Wirtschaftskrise Schicksalsjahr 2010

Die Konjunkturforscher sagen einen Aufschwung voraus. Doch für viele Unternehmen fängt die Krise erst an. Wo die Beschäftigten bislang noch in Kurzarbeit sind, drohen Entlassungen. Und manche Firmen können gar nicht so schnell Kosten und Kapazitäten verringern, wie es nötig wäre. Nur wer genug Bares hat, überlebt.

Als die Welt noch einfacher war, da stellten sich Ökonomen die Wirtschaft gern als ein Gummiband vor, das an beiden Enden auf eine Holzplatte genagelt war. Eine Rezession würde das Gummiband nach unten ziehen. Wäre die vorübergehende Nachfrageschwäche vorbei, würde das Band wieder nach oben schnellen. "Auf einen starken Rückgang der Wirtschaftsleistung folgt in der Regel ein starker Aufschwung", formulierte einst Milton Friedman, der diese "Zupftheorie" ersonnen hatte.

Bis heute hat seine Lehre viele Anhänger. Auf die tiefste Rezession seit Generationen, so glauben sie, müsse nun ein "v-förmiger" Aufschwung folgen. Katapultgleich komme die Wirtschaft wieder aus dem Tief heraus.

Aufschwung? Bei dem Wort muss Heinrich Weiss dann doch schmunzeln. Nein, davon könne nun wirklich keine Rede sein, sagt der Unternehmer. Eher spitze sich die Krise noch mal deutlich zu: "Das Gerede von einer raschen Erholung ist Wunschdenken. Wir haben eine lange Schwächeperiode vor uns."

Heinrich Weiss hat schon viel erlebt. Die ererbte Anlagenbaufirma SMS führte der Ingenieur über dreieinhalb Jahrzehnte und fünf Rezessionen hinweg von 70 Millionen zu dreieinhalb Milliarden Euro Umsatz. Anfang der 90er diente Weiss als Präsident beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Er sitzt in zahlreichen Aufsichtsräten, unter anderem bei der Deutschen Bahn. Und zwischendrin, davon zeugen die Souvenirs in Weiss' Büro, blieb auch noch Zeit, um das eine oder andere Flugzeug zu pilotieren, den einen oder anderen Sportwagen zu fahren und viele Zigarren zu rauchen.

So viel Erfahrung sorgt für Gelassenheit. Die Krise mache ihn nicht nervös, sagt Weiss, man habe vorgesorgt. Aber für viele andere Firmen werde es erst im kommenden Jahr richtig eng.

Es sieht ganz so aus, als werde 2010 ein Schicksalsjahr. Die akute Rezession geht zu Ende, doch statt einer spürbaren Erholung schließt sich eine chronifizierte Dauerkrise an. Viele Betriebe stehen still. Wo die Beschäftigten bislang noch in Kurzarbeit sind, drohen Entlassungen und Betriebsschließungen.

Sang- und klanglos verschwinden seit Anfang des Jahres Monat für Monat 20.000 Jobs in der Metall- und Elektroindustrie. Und manche Unternehmen können gar nicht so schnell die Kosten und Kapazitäten verringern, wie es erforderlich wäre, um das Überleben zu sichern.

Ein "new normal" beiderseits des Atlantiks

Bis die Krise wirklich überwunden ist, werden Jahre vergehen. Erst 2013 werde wieder das Sozialprodukt von 2008 erreicht, erklärte Bundesbank-Chef Axel Weber kürzlich den versammelten Finanzministern und Notenbankern der EU bei ihrem Treffen in Göteborg.

Ein v-förmiger Gummiband-Aufschwung sieht anders aus.

Bislang haben staatliche Interventionen das Schlimmste verhindert. Dicke Konjunkturpakete und üppige Liquiditätssalven der Notenbanken haben einen Absturz ins Bodenlose vermieden. Doch nun mündet die Rezession in eine Strukturkrise, wie sie die Welt seit den 30er Jahren nicht mehr erlebt hat: Hohe Schulden belasten die globale Nachfrage. Viele Fabriken und viele Beschäftigte werden nicht mehr benötigt.

Für Heinrich Weiss' Unternehmen sind überhaupt erst die Vorboten dieser Strukturkrise spürbar. Nicht vor 2011 rechnet der 67-Jährige für seine SMS Group mit einem Umsatzeinbruch. Bis dahin arbeitet der weltgrößte Anlagenbauer für die Metallindustrie all jene Aufträge ab, die noch 2008 in der Düsseldorfer Zentrale eingegangen sind: Warmflach- und Kaltwalzwerke, Stranggussanlagen, Hochöfen und ganze schlüsselfertige Stahlwerke. Die Vorlaufzeiten für die Projekte sind extrem lang.

