Peter Grünberg Ein Quantum Glück

Peter Grünberg ist auch mit 70 Jahren nach wie vor am liebsten im Labor. Der Nobelpreisträger machte mit dem Riesen-Magnetowiderstand eine Entdeckung, deren ökonomische Folgen kaum überschätzt werden können.

Der Flur ist schlecht beleuchtet, die Tür ein wenig ramponiert, das Labor dahinter vollgestellt mit Messgeräten und Computer-Racks. Mitten im Raum prangt eine klobige Trommel aus Edelstahl. Es ist der Versuchsaufbau, mit dem Peter Grünberg in den 80er Jahren den Riesen-Magnetowiderstand entdeckte - jenen Effekt, für den er später den Nobelpreis erhielt. Und an dem er bis heute immer noch weiter experimentiert. Denn der Physiker, einer der beiden ersten Laureaten der manager magazin Hall of Fame der deutschen Forschung, ist nach wie vor am liebsten im Labor.

Mehr als 30 Jahre lang, von seinem Dienstantritt als Assistent bis zum Ruhestand im Jahr 2004, waren die nüchternen Räume im Forschungszentrum Jülich (FZJ) sein Lebensraum, gab das Gleichmaß in der abgelegenen rheinischen Provinz den Takt im Leben des Physikers vor. "Akademische Karriere oder Macht waren Peter nie wichtig", sagt sein langjähriger Weggefährte Peter Dederichs vom FZJ. So fuhr Familienvater Grünberg jahrein, jahraus mit dem Fahrrad die paar Kilometer von seinem Reihenhaus durch den Wald zum Campus, um dort die Quanteneffekte des Magnetismus zu erkunden. Mühsam, stets hadernd mit der störanfälligen Technik und oft geplagt von Zweifeln, ob denn die Ergebnisse nicht vielleicht doch nur auf Messfehlern beruhten. Viele Jahre lang war Peter Grünberg nur außerplanmäßiger Professor, ein in der Hierarchie der Großforschungsanlage eher untergeordneter, unauffälliger Wissenschaftler. Das blieb so auch nach jenem internationalen Kongress im Jahr 1988, bei dem der Pariser Physiker Albert Fert ähnliche Messungen vorstellte, was bewies: Der Riesen-Magnetowiderstand war keine Schimäre, sondern Wirklichkeit. Eine völlig unerwartete, neue Erkenntnis, ein Durchbruch. Große Genugtuung. Der Entdecker aber blieb, was er war: unauffällig, bescheiden, schließlich Rentner.

Doch dann, Grünberg war bereits 68 Jahre alt, wurde schlagartig alles anders in seinem Leben: Zusammen mit Fert wurde er 2007 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Eine späte, aber entscheidende Wende in seinem Leben: Grünberg gab den Ruhestand wieder auf, nahm eine für ihn geschaffene Helmholtz-Professur an. Seither ist er wieder aktiv: Er forscht, lehrt, trägt und führt vor. "Aus Pflichtgefühl", wie er sagt: gegenüber der Forschergemeinde, gegenüber seinem Arbeitgeber und gegenüber "den jungen Leuten" am FZJ, mit etlichen ist er per Du.

Auch "den Bürgerinnen und Bürgern Deutschlands", die mit ihren Steuergeldern die Forschung in Jülich und andernorts finanzieren, will Peter Grünberg, der als gebürtiger Böhme mit dem harten Zungenschlag des Sudetendeutschen spricht, etwas zurückgeben.

Dabei zeigen die Produkte, die aus seiner Entdeckung entstanden, längst spürbare gesellschaftliche Resultate: Datenspeicherplatz ist kein Problem mehr. Dank einer neuen Technik, die auf Grünbergs Erkenntnis beruht, sind Computerfestplatten heute ungleich leistungsfähiger als noch vor wenigen Jahren. Jürgen Kluge, Vorstandschef des Haniel-Konzerns und Peter Grünbergs Laudator bei der Hall-of-Fame-Feier, hat es so formuliert: "Wenn heute im Auto das Navigationsgerät mit Ihnen spricht, dann spricht auch Peter Grünberg ein wenig mit."

70-jährig bricht er nun noch mal zu neuen Ufern der Wissenschaft auf, wendet er sich einem für ihn neuen Gebiet zu: der Psychoakustik. Er will herausfinden, wie Musik auf die Seele wirkt. Zunächst aber zieht es ihn nach Japan: Austausch mit Kollegen, Vorträge, Ansprachen vor Gelehrtengesellschaften - das Übliche im Terminkalender eines Nobelpreisträgers. Die Reise, sagt Grünberg, sei "eine Herausforderung" - auch im Hinblick auf seine angegriffene Gesundheit. Und obwohl er sich bei solchen Anlässen nicht immer wohlfühlt, nimmt er die Herausforderung an: "Nur so kommt man voran im Leben."

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