unternehmen kaufen; Althaus mimt neuerdings den Lobbyisten für den österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna . Andere wie Schröder haben dagegen mehrere unterschiedliche Posten.

Besonders hartnäckig buhlen Investmentbanken um die Ex-Politiker. Bei länderübergreifenden Deals kommen die Finanzhäuser ohne Zugang zu Regierungskreisen kaum noch ans Ziel. Für das Einflüstern bieten die Geldhäuser ihren Senior Advisern mitunter stattliche Honorare. So entstehen Win-win-Situationen, auch im Fall Schröder und der französischen Rothschild-Bank.

Der Kontakt rührt aus der Amtszeit. Schröder hatte Bankinhaber Baron David de Rothschild einmal im Kanzleramt empfangen. Durch die gemeinsame Vorliebe für schwere Rotweine kam man sich näher. Später trat Schröder, noch als Kanzler, im Château Lafite-Rothschild vor Pharmamanagern auf.

Der Chef muss selbst ran

Schließlich überredete ihn im März 2006 der ehemalige Daimler-Manager Klaus Mangold, selbst seit einigen Jahren für Rothschild aktiv, zur Mitwirkung in dem feinen Bankhaus. David de Rothschild schickte Schröder, wie in solchen Fällen üblich, einen knappen Brief, in dem er sich für die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bedankte und ihn zur nächsten Sitzung des europäischen Beirats einlud. Solch schlichte, aber kultivierte Art des Geschäftemachens fasziniert Schröder. "Man braucht keine langen Papiere, sondern spricht kurz über die Bedingungen, gibt sich die Hand, und dann funktioniert das."

Für Rothschild ist Schröder vor allem in den Ländern am arabischen Golf unterwegs. Als Grundvergütung erhält er ein fünfstelliges Jahressalär. Für besondere Leistungen oder Erfolge ist on top auch mal eine satte Prämie drin

Ende 2006 wäre Schröder beinahe mal ein solcher Coup gelungen. Damals wollte der Rothschild-Kunde BayernLB die österreichische Gewerkschaftsbank Bawag kaufen. Mitbieter Cerberus hatte den ehemaligen US-Finanzminister John Snow ins Rennen nach Wien geschickt. Also musste Schröder für Rothschild ran und beim damaligen österreichischen Bundeskanzler Wolfgang Schüssel vorsprechen. "Der hat sich richtig ins Zeug gelegt", berichtet ein damals Beteiligter. Es half nichts. Die Bayerische Landesbank verlor den Bieterstreit. Rothschild und Schröder gingen leer aus.

Kein Zweifel, an Einsätzen mangelt es ihm nicht, ob als Redner, Türöffner oder Wegbereiter großer Deals. Es ist fast so wie zu Kanzlerzeiten: Schröder tummelt sich am liebsten dort, wo es brennt. Nur dass er jetzt eine "Ich-AG" ist.

Der Chef muss stets selbst ran. Deshalb wirkt bei Schröder manches erratischer als bei seinen Kollegen. Sein ehemaliger Regierungsgefährte Joschka Fischer etwa hat sich mit penibler Zielstrebigkeit auf das internationale Consulting verlegt. Ihm gehört heute gemeinsam mit einem Partner eine Firma mit einem Dutzend Beschäftigten, die Unternehmen in außenpolitischen Fragen berät.

Schröder hingegen geht es bei seinen vielen Aufgaben vorrangig um Unabhängigkeit. Mit einigem Stolz zahlt er Rechnungen, für die früher das Kanzleramt oder andere Gastgeber geradestanden, jetzt gern selbst. "I can afford it" (Ich kann's mir leisten), ist ein Spruch, den er nun häufig verwendet.