Gerade deshalb bietet das Auftragsbuch der SMS Group einem Blick in die Kristallkugel der Industriekonjunktur: Hier lässt sich heute schon ablesen, wie viel die Stahlbranche in zwei, drei, vier Jahren in ihre Anlagen investieren wird.

Und dieser Ausblick fällt ernüchternd aus. "Seit September 2008 ist bei uns kein einziger größerer Auftrag mehr eingegangen", sagt Weiss.

Bedarf für neue Stahlwerke? Sieht Weiss frühestens in ein oder zwei Jahren, und dann allenfalls in China, Indien oder Brasilien. In den reichen Volkswirtschaften und auch in Russland werde die Flaute bei den Neubauten noch deutlich länger dauern: "Die Stahlbranche sitzt auf gewaltigen Überkapazitäten."

Eine Entwicklung, typisch für große Teile der Industrie. Ob Auto, Elektro, Maschinenbau oder Chemie - die Unternehmen haben viel investiert in den goldenen Jahren der Globalisierung um die Mitte des Jahrzehnts, als das Wachstum schier grenzenlos schien. Nun müssen sie sich auf deutlich niedrigere Produktionsniveaus einrichten. Von einem "new normal" ist die Rede, beiderseits des Atlantiks.

"Das Tal der Tränen ist noch nicht erreicht"

Zwar sagen die Prognosen für die deutsche Industrie für das kommende Jahr wieder stattliche Zuwächse vorher - plus 10 Prozent im metallverarbeitenden Gewerbe, 9 Prozent in der Chemie, 6 Prozent in der Elektrotechnik, 5 Prozent in der Autoindustrie und immerhin noch 4 Prozent im Maschinenbau.

Aber die Zahlen wirken nur bei oberflächlicher Betrachtung beeindruckend. Denn sie beziehen sich auf das desaströs niedrige Niveau von 2009, als in manchen Branchen die Umsätze um ein Drittel geschrumpft sind - Rückgänge, die durch die prognostizierten Zuwächse nur zu einem kleinen Teil wettgemacht werden.

Immerhin, es geht nicht weiter bergab. Doch der Weg durch die Talsohle ist holprig und lang. Zu lang für manchen.

In der Autoindustrie, wo weltweit Überkapazitäten von mindestens einem Drittel bestehen, haben bislang die staatlichen Abwrackprämien nach deutschem Vorbild einen Totalschaden verhindert. Nach dem Wegfall der Verschrottungsprogramme sehen die Hersteller nun ein großes schwarzes Loch vor sich klaffen. Zuerst trifft es die kleineren Zulieferer, die bisher von den Autokonzernen vergleichsweise schonend behandelt wurden, um sie für kommende bessere Zeiten am Leben zu halten. Rücksichtnahmen, die man sich immer weniger leisten kann. "Das Tal der Tränen ist noch nicht erreicht", glaubt Stefan Sanne, Sanierungsexperte beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen Deloitte. Eine beispiellose Pleitewelle werde die Branche durchschütteln.

In der Metallindustrie stehen ganze Standorte zur Disposition. So hat der norwegische Hydro-Konzern die größte deutsche Aluminiumhütte in Neuss fast auf null heruntergefahren und erwägt nun die komplette Schließung. Den regionalen Zulieferern bräche das Geschäft vollends weg.

Besonders bitter ist die Lage im Maschinenbau, der technologischen Vorzeigebranche Deutschlands. Das Schlimmste komme erst noch, vor allem wenn die Banken keine Kredite geben, befürchtet Hannes Hesse, der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA). Zwar gehe es für einige Teilbereiche wie die Textilmaschinenhersteller schon wieder bergauf, und bei der Energietechnologie habe es gar keinen Einbruch gegeben. Aber das Gesamtbild der Branche bleibe schwierig: ein "massiver Rückgang" bei Robotik und Automatisierung, bei den Holzbearbeitungsmaschinen gebe es "vom tiefen Niveau einen leichten Trend nach oben".

Verwundert stellt Hesse fest: "Die Stimmung ist viel besser als die Lage." Obwohl die Situation immer schwieriger wird. Auf stagnierenden Märkten kündigt sich ein knallharter Verdrängungswettbewerb an. Wer am schnellsten die Kosten senken kann, hat die besten Überlebenschancen. Für die Unternehmen heißt das: Kapazitäten abbauen, Leute entlassen, fusionieren.

