Oetker Richard Löwenherz

Ein brutales Verbrechen zerrte Richard Oetker vor über 30 Jahren in die Schlagzeilen. Jetzt tritt der 58-Jährige freiwillig ins Rampenlicht. Wer ist der Mann, der neuer Oetker-Chef wird? Das Porträt eines ungewöhnlichen Unternehmers.

Richard Oetker zählt zu jenen Menschen, die unweigerlich ins Auge fallen. Einsneunzig groß, kräftig und breit gebaut, füllt dieser 58-jährige, weißhaarige Herr jeden Raum. Hinzu kommt eine "enorme Präsenz", wie ein Geschäftspartner attestiert.

"Nett", sagen alle, sei er - ein heikles Attribut, denn es könnte für Langeweile, ja bräsige Harmlosigkeit stehen. In seinem Fall aber mischt sich das Anerkennen echter Jovialität mit der Erleichterung, dass hier nicht schon wieder so ein Pinsel von Milliardenerbe aufschlägt.

Großindustrielles Gehabe - kühle Gesten, Bankerkluft - geht ihm ab. Richard Oetker kommt zurückhaltend daher. Seine mitunter rustikalen Sakkos und der westfälische Tonfall mit dem typischen spitzen "i" verraten Erdennähe. Er kocht und isst gern, das ist zu sehen. Er lebt Normalität, geht in Restaurants, die auch gewöhnliche Bielefelder frequentieren, was registriert wird, denn die vermeintlich bessere Gesellschaft der Region meidet Orte, an denen man gesehen werden könnte. Richard Oetker - das erstaunt am meisten - ist ein vergnügter Mensch. War es immer. Und ist es geblieben - trotz einer unmenschlichen Prüfung. Seine Lebensfreude blitzt zuweilen sogar dann auf, wenn er über das dunkelste Kapitel seines Lebens spricht: über seine Entführung und deren Vorgeschichte.

Im Herbst 1976 erhielt Richard Oetker, damals 25, Post von der Kripo. In letzter Zeit, hieß es in dem Schreiben, häuften sich Entführungen von Prominenten. Die Familie Oetker sei womöglich ebenfalls gefährdet. Eine dicke Broschüre lag dabei, mit vielen Ratschlägen, wie einer Entführung vorzubeugen und was zu tun sei, geriete man doch in die Hände eines Gangsters. "Natürlich habe ich den ganzen Maßnahmenkatalog gelesen", erzählt Oetker, "aber ich war jugendlich" - sein bübisches Lächeln steigt auf - "und bin ganz normal meinem Alltag nachgegangen und habe offen gestanden nicht großartig an die Gefahr gedacht."

Gegen seinen Entführer hatte er ohnehin keine Chance. Geschäftsmäßig wie ein Schlachter fing Dieter Zlof den Studenten Richard Oetker am 14. Dezember 1976 auf einem dunklen Parkplatz ab, zwang ihn in eine kaum einen Meter fünfzig lange Kiste, hielt ihn dort 47 Stunden gefangen, erpresste 21 Millionen Mark Lösegeld. Oetker trug schwere Verletzungen davon. Ein Stromschlag, den der Entführer auslöste, durchfuhr ihn derart, dass er sich zwei Wirbel und beide Hüftgelenke brach. Eine Lungenquetschung hielt ihn wochenlang in Lebensgefahr.

Die Rach der Nachwuchsfraktion

Die Tortur wirkt bis heute nach. Richard Oetker kann der künstlichen Gelenke wegen weder lange stehen noch weite Strecken laufen. Hinzu kommt das soziale Handicap - eine Befangenheit bei neuen Gesprächspartnern. "Wir Menschen", philosophiert er, "können schlecht mit anderen umgehen, die einen Schicksalsschlag erleiden mussten." Vielleicht hat er auch deshalb exponierte Posten im Unternehmen gemieden. Während sein Vater, der legendäre Rudolf August Oetker (1916 - 2007) und sein älterer Bruder August Oetker (65) dem Konzern ein Gesicht gaben, wirkte er nur im Hintergrund.

Er wird sich umstellen müssen. Radikal. Zum Jahresbeginn übernimmt Richard Oetker die Führung des Familienunternehmens, das vor mehr als hundert Jahren mit Backpulver begann und seither schier endlos aufgeht. Seinen überraschenden Rollenwechsel kommentiert Richard Oetker nur in Andeutungen: "Ich bin da hineingerutscht." Eine hübsche Umschreibung für einen Vorgang, der ganz dem Schema entspricht, nach dem nahezu alle Unternehmerdynastien ihre Spitzenpersonalien regeln: Sachgründe sind wichtig; Familienproporz ist es mindestens ebenso.

