Freitag, 24. Mai 2019

Schlaflosigkeit Im Wachheitswahn

Schlaflabor: Der Wachheitswahn gefährdet die Gesundheit

Schlafmangel gilt unter Führungskräften geradezu als schick. Motto: Vier Stunden sind genug. Viel zu wenig, warnen Mediziner. Der Wachheitswahn gefährde die Leistungsfähigkeit. Wer so wenig schlafe, werde "dick, dumm und krank".

Herbert Hainer ist bereit, ein Tabu zu brechen, indem er über ein durchaus intimes Bedürfnis spricht. Um frisch und ausgeruht in den Arbeitstag zu starten, so bekennt der Adidas-Chef, brauche er "pro Nacht sechs bis sieben Stunden Schlaf". Aber das klappt nicht immer. Es kommt vor, dass er mal nicht abschalten kann, im Flieger etwa. Dann vertraue er auf "ein leichtes Schlafmittel", verrät Hainer. Und klar, in den Ferien schläft auch der sportliche Hainer besser als am Ende eines hektischen Arbeitstages: "Im Urlaub auf Sylt, nach vielen Stunden an der frischen Meerluft", da könne er "schlafen wie ein Bär".

Kaum ein Manager redet so offen von seinem Schlafbedürfnis wie der Mann aus Herzogenaurach. Denn das Bild eines genüsslichen Schlummerers passt so gar nicht zum Image des stets einsatzbereiten Leistungsträgers. Deshalb wird in den Führungsetagen gern damit geprahlt, mit wie wenig Nachtruhe man - angeblich - auskomme.

So gab Rüdiger Grube, Vorstandschef der Deutschen Bahn, kürzlich zu Protokoll, ihm genügten vier Stunden Nachtschlaf, um tags darauf auch die komplexesten Managementaufgaben zu bewältigen. Ähnlich ließen sich auch Wolfgang Urban in seiner Zeit als KarstadtQuelle-Chef und sein Nach-Nachfolger Thomas Middelhoff vernehmen. Ob Manager oder Consultant, Investmentbanker oder Wirtschaftsprüfer - mit chronischem Schlafmangel klarzukommen gilt geradezu als Karrierevoraussetzung. Motto: Vier Stunden sind genug.

Mag sein, dass die Finanzkrise nicht aufs Konto unausgeschlafener Banker und Berater ging. Mag auch sein, dass Urban und Middelhoff nicht wegen der Fehleinschätzung ihres Ruhebedarfs gescheitert sind. Aber klar ist auch: Wer ständig zu wenig schläft, geht zumindest mit seinen eigenen Ressourcen nicht gerade nachhaltig um - er oder sie treibt Raubbau an der eigenen Leistungsfähigkeit. Denn "zu wenig Schlaf macht dick, dumm und krank", sagt Jürgen Zulley, Schlafforscher ("Somnologe") an der Uni Regensburg. Und vier Stunden pro Nacht, da sind sich alle Experten einig, sind auf Dauer eindeutig zu wenig.

Sich dem Wachheitswahn zu entziehen und regelmäßig auszuschlafen - das wäre ein guter Vorsatz. Aber so einfach ist es eben für viele Führungskräfte nicht. Die Faktoren, die ihnen den Schlaf rauben, haben in den vergangenen Jahren massiv zugenommen. Manager agieren heute in einem Umfeld hoher Unsicherheit. Was sie am nächsten Tag erwartet, ist unberechenbar geworden. Das war schon vor Ausbruch der Krise so, doch seit Märkte kollabieren und Finanzströme plötzlich versiegen, hat der Druck noch einmal zugenommen. Der tägliche Kampf ums Überleben der Firma, die Entlassung von Mitarbeitern und die Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs kosten auch hartgesottene Höchstleister die Nachtruhe.

Einerseits steigt die Hektik des Geschäfts. Andererseits werden häusliche Ruhephasen durch den Zwang zur ständigen Erreichbarkeit immer kürzer. Wer wagt noch, das Smartphone ein ganzes Wochenende lang komplett abgeschaltet zu lassen? Die Globalisierung dehnt die Arbeitszeiten rund um die Uhr aus: frühmorgens Telefonate mit Asien, spätabends mit der US-Westküste. Interkontinentalreisen über Zeit- und Klimazonen hinweg, die bereits fürs mittlere Management zur Tagesordnung gehören, bringen vielen Menschen den Schlafrhythmus komplett durcheinander.

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