Die Krise setzt sich fort - Welle für Welle

So wie die Heidelberger Druckmaschinen AG , deren Vorstandschef Bernhard Schreier hofft, die Strukturkrise mit einer Kombination aus Staatshilfen (eine halbe Milliarde Euro an Bürgschaften), Personalabbau (5000 Stellen) und Marktkonsolidierung (wobei die Fusionsverhandlungen mit dem Konkurrenten Manroland gescheitert sind) zu überstehen.

Maßnahmen, wie sie viele Unternehmen ergreifen und die in der Summe dazu angetan sind, die nächste Welle der Krise aufzubauen. Bislang haben viele Manager eine abwartende Haltung eingenommen: 1,4 Millionen Beschäftigte haben sie in staatlich unterstützte Kurzarbeit geschickt. Doch nun, da sich abzeichnet, dass die alten Niveaus womöglich nie wieder kommen, bereiten sie Entlassungen vor. In den kommenden ein bis zwei Jahren dürften deshalb die Arbeitslosenzahlen stark steigen. Fünf Millionen Jobsuchende sind plötzlich wieder in Sichtweite.

Das höhere Arbeitsplatzrisiko wird wohl auch den Konsumenten, bislang wichtige Stützen der deutschen Konjunktur, die Stimmung verderben. Der Tiefstpunkt der Verbrauchernachfrage stehe im Jahr 2010 noch bevor, meint Olaf Roik, Konjunkturexperte beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels.

So setzt sich die Krise fort - Welle für Welle.

Gerade Firmen, die in den vergangenen guten Jahren sportlich expandiert und sich dabei hoch verschuldet haben, stehen auf der Kippe. Zum Beispiel der MDax-Konzern Pfleiderer . Gespeist von billigen Bankkrediten, fuhr Pfleiderer in den Jahren vor der Krise einen schneidigen Globalisierungskurs: Mit zwei großen Übernahmen und neuen Werken in Osteuropa stieg der Holzverarbeiter aus Neumarkt in der Oberpfalz zur weltweiten Nummer zwei im Geschäft mit Spanplatten und Laminatfußböden auf. "Damals haben uns die Banken das Geld geradezu aufgedrängt", sagt Pfleiderer-Vorstandschef Hans Overdiek, ein schnauzbärtiger Ex-Wirtschaftsprüfer, der Modelleisenbahnen sammelt und dem dennoch der Ruf großer Willensstärke vorauseilt.

Doch alles Wollen half nichts, als Ende 2008 die Umsätze einbrachen und damit auch die Margen. Diesen Sommer verletzte Pfleiderer eine Bestimmung in seinen Kreditverträgen, wonach die Schulden nicht höher sein durften als der 3,5-fache Unternehmensgewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen. Seither verhandelt Overdiek mit einem Bankenkonsortium, darunter Commerzbank , Deutsche Bank  und HypoVereinsbank , über eine Refinanzierung für einen Großteil der Pfleiderer-Nettoschulden von knapp 800 Millionen Euro.

Alternativen hat er keine. Der Weg an den Anleihenmarkt dürfte spätestens seit jenem Moment verschlossen sein, als Pfleiderer in seiner Liquiditätsnot Anfang August die Zinszahlung für eine nachrangige Anleihe aussetzte.

"Gibt es am Ende der Brücke ein Ufer?"

Overdiek wird seinen Kredit aller Voraussicht nach bekommen, grundsätzlich hat sich das Unternehmen nach eigenen Angaben bereits mit den Banken geeinigt. Die Bedingungen dürften allerdings deutlich schlechter ausfallen als bisher: Ein paar Prozentpunkte Aufschlag bei den Zinsen würden wohl fällig, vermutete Overdiek selbst nach früheren Aussagen. Das schmerzt. Die Holzverarbeitung ist ein kapitalintensives Geschäft, höhere Finanzierungskosten schlagen sofort auf die Gewinnmarge durch. Der Zinsaufschlag wird Pfleiderer auf Jahre belasten. "Größere Investitionen werden wir uns so schnell nicht mehr leisten", sagt Overdiek. "Für Pfleiderer hat jetzt Schuldenabbau Priorität." Zumal auch die Holzindustrie unter gewaltigen Überkapazitäten leidet.

