Wahre Werte Macht Geld glücklich?

Durch die Finanzkrise haben viele viel verloren: einige Milliarden, andere Millionen. Ein Verlust, der schmerzt. Auf Dauer - oder nur vorübergehend? Doch hängt das Glück überhaupt am Portemonnaie? Erkenntnisse über Lebenszufriedenheit in bescheidenen Zeiten.
Von Kerstin Theobald

Macht Geld glücklich? Wissen müsste das die reichste Ente der Welt: Dagobert Duck. Der "Fantastilliardär" aus Entenhausen lässt selbst Warren Buffett und Bill Gates wie reiche Schlucker aussehen. Doch ist Dagobert auch glücklich? Zweifel sind angebracht. Gewiss, beim morgendlichen Bad in seinem Geldspeicher schwimmt er im Glück.

Für kurze Zeit kann Dagobert die Welt vergessen und auch jene, die nach seinen Talern gieren: allen voran die Panzerknacker. Mediziner würden in seinem Elektroenzephalogramm (EEG) vor allem Alphawellen sehen und in seinem Blut viele Glückshormone finden, Psychologen würden dem Talertauchen eine "integrierende, identitätsstiftende Wirkung auf die gesamte Persönlichkeit" attestieren. Dagobert Duck im Glück, aber nur so lange, bis sein Neffe Donald kommt, wie immer mit leeren Taschen und voller Erwartung. Dagoberts Verlustängste spiegeln sich in seinem EEG wieder, sein Puls rast, der Blutdruck steigt, Adrenalin und Cortisol machen ihn abwehrbereit, und sein Schmerzzentrum im Gehirn arbeitet vorsorglich auf Hochtouren. Doch selbst wenn es Dagobert (wie meist) gelingt, seinen Neffen mit ein paar Kreuzern abzuspeisen - für heute hat das Glück ihn verlassen.

Glück - Was ist das?

Das mittelhochdeutsche "gelücke" bezeichnete, wie etwas (gut) ausgeht. Daraus wurde dann unser Wort "Glück". Es unterscheidet allerdings nicht zwischen Glück haben, einen Glücksmoment erleben und dauerhaftem Glück. Viele andere Sprachen differenzieren da: Die Römer kannten fortuna, felicitas und beatitudo, die Engländer kennen luck, pleasure und happiness, und die Finnen hoffen auf onni, tyytyväisyys und hyväntuulisuus.

Nicht jeder kennt den Unterschied: Der Lyderkönig Krösus etwa hielt sich aufgrund seines sprichwörtlichen Reichtums für den glücklichsten Menschen auf Erden und wollte sich das von Solon, einem der sieben Weisen, bestätigen lassen. Doch all die Reichtümer in Krösus' Schatzkammern veranlassten Solon nur zu dem Kommentar, niemand dürfte sich vor dem Tode glücklich preisen. Der selbstgefällige Krösus hielt die weisen Worte für das törichte Geschwätz eines alten Mannes. Das Schicksal sollte ihn dann eines Besseren belehren.

Zuständig für das Glück fühlen sich seit 2500 Jahren die Philosophen. Für Platon war es die Teilhabe am "Agathon und Kalogathia", für Aristoteles "Tugend und Tüchtigkeit" und für Epikur "seelische Unerschütterlichkeit und körperliche Gesundheit". Mit dem Christentum wurde dann Gott zum Glücksbringer: etwa bei Augustinus ("Glück ist Gott haben") oder 850 Jahre später bei Thomas von Aquin ("Glück ist, die Gebote Gottes zu halten"). In der Renaissance war dann wieder der Mensch "seines Glückes Schmied": Aus "faber est suae quisque fortunae" des römischen Konsuls Appius Claudius Caecus machte der italienische Humanist Pico della Mirandola: "Das Glück des Menschen liegt in ihm selbst begründet."

Wie sich Glück berechnen lässt

Für den kategorischen Aufklärer Immanuel Kant schließlich war Glück gleichbedeutend mit Pflicht, ähnlich dachte der schottische Philosoph und Ökonom David Hume: "Glück ist, was allen nützt." Und an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entwickelte dann der englische Philosoph Jeremy Bentham sein "greatest happiness principle": größtmögliches Glück für eine größtmögliche Zahl von Menschen. Nicht zuletzt durch Geld?

