Facebook Auf dem Weg zur Macht

Mit seinen 400 Millionen Mitgliedern hat sich das soziale Netzwerk zum Publikumsrenner im Internet entwickelt. Jetzt will der Shootingstar daraus Milliardenerlöse machen nach Google-Vorbild. Ein Inside-Report aus dem Firmensitz in Palo Alto.
Von Klaus Boldt und Astrid Maier

Mark Zuckerberg (25) hat mal wieder nicht aufgeräumt. Auf seinem Arbeitstisch, der inmitten all der anderen mit ihren Dell-Monitoren steht und sich von ihnen nur durch die größere Unordnung (und den fehlenden Dell-Monitor) unterscheidet, hat er einen Haufen Krempel hinterlassen: Autoschlüssel und iPhone, eine Gabel, eine Papierserviette, ein Telefonbuch (Gelbe Seiten), einen Plastik-Seifenspender, zwei Alu-Macs (zugeklappt), einen Teller, einen Porzellannapf mit einem Zeug, das so aussieht wie chinesisches Kantinengemüse, eine schwarze Einkaufstüte mit "facebook"-Schriftzug und noch eine Menge anderen Kram. Ein kleiner Bambus versucht, ein bisschen nette Stimmung zu verbreiten, gibt aber bald auf.

Der Chef sei leider gerade unabkömmlich: "Besuch, wissen Sie", sagt Debbie Frost, eine Engländerin Mitte 30, die früher für den Gegner, das heißt für Google , tätig war, inzwischen aber Zuckerbergs Sprecherin ist beziehungsweise die Sprecherin seines Unternehmens, das in die Höhe emporgeblüht ist und sich nach allen Seiten prachtvoll entfaltet hat.

Im vergangenen Jahr ließ Zuckerberg die auf zehn Gebäude in Palo Alto, einer Ortschaft 50 Kilometer südlich von San Francisco, verteilte Belegschaft der Ordnung halber in einem neuen Hauptquartier versammeln: einem zweistöckigen Zweckbau aus den 60er Jahren, der sich im Research Park der Stanford-Universität befindet, über eine Fläche von 14.000 Quadratmetern verfügt und zuletzt von der Firma Agilent bezogen gewesen war, die Oszilloskope, Signalgeneratoren sowohl wie Spektrum- und Logikanalysatoren herstellt.

Zuckerbergs Gestalter haben sich darum bemüht, der Lokalität den Anschein einer Schlosserei, jedenfalls einer Werkstatt zu geben: Röhren und Rohre, Stahlträger, Leitungen, Schläuche und Zylinder hängen herab, ragen hinaus, springen hervor, laufen unter den Decken dahin - wahrscheinlich zu Ehren des Handfesten in einer Welt der elektrischen Impulse. Einzelbüros mag es geben, sind aber nirgendwo zu entdecken.

Bevölkert wird die Anlage von ungefähr 1000 Menschen, die alle 28 Jahre alt zu sein scheinen und Jeans, T-Shirts und Turnschuhe oder Badelatschen tragen. Sie verströmen diesen etwas drieseligen, nicht unangenehmen kriegerischen Hochmut der Marke "Erfolgsmensch", der allen eigen ist, die fest glauben, an etwas Großartigem mitzuwirken. Weitere 500 von diesem Schlag will Zuckerberg noch einstellen, falls 500 reichen. Denn sein Laden wächst und wächst.

Alle Märkte, so groß, so wichtig;

Im vergangenen Krisenjahr schwoll der Umsatz in einer Weise an, die die Manager des Konkurrenten Myspace entsetzt zurückfahren ließ: Ein Zuwachs von über 65 Prozent auf geschätzte 500 Millionen Dollar wurde festgestellt.

