SAP Tief über Walldorf

Sinkende Erlöse, fehlende Perspektiven - die Jahreszahlen, die SAP heute vorgelegt hat, zeigen: Europas größter Softwarekonzern befindet sich in einer Identitätskrise. In Walldorf steigt die Angst vor einer Übernahme. 2010 wird zum Schicksalsjahr für das einzige deutsche IT-Unternehmen von Weltrang.
Von Astrid Maier

Die erste Frage von ZDF-Moderatorin Maybrit Illner geht direkt an Hasso Plattner (65): Ob er, der Gründer und Aufsichtsratschef von SAP , Europas größtem Softwarehaus, nach dem Personalabbau der vergangenen Monate nun "wieder ein paar Jobs dazutun" wird, will sie wissen. Statt einer Antwort liefert Plattner ein Bedrohungsszenario: "Auch unsere Firma muss kämpfen auf hohem Niveau, sonst passiert uns das, was Opel 1929 passiert ist: dass die Firma einen neuen Besitzer bekommt", orakelt er und sucht dabei den bestätigenden Blick von Opel-Betriebsratschef Klaus Franz. "Es wird immer so dargestellt, dass wir da nur schwarzmalen. Doch das ist eine ganz realistische Situation", fährt Plattner fort.

Die Walldorfer SAP-Zentrale kämpft bis heute mit den Schockwellen, die Plattner in der Talkshow vom 12. November 2009 ausgelöst hat. Der IT-Konzern schrieb die deutsche Erfolgsgeschichte schlechthin - profitabel, innovativ, vorbildlich. Und schon immer galt die Unabhängigkeit von SAP als höchstes Gut. Warum nur stellt der Großaktionär Plattner sie öffentlich infrage? Und muss gleich die ganze Fernsehnation erfahren, dass die Übernahmegefahr für SAP, Deutschlands einziges IT-Unternehmen von Weltrang, durchaus substanziell ist?

Auch im 37. Jahr des Unternehmensbestehens zählt dort das Wort eines Firmengründers mehr als jede Vorstandsrede. "Das war ein typischer Hasso", heißt es in Walldorf. Der Oberkontrolleur sei doch für seine Impulsivität berühmt. Mag sein. Vor allem aber ist Plattner für seine Ehrlichkeit bekannt.

In der Tat, nie war die Übernahmegefahr für den einzigen deutschen IT-Star größer. Die Kriegskassen der Konkurrenten IBM , Microsoft , HP  oder Google  sind gut gefüllt. Über 30 Milliarden Euro hat die IT-Branche im vergangenen Jahr allein für Großeinkäufe ausgegeben, häufig, um in neue Geschäftsfelder vorzustoßen.

Schon einmal, 2004, hat der weltweit größte Softwarehersteller, Microsoft, mit den Anteilseignern über eine SAP-Übernahme gesprochen. Und längst schon wird unter Londoner Investmentbankern das Gerücht gehandelt, ein großer Spieler aus der amerikanischen IT-Liga werde SAP kaufen. Die Gelegenheit scheint günstig: Die SAP-Aktie ist derzeit billig zu haben. Diagnose: akute Wachstumsschwäche.

"Ein Technologieunternehmen muss auf Wachstumskurs sein, sonst ist es auf Abstiegskurs", hatte Plattner bei Illner Resümee gezogen - und damit auf den Mann gezielt, den er zum Vorstandsvorsitzenden gemacht hat: Léo Apotheker (56). Der ehemalige Vertriebschef ist ein Außenseiter in der Branche: polyglott, Wein- und Kunstliebhaber, Träger stets tadellos aufeinander abgestimmter Textilensembles, fester Wohnsitz Paris statt Walldorf. Apotheker ist kein Techniker, sondern ein Kaufmann. Sein erstes Jahr als Vorstandschef - seit Mai 2009 führt er das Unternehmen allein - war ein rumpeliges, da widerspricht er nicht.

Keine großen Wachstumssprünge zu erwarten

Das Wachstum von SAP ist seit Ausbruch der Finanzkrise eingebrochen, neue Produkte verzögern sich, zum ersten Mal hat das Unternehmen 2009 Arbeitsplätze in großem Stil abbauen müssen. Am Mittwoch verkündet Apotheker Zahlen, die wenig Anlass für Optimismus geben: Der Umsatz gab um satte 8 Prozent nach, das Neukundengeschäft mit Softwareverkäufen gar um 28 Prozent.

Apotheker kämpft auch um seinen Job. Seinen Vertrag, der im Dezember 2010 ausläuft, wird der Aufsichtsrat zwar im Februar verlängern. "Apotheker hat das Vertrauen", sagt ein Mitglied des Kontrollgremiums von der Arbeitgeberseite. Aber nun, fügt er an, müsse der Vorstandschef liefern.

