Functional Food Das Essen der Zukunft

Die Lebensmittelindustrie auf der Suche nach neuen Märkten: Die Nahrung soll die Gesundheit aktiv schützen ­ wie Medikamente. In den USA sind derartige Lebensmittel schon zu kaufen, in Europa zögern die Behörden mit der Zulassung.

Für Unilever war der 5. November des vergangenen Jahres ein schwarzer Tag. An der Londoner Börse stürzte der Aktienkurs um 14 Prozent. Stunden später machte er an der New Yorker Wall Street die gleiche Talfahrt.

Es war viel zusammengekommen an diesem Freitag: Zum einen hatte der britisch-niederländische Nahrungsmittelmulti miserable Geschäftszahlen für das dritte Quartal veröffentlichen müssen. Zum anderen, und das schien manchen Börsianern noch bedeutsamer, sprach sich eine Nachricht herum: Die Lebensmittelbehörden der EU würden vorerst die Zulassung für ein neues Produkt nicht erteilen.

Das hätte in den kommenden Monaten ein Verkaufsrenner für Unilever werden sollen: ein Brotaufstrich, dessen Hauptbestandteil Phytosterol die Cholesterinwerte im Blut so deutlich senkt wie ein Medikament. Das somit Herzinfarkt, Schlaganfall und andere, schlimme Folgen der Arteriosklerose verhindern kann. Und das ganz ohne Rezept, ohne ärztliche Untersuchung, ohne Pillen, Spritzen und ohne Krankenkassen-Chipkarte. Einfach so beim Frühstück.

Die Beamten der neuen, durch die zahlreichen Nahrungsmittelskandale der vergangenen Monate endlich aufgeschreckten EU-Kommission verlangten neue Gutachten. Bevor Unilevers Markenprodukt eine Zulassung für den ganz gewöhnlichen Vertrieb in Supermärkten, Tankstellen und Lebensmittelläden bekommt, müssen jetzt Ernährungswissenschaftler, Lebensmittelchemiker und ärztliche Diätexperten abermals die Unbedenklichkeit des Margarineersatzes sowie seinen gesundheitlichen Nutzen bestätigen. Im März sollen erste Gutachten vorliegen, im Mai will Unilever dann EU-weit starten.

In den USA ist Unilevers Cholesterinsenker als Take Control seit vergangenem Jahr im Handel. Die "Food and Drug Administration", wegen notorischer Strenge sonst so berühmt wie gefürchtet, hatte die Stullenschmiere ebenso zugelassen wie das Konkurrenzprodukt Benecol vom Wettbewerber Johnson & Johnson. Im cholesterinphoben Amerika wurden beide Produkte sofort Renner. Auch in der Schweiz ist Unilevers Blutfettsenker ganz legal im Kühlregal zu erhalten - unter dem eingeführten Markennamen Becel, nur mit dem Zusatz "pro activ".

Die Butter ersetzenden Blutfettsenker gehören zum so genannten Functional Food: Esswaren, die sich nicht nur besonders günstig auf bereits bestehende Gesundheitsrisiken auswirken - etwa wie die bekannten "Halbfettmargarinen" -, sondern die außerdem aktiv in den Organismus eingreifen. Denen ähnliche Wirkung nachgesagt wird wie Arzneimitteln.

Diesen Produkten, da sind sich Nahrungsmittelexperten einig, gehört die Zukunft: Auf 60 Milliarden Dollar schätzen die Branchenbeobachter von Arthur D. Little das jährliche Marktvolumen weltweit.

Dabei entfallen etwa 14 Milliarden auf Hightech-Produkte wie die genannten Brotaufstriche, aber auch auf Salatsoßen, Müsliriegel und die bereits vor einigen Jahren eingeführten Joghurts von Nestlé (LC1) und Danone (Actimel). Die enthalten besonders gezüchtete Bakterienkulturen, denen eine "probiotische" Wirkung auf die Darmflora nachgesagt wird.