Heutzutage glauben viele Menschen, ihr Glück hänge unmittelbar von der Höhe ihres Bankkontos ab. Und mit ihm steigt ihr Selbstwertgefühl: "Er fühlte sich wie neu gestärkt, als er so viel Geld bemerkt", wusste schon Wilhelm Busch. Denn Geld ist und war zu allen Zeiten mehr als nur ein "Tauschmittel". Der Grund für die Magie des Geldes liegt in seiner Omnipotenz: Man kann es für jede Art von Tausch nutzen, bis hin zu Liebesdiensten. Vielleicht haben deshalb so viele Menschen ein sehr emotionales Verhältnis zu Moos, Mäusen und Moneten? Die US-Autorin Suze Orman, einst Kellnerin, heute eine viel gelesene Finanzexpertin, glaubt, dass Geld an drei Emotionen gekoppelt ist: Angst (es zu verlieren), Scham (es zu haben) und Wut (wenn andere es haben).

Die moderne Glücksforschung

Mit derartigen Fragen beschäftigt sich eine neue, interdisziplinäre Wissenschaft: die Glücksforschung. Als ihre Geburtsstunde gilt das Jahr 1974: Richard A. Easterlin von der University of Southern California fragte damals, ob wirtschaftliches Wachstum das Leben der Menschen stets verbessere. Viele Glücksforscher - Psychologen, Soziologen, Biologen, Neurologen und auch Wirtschaftswissenschaftler - beschäftigten sich in den folgenden Jahren mit der Korrelation zwischen Glück und Geld. Mit überraschenden Ergebnissen: Die finanzielle Situation trägt nur unwesentlich zu der Lebenszufriedenheit eines Menschen bei, stellten die Sozialforscher Angus Campbell, Philip E. Converse und Willard L. Rodgers in ihrer Studie "Quality of American Life" fest. So richtig auf Touren kam die Glücksforschung allerdings erst in den vergangenen zehn Jahren. Vieles, was Philosophen vor Jahrhunderten, gar Jahrtausenden behauptet hatten, konnte nun empirisch belegt werden. Die Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey und Alois Stutzer haben 2002 das Glück sogar auf eine Formel gebracht: Wit = + Xit.

Arm oder reich - wer ist glücklicher? Easterlin selbst machte eine erstaunliche Entdeckung, die als "Easterlin-Paradoxon" oder "Wohlstands-Paradox" bekannt wurde: Obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in westlichen Ländern in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, sind die Menschen nicht glücklicher als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Dänen, Deutsche und Italiener waren zwar etwas zufriedener, US-Amerikaner jedoch unzufriedener. Eine Erfahrung, die aktuell 1,3 Milliarden Chinesen machen: Obwohl heute 82 Prozent der Haushalte einen Farbfernseher haben, so sind die Chinesen doch unglücklicher als 1981, als noch jeder Zweite mit weniger als dem von der Weltbank festgelegten Existenzminimum auskommen musste.

Die Depressionen der Glückspilze

Aufsehen erregte 1998 eine Studie der London School of Economics and Political Science. Nach diesem Glücksranking sind die Menschen in Bangladesch, Aserbaidschan, Nigeria, auf den Philippinen und in Indien am glücklichsten. Deutlich unzufriedener sei man in den Industrienationen: Großbritannien belegt den 32., Deutschland den 42. Platz. Und die USA, die das Streben nach Glück ("Pursuit of Happiness") 1776 in ihre Unabhängigkeitserklärung aufgenommen haben, liegen abgeschlagen auf Platz 46. Auch in einer Untersuchung der britischen New Economics Foundation waren die Menschen aus Industrienationen unglücklicher als die Bewohner Lateinamerikas.

Zu einem anderen Ergebnis kam der britische Sozialpsychologe Adrian G. White. Zum Glück gehörten für ihn auch Parameter wie Gesundheit, Wohlstand und Bildung. Auf seiner "Weltkarte des Glücks" lagen nun die Dänen vorn, gefolgt von Schweizern und Österreichern. Glücklos waren nach dieser Studie die Menschen im Kongo, in Simbabwe und Burundi. Gibt es also doch einen Zusammenhang zwischen Glück und Pro-Kopf-Einkommen?