Familie, das sind bei den Oetkers vor allem die Kinder des Patriarchen Rudolf August Oetker. Aus seinen drei Ehen gingen acht Kinder hervor: Rosely Schweizer (69) aus der ersten, August Oetker (65), Bergit Gräfin Douglas (62), Christian (61) und Richard Oetker aus der zweiten, Alfred (42), Carl Ferdinand (37) und Julia Oetker (30) aus der dritten. Seit Anfang der 80er Jahre steht August Oetker der Firmengruppe vor; zunächst unter Kuratel des Vaters ("Ich hatte eine Stimme, aber kein Gewicht"), dann mit immer mehr Freiraum und Fortüne. August Oetker gelangen zahlreiche Zukäufe und die internationale Expansion, der Umsatz vervielfachte sich.

Gern hätte er weitergemacht, sich erst mit 67 statt 65 Jahren zurückgezogen. Dem allerdings hätte unter anderen die Gesellschafterversammlung - die acht Geschwister - zustimmen müssen, mit einer Dreiviertelmehrheit. Die jungen Oetkers aber lehnten das ab. Sie drängten auf einen Generationswechsel. Der ehrgeizige Alfred Oetker, bisher Statthalter in den Niederlanden, sollte ans Ruder.

August Oetker dachte gar nicht daran, sein Lebenswerk einem Youngster zu überlassen - und brachte seinen Bruder Richard ins Spiel. Der Beirat, dem auch zwei der älteren Geschwister angehören, folgte seinem Vorschlag. Die Nachwuchsfraktion hat sich gerächt. August Oetker erhielt keine Einladung zur Hochzeit seines Halbbruders Carl Ferdinand, wie das Regionalblatt "Neue Westfälische" unwidersprochen berichtete. Daraufhin blieben sämtliche älteren Geschwister der Feier fern.

Der neue Chef braucht Verbündete

"Hineingerutscht" - Richard Oetker scheint seine Position als Puffer zwischen den Generationen nicht recht zu behagen. Dabei war er nie der Kern des Streits. Auch die Jüngeren respektieren ihn. "Richard Oetker besitzt Akzeptanz in der Familie und zugleich Kompetenz", argumentiert ein Mitglied des Beirats, "deshalb haben wir uns einstimmig für ihn entschieden." Er ist die Wahl mit dem geringsten Risiko. "Mit Richard hat der Beirat die Erfahrung gewählt", lobt ein Familienmitglied, das mit der Nominierung nichts zu tun hatte.

Tatsächlich hat er sein ganzes Berufsleben dem Unternehmen gewidmet, an vielen Stellen Kenntnisse gesammelt, ohne die das Konglomerat nicht zu durchdringen ist. Das begann schon mit seiner Ausbildung zum Braumeister. Bier, die drittgrößte Sparte der Gruppe, scheint noch heute eines seiner Lieblingsthemen zu sein. Gern redet er über alle Aspekte, von der Herstellung bis zur Vermarktung, selbst beim Plausch mit Reedern.

Ein Studium der Agrarwissenschaften musste er nach seiner Entführung abbrechen. Die Unileitung verlangte erbarmungslos, der Student solle ein bereits begonnenes Praktikum zu Ende bringen. Das aber hätte Oetker damals körperlich nicht durchgestanden. Grollt er den sturen Bürokraten? Die Haltung der Universität sei "verständlich", meint Oetker, mehr als gefasst.

1980 stieg er als Trainee ins Unternehmen ein. Er war Produktmanager, dann Chef einer Einkaufsgesellschaft. Als sich der Eiserne Vorhang öffnete, übernahm Richard Oetker den Aufbau des Osteuropa-Geschäfts. Mit Pioniergeist und hartem Einsatz. Die vielen Reisen jener Zeit - für Oetker besonders beschwerlich - erledigte er ohne Privilegien, wie ein Bekannter berichtet, der ihn einmal fern der Heimat traf. Sein Gepäck schleppte er wie alle anderen. Zur Heimreise vom Flughafen nahm er die Bahn. Andere hätten einen Fahrer bestellt.