Zuckerberg ist in diesem Moment in einem dreieckigen Besprechungszimmer zugange, dessen eine Wand aus einer Glasscheibe besteht: Er setzt zwei Auswärtigen, die es der Kleidung nach sind, offenbar seine aktuellsten Pläne auseinander, vollführt die weiten, unbestimmten Gebärden des Vordenkers und grinst dabei wie ein Erstsemester, der zwei Kommilitonen die Zapfanlage fürs Bierfest erläutert. Eifrig und verständig nicken seine Gäste.

Mit feinem englischem Akzent unterbricht Debbie Frost die Betrachtung und sagt, dass Zuckerbergs Chief Operating Officer, Sheryl, den Gast nun erwarte und erfreut sei, sehr erfreut sogar: Der deutsche Markt sei ja so wichtig, alle Märkte seien ja so wichtig, aber der deutsche sei vielleicht noch wichtiger. So groß, so wichtig!

Und "Hello", klingt es da plötzlich aus anderer Richtung mit lebhafter Wärme, und hier ist sie schon: Sheryl Sandberg (40), das Wondergirl. Wie eine Erscheinung tritt sie hinter dem Monitor auf ihrem Arbeitstisch hervor, der direkt gegen den von Zuckerberg gerückt ist.

Sie trägt eine schwarze Hose, einen beigefarbenen Pullover, und ihre Haare liegen, als wehte von irgendwoher ein bisschen Wind.

In ihre Sprache und ihre Blicke legt sie einen Nachdruck, der zwar possierlich, aber durchaus respektgebietend wirkt: Sie ist gleichzeitig entspannt und konzentriert, sieht viel besser aus als auf den Fotos, hebt ihren Fuß auf die Stuhlkante, ihr Knie mit den Händen umspannend, und spricht zügig, klar und gut gelaunt und mit einer Stimme wie von Chanel.

Sandberg gehörte zu jener Truppe, die Google groß und zum Alleinherrscher des Netz-Werbemarktes gemacht hat: Vier von zehn Reklamedollars, die irgendwo im Internet ausgegeben werden, landen in der Kasse von Google, und Sheryl Sandberg eilt der Ruhm voraus, dass sie es war, die das Werbegeschäft dort veredelt, verfeinert und vervollkommnet habe - und jetzt ist sie bei Facebook, und Familienglück (verheiratet, zwei Kinder: vier und zwei Jahre alt) und Berufserfolg haben sie heiter und wohlwollend gemacht. Und selbst wenn sie Rivalen oder Rivalinnen aufs Entschiedenste zusammenpresst, so geschieht dies doch auf eine freundliche Art und Weise.

Microsoft und Yahoo abgehängt

Als Sie im Frühjahr 2008 von Google hierher, ins neuneinhalb Kilometer entfernte Palo Alto wechselte (niemand wusste, warum, und Google-Kommandant Eric Schmidt soll ihr, um sie zum Bleiben zu bewegen, sogar das Amt des Finanzvorstands angetragen haben), da höhnte man über dieses komische Paar: den damals 23-jährigen, etwas linkischen Ex-Studenten Zuckerberg, der selbst nach den hiesigen Maßstäben des Dicketuns als hochnäsig und unberechenbar gilt und dem sein Baby Facebook buchstäblich über den Kopf zu wachsen begann, und die 15 Jahre ältere Mrs. Sandberg, die nach ihrem Harvard-Abschluss für Bill Clinton als Abteilungsleiterin im Finanzministerium gearbeitet hatte und bei Google zu einem Star des Silicon Valley geworden war.

Heute reißt keiner mehr Witze: Das ehemalige Studentennetzwerk hat, offiziellen Verlautbarungen zufolge, eine fast raketenhafte Entwicklung genommen: Binnen zwölf Monaten ist der Mitgliederbestand von 150 auf über 350 Millionen gestiegen. Inzwischen sind nach Unternehmensangaben mehr als 400 Millionen aktive User angemeldet. Ein Drittel der weltweit 1,2 Milliarden Internetnutzer verfügt also über ein Facebook-Konto. Nur Google hat einen größeren Anhang, Microsoft  und Yahoo  wurden abgehängt.