Der weltgrößte Anbieter von Business-Software muss in neue Geschäftsfelder vorstoßen. Denn im Stammgeschäft sind - selbst wenn die Konjunktur wieder spürbar anziehen sollte - große Wachstumssprünge nicht mehr zu erwarten. SAP generiert rund 80 Prozent seines Auftragseingangs mit Bestandskunden. 70 Prozent gehen auf Großkunden zurück - die softwaremäßig gut versorgt sind.

Die lang ersehnte Markteinführung einer Online-Software für den Mittelstand, neue Speicherverfahren und umweltschonende Technologien sollen die Wende einleiten. Apotheker gibt das Ziel eines "mittel- bis langfristig zweistelligen Wachstums" aus. "SAP steht vor einer großen Wachstumswelle", wirbt er.

Nur: Was taugen Apothekers Hoffnungswerte wirklich?

Business by Design: Einst gaben die Walldorfer die Devise aus, bis 2010 mit einer neuen Software für den Mittelstand eine Milliarde Euro erlösen zu wollen. Schon für 2008 angekündigt, wurde die Markteinführung von Business by Design (ByD) immer wieder verschoben. Die Software, die Kunden online mieten können, statt sie zu kaufen und auf den Rechnern zu installieren, ist bis heute nicht fertig geworden.

2010 dürfte die Markteinführung endlich klappen, die Kosten hierfür scheinen im Griff. Doch ByD dürfte zu spät kommen, um das Wachstum gerade in dieser entscheidenden Unternehmensphase von SAP zu beflügeln. "Ich bin nicht überzeugt, dass 2010 den Durchbruch bringen wird", sagt Thomas Otter vom Marktforscher Gartner. Und selbst wenn der Umsatz in den Folgejahren die Eine-Milliarde-Grenze überschreiten sollte, so würde der Beitrag nicht für zweistellige Wachstumssprünge ausreichen.

Innere Probleme machen SAP zu schaffen

In Memory: Apotheker braucht dringend weitere Innovationen und setzt dabei auf die In-Memory-Technologie. SAP hat in Kooperation mit dem Chipproduzenten Intel hierzu ein eigenes Verfahren entwickelt, die Walldorfer halten das Patent für die Software. Die Technik klingt Erfolg versprechend. Denn die riesigen Datenmengen der Unternehmen müssen damit nicht mehr über herkömmliche Datenbanken verwaltet werden, sondern stecken in den Chips der Rechner. Der Zugriff auf die Daten gelingt damit sehr viel schneller. Allerdings: Bis die Technologie in der Masse verfügbar ist, "wird es drei bis vier Jahre dauern. Vielleicht schaffen wir es auch schneller", sagt Apotheker.

Setzt SAP die neue Technologie durch, könnte das Kerngeschäft des ärgsten Rivalen, Oracle , mit Datenbanken obsolet werden. Doch dass dies in absehbarer Zeit gelingt, daran zweifeln Analysten: "Es sind viele Fragen offen, die SAP hier noch beantworten muss", sagt Experte Rüdiger Spies vom Marktforscher IDC. So gehen bei einem Stromausfall die Daten verloren, auch können sie nicht ohne Weiteres wie auf der Festplatte gelöscht werden; der Datenwulst wächst also beständig an. Zudem arbeitet SAP nicht allein an der Technologie, die Partnerschaft mit Intel ist nicht exklusiv.

Smart Metering: Besonders große Hoffnung setzt Apotheker in das Geschäft mit intelligenten Zählern, also mit neuen Softwareplattformen für Energieversorger; damit lässt sich der Stromverbrauch programmieren und besser steuern. Eine Milliarde Nutzer propagiert der SAP-Chef hier.

Allerdings arbeiten auch Konkurrenten wie Microsoft, IBM und die Telekomkonzerne längst an eigenen Lösungen. Zudem ist die zu verteilende Beute nach Meinung von Experten nicht unbedingt fett: "Das ist ein netter Zusatzmarkt, nicht mehr", sagt ein Topmanager eines in dem Geschäft aktiven Rivalen.

Harte Konkurrenz, begrenzte neue Geschäftsfelder, lange Entwicklungszeiten - die Wachstumsoffensive Apothekers erscheint bisher wie ein Stellungskrieg. Dazu kommt, dass innere Probleme dem Unternehmen zu schaffen machen.

