Ausblick Turbo im Darm

Die Weiterentwicklung des Functional Food

Bakterien-Proviant

Nach "probiotischen" Joghurts kommen nun die "Prebiotika": organische Substanzen wie etwa die Zuckerverbindung Inulin oder "Ballaststoffe" auf Fruchtzuckerbasis, die der Mensch nicht direkt verdauen kann. Sie dienen gleichwohl als "Proviant" für bestimmte Milchsäurebakterien im Darm.

Dort sollen sie eine ähnliche Wirkung entfalten wie die Probiotika: die Verdauung fördern, die Aufnahme bestimmter Nahrungsbestandteile erleichtern, den Darm immun machen und Krebs vorbeugen.

Mundgefühl

Die belgische Firma Orafti, eine Tochter der deutschen Südzucker-Gruppe, stellt zum Beispiel aus Zichorienwurzeln eine "stabile, fettähnliche Creme" her. Die "verbessert das Mundgefühl" etwa bei Leberkäse, fertiger Mousse au Chocolat oder Keksen.

Masthilfen

Schon bald könnte das Prebiotikum aber auch Baby-Milchpulver zugesetzt werden. Dort sollen erste klinische Versuche positive Wirkungen gezeigt haben.

Als Masthilfen in der Viehzucht wirken Pre- und Probiotika jedenfalls fast ausschließlich bei jungen Tieren.

Versprechungen

Der Ernährungspsychologe Volker Pudel findet klare Worte: "Gesund sein können nur Menschen, nicht aber Lebensmittel."

Das Produktversprechen "gesunder" Esswaren ist für Pudel dementsprechend absurd: Ungesunde gelangen aus seiner Sicht gar nicht erst in den Handel ­ vorausgesetzt, bestimmte hygienische Standards bleiben gewahrt. Und ungesunde Ernährungsweisen, die etwa zu Mangelerscheinungen oder anderen konkret benennbaren Leiden führen, "kommen in Mitteleuropa außerhalb der Psychopathologie kaum mehr vor".

Nicht einmal die Idee einer Gesundheitsvorsorge durch die "richtige" Wahl der Speisen will der Göttinger Professor anerkennen. Im Alltag, so Pudel, treibt den Normalbürger nicht der akademisch-abstrakte Gedanke an "Ernährung" um, sondern allenfalls der ans "Essen". Dieser Begriff ist rein emotional besetzt - weshalb wir in der Regel futtern, worauf wir gerade Lust haben. Und was einfach zu erhalten ist: mal Pizza und mal Pudding, mal Schokoriegel und mal einen Cheeseburger. Manchmal sogar einen Salat - mit sämigem Fertig-Dressing aus der Flasche.

Studien und Fakten

Die Protagonisten des Functional Food halten viele Dutzend "harte" wissenschaftliche Studien dagegen: Von den "probiotischen" Joghurts ist nachgewiesen, dass sie die Darmflora verändern - zu Gunsten bestimmter Bakterienarten, die angeblich Krankheitserreger fern halten und die Verdauung anregen können. Voraussetzung ist allerdings, dass über mehrere Wochen hinweg täglich mindestens ein Becher probiotischen Joghurts verzehrt wird.

Ähnliches gilt für die Brotaufstriche mit dem Wirkstoff Phytosterol (in Deutschland noch nicht erhältlich): Sie senken den Cholesterinspiegel um bis zu 15 Prozent - sofern man regelmäßig davon isst.

Kritik

An dieser Bedingung setzen die meisten Kritiker des Functional Food an: Für sie sind viele der nachgewiesenen klinischen Wirkungen "praxisfernes Wunschdenken ohne Bezug zur Konsumroutine im Alltag". Andere Studienergebnisse tun sie ab als teils "reine Laboreffekte, ermittelt am isolierten Rattendarm", teils als "mikrobiologische Rabulistik aus Keimzahlen und Kulturstatistiken".

Nebenwirkungen

Immerhin, so konzediert Ulrike Gonder, Ökotrophologin am Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (Eule), "hat das Functional Food noch keine Leiche im Keller".

Nennenswerte Nebenwirkungen sind nicht bekannt, auch nicht bei den besonders empfindlichen Säuglingen, für die es inzwischen "probiotisches" Milchpulver gibt.

Gleichwohl wünschen sich alle Kritiker ausführliche Studien zum Langzeitkonsum von Functional Food. Etwa, ob der Verzicht auf natürliche Nahrungsfette die Aufnahme fettlöslicher Vitamine reduziert. Und ob die Bakterien der wundersamen Joghurts die körpereigene Darmflora auf Dauer so verdrängt, dass es zu Entzündungen kommt.

Die Gefahr ist jedoch gering: Schon wenige Tage, nachdem ein Konsument auf "probiotische" Milchprodukte verzichtet hat, leben in seinem Dickdarm wieder dieselben Bakterienarten wie bei Durchschnittsbürgern.

Nutzen und Risiken: Was kann Functional Food wirklich?


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