Facebook ist zum Internet im Internet geworden. So machtvoll und ausgedehnt präsentiert sich der Betrieb, dass Fachleute fragen: Ist Facebook das nächste Google - oder sogar das größere Google?

Über 14 Milliarden Informationen tauschen die Mitglieder in jedem Monat aus: Einladungen, Lebenszeichen, Geburtstagsgrüße, Berichte über ihren Seelen- und Bulletins über ihren Gesundheitszustand, Klagen über ihre Arbeit, Jubel oder Beschwerden über ihre Sexualpartner. Über 80 Millionen Fotos werden am Tag hochgeladen und knapp 500.000 Videos.

In 70 Sprachen ist das Netzwerk verfügbar, und "es gibt keinen Grund", meint Sandberg mit Furcht einflößendem Lächeln, "warum wir nicht in jeder Sprache erscheinen sollten, die auf diesem Planeten gesprochen wird." Ende 2010 werden wohl 500 Millionen Menschen ein Facebook-Konto eröffnet haben.

Das vom Harvard-Studienabbrecher Zuckerberg gegründete Unternehmen hat eine Größenordnung erreicht, die es zum sozialen Betriebssystem des Internets selbst macht und solcherart eine Herausforderung, ja mehr noch: eine Bedrohung darstellt für den Werbemarkt-Hegemon Google.

Die Manager des Klassenprimus beäugen den Emporkömmling ohne übertriebene Sorge, aber doch mit einem gewissen Argwohn. Denn es geht um nicht weniger als die Frage, wie das Internet künftig organisiert und genutzt, welche Gestalt die Netzwelt annehmen und wie man sich in ihr fortbewegen wird.

Facebook und Google sind Teile derselben Bewegung, aber sie repräsentieren die Flügel zweier Denkungsweisen: Auf der einen Seite Google, das mit kühler Logik und zügelloser Sammelwut an einer Weltformel arbeitet, mit der sich das Internet, ja das Wissen der Welt, ja die Welt selbst um- und erfassen lässt.

Google-Kavaliere düpiert

Auf der anderen Seite stößt Facebook hervor, als Vertreter jenes Richtungsverständnisses, wonach sich das Internet, wie Sandberg sagt, "von einem Informationsnetz zu einem sozialen Netz" wandele. Sie glaubt nicht an eine Weltformel, sie glaubt an das, was sie die "Weisheit der Freunde" nennt.

Mit Kamerawagen, die die Straßen abfahren, sei die Welt zwar darstellbar, aber nicht zu verstehen: Google, höhnt Zuckerberg, liefere "nur Zeug", das sowieso öffentlich verfügbar sei. Die Facebook-Leute begreifen sich durchaus als Rebellen, die sich gegen das Net-Establishment auflehnen, in Sonderheit gegen Google und den Kult, der um den Publikumsliebling inszeniert wird.

Schon bald nach der Facebook-Gründung 2004 hatte sich eine verbissene Gegnerschaft zwischen den beiden Kompanien herausgebildet, deren Geisteshaltungen so unterschiedlich sind. Inzwischen kommt fast jeder zehnte Facebook-Mitarbeiter von Google: Alle wollen sie es ihrem Ex-Arbeitgeber zeigen.

Obwohl Einnahmequellen lange Zeit fast gänzlich fehlten, hatte Zuckerberg nie Schwierigkeiten, Geldgeber zu finden. Google selbst soll 2007 erwogen haben, einen gefälligen Brocken an dem aufstrebenden Studententreff zu erwerben. In der Tat sind beide Firmen so gegensätzlich, dass sie sich idealerweise ergänzen würden.

Zuckerberg und seine Leute fühlten sich durch das Interesse allerdings nicht gerade geschmeichelt: Was Google kann, könne man ja schließlich besser: Die tage- und nächtelangen "Hackathons", wenn Facebook-Ingenieure bei Rockmusik, Pizza und Red Bull in einem Hacker-Marathon neue Programme hervorbringen, sind legendär im ganzen Tal.

