ThyssenKrupp Der Blechtrommler

ThyssenKrupps Chefkontrolleur Gerhard Cromme will die wirtschaftliche Krise bei Deutschlands größtem Stahlkonzern nutzen, um durchzugreifen - und um seine Macht zu vergrößern.

Gerhard Cromme, einst forscher Firmenjäger, heute Großmeister des deutschen Aufsichtsratswesens (ThyssenKrupp , Siemens ), beherrscht in seinem Metier so ziemlich jeden Kniff. Keine taktische Finesse ist ihm fremd, keine Volte unbekannt. Der 66-Jährige weiß etwa, wann er große öffentliche Auftritte hinlegen muss und wann es vorteilhafter ist, sich rar zu machen.

Augenblicklich zieht es Cromme vor, allgegenwärtig zu sein - zumindest soweit es die Führungsetagen des ThyssenKrupp-Konzerns betrifft. Versammelt sich der erweiterte Vorstand von Crommes Stammhaus, sitzt der mächtige Aufsichtsratschef neuerdings wie selbstverständlich mit am Tisch. Kommen die Geschäftsleitungen der operativen Divisionen des Montankonzerns zusammen, wer ist häufig zugegen? Gerhard Cromme. Im März ersann Cromme für das Unternehmen sogar ein neues Organisationskonzept, während Vorstandschef Ekkehard Schulz (68) im Urlaub weilte.

Ende September nahm der einsatzfreudige Ratgeber dann selbst für einige Tage eine Auszeit. In seinem fernen Feriendomizil galt es, Kräfte zu sammeln. Ein letztes Durchatmen.

Denn Cromme hat eine Aufgabe vor sich, die weit mehr von ihm verlangt als bloße Omnipräsenz. Der Erneuerer von Siemens ist ein weiteres Mal aufs Äußerste gefordert. Diesmal gilt es, Deutschlands größten Stahlkonzern zu retten.

Statt Bestechung und schwarzer Kassen muss Cromme nun Selbstgefälligkeit und Mittelmaß ausmerzen. Diese Übel haben sich in den Führungszirkeln von ThyssenKrupp so flächendeckend ausgebreitet wie der flüssige Stahl in den Gussanlagen der Hüttenwerke. Deshalb hat die Wirtschaftskrise ThyssenKrupp mit besonderer Wucht getroffen, mehr als viele Großunternehmen.

Schon die Zahlen sind furchteinflößend. Der Umsatz ist im abgelaufenen Geschäftsjahr (endete am 30. September) von vormals 53 Milliarden Euro auf 40,6 Milliarden Euro zusammengesackt. Der Verlust summierte sich auf 2,4 Milliarden Euro, wie manager-magazin.de Mitte November vorab berichtete.

Ein Großteil des Minus ist zwar auf Abschreibungen und einmalige Restrukturierungskosten zurückzuführen - und deswegen verkraftbar. Doch sollte im nächsten Jahr der ersehnte Aufschwung beim Stahl und bei der Autoindustrie weiter auf sich warten lassen, könnte ThyssenKrupp nach Meinung von Insidern ein ernsthaftes Liquiditätsproblem bekommen.

Nur noch B-Klasse der deutschen Wirtschaft?

Seit etlichen Monaten schon nimmt der Konzern weniger ein, als er ausgibt. Gleichwohl müssen weitere Investitionsverpflichtungen in Milliardendimension gestemmt, Pensionen und reichlich Gehälter gezahlt werden. Und auch ThyssenKrupp-Hauptaktionär Berthold Beitz (96) will Geld. Cromme, der Nachfolger von Beitz bei der Krupp-Stiftung werden möchte, drängt auf die Zahlung einer Dividende.

Aus seinem neuen Megawerk in Brasilien, das ab Mitte kommenden Jahres Rohstahl produzieren soll, kann der Konzern jedenfalls vorläufig keinen Cent ziehen. Die Erlöse werden bis zum Erreichen der Gewinnschwelle wohl thesauriert. Schließlich ist ThyssenKrupp bei dem Projekt mit einem Partner im Bunde - knapp 27 Prozent hält der brasilianische Konzern Vale. An Cash kommen die Beteiligten nur über Ergebnisausschüttungen.

Ohnehin sind die Geschäfte der Deutschen - zumindest in strategischer Hinsicht - wenig robust. Der Konzern hat in den zehn Jahren, die seit der Fusion von Thyssen und Krupp verstrichen sind, den Anschluss verpasst. In kaum einem bedeutenden Geschäftsfeld ist das Konglomerat internationale Spitze. Wirklich stark sind ThyssenKrupp-Firmen - mit Ausnahme der Aufzugsparte - nur in vergleichsweise kleinen Geschäften. Beim Stahl, dem wichtigsten Konzerngeschäftsfeld, hat sich ThyssenKrupp dagegen in eine unkomfortable Lage manövriert.