In welche Branche man auch schaut: Es wird zurückgestutzt, heruntergefahren, angepasst, gespart - eine notwendige Angebotsverknappung, doch mit verheerenden Auswirkungen auf das Produktionspotenzial und damit auf das Wachstum der nächsten Jahre.

Jetzt zeigt sich, dass staatliche Hilfen den Absturz nur vorübergehend dämpfen können. Ob Abwrackprämie oder Kurzarbeit, Kredite oder Bürgschaften - all das hilft den Unternehmen und ihren Beschäftigten nur temporär. Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich den radikal veränderten Umweltbedingungen anzupassen. Und dieser Zeitpunkt steht unmittelbar bevor.

"Bisher haben wir im Rahmen der Konjunkturprogramme die Strategie verfolgt, den Unternehmen eine Brücke über die Krise zu bauen", sagt der Berliner Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen. "Jetzt fragen sich viele: Gibt es am Ende der Brücke überhaupt ein Ufer?"

Symptomatisch: Von all dem Geld, das der Staat zur Rettung der Wirtschaft bereitgestellt hat, ist nur ein Bruchteil abgefordert worden. 40 Milliarden Euro darf allein die staatliche Förderbank KfW lockermachen. Doch nur 13 Milliarden haben Unternehmen bislang beantragt. Warum so wenig? "Weil angesichts all der Überkapazitäten die Gelder möglicherweise gar nicht gebraucht werden", vermutet Asmussen. Wer das Ufer am Ende der Brücke nicht sehe, der investiere eben nicht.

Trotz vernehmbarer Stabilisierungssignale ist die Verunsicherung immer noch groß. Denn die Welt nach der Krise - sie wird eine veränderte sein. Nur: Wie genau sie aussehen wird, das vermag noch niemand verlässlich zu sagen.

"Wir erleben derzeit einen Strukturbruch", sagt William White. Der weißhaarige Kanadier mit Wohnsitz Schweiz ist zu einer Art Guru der Krise aufgestiegen. Seit Ende der 90er Jahre hatte der damalige Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) nicht aufgehört, davor zu warnen, dass sich draußen auf den Märkten Schlimmes zusammenbraue. So viel Sturheit macht einen irgendwann zur Kultfigur - zumal, wenn man am Ende recht bekommt.

Erst die Zerstörung, dann die Schöpfung

White prophezeit jetzt eine "große Transformation". Viele Branchen müssten deutlich schrumpfen, Millionen Menschen würden in den reichen Ländern ihre Jobs verlieren. Und was an Neuem entstehe, das sei allenfalls in Umrissen erkennbar. Erst die Zerstörung, dann die Schöpfung - Strukturwandel kann hammerhart sein. Nur so viel sei sicher: "Wir werden garantiert nicht zur Weltwirtschaft der Jahre 2002 bis 2007 zurückkehren. Wir müssen den Wandel akzeptieren und vorantreiben."

V-förmige Konjunkturerholung? Gummiband-Aufschwung? Wer William White mit solchen Vorstellungen kommt, der erntet nur resigniertes Seufzen. Der globale Wachstumstrend sei durch die Krise abgeknickt, auch Deutschland werde in den kommenden Jahren deutlich langsamer wachsen - vermutlich mit Raten um ein Prozent.

Trotzdem, und das gehört zu den Merkwürdigkeiten der gegenwärtigen Lage, tun die Finanzmärkte so, als stünde die Weltwirtschaft am Beginn eines normalen Aufschwungs. Als seien alle Unwägbarkeiten, die Anleger noch vor wenigen Monaten in Angst und Schrecken versetzt hatten, plötzlich wie weggeblasen.

Zu beobachten ist dieses neue Marktvertrauen bei den Unternehmensanleihen. Noch um die Jahreswende galten viele Konzerne als so unsichere Schuldner, dass ihre Bonds nur zu sehr hohen Zinsen absetzbar waren. Bis zu 5 Prozent Risikoaufschlag gegenüber Staatsanleihen mussten europäische Unternehmen damals zahlen. Doch in den vergangenen Monaten hat sich dieser Zinsabstand ("Spread") wieder stark verkürzt.

Wer kann, nutzt die guten Zeiten, solange sie andauern. Noch nie wurden in Europa so viele Industriebonds unters Börsenvolk gebracht wie in den vergangenen Monaten. Weil die Banken möglichst jedem Risiko auf dem Weg gehen, vergeben sie nur noch ungern Kredite. Lieber lotsen sie größere Firmen an die Bond-Märkte - und kassieren schnelle Provisionen. Dieser Effekt führt zu einer Spaltung des Marktes in zwei Sphären: Hier kleinere Unternehmen, die auf Bankkredite angewiesen sind und die Schwierigkeiten haben, sich zu finanzieren; dort größere Firmen, die geradezu in Liquidität baden können.