Nein, Zuckerberg schmolz nicht dahin, als man ihm die Aufwartung machte. Ein Angebot von Yahoo über eine Milliarde Dollar für den ganzen Apparat hatte er kurz zuvor schon abschlägig beschieden.

Im Gegenteil, er düpierte die Google-Kavaliere, indem er sich mit Microsoft einließ, Googles erklärtem Gegenspieler: Im Herbst 2007 erstand das Softwareungetüm 1,6 Prozent der Anteile und verstärkte das Betriebskapital auf wünschenswerteste Weise mit 240 Millionen Dollar, was einem Firmenwert von 15 Milliarden Dollar entsprach. Ende 2009 soll auch die Moskauer Investmentfirma Digital Sky ihre Beteiligung von 3,5 auf 5 Prozent erhöht haben.

Wie mit glühenden Hämmern

Welcher Anteil an dem stürmischen Schwung, der Facebook ergriffen hat, der Tüchtigkeit Sandbergs zuzuschreiben ist und welcher den unvorhersehbaren Prozessen der Moden oder des Zufalls oder ein paar speziellen Umständen, lässt sich nicht feststellen. Aber Marktführer ist nichts, was man dadurch würde, dass man sich's einfach wünschte.

Schon bald nachdem sie die Zügel in die Hände genommen hatte, wurde bemerkbar, dass ein frischerer und unternehmenderer Geist den Betrieb belebte.

Es lag in der Natur der Sache, dass dies nicht allen Alteingesessenen behagte, vor allem jenen nicht, denen die studentisch geprägte Firmenkultur ans Herz gewachsen war und denen die Aussicht wenig erstrebenswert erschien, unter weiblicher Obhut, noch dazu einer früheren Google-Managerin, zu stehen.

Mitgründer Dustin Moskovitz (25) und Cheftechniker Adam D'Angelo (26) verließen das Unternehmen, Zuckerberg-Kumpel Matt Cohler (32) reichte ebenfalls seinen Abschied ein. Im Frühjahr 2009 stellte auch der erst im Juli 2007 (von der Google-Tochterfirma Youtube gekommene) Finanzvorstand Gideon Yu (38) seinen Posten zur Verfügung. Es sei nun mal nicht immer ganz einfach mit Zuckerberg, ächzt ein Manager.

Der Hauptgesellschafter, im Dienste der völkerverbindenden Digitaltechnik unentwegt tüftelnd tätig, waltet seines Leitungsamtes als Chief Executive Officer, erteilt Anweisungen und gibt dem Triebrad des Geschäfts hier und da einen Stoß, überlässt Überwachung und Steuerung des Fortgangs aber nun der Tatkraft Sandbergs. "Mark ist toll", findet die, "er ist lustig und nett und liebenswürdig und unglaublich klug. Er hat eine wirklich klare Vision von dem, was dieses Unternehmen tun soll." Es soll nämlich alles tun - in diesem Anspruch ist Facebook so maßlos wie sein Rivale Google.

Sandberg ließ Facebook nicht nur in immer mehr Sprachen verbreiten, sondern auch laufend neue Vermarktungstechniken ersinnen; nicht nur zur Erleichterung des Datenverkehrs eine Facebook-Lite-Version erstellen, die deutlich flotter arbeitet als die unter dem Andrang der Mitglieder häufig stotternde Hauptseite, sondern auch Zweigstellen allenthalben eröffnen: "Wir können nun weltweit Werbung verkaufen."

Geografisch konzentrieren sich ihre Bemühungen auf bevölkerungsreiche Länder wie Indonesien, Brasilien und Indien. Anfang Februar eröffnete in Hamburg auch die lange erwartete Deutschland-Filiale, die der frühere Google-Manager Scott Woods (41) leitet.

Der Umsatz speist sich zu einem Teil aus dem Vertrieb von Anwendungen, mit denen man sich gegen Gebühr virtuelle Blumen oder Kätzchen zuschicken kann, in erster Linie aber aus Anzeigen.

