Social Investing Smarte Spende

Viele Wohlhabende wollen mit ihrem Geld Gutes tun. Mit ihren Finanzmitteln fördert die neue Generation der Gönner Projekte und Persönlichkeiten, die soziale Probleme unternehmerisch lösen wollen. Die Sozialinvestoren spenden nicht mehr wahllos, sondern achten streng auf Effizienz - und fordern eine soziale Rendite.

Eigentlich ist Stephen Brenninkmeijer eher Geldmagnat als Gutmensch. Jahrelang hat der Erbe und Spross der berühmten C&A-Kaufhausdynastie einen Risikokapitalfonds gelenkt, und das mit großem Geschick: Das Vehikel namens Andromeda umfasste Teile des Familienvermögens, investierte in Entwicklungsländer und warf satte Renditen ab. Vor zwei Jahren machte die Familie erfolgreich Kasse.

Heute leitet der Niederländer ein Unternehmen, das keinerlei Profite abwirft. Jedenfalls nicht im herkömmlichen Sinne. Das Network For Teaching Entrepreneurship (NFTE) will sozial schwachen Jugendlichen unternehmerisches Denken beibringen.

Brenninkmeijer stellt dem Projekt Finanzmittel und Arbeitskraft zur Verfügung. Er betrachtet das Engagement aber weniger als Mildtätigkeit denn als Investment. "Ich arbeite weiterhin wie ein strategischer Finanzinvestor, nur im sozialen Kontext." Geldgeschenke widersprechen seinen Prinzipien. Einziger Unterschied seiner jetzigen Tätigkeit zur gewöhnlichen Vermögensanlage: NFTE bietet keine finanzielle, dafür aber eine soziale Rendite. Bundesweit beteiligten sich bislang 3500 Schüler an dem Programm und lernten zum Beispiel, wie man Businesspläne schreibt.

Brenninkmeijer ist Teil einer Bewegung, die schon vor Jahren in den USA startete und zunehmend Nachahmer in Europa findet: Sogenannte Social Investors vergeben keine Almosen, sondern fällen Anlageentscheidungen anhand ausgefeilter Kriterien. Sie kontrollieren nicht nur die finanzielle Seriosität, sondern auch gesellschaftliche Effektivität.

Viele wohltätige Vermögende aus Deutschland richten sich bereits nach dieser Lehre. Dazu zählen neben Brenninkmeijer etwa BMW-Großaktionärin Susanne Klatten, der ehemalige Gea-Eigner Otto Happel, SAP-Mitgründer Dietmar Hopp oder Alexander Otto, Spross des gleichnamigen Versandhaus-Clans und Chef der ECE-Gruppe. "Investieren statt Spenden" lautet die Losung der philanthropischen Geldgeber. "Wir wollen niemandem etwas schenken, sondern Starthilfe leisten", so Investor Hopp.

Mit ihren Finanzmitteln fördert die neue Generation der Gönner Projekte und Persönlichkeiten, die Probleme des Sozialsektors auf unternehmerische Art lösen wollen: sogenannte Social Entrepreneurs. Diese Spezies ist hierzulande - verglichen mit den Vereinigten Staaten - noch unterentwickelt. Der Grund: Bislang ist der Markt für gemeinnützige Projekte derart undurchsichtig, dass innovative Konzepte der Masse der Spender verborgen bleiben. Stattdessen flossen die Spenden allzu oft in nutzlose Projekte: "Im gemeinnützigen Sektor wird das Kapital bislang intransparent und ineffizient verteilt", klagt Ann-Kristin Achleitner, Professorin für Entrepreneurial Finance an der TU München.

Wohltat und Wirtschaftlichkeit

Doch das könnte sich nun ändern: Professionelle Sozialinvestoren wollen die besten Projekte auch weniger versierten Geldgebern zugänglich machen. Alle Möchtegernspender erhalten dadurch die Möglichkeit, nach den Regeln der Spezialisten zu investieren. Für wohltätige Privatanleger ist das ein großer Fortschritt: So können sie sicherstellen, dass ihre Gabe das richtige Ziel findet - und größtmögliche Wirkung entfaltet.

Wohltat und Wirtschaftlichkeit sind kein Widerspruch. Wer daran zweifelt, sollte sich mit Helga Breuninger unterhalten: Wenn die Nachfahrin des Stuttgarter Warenhaus-Gründers Eduard Breuninger über ihr soziales Engagement spricht, verwendet sie Wörter wie "Hebelwirkung" und "Effizienz". Unüberlegt Spenden zu verteilen hält die Volkswirtin und promovierte Psychologin geradezu für schädlich. "Wir müssen wegkommen von diesem reinen Gutmenschentum", sagt Breuninger mit sanftem schwäbischem Akzent. "Wer nicht unternehmerisch denkt, zementiert vorhandene Strukturen."