Wie der Dax-Neuling K+S , der im September den ersten Bond der Firmengeschichte absetzte und sich so eine Dreiviertelmilliarde Euro für fünf Jahre sicherte. Wie der Energiekonzern Eon: Zehn Anleihen hat Finanzvorstand Marcus Schenck dieses Jahr platziert und damit rund sieben Milliarden Euro hereingeholt. Langfristige Mittel - die Fälligkeit der Eon-Schulden beträgt mittlerweile im Schnitt sechseinhalb Jahre. Kurz laufende Schuldscheine ("commercial papers") haben an Bedeutung verloren.

So machen es derzeit viele Unternehmen: Sie saugen sich mit Cash voll, nehmen den unverhofften Geldsegen einfach mal mit. Und halten die Mittel dann möglichst lange beisammen. Wer weiß, was noch kommt.

Erinnerung ans Reise-nach-Jerusalem-Spiel

Dass das Geld so billig bleibt, hält Schenck denn auch für unwahrscheinlich. "Die Entwicklung der letzten Monate könnte schon etwas übertrieben sein", sagt Schenck. "Da fließt eine Menge Liquidität von den institutionellen Anlegern, die lange auf der Bande gesessen haben, in den Markt. Und die Notenbanken tun mit ihrer quantitativen Lockerung das Ihre. Ewig wird das nicht so weitergehen."

Es sind Leute wie Klaus Kaldemorgen, die den Markt antreiben. Sein Arbeitsplatz befindet sich im Maschinenraum des Finanzmarktkapitalismus: in einem tageslichtfreien Großraumbüro an der Hanauer Landstraße, kilometerweit entfernt vom Glanz des Frankfurter Bankenviertels. Der 56-Jährige steuert das Deutschland-Geschäft der Fondsgesellschaft DWS .

Kaldemorgen muss ordentliche Renditen erwirtschaften. Fürs Philosophieren wird er nicht bezahlt, und das ist ihm in diesen Tagen ganz recht so, denn: "Wäre ich nicht Portfoliomanager, sondern VWL-Professor, dann müsste ich sagen: So wie es im Moment läuft, ist das System nicht nachhaltig." Wie schon nach der Krise 2001 provozierten die Notenbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik die nächste Spekulationsblase, den nächsten Crash. "Schon jetzt zeigt sich die Blase in einigen Anlageklassen wir Firmenanleihen oder Rohstoffen."

Aber weil Kaldemorgen eben nicht für solche grundsätzlichen Überlegungen bezahlt wird, macht auch er mit beim Aufpumpen der Bubble. Wenn die Märkte derart abheben, kann er nicht tatenlos philosophierend zuschauen.

Doch schon Anfang 2010 könnte sich der Wind drehen. Wenn enttäuschende Geschäftszahlen für das abgelaufene Jahr auf dem Tisch liegen und die Bonität mancher Unternehmen abermals in Zweifel gezogen wird, dann könnte die Blase bei den Unternehmensanleihen in sich zusammenbrechen. Noch ignorieren die Märkte die Herabstufung vieler Konzerne durch Ratingagenturen. Aber das kann sich rasch ändern.

Risiken gibt es reichlich: überraschend einsetzende Inflation, ein Crash in Asien (siehe mm 10/2009), eine Dollar-Krise, eine erneute Explosion der Rohstoffpreise, geopolitische Spannungen, sich ausbreitender Protektionismus.

Sollten diese Risiken nicht eintreten, dann dürfte das Schicksalsjahr 2010 den Beginn einer langsamen und langwierigen Erholung markieren. Und falls doch? Dann kann's ziemlich ungemütlich werden - vor allem für all jene Unternehmen, die sich im milden Herbst 2009 nicht ausreichend mit Barem versorgt haben.

Thomas Mayer, designierter Chefvolkswirt der Deutschen Bank, rät denn auch zur Vorsicht. Ihn erinnert die ganze Szenerie an ein Reise-nach-Jerusalem-Spiel. Sein Rat: "Genießen Sie es, solange es dauert - und sehen Sie zu, dass Sie in der Nähe eines Stuhls sind, wenn die Musik anhält."

Prognose 2010: Ein bisschen Aufschwung - aber zu wenig

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