Samstag, 30. Mai 2020

Stealth Wealth Verzicht de luxe

Protz und Pomp sind out. Wer es sich leisten kann, verbirgt seinen Wohlstand lieber dezent. Stealth Wealth heißt der neue Trend der Reichen: Man trägt den Pelz nach innen und die Einkäufe aus den Luxusläden diskret in der No-Name-Tüte nach Hause.

Hamburg - Dezember bis Februar: Das war einst die Jahreszeit des Überflusses. Die schnellen Jungs und Mädels von der Wall Street belohnten sich selbst, und zwar großzügig: Sechsstellige Beträge saßen locker - für deutsche Sportwagen, Schweizer Edeluhren oder französische Weine zu 1000 Dollar die Flasche. Alles kein Thema. Wenn sich in Manhattan die Boni über die Geldelite ergossen, dann galt Bescheidenheit als fehlgeleitete Kapitalismuskritik.

Understatement: Die schlichten Designerklamotten aus höchstwertigen Materialien kosten das junge Pärchen 11.000 Euro
Gulliver Theis
Understatement: Die schlichten Designerklamotten aus höchstwertigen Materialien kosten das junge Pärchen 11.000 Euro
So war es früher, vor der Krise. Inzwischen ist ein neuer Stil eingezogen. Zwar schütten einige Banken dieses Jahr schon wieder fette Boni aus. Doch die Zahlungen standesgemäß pompös zu zelebrieren, das gilt jetzt als unfein - wenn nicht gar als dämlich.

So ermahnte Goldman-Sachs-Chef Lloyd Blankfein, dessen Bank stolze 20 Milliarden Dollar unter ihre Leute bringen will, kürzlich seine Mitarbeiter, sie sollten sich mit dem Protzen zurückhalten und die Anschaffung teurer Statussymbole möglichst unterlassen. Kein Wunder, denn die öffentliche Empörung über die Gewinnmitnahmen ist groß. Da will man nicht den Neid der weniger Begüterten erregen. Demonstrativer Luxus ist nicht angesagt in Zeiten der Dauerkrise. Lloyd Blankfein, ein Aufsteiger, der in einer Sozialwohnung in Brooklyn aufwuchs, weiß das nur zu gut.

Allerdings: Von einer neuen Ethik des Verzichts kann keine Rede sein. Eher geht es darum, den finanziellen Überfluss geschickt zu tarnen: "Stealth Wealth" heißt das Versteckspiel, das nicht nur Blankfein und die Seinen treiben. Wie Stealth-Bomber, die sich unerkannt im feindlichen Luftraum bewegen, schrecken die wirklich Wohlhabenden davor zurück, die Aufmerksamkeit der Massen auf sich zu ziehen.

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Längst ist die sogenannte Luxusscham auch in Deutschland angekommen. Zwar sind Vermögende wie ein ehemaliger BMW-Vorstand, der im Münchener Nobelviertel Solln mit Plastiktüte zur S-Bahn schlurft, eher die Ausnahme. Doch der Druck, der auf der Geldelite lastet, nimmt zu. "In Designerboutiquen unter Beobachtung etwas anzuprobieren erfordert immer mehr Einsatz und Mut", weiß Susanne Botschen, Mitbesitzerin des Münchener Nobelladens "Theresa".

Die Lust an der Tarnung treibt vor allem in den USA seltsame Blüten. "Un-Pimp your Ride" empfiehlt "Make Magazine" seinen Lesern und zeigt, wie man ein teures Fahrrad in einen unansehnlichen, rostigen Drahtesel verwandelt. Dezent gekleidete Ladies verlassen den Gucci-Store an der 5th Avenue in New York ohne Nobeltütchen und lassen sich die edlen Stücke in unauffälligen Kartons nach Hause schicken.

Bloß nicht auffallen: Ein Hauch von Prekariat umgibt die Träger von Shabby Chic, die 1000 Euro und mehr für eine verwaschene Jeans oder ein schäbig anmutendes Jäckchen ausgeben. Selbstredend werden die guten Teile, die aussehen, als kämen sie aus der Kleiderkammer der Caritas, in die Reinigung gebracht, damit sie nichts von ihrem Elendscharme verlieren.

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