Die Forderung nach mehr Tempo und der Abbau von Hierarchiestufen, wie von Apotheker vor einem Jahr ausgerufen (siehe mm 1/2009), haben so manchen überfordert. "Die Kunst besteht darin, im Internetzeitalter schneller zu takten, ohne permanent im Stress zu sein. Wir sind noch dabei, dieses Gleichgewicht zu finden", gesteht der Manager ein. Auch Entlassungen und Beschränkungen bei den einst üppigen Privilegien haben die erfolgsverwöhnten SAP-Mitarbeiter verunsichert. Selbst Mitgründer Dietmar Hopp, intern noch heute Vadder Hopp genannt, bezeichnete die Kostenmaßnahmen als "hastig und spektakulär".

"Die Stimmung ist gedämpft, und es ist auch Angst da", sagt Helga Claasen, Ex-Betriebsratschefin und heute im Vorstand des Vereins von Belegschaftsaktionären der SAP. "Takten ist zum Unwort des Jahres geworden", fügt ein Betriebsratsmitglied hinzu. Als Motivator und Führungsperson habe Apotheker bisher keine gute Figur gemacht, heißt es intern.

Und so manchen reibt die aggressive neue Verkaufskultur auf, die etwa durch interne E-Mails ständig angefacht wird. "Ich kann es nicht oft genug wiederholen. Dieses Quartal ist wirklich kritisch für uns", schrieb etwa vor Kurzem Europa-Vertriebschef José Duarte und forderte die Belegschaft auf, im vierten Quartal den Verkauf trotz der Zurückhaltung der Kunden kräftig anzukurbeln.

Kunden klagen über Qualitätseinbußen

Die Unsicherheit in Walldorf nimmt inzwischen selbst die Konkurrenz wahr. "Die SAPler sind immer im Stress, nie richtig konzentriert, haben schlechte Stimmung und scheinen wie zerrieben", berichtet ein Manager eines Wettbewerbers über seine Treffen mit dem für Deutschland zuständigen SAP-Management. In der Branche sind die Großen wie IBM, Microsoft, Oracle oder Hewlett-Packard oftmals aufeinander angewiesen, da jeder seinen Beitrag zum IT-Geflecht eines Unternehmens leistet. "Wenn wir mit SAP beschließen, vier Projekte anzupacken, kann ich mit Sicherheit davon ausgehen, dass drei davon nicht realisiert werden. Mit anderen kann ich dagegen drei umsetzen", fügt er hinzu.

Das mag auch daran liegen, dass die SAP-Unternehmensführung, die großteils in den vergangenen beiden Jahren neu besetzt wurde, nicht immer geschlossen agiert. So stritt erst vor rund zwei Monaten der Vorstand über das Produktportfolio für die kommenden drei Jahre so lange und detailversessen, bis Entwicklungschef Jim Hagemann Snabe entnervt die Diskussion beendete. Er wolle künftig nicht mehr über die Inhalte reden, sondern nur noch über die Wege, wie man überhaupt eine Entscheidung herbeiführen könne, zog Snabe einen Schlussstrich, berichtet ein SAP-Insider von der Vorstandssitzung. SAP dementiert, dass es im Vorstand Uneinigkeit gibt, bestätigt aber zugleich, das die Strategie bezüglich Online-Software und herkömmlicher Software noch nicht steht.

Gerade der Däne Snabe und der Kanadier John Schwarz hatten schon aufgrund ihrer Aufgabenverteilung häufig Interessenkonflikte. Schwarz, ehemaliger Chef von Business Objects, dem größten Zukauf in der SAP-Geschichte, ist für die weitere Produktentwicklung in dieser Sparte zuständig. Für ihn ist strategisch die Weiterentwicklung der Netweaver-Technologie wichtig, eine SAP-eigene IT-Plattform, die wie ein Betriebssystem für alle Komponenten funktioniert. Entwicklungschef Snabe hingegen plädiere dafür, dass SAP sich auf die Entwicklung weiterer Anwendungen im Produktportfolio konzentriere, heißt es. "Die beiden müssen sich häufig zusammenreißen. Mehr Netweaver oder mehr Applikationen, diese Diskussion wird bei SAP intensiv geführt", fasst ein Insider diplomatisch den Konflikt im Vorstand zusammen.

Immerhin, Apotheker hat seit der Machtübergabe an der Spitze einiges angepackt. Vor allem hat der resolute Manager Hierarchieebenen abgebaut; auch deshalb kann 2010 der Startschuss für ByD endlich gegeben werden.

Die Erfahrungen mit diesem Projekt sollen als Katalysator für die weitere Produktentwicklung dienen. Die Entwickler arbeiten hier in kleinen Gruppen und in enger Absprache, statt viel Zeit mit hierarchischen Abstimmungen zu verbringen. Auch andere Produktentwickler im Konzern sollen künftig so programmieren. "Wir haben aus den Schwierigkeiten mit By Design gelernt. In Zukunft werden Innovationen schneller auf den Markt kommen", sagt Apotheker.