Zu deutsch: Sie fördern angeblich die Verdauung und helfen, bestimmte Nahrungsbestandteile besser aufzunehmen. Sie sollen selbst Vitamine bilden, sollen die Abwehrkräfte des Immunsystems in der Darmwand stärken und sogar Darmkrebs verhüten können.

Die Umsätze des deutschen Einzelhandels mit "probiotischen" Milchprodukten sind 1999 auf 560 Millionen Mark gewachsen (siehe Grafik rechts). Für den Gesamtmarkt des Functional Food rechnet Jörg Grünwald, Präsident der Consultingfirma Phytopharm, mit jährlichen Zuwachsraten auf dem Weltmarkt von über 20 Prozent.

Es wäre ein Segen für die Lebensmittelindustrie. Deren Stoxx-Subindex ("Food & Beverages") zeigte im vergangenen Jahr die schlechteste Entwicklung aller Branchenindizes. Während die privaten Konsumausgaben in Deutschland um etwa 2 Prozent zunahmen, ging der Umsatz der Ernährungsbranche um 1,2 Prozent zurück.

Die Margen der Hersteller geraten von allen Seiten weiter unter Druck - einzig das Functional Food bietet da genügend Innovationspotenzial für mehr Umsatz.

Die "Nutraceuticals", wie diese neuen Produkte mit einem englischen Kunstwort aus Nutrition ("Ernährung") und Pharmaceuticals ("Arzneimittel") auch bezeichnet werden, könnten sogar das Paradebeispiel werden für

  • die Grundrenovierung eines alten Industriezweigs;
  • die Erweiterung eines traditionellen Warencharakters (Sättigung, Nährstoffversorgung) um eine neue Dimension (aktive Gesundheitsförderung);
  • das Verschmelzen von herkömmlichen Produktionsweisen mit forschungsintensiven Produktentwicklungen und Hightech-Herstellungsverfahren.
Schöne neue Esswelt? Letztlich, so prophezeien Kritiker des Trends, würde ein Markterfolg des Functional Food die Grenzen verwischen zwischen Lebensmittel- und Pharmaindustrie. Also zwischen zwei Branchen, die sich zumindest in Deutschland und anderen Kernländern der EU bislang völlig fremd waren. Etwa, weil sie
  • mit grundverschiedenen Marketingvorgaben arbeiten - während auf dem Lebensmittelmarkt ein Preiskampf tobt bis unter die Gestehungskosten, unterliegen Arzneimittel einer Preisbindung;
  • völlig unterschiedliche Vertriebswege nutzen: die einen über Selbstbedienungsregale in Supermärkten, Tankstellen, Kiosken, die anderen über kontingentierte, standesrechtlich kontrollierte potheken;
  • auf vollkommen verschiedener rechtlicher Basis arbeiten: Die einen unter dem teilweise schon recht strengen Lebensmittel-, die anderen unter dem ultrarigorosen Arzneimittelgesetz.
Die Idee ist keineswegs neu, Lebensmitteln eine Art pharmazeutische Wirkung "einzubauen" oder ihnen zumindest das Versprechen eines Gesundheitsschutzes anzuhängen. Anfangs ging es nur um harmlose "Anreicherungen": Vitamin-Creichem Orangensaft, etwa der Marke "Punica" von Procter & Gamble, wurde das Mineral Calcium zugesetzt, das unter anderem für den Aufbau von Knochensubstanz wichtig ist.

Umgekehrt wurde Milch, traditionell calciumreich, mit Vitamin C versetzt, weil das die körpereigenen Abwehrkräfte stärken kann. In den USA gibt es inzwischen kaum mehr ein industriell weiter verarbeitetes Nahrungsmittel ohne solche "Verstärker" ("fortifications").

Als nächstes kamen die "probiotischen" Joghurts der Marke LC1 von Nestlé auf den Markt. Über vier Jahre lang wurde im Forschungszentrum von Lausanne experimentiert, rund 3500 Bakterienstämme wurden in immer neuer Zusammensetzung in der vergärenden Milch kultiviert. Die heute 42-jährige Pharmazeutin Andrea Pfeifer leitete die 35-köpfige Arbeitsgruppe.