Das Schicksal der Neureichen

Glücksforscher Easterlin fragte die Menschen auch, wie viel mehr Geld sie bräuchten, um glücklich zu sein. Die Antwort fiel überraschend bescheiden aus: rund 20 Prozent. Andererseits geben allein die Deutschen jedes Jahr rund fünf Milliarden Euro beim Lottospielen aus - und hoffen nicht auf 500 oder 5000 Euro, sondern den Jackpot. Dabei liegt die Chance auf sechs Richtige mit Superzahl gerade mal bei 0,00000071511 Prozent. Unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich - wie jener Krankenpfleger weiß, der 2006 den bislang höchsten Einzelgewinn erzielte: 37,7 Millionen Euro.

Die Glücksforscher beobachten auch Glückspilze wie ihn. So stellte der Psychologe Martin Seligman von der University of Pennsylvania fest, dass das große Glück von Lottogewinnern im Schnitt gerade mal drei Monate währt, dann pendelt sich deren Glückslevel wieder auf dem alten Niveau ein. Wenn sie Glück haben. Denn nachdenklich stimmt, was der Wirtschaftswissenschaftler Andrew Oswald (Warwick University) herausfand: Drei Jahre nach einem großen Geldgewinn leiden Lottogewinner häufiger an Depressionen als die im Spiel glücklose Durchschnittsbevölkerung.

Warum das so ist? Oswald kann nur spekulieren: Frust, weil Materielles auf Dauer nicht glücklich machen kann; Angst, weil die ersehnte Sicherheit, die ein Vermögen verheißt, sich nicht einstellt und einen die Sorge umtreibt, wie man das Kapital erhalten kann. Zudem hängt über den sozialen Beziehungen nun ein Damokles-Schwert: Mag sie mich - oder mein Geld? Auch das Verhältnis zu Freunden wird komplizierter. Einige erwarten ein bisschen (mehr) Unterstützung, andere fühlen sich aufgrund des finanziellen Gefälles nicht mehr ebenbürtig und ziehen sich zurück.

Es zählt der Vergleich mit anderen

Dass Geld einsam macht, konnte experimentell bestätigt werden. In dem Interview-Experiment soll die Versuchsperson für ein Gespräch zwei Stühle ausrichten. Hängt in dem Raum ein Bild mit einem Geldmotiv, so stellt sie die Stühle weiter auseinander, unbewusst. Der Grund: Wer gerade an Geld denke, so Manfred Spitzer, Ärztlicher Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm, möchte ein bisschen mehr Distanz zu seinen Mitmenschen.

Warum sind wir nicht glücklicher? Natürlich sind reiche Menschen meist glücklicher als arme, aber meist nur ein bisschen. Der englische Sozialpsychologe Michael Argyle ("The Psychology of Happiness") hatte festgestellt, dass sich 67 Prozent der Multimillionäre als glücklich bezeichnen, aber auch 62 Prozent der Durchschnittsverdiener. Die Ökonomen staunten und forschten. Natürlich fanden sie auch schnell eine logische Erklärung für dieses Phänomen: den "abnehmenden Grenznutzen". Der besagt: Das Verhältnis von Geld und Glück ist nicht linear.

Wer 100.000 Euro im Jahr verdient, ist tendenziell glücklicher als derjenige, der mit 10.000 Euro auskommen muss. Aber er ist eben nicht zehnmal glücklicher. Die Wissenschaftler glauben mittlerweile sogar, dass es eine Obergrenze gibt, ab der mehr Wohlstand nicht automatisch mehr Wohlbefinden bringt. Eine Emnid-Umfrage im Jahr 2005 ergab, dass die meisten Singles hierzulande zu ihrem Glück rund 2000 Euro brauchen.

Wichtiger als das absolute ist nämlich das relative Einkommen. Wenn ich mir als Einziger in der Straße ein Coupé der CL-Klasse von Mercedes-Benz leisten kann, macht mich das glücklich. Fährt der Nachbar auch eines, dann verliert meines an psychologischem Mehrwert. Was zählt, ist der Vergleich mit anderen.

