Mittwoch, 26. Juni 2019

Luxusuhren Feinstarbeit am Zifferblatt

Die Manufakturen entdecken eine traditionelle Kunst neu - die Veredelung des Zifferblatts. Drei Monate kann es dauern, bis die Künstler mit ihren filigranen Miniaturen aus Emaille oder bemaltem Porzellan fertig sind.

Meißen/Genf/St. Imier - Thomas Hannß ist ein Hüne von Gestalt, Hände wie Schaufeln, Bart an Kinn und Oberlippe, die angegrauten langen Haare hinten zum Zopf gebunden. Ein Sachse wie aus der Eiche gehauen, und doch nicht frei von Furcht. Die römische Vier ist es, die ihm immer wieder den Schweiß auf die Stirn treibt.

Hannß ist Staffagemaler der Manufaktur Meissen. An seiner Werkbank werden - neben Schmuckkästen und allerlei Rokokofiguren aus Porzellan - auch Zifferblätter für feine Uhren bemalt. Mit spitzen Pinseln aus Eichhornhaar trägt er auf kreisrunde, 0,8 Millimeter dünne Porzellanscheiben die blauen Meissen-Schwerter auf, mit schwarzem Metalloxid die Schriftzüge der Marke Glashütte Original, schließlich die Ziffern I bis XII. Alles kein Problem, wenn diese verdammte Vier nicht wäre - mit vier Linien nebeneinander nämlich, so: IIII Linien von gleichmäßiger Stärke, mit gleichmäßigen Abständen. Jeder Fehler fällt sofort ins Auge.

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Einen Arbeitstag braucht Hannß, seit 30 Jahren in der Manufaktur, für ein Zifferblatt. Er verdankt diese zartfühlende Tätigkeit der klugen Idee einer gesamtsächsischen Kooperation zwischen dem Uhrenbetrieb südlich und der Porzellanwerkstatt nördlich von Dresden - Glashütte Original und Meissener Porzellan -, beider Namen in der Luxuswelt rund um den Globus von bestem Klang. Das jüngste Produkt dieser wunderbaren Freundschaft: das Modell "Senator Meissen Tourbillon", lanciert in diesem Frühjahr, zu erwerben zum vergleichsweise günstigen Preis von 98.000 Euro.

Nicht nur in Sachsen schmücken die Uhrmacher neuerdings ihre Preziosen wieder gern mit Zifferblättern aus Künstlerhand. Erst recht in der Gegend um Genf, dem Weltzentrum der mechanischen Zeitmesserproduktion, werden wieder mehr Uhren mit handgemalten Verzierungen versehen.

Die Unternehmen mit den großen Namen der Horlogerie, wie das Gewerbe dort heißt, entsinnen sich ihrer künstlerischen Geschichte - ausgebreitet übrigens in prachtvollen Firmenmuseen - und holen fast vergessene Techniken aus ihren Nischen. So treiben sie nebenher eine Art technologischen Artenschutzes - sie bewahren klassische Handwerkskünste vor dem Aussterben.

Aber die Rückbesinnung aufs Gemalte ist auch der Krise geschuldet: Auf diesem Wege können dem Liebhaber Uhren in kleinen Auflagen angeboten werden, die zwar sehr exklusiv sind, aber zumeist unkomplizierte Werke besitzen. Und deshalb zu günstigeren Preisen als große Komplikationen angeboten werden.

© manager magazin 12/2009
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