Endlich war die "richtige" Rezeptur aus 18 verschiedenen Milchsäurebildnern gefunden, darunter fanden sich die "neuen" Sorten Lactobacillus acidophilus und verschiedene Unterarten der Bifidobakterien. Diese Mikroben kommen zwar auch im menschlichen Verdauungstrakt vor, nicht jedoch in herkömmlich fermentierten Milchprodukten.

Verzehrt man nun regelmäßig Waren aus der LC1-Familie, etwa täglich einen Becher Joghurt, der circa eine Milliarde probiotische Keime enthält, so verzehnfacht sich nach mehreren Wochen der Anteil dieser Bakterien an der Darmflora.

Diesen Effekt haben die Nestlé-Wissenschaftler in Zusammenarbeit mit klinischen Forschern umfassend nachgewiesen. Das genügte, um den LC1-Joghurts 1995 auf der Messe "Food Ingredients Europe" prompt den Titel "innovativstes Produkt des Jahres" zu verleihen. Wettbewerber Danone folgte wenig später mit seiner Marke Actimel - eine Verballhornung der flämischen Vokabeln für "aktive Milch".

Die dünnflüssigeren Produkte, auf dem Markt ein ähnlicher Erfolg wie Nestlés LC1-Palette, versprechen die selben Effekte wie die des Konkurrenten. Sie setzen aber auf einen anderen Bakterienstamm, den Lactobacillus casei. Auch der ist, so betont Danone, "absolut natürlich". Inzwischen gibt es auch Probiotika von Müller Milch (ProCult) und Südmilch (Vifit).

Ebenfalls nicht neu ist allerdings auch die Idee, man könne durch vergorene Milchprodukte die menschliche Darmflora so beeinflussen, dass gesundheitlicher Nutzen entsteht. Elie Metchnikoff, ein russischer Zoologe am Pariser Institut Pasteur, bekam für seine immunologischen Forschungen zu dieser Theorie bereits 1908 den Medizin-Nobelpreis.

Für Udo Pollmer, Leiter des unabhängigen Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften (Eule), hängt der Rummel um die Nutraceuticals mit einem "archaischen Magieglauben" zusammen. "Das ist ähnlich wie bei den Kannibalen", sagt der industriekritische Eule-Chef. "Die glauben auch, sie könnten sich Eigenschaften aneignen, wenn sie etwas Bestimmtes essen - in ihrem Fall das Gehirn oder andere Körperteile ihrer Feinde. Bei Functional Food wird hingegen ein abstrakter Begriff von Gesundheit einverleibt."

Volker Pudel, Ernährungspsychologie-Professor an der Universität Göttingen, sieht das Motiv für den Verzehr von Functional Food ganz schlicht: "Man isst gegen das schlechte Gewissen." Da zahlt man auch gern ein bisschen mehr.

Die Hersteller entwerfen unterdes die Marketingstrategien für die neuartigen Lebensmittel. "Wir werden den Added Value des Functional Food in aller Sachlichkeit kommunizieren", sagt Alfred Piergallini - mit vorsichtigem Seitenblick auf das "Verbot gesundheitsbezogener Werbung" des deutschen Lebensmittelrechts. Das bewirkt unter anderem, dass jeder Werbe-Claim für Functional Food konstruiert sein muss wie ein Tarnkappen-Bomber.

Der "Gesundheits-Konzern" Novartis (Selbstdarstellung), wo Piergallini Präsident der Sparte Consumer Health ist, hat schon im vergangenen Jahr eine Nutraceutical-Produktreihe aus Getreideriegeln, Früh- stückscerealien und Drinks zur Marktreife entwickelt. Aber anders als ursprünglich geplant hat er, um die plötzlich so scharfen EU-Zulassungsgremien nicht zu wecken, die Dachmarke Aviva noch nicht europaweit eingeführt, sondern nur in der Schweiz.