Im vergangenen Jahr stiegen die Werbeeinnahmen wie mit glühenden Hämmern nach oben getrommelt um 70 Prozent, ein weiterer Zuschlag von etwa 40 Prozent auf rund 700 Millionen Dollar wird im laufenden Jahr sicher erwartet.

Widerstand gegenüber Werbung

Damit würde Facebook rund ein Drittel jener 2,2 Milliarden Dollar einstreichen, die die Werbewirtschaft weltweit in soziale Netzwerke investiert. Seit nunmehr acht Quartalen arbeitet das Unternehmen nach eigenen Angaben profitabel. Aber nur ein hagerer Gewinn wird sich trübselig in der Bilanz abzeichnen.

So regsam und rastlos Facebook wirkt, die Geschäftszahlen sind, gemessen an der weltumspannenden Reichweite, doch nur bedingt zufriedenstellend. Denn das pfeilschnelle Wachstum kostet viel Geld: Jedes Neumitglied beansprucht frischen Speicherplatz, ständig müssen neue Server-Plantagen angelegt, Rechnerleistungen zugekauft, Leitungen verstärkt werden.

Auch wenn der Cashflow positiv ist, Investitionen mithin aus eigener Kasse bezahlt werden können, so ist man von allem Überfluss doch weit entfernt. Ein Börsengang ist vorbereitet - wenngleich derzeit angeblich nicht geplant.

Die Vermarktung von Digitalgemeinschaften gilt in Fachkreisen zwar nicht als Ding der Unmöglichkeit, aber doch beinahe: Alle Betreiber stehen vor dem Dilemma, dass mit ihrem Erfolg auch der Widerstand ihrer Mitglieder gegenüber Reklame wächst.

Nach Ermittlungen des Marktforschers IDC ist der Anteil der Nutzer, die niemals eine Anzeige anklicken, in sozialen Netzwerken doppelt so hoch wie im Schnitt; und nur halb so viele kaufen nach dem Anklicken einer Seite auch ein Produkt. Mitgliedsbeiträge aber wagen nur die wenigsten Anbieter zu erheben.

Auch Sandberg gelang nicht alles, einige Initiativen verpufften, andere schlugen fehl. Das in puncto Datenschutz umstrittene und von der Mitgliedschaft erbittert bekämpfte Werbemodell Beacon musste vom Netz genommen, eine Änderung der allgemeinen Geschäftsbedingungen rückgängig gemacht werden.

Nachdem Facebook die Standardeinstellungen im Dezember überarbeitet hatte, entrüsteten sich Verbraucherschützer erneut: Etliche Nutzerdaten waren plötzlich zu "öffentlich zugänglichen Informationen" erklärt worden.

Sowohl Mitglieder wie Datenschützer befürchten, dass Schindluder mit persönlichen Datensätzen getrieben wird und man sich ihrer zu Vermarktungszwecken bemächtigen könnte. Mit wenigen Klicks lassen sich heute zwar alle Informationen dem öffentlichen, nicht aber gänzlich dem gewerblichen Zugriff entziehen. Facebook lotet den Spielraum zwischen Datenschutz und Vermarktung ständig neu aus.

Jenseits der eigenen Website

Von Widerständen lässt sich Sandbergs Expansionslust nicht dämpfen: "Wir wollen die Welt miteinander verbinden. Das ist unsere Mission", lächelt sie kategorisch. Und mit Kommandokraft: "Unser Umsatz ist so grenzenlos wie das Wachstum der Nutzer und ihr Engagement."

Mit den Reklameprogrammen, die sie ihrer Kundschaft andient, lassen sich Zielgruppen nach Geschlecht, Wohnort, Alter, Bildung, Beruf, Lebensstil und vielen anderen Merkmalen filtern. Opel beispielsweise könnte schwule Dauerläufer in Bangkok recht gut über Facebook erreichen, käme allerdings nicht in den Besitz der heiligen Datensätze. Lediglich einem Bericht könnten die Rüsselsheimer entnehmen, wie vielen (anonymisierten) Zielpersonen ihre Anzeige vorgesetzt und von wie vielen, welchen Geschlechts oder Triebes, sie angeklickt worden ist.