Manchmal sind dem vielseitig interessierten Entrepreneur freilich die Hände gebunden. So etwa, als Eon 2007 beim Versuch, den spanischen Energieversorger Endesa  zu übernehmen, auf unerwartet heftigen Widerstand stieß. Zwar hatte Eon-Aufsichtsratschef Ulrich Hartmann dafür plädiert, Schröder einzuschalten, um beim sozialdemokratischen Regierungschef José Zapatero Stimmung für das Projekt zu machen. Doch Konzernvormann Wulf Bernotat glaubte, allein zurechtzukommen.

Leicht verdientes Taschengeld

Beim Übernahmeversuch von Opel durch Magna und die russische Sberbank  wiederum konnte Schröder nicht eingreifen, weil Arbeitgeber Rothschild die US-Regierung in dieser Sache beriet. Ein klassischer Interessenkonflikt.

Nur einmal hat sich Schröder über einen solchen hinweggesetzt. Es ging um die Rettung der Fußballinstitution Schalke 04 - da konnte man schon mal vier ungerade sein lassen.

Als dem Revierklub 2007 das wirtschaftliche Aus drohte, besorgte Schröder Schalke-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies Gazprom als neuen Sponsor. Und das, obwohl Schröder Ehrenmitglied beim Schalke-Rivalen BVB in Dortmund ist. Er habe lediglich einen Brief von Tönnies in Russland überreicht, erzählt der Vermittler. "Ich habe gesagt, kümmert euch doch mal darum, das könnte interessant sein. Dann hat die Sache ihren Lauf genommen." BVB-Boss Hans-Joachim Watzke war über die Briefträgeraktion dennoch nicht amüsiert. Schröder: "Der hat sich schwer aufgeregt."

Keine Frage, der Job hat so seine Tücken. Ohnehin wird ja der Ruf nach Regulierung immer lauter. Schamfristen für das "Hebeln von politischen Ämtern" fordert etwa der Personalberater Wittgenstein. Andere regen die Offenlegung der Einkünfte an. In Zeiten allgemeiner Gehältertransparenz dürfe es im Lobbywesen keine dunklen Flecken geben.

Schröder indes legt sich fest: Seine Steuererklärung will er niemandem zeigen. Was könnte da wohl alles drinstehen? Rednerhonorare in Höhe von 50.000 Euro Minimum pro Auftritt, 150.000 Euro von Ringier, 50.000 Euro (plus Prämie) von Rothschild. 250.000 Euro Vergütung für den Nord-Stream-Job, 200.000 Euro für das Mandat bei TNK-BP. Pensionsgelder von rund 100.000 Euro.

Sicher, der Verdienst kann sich kaum mit dem Einkommen eines deutschen Vorstandschefs messen, schon gar nicht mit dem eines Investmentbankers. Doch man kommt gut zurecht. Es reicht für ein neues Domizil in Hannover. Und für mittlerweile vier Wohnungen in einem Mehrfamilienhaus auf der Ferieninsel Borkum. Die hat Schröder, je besser die Geschäfte liefen, nach und nach erworben. Erst die oberen zwei Appartements, dann die beiden unteren.

Der wahre Luxus, so Schröder, seien für ihn allerdings nicht Grundbesitz und ein dickes Konto, sondern dass er nach wie vor herumkutschiert werde. Er hat als Kanzler a. D. Anspruch auf Dienstwagen und Chauffeur. Und er nutzt, wenn es irgend geht, Mitfluggelegenheiten in den Privatjets seiner Auftraggeber.

Schröder, der Mann aus kleinen Verhältnissen, braucht sich keine Existenzsorgen mehr zu machen. Sollte es in der zweiten Karriere doch mal einen Knick geben, so hat er - zumindest - die Aussicht auf leicht verdientes Taschengeld.

Dreimal im Jahr trifft er sich mit Jürgen Großmann, Ex-Innenminister Otto Schily, dem Künstler Markus Lüpertz und dem Filmproduzenten Hanno Huth zum Skat. Gespielt wird um einen Cent pro Punkt. Schröder: "Da kann man an einem Abend schon mal 20, 30 Euro gewinnen."

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