Das allein wird nicht genügen. Vor allem das traditionell gute Verhältnis zu seinen Kunden, ehedem ein Wettbewerbsvorteil der Walldorfer, gilt heute als belastet. Die Kunden klagen über Qualitätseinbußen. "Vor zehn Jahren wusste man, neue SAP-Produkte funktionieren von Beginn an stabil. Diese Zeiten sind vorbei", sagt Otto Schell, Vorstand der SAP-Nutzergemeinde DSAG. Und wiederholtes Pochen von SAP auf eine Erhöhung der Wartungskosten mitten in der Krise hat die Kunden verärgert. Erst Anfang Dezember sind die Walldorfer (erneut) eingeknickt und haben eine Erhöhung der Wartungsgebühren ausgesetzt - wie vor einem Jahr schon einmal geschehen.

"Wenn ich zu Beginn gewusst hätte, was wir in diesem Krisenjahr alles bewältigen müssen, hätte ich mir mehr Mühe mit der Kommunikation gegeben und womöglich das Tempo verlangsamt. Das gilt sowohl nach innen wie nach außen", gesteht Apotheker Fehler ein.

SAP bleibt Nischenspieler in der IT-Welt

Die Kunden haben in der Krise ihr Einkaufsverhalten verändert. Viele IT-Chefeinkäufer pochen auf kürzere Vertragslaufzeiten, flexiblere Software, vor allem aber wollen sie die Preise drücken - nicht selten mit der Drohung, notfalls auf billigere Drittanbieter oder kostenlose Open-Source-Lösungen umzusteigen.

SAP muss nolens volens auf die Kundenwünsche eingehen. Künftig wollen die Walldorfer ihren Klienten, gleichgültig ob Konzern oder Mittelständler, die Wahl lassen, ob sie Software im Paket kaufen oder nur Teile davon mieten wollen. Die Lösung wird dann nicht mehr beim Kunden installiert, sondern kommt teilweise aus dem Internet.

Für Apotheker bedeutet das wohl eher sinkende Umsätze im alten Kerngeschäft. Denn die Sprünge, die große Softwarelizenzabschlüsse - die wichtigste Kennzahl neben der Marge - bisher in der Bilanz ausmachten, fallen dann zwangsläufig weg: Sie werden durch wiederkehrende, aber geringer ausfallende und für kürzere Dauer abgeschlossene Mieteinnahmen nur teilweise ausgeglichen.

"Dieser Wandel der Geschäftsmodelle steht der gesamten IT-Branche bevor", sagt ein Branchenkenner. "Damit ändert sich auch das Investorenumfeld." Auf überdurchschnittliches Wachstum fokussierte Anleger würden der IT-Welt den Rücken kehren. SAP sei davon besonders stark betroffen, weil hier noch überdurchschnittlich viele solcher Investoren engagiert seien.

Wenn das interne Wachstum stockt, hilft vielleicht der Blick nach draußen. SAP, mit einer Umsatzrendite von über 20 Prozent und einer Kriegskasse von rund fünf Milliarden Euro finanziell kerngesund, könnte den Finanzmarkt mit einer intelligenten Übernahmestrategie bezirzen. Nach der erfolgreichen Integration der Fünf-Milliarden-Übernahme von Business Objects fühle sich SAP auch mit "Akquisitionen dieser Größenordnung wohl", sagt Vorstand John Schwarz. "Wir werden nicht zögern, wenn sich eine passende Gelegenheit ergibt."

Apotheker würde gern in Branchen und Regionen zukaufen, in denen sein Haus noch nicht stark vertreten ist. Allerdings nur im Kerngeschäft. Sich zum IT-Komplettanbieter aufzuschwingen, wie das der Konkurrent Oracle versucht, das hält der Manager für "grottenfalsch".

Die SAP-Strategie ist damit festgezurrt; man forciert Innovationen aus eigener Entwicklung, erweitert vorsichtig das Geschäftsfeld, kauft fallweise zu - bleibt aber ein Nischenspieler in der IT-Welt.

Funktioniert das Konzept, wird das Gründertrio Plattner, Hopp und Klaus Tschira - die knapp 30 Prozent der SAP-Anteile halten - die Unabhängigkeit wohl noch länger sichern. Scheitert Apotheker, dürfte Plattners düsteres Übernahmeszenario akut werden und Deutschland das IT-Hauptquartier in Walldorf wohl verlieren.

Zuletzt haben im November saudische Investoren bei Plattner & Co. vorgefühlt. Ob man denn Aktien aus dem Pool der SAP-Gründer kaufen könne?, fragten die Araber. Die Eigner haben Nein gesagt. Dieses Mal noch.

Angeschlagenes Geschäft: SAP unter Zugzwang HP, IBM und Co.: Die Liga potenzieller SAP-Aufkäufer

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