Managerinnen Gestatten: Vorstand

Sie sind gut, und sie wissen es: Immer mehr Frauen erobern Spitzenpositionen in hiesigen Unternehmen. Binnen weniger Jahre hat sich in Deutschland ein rasanter Wandel vollzogen.

Beginnen wir mit einer Übung für unsere männlichen Leser: Stellen Sie sich bitte vor, Sie wurden gerade frisch in die Topetage Ihres Konzerns befördert und erscheinen in diesem Moment zum ersten Mal zur Vorstandssitzung. Sie öffnen die Tür, und sechs Managerinnen schauen Sie erwartungsvoll an. Irgendwie ungewohnt, oder? Ob Sie sich in dieser Situation wohlfühlen würden, müssen Sie hier nicht bekennen: Als Mann werden Sie in diese Lage nicht kommen.

Als Frau durchaus. Anja Krusel (42) zum Beispiel hat es erlebt: Von Philips  im Jahr 2005 als Senior Director Financial Planning & Analysis nach Atlanta entsandt, nahm sie im Executive Committee zwischen elf männlichen Kollegen Platz. Krusel blieb cool: "Ich hab' einfach nicht darüber nachgedacht, wie ich mich jetzt fühle. Ich hab' meinen Job gemacht." Nach dem zweijährigen Atlanta-Intermezzo ging sie für weitere zwei Jahre nach Andover, heute ist Krusel Finanzvorstand bei Philips in Hamburg.

Einfach den Job erledigen - kann Karriere so einfach sein? Ist da nicht immer noch der Exotenstatus der Frau in einer Männerwelt, der es Managerinnen schwer macht? Gläserne Decken? Miese Kollegen?

Nein, sagt Anja Krusel. Und alle weiblichen Vorstände und Geschäftsführerinnen, die manager magazin auf diesen Seiten zeigt, antworten ähnlich. mm hat die ranghöchsten Managerinnen in den 100 größten Unternehmen der deutschen Wirtschaft zu ihrem Aufstieg und den Perspektiven von Frauen im Management befragt. Die Damen sind sich einig: Wer gut ist, bekommt seine Chance - egal, ob Mann oder Frau.

Zugegeben, der Vorstandsvorsitz der Börsenschwergewichte ist noch fest in Männerhand. Doch der MDax-Wert Puma  hat seit Januar 2008 eine stellvertretende Vorstandsvorsitzende, Melody Harris-Jensbach (48). Die im SDax notierte GfK , ehemals Gesellschaft für Konsumforschung, berief mit Pamela Knapp (51) kürzlich die dritte Frau in den Vorstand.

Die besten Köpfe, egal welchen Geschlechts

Barbara Kux (55) hat die Männerphalanx im Siemens-Vorstand aufgebrochen. Auch diverse deutsche Töchter internationaler Konzerne - Procter & Gamble , Ikea, Coca-Cola  - werden von Frauen geführt.

Unternehmen wissen längst, dass sie die besten Köpfe brauchen, egal welchen Geschlechts. Deshalb:

  • fordern immer mehr Topunternehmen Personalberater auf, in der Endrunde für die Besetzung eines Vorstands- oder Aufsichtsratspostens auf jeden Fall auch eine Frau zu präsentieren;
  • machen immer mehr Arbeitgeber Frauenförderung zur Chefsache; oft ist es der Vorstand selbst, der die Damen coacht;
  • erobern immer mehr Frauen Kernressorts und Schlüsselpositionen, anstatt sich in traditionellen Frauennischen (Marketing und Personal) zu verstecken.

Bei Nestlé leiten Frauen Werke. In der Kupferhütte Aurubis  zeichnet eine Frau - Angela Wehrt (42) - für die Vermarktung der Hauptprodukte Draht und Strangguss verantwortlich. Bei ThyssenKrupp  kontrolliert Bereichsvorstand Marion Helmes (43) die Finanzen der Aufzugsparte.

Helmes begann in den 90ern als Projektmanagerin bei der Treuhand, dann folgten ein paar Jahre Unternehmensberatung. 1997 Eintritt bei der damaligen Krupp-Hoesch AG im Bereich M&A, Auslandsengagement in den USA, schließlich zurück in die Zentrale zur Leitung eines großen Desinvestitionsprogramms. Solch eine Laufbahn führt beinahe zwangsläufig ins General Management, hat sie das alles so geplant? Marion Helmes winkt ab. Sie sei eben "immer offen gewesen für interessante Aufgaben". Vorgesetzte fanden Gefallen an ihrer Leistungsbereitschaft und gaben ihr neue Aufgaben.

Diese Haltung findet sich bei all den Managerinnen, mit denen mm gesprochen hat: Sie sind sehr gut ausgebildet, extrem leistungswillig sowie stets bereit, sich in neue Herausforderungen zu stürzen und Wagnisse auf sich zu nehmen.