Instrumente und Techniken sind den Google-Programmen Adsense und Adwords nicht unähnlich, die Sandberg einst gesteuert hatte und die inhaltsbezogene Anzeigen automatisch verteilen.

Dennoch empfinden es viele Mitglieder als gespenstisch, wenn sie ihren Facebook-Freunden Vertraulichkeiten vom Trip nach Helsinki mitteilen und kurz darauf Angebote von Finnair erhalten. Von Cyber-Stalking geht die Rede.

Nicht wenige Werbekunden fürchten solche Reaktionen; zudem erwartet die Branche eine EU-Datenschutznovelle mit strengen Auflagen für personalisierte Anzeigen.

Auch aus diesem Grund richtet Facebook seine Vermarktungsanstrengungen nicht nur auf die begrenzten Möglichkeiten der eigenen Website, sondern nach außen, mithilfe sogenannter Programmierschnittstellen: Mit ihnen lassen sich Internetseiten zu weitgefächerten, digitalen Sozialsystemen verbinden und die Netzwerkeffekte vervielfachen - gleichzeitig kann man mit dieser Technik Werbung verkaufen beziehungsweise an Dritte vermitteln, ohne die eigenen Nutzer zu belästigen. Allenthalben versuchen Internetunternehmen, über sich hinauszuwachsen, ihre Geschäftstätigkeit auszudehnen und eine Plattformstrategie zu etablieren.

Sandberg operiert mit Facebook Connect und Open Stream, zwei technisch komplizierten Verfahren, mit denen die Facebook-Identität nicht nur als digitaler Ausweis genutzt werden kann, um externe Seiten zu besuchen, sondern mit denen Facebook sich selbst in die Lage versetzt, Anzeigen auch jenseits der eigenen Website zu vertreiben und eine Art Vermittlungsprovision einzustreichen.

55 Minuten am Tag

Mehr als 80.000 Websites bedienen sich mittlerweile Facebook Connects, von Sony  bis zur "Huffington Post". In den USA nutzen viele Online-Einzelhändler den Dienst; bei jedem via Facebook zustande gekommenen Verkauf könnte in Zukunft auch für Sandberg etwas abfallen. Die Sozialgemeinschaft soll dergestalt zum Mittelpunkt der gesamten Netzaktivität seiner Mitglieder werden.

Was den übermäßig leidenschaftslosen, aus unabsehbaren Höhen herabgrüßenden Google-Strategen (allein ihr Gewinn ist rund zehnmal so hoch wie die Gesamteinnahmen von Facebook) zu schaffen macht, ist nicht die Tatsache, dass 400 Millionen Menschen bei Facebook eingeschrieben sind, sondern dass sie dort auch sehr viel Zeit verbringen: durchschnittlich 55 Minuten am Tag.

Nicht genug damit, dass diese 55 Minuten für die Nutzung von Google fehlen - der stetig anschwellende Datenverkehr, der durch die über 40.000 Facebook-Server tickt und sich zu einem undurchdringlichen Netz im Netz verwoben hat, ist für Googles Suchscheinwerfer auch unsichtbar.

Nur auf Facebook Pages, die gelben Seiten des Sozialwerks, wo Firmen oder Politiker um Kunden und Wähler werben, haben Googles Webcrawler Zugriff.

Gleichzeitig aber machten Sand- und Zuckerberg in einem schmerzhaften Akt der Google-Verhöhnung die für die Öffentlichkeit ausdrücklich nicht gesperrten Status-Aktualisierungen ihrer 400 Millionen Mitglieder jetzt für Bing, die Suchmaschine ihres Mitgesellschafters Microsoft, verfügbar, Schließlich führt jeder Link, den ein Facebook-Mitglied veröffentlicht, geradewegs hinein in die weite Netzwelt: Mehr als 60 Millionen Nutzer strömen über Facebook Connect jeden Monat auf externe Websites.