"Wo ist der Blick nach vorn?", fragt ein besorgter Aufsichtsrat. Geschäftsperspektiven, Wachstumsfantasien - sie sind in dem Konzernreich kaum auszumachen. ThyssenKrupp könnte einer der Verlierer der schöpferischen Zerstörung sein, die die weltweite Wirtschaftskrise auszeichnet.

Muss sich ThyssenKrupp darauf einstellen, nicht mehr in einer Liga mit Siemens, VW  oder BASF  zu spielen, sozusagen nur noch B-Klasse der deutschen Wirtschaft zu sein?

Vorstandschef Schulz wird es nicht mehr richten können. Spätestens in gut einem Jahr wird er abdanken. Seinen Nachfolger sucht Cromme fast im Alleingang aus. Stahlchef Edwin Eichler (51) gilt intern als Favorit für die Nachfolge. Aber braucht es nicht einen unverbrauchten Manager von außen, der die Wende bringt? Cromme selbst hat streuen lassen, dass der Konzern weltweit nach Nachfolgern für Schulz suchen lässt.

ThyssenKrupp, so viel ist klar, steht vor der Zäsur. Zu viel ist in den letzten Jahren schiefgegangen.

Katerstimmung und Selbstblockade

Beim möglichen Erwerb der ehemaligen Mannesmann-Industrietochter Atecs im Jahr 2000 wollten die Banken nicht mitziehen. Ein geplanter Börsengang des Stahlbereichs scheiterte, weil die Aktienmärkte nach dem Einbruch der New Economy in Katerstimmung verfielen. Den kanadischen Stahlhersteller und Minenkonzern Dofasco schnappte erst Arcelor  weg. Später brach Stahlmagnat Lakshmi Mittal (59) sein Versprechen, Dofasco nach erfolgreicher Übernahme von Arcelor an Schulz weiterzureichen.

Etliche Gelegenheiten ließ die Schulz-Truppe indes auch generös an sich vorbeiziehen. Den möglichen Erwerb osteuropäischer Stahlwerke überließ man Mittal; der machte damit später gutes Geld. Eine mögliche Beteiligung am koreanischen Stahlgiganten Posco, der heutigen Nummer sechs, gegen Einbringung von ThyssenKrupp-Stahl wurde nicht ernsthaft verfolgt.

Stattdessen haben sich die unternehmerischen Erben der deutschen Stahlbarone auf die Herstellung edler und fein beschichteter Bleche verlegt. Das macht sie in ihren eigenen Augen zum Vorreiter, zum Stolz der gesamten Industrie.

Tatsächlich schützt das Einrichten in diesem vergleichsweise kleinen Segment des Weltmarktes vor wachsender Billigkonkurrenz aus Asien. Allerdings hat die Positionierung auch eine Kehrseite: ThyssenKrupp ist extrem abhängig von der Automobilindustrie. "Für die nächsten Jahre ist das eher ein Manko", sagt ein Topmann eines internationalen Beratungsunternehmens. "Das Geschäft wird zunehmend unattraktiv, weil die Autohersteller in einer viel besseren Verhandlungsposition sind als die Stahllieferanten. Deshalb gibt es Druck auf die Preise."

Besonders schwierig wird es in den USA. Dort platzt ThyssenKrupp mit einem neuen Werk mitten hinein in den Niedergang der amerikanischen Autoindustrie.

Dass der Konzern in die Nische geflüchtet ist beim großen Aufräumen im internationalen Stahlbusiness, aber auch bei Konsolidierungen in anderen Branchen gefehlt hat, mag zum Teil an einer Selbstblockade gelegen haben. In den ersten Jahren nach der Fusion bestimmten Grabenkämpfe zwischen den hausinternen Fraktionen "Thyssen alt" und "Krupp alt" Alltag und Strategie. Die Frontstellung ist dank Konzernchef Schulz mittlerweile zwar überwunden. Dafür aber hat sich eine Firmenkultur des Kompromisses und der Halbherzigkeit etabliert.

Deshalb muss sich ThyssenKrupp heute mit einer perspektivlosen Edelstahlproduktion plagen. Ungerührt sahen die Topmanager zu, wie sich das Geschäft Jahr um Jahr verschlechterte, zuletzt rund eine Milliarde Euro Verlust einfuhr. Als der Vorstand schließlich zum Verkauf bereit war, gab es kaum noch Interessenten. Vor einigen Monaten scheiterten Verhandlungen mit dem finnischen Wettbewerber Outokumpo.

Zu lange auf die falschen Leute gesetzt?

Womöglich hat Cromme zu lange auf die falschen Leute gesetzt. Zum Beispiel auf Ulrich Middelmann (64), seinen ewigen Weggefährten.

Middelmann war, abgesehen von einer Unterbrechung, bis vor Kurzem Herr über die Finanzen bei ThyssenKrupp. "Middelmann hat nicht dafür gesorgt, dass ThyssenKrupp genügend finanziellen Spielraum hatte, um Visionen umzusetzen", bemängelt ein kürzlich ausgeschiedener Topmanager des Konzerns.

