Espressomaschinen Zeitgemäßer Luxus

Der ehemalige Topbanker Heinrich Linz hat seinen Fokus ganz neu justiert. Er kaufte die edle kleine Schweizer Espressomaschinen-Manufaktur Olympia Express und positionierte sie neu - ganz am oberen Ende des Luxussegments.
Von Claus G. Schmalholz

Mendrisio - Heinrich Linz (52) hätte nach Mailand fliegen oder den Range Rover nehmen können, um im Sommer 2006 ins Tessin zu reisen. Doch der ehemalige Topmanager der Dresdner Bank und der Winterthur Versicherung setzte sich lieber auf seine BMW R 1200 C, Modell Independent, und fuhr los, Richtung Süden. Als er im Rheintal die Alpenkette vor sich aufragen sah, spürte er jene Vorfreude, die nur leidenschaftliche Motorradfahrer kennen. Mit einem sanften Dreh am Gasgriff würde er sich gleich in die erste scharfe Kurve legen, die erste von vielen schönen Kehren hinauf zum San-Bernardino-Pass.

Der Name seiner schwarz-gelb lackierten Maschine spiegelte wohl an diesem Tag seinen Gemütszustand wider. Der damalige Winterthur-COO fühlte sich so unabhängig wie lange nicht mehr. Die Übernahme seines Unternehmens durch den Versicherungskonzern Axa stand unmittelbar bevor. Und bald würde er - ohne die Verpflichtungen eines Vorstandspostens - genug Zeit haben und "ein Habensaldo auf dem laufenden Konto". Nun wollte er sich einen Traum erfüllen: den Traum vom eigenen Unternehmen.

Das Objekt seiner Begierde, im schweizerischen Mendrisio gelegen, ist bis heute nur ausgesprochenen Kaffeegenießern ein Begriff: Olympia Express. Unter diesem Markennamen stellt eine kleine Manufaktur seit mehr als 80 Jahren edle Espressomaschinen her, die ganz dem Mythos schweizerischer Qualitätsprodukte entsprechen. Das Sortiment umfasst nur wenige hochwertige Maschinen, die mit ihrem puristischen Design einstmals weltweiten Erfolg hatten. Die "New York Times" kürte die Handhebelmaschine Cremina 67 in den 70er Jahren zur besten Espressomaschine der Welt.

Per Zufall hatte Linz erfahren, dass die Firma mittlerweile in argen Nöten steckte. Als er im Dezember 2005 seinem Sohn eine ordentliche Espressomaschine zu Weihnachten schenken wollte, empfahl ihm der Händler in einem Winterthurer Fachgeschäft eine Olympia Express, Modell Cremina. Das Gerät war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen des Preises von mehr als 2000 Euro. "Das ist die letzte Olympia Express, die es in der Schweiz überhaupt noch zu kaufen gibt", flüsterte ihm der Verkäufer verschwörerisch zu.

Linz war sogleich begeistert von der Maschine: "Die rein funktionale und dennoch ausgesprochen ästhetische Gestaltung hat mich tief beeindruckt. Das war ein Gefühl wie damals, vor 35 Jahren, als ich zum ersten Mal einen Range Rover sah. Ein großer Wurf, wirklich hervorragendes Design."

Während Linz noch versonnen über das spiegelblanke Edelstahlgehäuse in Super-Mirror-Ausführung strich, raunte ihm der Verkäufer zu, das Unternehmen werde wohl nicht mehr lange existieren: "Die Firma steht vor dem Aus."

Vom Megadeal zur Minifirma

Linz recherchierte und entschloss sich, diesem Wink des Schicksals zu folgen. Der Finanzmanager justierte seinen Fokus ganz neu - vom Megadeal zur Minifirma. "Die Geschichte und die Produkte von Olympia Express faszinierten mich derart, dass ich mir dachte: Da fahre ich mal runter ins Tessin und schau' mir das an."

Als Linz am Luganer See ankam und sein Motorrad abstellte, klappte ihm allerdings die Kinnlade herunter - vor Schreck: "Da stand ich vor einem tristen 60er-Jahre-Betonbau, und in der Produktionshalle sah es aus wie in einer Hobbywerkstatt von Motorradschraubern."

Im Gespräch mit dem Eigentümer stellte Linz fest, dass die immer noch vorhandene Strahlkraft der Marke wenig mit den Zuständen vor Ort zu tun hatte. Die in den 80er Jahren aufgekommene Konkurrenz durch die Massenhersteller von Kaffeevollautomaten hatte Olympia Express in eine existenzielle Krise gestürzt.

Für den Bauernsohn aus Unterfranken kein Grund, die Rettung der kleinen Fabrik nicht in Angriff zu nehmen. Auf eine "runde Million Schweizer Franken" belief sich vor zwei Jahren sein Erstinvestment in das Unternehmen.

Als Mehrheitseigentümer besetzt Linz heute den Posten des Verwaltungsratschefs. Und wie es sich für ein Familienunternehmen gehört, arbeitet die Verwandtschaft mit. Linz' Frau Regina, eine gelernte Architektin, kümmert sich um den Vertrieb, ihr Bruder, ein Profi aus der Autobranche, fungiert als Geschäftsführer vor Ort.

Gemeinsam konzipierten die Drei den Neustart des Unternehmens. Die Produktpalette fokussierten sie auf drei Geräte, die sie im absoluten Topsegment der Kaffeewelt platzierten und zum Beispiel über den Edeleinzelhändler Manufactum verkaufen. Ein Marketingkonzept, das in diese Krisenzeit passt, wie Linz meint. "Unsere Espressomaschinen stehen für das zeitgemäße Luxusverständnis: Nachhaltigkeit", erklärt der Ex-Banker. "Das sind Maschinen für Menschen, die nur einmal im Leben eine Espressomaschine kaufen."

Linz genießt seine neue Rolle als mittelständischer Obertüftler. So richtig getrennt hat er sich dennoch nicht von der Branche. Gemeinsam mit Leonhard Fischer (46), zuletzt Chef der Winterthur Versicherung, arbeitet Linz heute beim börsennotierten belgischen Finanzinvestor RHJ International.

Einen wirklich guten Espresso zu bereiten, sagt Linz, das sei eine Kunst. Alles müsse stimmen, der Kaffee, Mahlgrad, Druck und die Temperatur. Und am Ende müsse das Gebräu die Zuckerprobe bestehen: Der Zucker soll beim Einstreuen auf der feinblasigen Crema kurz liegen bleiben und erst dann in den Kaffee einsinken. Solche Perfektion erfordere Übung und Geduld.

"Das ist wie eine Motorradfahrt den San-Bernardino-Pass hinauf", sagt Linz, "da kann man ja auch nicht einfach drauflosfahren. Da muss man vorher sein Motorrad und jede einzelne Kurve kennen."

Espressomaschinen: Präzisionshandwerk für Genießer

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