Glücksforscher der Harvard-Universität haben dies experimentell überprüft. Ihre Probanden durften im Versuch zwischen zwei "Welten" wählen: Im Widerspruch zu der klassischen Wirtschaftstheorie entschieden sich die meisten Studenten für jene "Welt", in der sie zwar weniger Geld hatten, aber mehr als die anderen. In einem anderen Versuch bekamen Studenten für ihre Teilnahme an einem Versuch einen stattlichen Geldbetrag und waren sehr zufrieden - bis sie erfuhren, dass andere Teilnehmer mehr erhalten hatten. Wer sich unfair behandelt fühlt, ist unglücklich. Nicht nur auf dem Campus: Laut einer Studie der Aarhus School of Business sind Menschen umso unglücklicher, je weiter sie politisch links stehen. Sie leiden besonders unter den sozialen Ungleichheiten, sogar wenn sie nicht betroffen sind.

Ehepartner machen glücklich, meistens

Man vergleicht sich aber nicht nur mit anderen, sondern es gibt immer auch eine Differenz zwischen den Glückserwartungen und dem tatsächlichen Glücksergebnis. Wie freut man sich auf die Stilettos von Manolo Blahnik. Doch stehen sie dann erst mal im Schuhschrank, dann sinkt ihre Glückswirkung kontinuierlich, bis man erneut shoppen geht, ein Circulus vitiosus.

Ein weiteres Handicap der materiellen Glücksbringer sind die immer größeren Erwartungen: War in den 50er Jahren ein VW noch ein echter Glückskäfer, so braucht es heute deutlich mehr PS, um denselben Effekt zu erzielen. Forscher erklären dies mit der "Adaption Level Theory": Man gewöhne sich an eine gewisse materielle Ausstattung. Wir befinden uns, so der britische Ökonom Richard Layard, in einer "hedonistischen Tretmühle", wollen immer mehr. Zum Glück - für die Wirtschaft. Auch für den Einzelnen?

Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der Wissenschaftler: Jeder Mensch hat sein individuelles Glückslevel: Und selbst wenn man an der Börse Millionen gewinnt oder verliert - nach einiger Zeit hat man sein persönliches Level wieder erreicht. Dieses "psychologische Immunsystem" schütze - individuell sehr unterschiedlich - vor den Unbilden des Lebens, so der Harvard-Psychologe Daniel Gilbert. Mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahneman stimmt Gilbert überein, dass die Auswirkungen einzelner Ereignisse oder Schicksalsschläge für das Glück des Menschen weit überschätzt werden. Und das gilt vor allem auch für finanzielle Ups and Downs.

Wie man glücklich wird

Was kann man tun, um glücklicher zu werden, glücklich zu bleiben? Glückstherapeuten wie Michael W. Fordyce raten: "Verbringe mehr Zeit mit anderen Menschen. Aktiviere alte Freundschaften, schließe neue." Wie wichtig soziale Kontakte für ein erfülltes Leben sind, wusste bereits der antike Glücksexperte Epikur. Kurz vor seinem Tod schreibt er an seinen Freund Idomeneus: "Ich werde von Harn- und Ruhr-Beschwerden verfolgt, die keine Steigerung der Größe mehr zulassen. All dem aber steht gegenüber die Freude der Seele über die Erinnerung an die von uns geführten Gespräche." Freunde machen glücklich. Ehepartner auch, meistens. Der Ökonom Nattavudh Powdthavee hat ausgerechnet, wie viel Freunde und Verwandte wert sind: zwischen 35.000 und 64.000 Pfund im Jahr, je nachdem, wie häufig man sie trifft. So viel Geld müsste man nämlich zusätzlich verdienen, um das Fehlen seiner Lieben zu kompensieren.

Gewiss, Geld kann glücklich machen. Aber eben nur vorübergehend. Es sei denn, man gibt es für andere aus. Dann ist Glück gleichsam garantiert, vermuten die Glücksforscher. Die zwei reichsten Männer der Welt, Bill Gates und Warren Buffett, wissen das und stifteten bereits große Teile ihrer Vermögen für Wohltätiges. Zum Wohle anderer, aber auch zum eigenen Wohl. Vielleicht ein Tipp für Dagobert Duck?

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