In den USA hat Novartis derweil mit Quaker Oats das Joint-Venture Altus Food gegründet. Geschäftszweck ist das Entwickeln und Vermarkten neuen Functional Foods.

"Weltweit leiden Millionen Menschen an ,Volkskrankheiten' wie Bluthochdruck, Diabetes, Allergien oder altersbedingtem Knochenschwund", sagt John Troup, internationaler Forschungschef in der Ernährungssparte von Novartis Consumer Health, einer der Väter von Aviva. "Immer mehr von denen wollen nicht mehr lebenslang Pillen schlucken, etwa weil sie die Nebenwirkungen satt haben."

Diese Zielgruppen sollen die Aviva-Blutdruck- und -fettsenker, die Verdauungsförderer und Knochenstärker als Erste konsumieren. Functional Food würde damit zur konkreten Medikamentenalternative.

Pillenmüde Zivilisationskranke reichen jedoch als Zielgruppe allein nicht aus, damit, wie geplant, die Dachmarke Aviva spätestens in fünf Jahren "einen erheblichen Anteil" des Nahrungsmittelumsatzes von Novartis ausmachen kann. Breiteste Bevölkerungskreise müssen gewonnen werden für die Idee einer Gesundheitsprophylaxe durch Müsliriegel und anderes Fast Food. Oder, wie es im Marketingjargon der Esswaren-Hersteller heißt: durch Convenience-Produkte.

"Der verheißene Gesundheitsschutz ist das Hintertürchen zum Markt, in dem die Lebensmittelindustrie endlich wieder ordentliche Geschäfte machen möchte", sagt Ernährungspsychologe Volker Pudel.

Tatsächlich herrscht in der Nahrungsmittelbranche der westlichen Welt ein heftiger Verdrängungswettbewerb. "Die Menschen können sich nicht mehr als satt essen", sagt Pudel. Lebensmittel mit pharmazeutischem Make-up sollen neue Absatzkanäle erschließen. Bei Unilever spricht man ganz konkret von "uptrading".

Es lohnt sich. Der Einzelhandel verlangt dort, wo man es kaufen kann, für ein Töpfchen cholesterinsenkenden Margarineersatz bis zu sechsmal so viel wie für normales Streichfett.

In der Lebensmittelbranche feixt man nun über Unilevers "taktischen Fehler", den blutfettsenkenden Fettersatz offiziell bei der EU-Kommission anzumelden wie ein "Novel- food"- Produkt. Denn bislang enthält weder Take Control, das auch in Deutschland als Becel pro activ vermarktet werden soll, noch anderes Functional Food genetisch manipulierte Organismen oder ihre Bestandteile: weder puren Gen-Mais noch Mehl daraus, weder Lecithin aus Gen-Soja noch Öl aus Gen-Raps. Auch die Bakterien der Probiotika sind keine Homunkuli der Gentechnik.

Die Entdeckung und Entwicklung neuartiger Nahrung mit "gesundheitsfördernder" Wirkung wird deshalb rasch voranschreiten. Kellogg hat zum Beispiel - ähnlich wie Novartis mit Aviva in der Schweiz - mit Ensemble in den USA bereits eine neue Dachmarke eingeführt: Die Frühstückscerealien, Backwaren, Nudeln und Snack-Chips enthalten "einen wasserlöslichen Ballaststoff". Genauer: die Spelzen der Flohsamen-Pflanze. Die sollen, ähnlich wie das Phytosterol des Unilever-Brotaufstrichs, das Cholesterin im Blut senken können.

Damit die Ensemble-Produkte ihre volle Wirkung entfalten können, muss man täglich drei Portionen davon essen. Ob das auf Dauer klappt, scheint nicht nur Verbraucherschützern fraglich. Die Industrie verdient jedoch schon am Versuch.

Risken und Nutzen: Was kann Functional Food wirklich? Ausblick: Die Weiterentwicklung des Functional Food

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