Beispiel Manuela Better (48). Die Risikoexpertin leistet seit Februar vergangenen Jahres als Chief Risk Officer Aufräumarbeiten bei der verstaatlichten Skandalbank Hypo Real Estate . Als die HRE im vergangenen Herbst zusammenbrach, war Better - elegante Seidenbluse, graues Kostüm, Pumps - gerade ganz weit weg: In Hongkong kümmerte sie sich um das dort vergleichsweise bescheidene Immobiliengeschäft der Gruppe.

"Die Welt verändern, aber nicht um jeden Preis"

Glück? Nicht nur. Better hatte sich 2007 auf eigenen Wunsch versetzen lassen, weil "ich meine persönliche Auffassung von Risikomanagement in der Bank nicht mehr verwirklichen konnte". Die Entscheidung fiel innerhalb von 24 Stunden, zwei Wochen später fand sich Better in Hongkong wieder.

Was eine Karrieresackgasse hätte werden können, entpuppte sich als Sprungbrett. Im Zuge der kompletten Neubesetzung des Vorstands wurde sie zurückgeholt - als einzige Unbelastete unter den früheren Topmanagern. Sie wolle durchaus Erfolg haben, sagt Better, "aber nicht zulasten des eigenen Wertesystems".

Das war klug. Ist es auch weiblich? Zeichnen sich die neuen Topfrauen im Vergleich mit den forschen männlichen Kollegen durch einen eigenen Stil aus? Die Münchener Diplompsychologin Margret Strasser-Kriegisch coacht seit vielen Jahren Führungskräfte und sagt Ja. "Erfolgreiche Frauen", so hat sie beobachtet, "bekennen sich inzwischen recht unverkrampft zur Macht. Sie besitzen den Ehrgeiz, die Welt zu verändern. Allerdings nicht um jeden Preis."

Viele der Frauen brächten ganz bewusst einen neuen Umgangston in die Unternehmen, so Strasser-Kriegisch: "Sie erreichen ihre Ziele kommunikativ sehr geschickt, sind selbstbewusst und trotzdem integrativ." Sie betonten das Team, kämen ohne großes Säbelrasseln daher und ohne riesige Bürofluchten aus. Anja Krusel von Philips fühlt sich in dieser Skizze gut getroffen: Sie bewundere "humble leaders", bescheidene Anführer, sagt sie. Leute, die auch mal zugeben können, dass sie nicht alles wissen und auf die Fachkenntnis ihrer Mitarbeiter angewiesen sind.

Sie selbst versucht, locker zu bleiben trotz ihrer herausragenden Position, kommt auch mal in Jeans, fährt einen Dienstwagen, den ein ausgeschiedener Kollege angeschafft hat und der jetzt eben gefahren werden muss, obwohl er ihr zu protzig ist.

Man möchte ein Bier trinken gehen mit Frauen wie Krusel und sich totlachen über die Kerle, die immer noch meinen, Management sei Männersache und nur von breitschultrigen Anzugträgern zu bewältigen. Das würden diese Managerinnen aber nie tun. Sie sind Profis, sie triumphieren nicht, auch wenn es noch so gut läuft für sie, sie machen keine Politik.

Nur eine Minderheit hat Familie

"Klar entscheiden" zu können, immer "lieber selbst zu managen, als gemanagt zu werden", das nehmen auch Gerlinde Maria Siebert (42) und Gülabatin Sun (39) von der Deutschen Bank  für sich in Anspruch.

Die eine trägt Verantwortung für weltweit vergebene Kredite im Wert von 15 Milliarden Euro. Die andere reorganisiert gerade das gesamte Backoffice für die Privat- und Geschäftskundensparte in Deutschland. Beide nehmen am "Atlas" genannten Förderprogramm teil, mit dem die Bank mehr Frauen in Spitzenpositionen bringen will, und werden direkt vom Vorstand gecoacht.

Ob es auf dem Weg nach oben noch Hindernisse speziell für Frauen gebe, das muss man die neuen Managerinnen nicht eigens fragen. Das alte Thema Vereinbarkeit von Karriere und Familie erscheint ihnen als bloßes Organisationsproblem.

Und so mag es miesepetrig klingen, wenn hier zum Schluss bemerkt wird, dass bislang nur eine Minderheit der deutschen Spitzenmanagerinnen Kinder hat und viele von ihnen Singles sind.

Andere haben Mann und Kinder und sogar eine verlässliche Kinderfrau, opfern aber im letzten Moment die Karriere. Christine Stimpel, Deutschland-Geschäftsführerin bei der Personalberatung Heidrick & Struggles, erlebt es immer wieder: "Wir schlagen unseren Auftraggebern tolle Frauen vor, und dann steigen die in der Endrunde aus - weil sie wegen der Kinder nicht schon wieder umziehen wollen oder der ebenfalls karriereorientierte Ehemann nicht mitspielt." Es ist eben schwer, alles zu haben im Leben. Erst recht im Topmanagement.

Wandel in der Führung: Frauen im Management

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