Ins Zentrum der Macht rückte er 1996, als er Personalchef im Stammhaus wurde. Er gewann Einblicke, die er, obgleich Achtel-Eigentümer des Konzerns, nicht anders hätte bekommen können. Oetker lernte sämtliche Entscheidungsträger kennen, als aufmerksamer Beobachter sogar sehr genau. "Er weiß, wer was macht und was von den Leuten zu halten ist", sagt ein Beiratsmitglied, "das ist das Entscheidende."

Der neue Chef braucht Verbündete, nur so lässt sich das weitverzweigte Firmengeflecht steuern. Sein Bruder hat es ihm vorgemacht. Wo immer es um Wesentliches ging, arbeitete August Oetker aufs Engste mit dem Finanzchef zusammen: Ernst F. Schröder (61). "Ernst F.", wie er intern heißt, ist der absolute Herrscher der Zahlen. Sein herausgehobener Status wird schon daran deutlich, dass er als Einziger neben dem Konzernchef die Bezeichnung "persönlich haftender Gesellschafter" trägt, mehr ein Ehrentitel als eine juristische Sachangabe.

"Die Strategie bleibt dieselbe"

Schröder wird dabeibleiben und Richard Oetker absichern. Auch August Oetker bleibt in Rufweite. Als künftiger Vorsitzender des Beirats behält er Macht. Sein Büro wird er unverändert weiter nutzen. Beistand kann der Neue auch von der Belegschaft und ihren Vertretern erwarten. So wenig Richard Oetker in der Außenwelt auftauchte - im Haus war er ausgesprochen präsent, leitete Belegschaftsversammlungen und ließ sich auf Betriebsfesten sehen. Man schätzt ihn als bodenständig und bescheiden - ein Eindruck, den ein mondänes Hobby nicht trübt. Richard Oetker liebt gediegene Oldtimer.

Mit dieser Passion wagt er sich sogar in die Öffentlichkeit. Bei der Oldtimer-Rallye "Silvretta Classic" im österreichischen Montafon vor zwei Jahren steuerte er stolz einen knallroten Intermeccanica Italia Spider mit 208 PS. Seine Frau, ebenfalls selten vor Publikum, saß auf dem Beifahrersitz. Oetker und die zwölf Jahre jüngere Tatjana von La Valette heirateten 1999; für ihn ist es die zweite Ehe, das Paar hat zwei Kinder.

Der Zuspruch der Mitarbeiter basiert nicht zuletzt auf der Erwartung, dass der kommende Mann da oben keine Revolution ausrufen wird. Eine berechtigte Hoffnung. "Die Strategie bleibt dieselbe", prophezeit ein Familienmitglied. Die Firmengruppe Oetker wird ein Unikum bleiben und weiter höchst unterschiedliche Geschäfte pflegen, vom Müsli bis zur Privatbank. Das gilt auch für die Schifffahrt. Schon in den 50er Jahren stieg Rudolf August Oetker bei der Reederei Hamburg-Süd ein, damals wohl zum Steuernsparen. Heute stellt die Containerlinie die größte Sparte der ganzen Gruppe.

Seit allerdings eine Jahrhundertkrise das Gewerbe plagt, hat die Freude der Oetkers am Maritimen gelitten. Das umso mehr, als viele Familienmitglieder mit ihrem persönlichen Vermögen an den Schiffen beteiligt sein sollen. Nun mussten sie angeblich mit ihren Charterraten herunter, um Hamburg-Süd nicht zu gefährden. Schon ging in Hamburger Reederkreisen um, die Oetkers hätten das Interesse an der Schifffahrt verloren.

Richard Oetker, als Beiratsmitglied von Hamburg-Süd ganz im Bilde, wird Kurs halten. Expandieren will er aber nicht mehr. Megadeals, etwa die oft beschworene Übernahme von Hapag-Lloyd, sind ausgeschlossen. Vorangehen will Oetker im Stammgeschäft, bei Nahrungsmitteln und Getränken. Das große Ziel hat noch August Oetker gesetzt: Verdoppelung des Konzernumsatzes innerhalb von zehn Jahren. Und er hinterließ seinem Bruder zum Abschied noch eine hübsche Akquisition mit Potenzial: die Trendbrause Bionade.

Richard Oetker nimmt die Vorgabe an. Auf seine Weise. Er will kämpfen, sich aber nicht in Konflikten aufreiben. "Ich muss mich nicht streiten", meinte er einmal, "ob etwas blau oder rot ist." Er hat Erfahrungen machen müssen, neben denen viele vermeintliche Schicksalsfragen als Lappalien erscheinen.

Oetker: Die höchst unterschiedlichen Geschäftszweige Richard Oetker: Prominent wider Willen

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