Dienstag, 23. April 2019

Wahre Werte Macht Geld glücklich?

2. Teil: Wie sich Glück berechnen lässt

Für den kategorischen Aufklärer Immanuel Kant schließlich war Glück gleichbedeutend mit Pflicht, ähnlich dachte der schottische Philosoph und Ökonom David Hume: "Glück ist, was allen nützt." Und an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entwickelte dann der englische Philosoph Jeremy Bentham sein "greatest happiness principle": größtmögliches Glück für eine größtmögliche Zahl von Menschen. Nicht zuletzt durch Geld?

Heutzutage glauben viele Menschen, ihr Glück hänge unmittelbar von der Höhe ihres Bankkontos ab. Und mit ihm steigt ihr Selbstwertgefühl: "Er fühlte sich wie neu gestärkt, als er so viel Geld bemerkt", wusste schon Wilhelm Busch. Denn Geld ist und war zu allen Zeiten mehr als nur ein "Tauschmittel". Der Grund für die Magie des Geldes liegt in seiner Omnipotenz: Man kann es für jede Art von Tausch nutzen, bis hin zu Liebesdiensten. Vielleicht haben deshalb so viele Menschen ein sehr emotionales Verhältnis zu Moos, Mäusen und Moneten? Die US-Autorin Suze Orman, einst Kellnerin, heute eine viel gelesene Finanzexpertin, glaubt, dass Geld an drei Emotionen gekoppelt ist: Angst (es zu verlieren), Scham (es zu haben) und Wut (wenn andere es haben).

Die moderne Glücksforschung

Mit derartigen Fragen beschäftigt sich eine neue, interdisziplinäre Wissenschaft: die Glücksforschung. Als ihre Geburtsstunde gilt das Jahr 1974: Richard A. Easterlin von der University of Southern California fragte damals, ob wirtschaftliches Wachstum das Leben der Menschen stets verbessere. Viele Glücksforscher - Psychologen, Soziologen, Biologen, Neurologen und auch Wirtschaftswissenschaftler - beschäftigten sich in den folgenden Jahren mit der Korrelation zwischen Glück und Geld. Mit überraschenden Ergebnissen: Die finanzielle Situation trägt nur unwesentlich zu der Lebenszufriedenheit eines Menschen bei, stellten die Sozialforscher Angus Campbell, Philip E. Converse und Willard L. Rodgers in ihrer Studie "Quality of American Life" fest. So richtig auf Touren kam die Glücksforschung allerdings erst in den vergangenen zehn Jahren. Vieles, was Philosophen vor Jahrhunderten, gar Jahrtausenden behauptet hatten, konnte nun empirisch belegt werden. Die Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Bruno S. Frey und Alois Stutzer haben 2002 das Glück sogar auf eine Formel gebracht: Wit = + Xit.

Arm oder reich - wer ist glücklicher? Easterlin selbst machte eine erstaunliche Entdeckung, die als "Easterlin-Paradoxon" oder "Wohlstands-Paradox" bekannt wurde: Obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in westlichen Ländern in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist, sind die Menschen nicht glücklicher als kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Dänen, Deutsche und Italiener waren zwar etwas zufriedener, US-Amerikaner jedoch unzufriedener. Eine Erfahrung, die aktuell 1,3 Milliarden Chinesen machen: Obwohl heute 82 Prozent der Haushalte einen Farbfernseher haben, so sind die Chinesen doch unglücklicher als 1981, als noch jeder Zweite mit weniger als dem von der Weltbank festgelegten Existenzminimum auskommen musste.

© manager magazin 12/2009
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