Die Marktforschungsfirma Hitwise hat vorgerechnet, dass Facebook schon heute in manchen Wochen mehr Verkehr zu Promi-Blogs, Video- und Klatschseiten wie Tagged.com, Perez Hilton oder DListed lenkt als Google.

Googles Überlegenheit liegt darin begründet, Anzeigen dort meisterhaft zu platzieren, wo Nutzer ein bestimmtes Produkt suchen. Aber die kleinen, einfachen Anzeigen neben den Suchergebnissen sind ohnehin nicht, wonach Sandberg der Sinn steht: Ihre Habgier ("Ich liebe das Werbegeschäft") ist auf einen weit größeren Markt gerichtet - auf die Image- und Markenkampagnen mit ihren Milliardenbudgets, die immer noch fast durchweg in die traditionellen Massenmedien fließen.

Königsdisziplin des Marketings

In der Königsdisziplin des Marketings (dort eine Nachfrage schaffen, wo keine war) ist auch Google bislang weitgehend erfolglos geblieben. Sandberg ist überzeugt davon, dass Facebook - wenn es nur erst wirklich weltumfassend ist - der ideale Transporteur für die großen Werbebotschaften ist. Coca-Cola hat auf seiner Facebook-Seite schon heute über vier Millionen registrierte Anhänger.

Nun erweist sich, dass die Positivisten aus Mountain View, der Google-Zentrale, in ihrem Übereifer zwar viel zusammengetragen haben, über ihre 890 Millionen Nutzer, aber bei Weitem nicht so viel wissen, wie Tragöden unter Beobachtern glauben machen wollen: Dem Surfverhalten lässt sich nachspüren, und die Suchbegriffe selbst erlauben Rückschlüsse. Aber was sind diese Kenntnisse, die Google besitzt, im Vergleich zu jenen Geheimnissen und Intimitäten, die Facebook-Nutzer einander und den Facebook-Servern anvertrauen?

Das Verheißungsvolle, das der Facebook-Strategie innewohnt, dazu der ständige Hunger nach frischem Kapital machen das Unternehmen aus Palo Alto zu einem der attraktivsten (und teuersten) Übernahmeziele der Wirtschaft.

Doch wie munter Facebook heute auch erscheinen mag und wie lohnenswert eine Beteiligung, so schweben die Firmen dieser Industrie, die sich in einem frühen Stadium ihrer Entwicklung befindet, naturgemäß ständig in Gefahr.

Jüngste Ereignisse zeigen, dass selbst die größten Websites binnen Kurzem dem Verderben anheimfallen können: AOL, vor zehn Jahren eine der mächtigsten Firmen der Welt, ist, vom Fortschritt fast vertilgt, nur noch ein Haufen Elend.

MySpace, der entthronte Marktführer unter den Sozialnetzen, befindet sich, lallend und gurgelnd, in einer Periode des Erlahmens, des Stillstands, der Zurückweichens und womöglich gar des Abbröckelns und der Zersetzung.

"Wir streben nicht danach, die Supermacht von irgendetwas zu sein. Aber wir wollen helfen, die Welt zu vernetzen mit Menschen, Entwicklern, Produkten und Marken." Sandbergs sorgfältig gesalbte Worte zaubern einen verklärten Ausdruck auf das Gesicht von Debbie Frost, der Engländerin: Die Welt vernetzen und so - hört sich doch gut an. Ja, es lief alles glatt, Sandberg ließ Facebook mal wieder richtig gut aussehen, wirkte selbstbewusst, aber nicht eitel, erfolgsgewohnt, aber doch immer hübsch bescheiden.

Das Besprechungszimmer mit der Glaswand ist leer: Mark Zuckerberg und seine Besucher sind weg, wahrscheinlich irgendwo im Netz.

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