Als Leiterin der Breuninger Stiftung schüttet sie jedes Jahr einen Millionenbetrag für wohltätige Zwecke aus - und das mit Bedacht. Ihr derzeit größtes Anliegen: Breuninger will mehr Schülern, auch in Problemvierteln, zu Abschlüssen verhelfen. Doch nichts läge ihr ferner, als einfach nur Mittel in die klammen Schulen zu pumpen: "Das wäre ein viel zu teures und wenig nachhaltiges Investment", so die 62-Jährige, "wir wären nichts weiter als der Lückenbüßer des Staates."

Die Stiftung finanziert pädagogische Werkstätten - lokale Schnittstellen zwischen Schulen, Kindertagesstätten und Eltern: Lernprobleme eines Kindes sollen frühzeitig identifiziert, mit Erziehern und Lehrern besprochen und gemeinsam mit den Eltern gelöst werden.

Ein Schulprojekt in Berlin-Moabit unterstützt Breuninger für zehn Jahre mit insgesamt zwei Millionen Euro. Sie erwartet klare Resultate: Erreichen bislang nur etwa 15 Prozent der Grundschüler fortgeschrittene Lesefähigkeiten, soll die Quote künftig auf 90 Prozent steigen. "Bei unseren Projekten arbeiten wir ergebnisorientiert", erklärt Breuninger.

Indes, noch denkt die breite Masse der Mäzene nicht ökonomisch. Wenn es ums Spenden geht, entscheiden selbst hartgesottene Wirtschaftsfunktionäre plötzlich rein emotional. "Spender verteilen ihr Geld meist nach Sympathie, statt auf Effizienz zu achten", so Mirjam Schöning, Leiterin der Stiftung des Weltwirtschaftsforum-Gründers Klaus Schwab.

Der unkoordinierte Geldfluss begünstigt Wildwuchs im wohltätigen Sektor. Allein in Deutschland gibt es mehr als 600.000 gemeinnützige Vereine und Stiftungen, die um Spenden buhlen. Neue Konzepte leiden darunter besonders. Sozial motivierte Unternehmer, ergab eine Untersuchung der Wirtschaftskanzlei Linklaters, haben große Probleme, Geld für Betrieb und Wachstum ihrer Organisation zu beschaffen. Ein Sozialentrepreneur muss heute Schätzungen zufolge 70 Prozent seiner Arbeitszeit mit Spendensammeln verbringen. Kredite oder Fördermittel sind schwer zu bekommen.

Wie ein Wagniskapitalgeber

Auf der anderen Seite machte es der Wirrwarr wohltätigen Spendern bislang nahezu unmöglich, die wirklich wirkungsvollen Projekte zu finden - ein Manko, dem neuerdings auch in Deutschland eine Reihe von Organisationen Abhilfe zu schaffen versucht.

Einer der Vorreiter ist Ashoka - zu Deutsch: "Überwinden von Missständen". Gegründet 1980 von einem ehemaligen McKinsey-Berater und noch heute von McKinsey unterstützt, hat die Organisation so prominente Sozialunternehmer wie den Mikrokredit-Banker und Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gefördert. Mittlerweile agiert Ashoka in 70 Nationen rund um den Globus, seit 2003 auch in der Bundesrepublik. 27 Social Entrepreneurs hat die Organisation bislang in Deutschland in ihr Programm aufgenommen.

Dabei geht Ashoka vor wie ein Wagniskapitalgeber: In einem langwierigen Auswahlprozess müssen Kandidaten die Juroren überzeugen, dass ihr Unternehmen drängende gesellschaftliche Probleme lösen kann. Die Hürden sind hoch: Infrage kommen nur neuartige Geschäftsmodelle, die sich möglichst grenzüberschreitend ausweiten lassen.

Haben sie die wochenlange Testphase überstanden, erhalten Ashoka-Schützlinge ein dreijähriges Stipendium. Diese Zeit muss reichen, um am Markt Fuß zu fassen, neue Einkommensquellen zu erschließen. "Ashoka identifiziert sozial engagierte Unternehmer", sagt Joachim Faber, Investmentvorstand bei der Allianz und Ashoka-Förderer, "und stattet sie mit dem notwendigen Rüstzeug aus."

Die Organisation nimmt nicht nur ihre Stipendiaten, sondern auch die Geldgeber in die Pflicht: Mitglieder des "Ashoka Support Network" sind angehalten, über drei Jahre hinweg mindestens 10.000 Euro jährlich zu spenden. Darüber hinaus sollen sie für die Stipendiaten als Paten, Ratgeber und Kontaktvermittler fungieren.

Eine finanzielle Gegenleistung haben sie nicht zu erwarten. Dennoch wird die Liste der Förderer immer länger: Helga Breuninger gehört genauso dazu wie NFTE-Chef Brenninkmeijer, BMW-Aktionärin Klatten, Ex-Gea-Mann Happel und der ehemalige RWE-Primus Harry Roels. 300 Unterstützer zählt Ashoka weltweit. "Ich will etwas an die Gesellschaft zurückgeben", erklärt Roels, "dabei aber nicht nur Geld, sondern auch meine Fähigkeiten einsetzen."

Der Kreis der Social Investors soll weiter wachsen. Nicht nur Ashoka ist an neuen Förderern interessiert. Auch andere Institute arbeiten daran, verstärkt Spender zu gewinnen. Derzeit entwickelt die Bertelsmann Stiftung gemeinsam mit der Deutschen Börse und einer Reihe weiterer Partner eine umfassende Online-Datenbank für unterstützungswürdige Projekte. Der Grundgedanke: 20 ausgebildete Analysten untersuchen den Markt, testen die Effektivität von Sozialunternehmen und stellen die Berichte gratis ins Netz.

Hilfe beim ethischen Anlegen hilft

Im November haben die Partner Phineo gegründet, eine gemeinnützige Aktiengesellschaft, die die Plattform betreiben und im April 2010 starten soll. 300 Projekte haben die Analysten geprüft, die 80 besten werden zum Auftakt veröffentlicht. Wenn alles gut läuft, soll Phineo wie eine Art Broker zwischen Investoren und Sozialprojekten funktionieren - sogar eine Bezahlfunktion ist vorgesehen, sodass über Phineo direkt gespendet werden kann. "Wir wollen sicherstellen", so Andreas Rickert, Projektleiter bei der Bertelsmann Stiftung, "dass die investierten Gelder den maximalen gesellschaftlichen Erfolg erzielen."

Schon heute liefern Sozialunternehmer Erfolgsgeschichten. Norbert Kunz etwa, Entrepreneur und Ashoka-Stipendiat, hilft jungen Menschen bei der Gründung eigener Betriebe. Er berät sie, vermittelt ihnen Mikrokredite und Fördermittel. Das Revolutionäre an der Idee: Kunz' Angebot richtet sich nicht an High-Potentials, sondern an Arbeitslose aus strukturschwachen Regionen.

Kunz ist kein Sozialromantiker, sondern Bankkaufmann und Wirtschaftspädagoge. Er kann seinen Erfolg mit Zahlen belegen: Seit er das Projekt vor zehn Jahren gestartet hat, bildeten sich 1600 Unternehmen - vom kleinen Tierpflegebetrieb bis zur Tiefbaufirma mit 40 Beschäftigten. Zwar hat jede Gründung im Schnitt 5000 Euro gekostet, doch der gesellschaftliche Ertrag liegt deutlich höher: Berechnet man eingesparte Hartz-IV-Gelder und zusätzliche Steuereinnahmen, hat jede neue Firma 15.000 Euro erbracht - eine Rendite, die sich sehen lassen kann.

Begonnen hatte das Unternehmen in Brandenburg an der Havel. Inzwischen gibt es das Projekt mit dem Namen "Enterprise" auch in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen. "Mein Ziel ist es, das Konzept bundesweit zu etablieren", sagt der Sozialunternehmer. Mit seinen hochgesteckten Zielen verstärkt Kunz den Druck auf andere. Wohltätige Einrichtungen, so viel steht fest, müssen sich künftig verstärkt an Erfolgskriterien messen lassen. "Der Kampf um Spendengelder wird härter", bemerkt Erwin Stahl, Geschäftsführer des sozial orientierten Fonds Bonventure. "Transparenz und Effizienz sind zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil geworden." Auch über Bonventure können Investoren förderungswürdige Projekte unterstützen.

Konzentrieren Anleger ihren Spendenfluss weiter auf die besten Projekte, könnte es zu einer Marktbereinigung kommen. Die Folge: Organisationen ohne nachweisbare gesellschaftliche Wirkung müssten das Feld für die schlagkräftigere Konkurrenz räumen.

"Je transparenter der Markt sich entwickelt, desto schneller verbreiten sich gute Ideen", sagt Frank Mattern, McKinsey-Chef in Deutschland, "und desto besser können andere Sozialunternehmer die erfolgreichen Rezepte nachahmen."

Damit steigt auch die soziale Dividende für die Investoren: Setzen sich die wirkungsvollsten Konzepte durch, ist maximaler gesellschaftlicher Wandel, wie Breuninger, Klatten & Co. ihn erreichen wollen, keine Utopie mehr.

Eine pekuniäre Rendite sollten Privatinvestoren dagegen nicht anstreben. Otto Happel, der bereits seit 15 Jahren mit einer eigenen Stiftung im sozialen Bereich aktiv ist und nicht nur Ashoka unterstützt, sondern auch Stipendien in Vietnam vergibt, kennt nur einen Bereich des Social Investings, in dem Renditen realistisch sind: "Bei Mikrokrediten sind Investment-Returns möglich, denn die Banken, die Minidarlehen vergeben, erwirtschaften Zinsen und damit Gewinne."

Während Happel selbst auf diesem Gebiet nicht aktiv ist, investiert Stephen Brenninkmeijer seit Jahren in Mikrofinanzbanken. Entscheidend für sein Engagement sei die erzielbare Rendite - 7 bis 9 Prozent - aber nicht: Mikrokredite, so Brenninkmeijer, seien vor allem "wirksame Instrumente gesellschaftlichen Wandels".

Social Investing: Soziale Investoren und ihre Projekte Mäzene-Einmaleins: Was soziale Investoren beachten sollten Interview mit Frank Mattern: "Investieren statt Spenden"

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