Middelmanns gravierendster Fehler: Er und der übrige Vorstand haben es nicht verstanden, die Mittel in dem vielgliedrigen Unternehmen optimal einzusetzen. So wurden Investitionsbudgets bei ThyssenKrupp lange Jahre in Abhängigkeit von der Größe des jeweiligen Unternehmensteils zugewiesen - und nicht so sehr nach Rentabilitätserwägungen verteilt. Zumindest bis zum Eintritt von Finanzchef Alan Hippe (42) im April galt bei ThyssenKrupp das Prinzip: Der Schwerste bekommt das meiste Geld.

Die hochprofitable Aufzugsparte etwa, die selbst im Krisenjahr einen Rekordgewinn verbuchte, ist deshalb wohl unter ihren Möglichkeiten geblieben. "Da hätte man frühzeitig sehr viel mehr Geld reinstecken müssen", sagt ein Konzernkenner, "insbesondere um den wichtigen chinesischen Markt besser abzudecken."

Der Anlagenbau (Düngemittelfabriken, Zementanlagen, Großbagger) durfte lange Zeit nur geduldet mitlaufen. Geld gab es nur für das Notwendigste, trotz großer Erfolge.

Statt das kostbare Kapital diszipliniert einzusetzen, geriet Middelmann ins Träumen. Beflügelt von dem Stahlboom, der 2004 einsetzte und reichlich Geld in die Kassen von ThyssenKrupp spülte, warf Middelmann alle Vorsicht über Bord.

Damals leitete der Finanzer das Stahlgeschäft, bevor er die Verantwortung im Vorstand an Karl-Ulrich Köhler (53) reichte. Um das Finanzressort kümmerte sich bis zu seinem Ausscheiden 2007 höchst erfolgreich Stefan Kirsten (48).

Zusammen mit Cromme und Schulz plante Middelmann, ein neues Stahlwerk an den Gestaden der brasilianischen Atlantikküste errichten zu lassen. Nach Auffassung der meisten Experten eine kluge Entscheidung; sie verschafft ThyssenKrupp Kostenvorteile.

Allerdings verrechnete sich Middelmann spektakulär. Trotz Warnungen veranschlagte er ein Drittel der Gesamtsumme, 1,5 statt 4,5 Milliarden Euro, die das Projekt jetzt kostet.

Umbau zu einer Finanzholding

Fälschlicherweise ging Middelmann davon aus, einen Teil der notwendigen Investitionen - etwa den Bau eines Hafens und eines Kraftwerks - auf Regionalregierungen und andere Investoren abwälzen zu können. Außerdem glaubte er wohl, für eine größere Summe keine Zustimmung im Aufsichtsrat zu bekommen.

Inzwischen hat Cromme sich von seinem Mitstreiter abgewandt. Als der Chefkontrolleur im Januar Alan Hippe in geheimer Mission zum Nachfolger von Middelmann auswählte - der scheidet im Januar 2010 altersbedingt aus -, teilte er Middelmann dies erst 24 Stunden vor den Aufsichtsräten mit.

Cromme scheint erkannt zu haben, dass er durchgreifen muss. Ein Weiterso kann es bei ThyssenKrupp nicht geben. Auch Schulz hat er deswegen mit seinen Plänen zur Zentralisierung, zur Abschaffung von Zwischenholdings im März vor mehr oder weniger vollendete Tatsachen gestellt. Der ThyssenKrupp-Vormann konnte nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub nur noch entscheiden, ob er den Umbau mitträgt - oder hinwirft.

Die Brüskierung hat Schulz erstaunlicherweise hingenommen. Womöglich war das Pflichtgefühl gegenüber dem Unternehmen und Patriarch Berthold Beitz stärker. Allerdings lässt sich nun kaum noch kaschieren, dass das ohnehin chronisch angespannte Verhältnis zwischen Schulz und Cromme wohl vollends zerrüttet ist.

Einiges spricht dafür, dass Cromme das Umbauprojekt weitertreiben und, entgegen den Vorstellungen von Schulz, auf eine noch stärkere Verschlankung der Konzernspitze drängen wird. ThyssenKrupp könnte zu einer reinen Finanzholding umgestaltet werden. Diesem Modell zufolge gäbe es auf der Topebene keine operativ Verantwortlichen mehr, wie jetzt mit Edwin Eichler (Stahl) und Olaf Berlien (47, Technologies).

Der Vorstand könnte dann, wie vormals Cromme bei Krupp, weitgehend frei entscheiden, in welchen Bereich wie viel investiert wird. Keine Kompromisse, keine Rücksichtnahmen mehr auf die Kollegen aus anderen Geschäftsbereichen.

Wem gibt Cromme den Auftrag, solche Spielräume zum Wohl des Konzerns zu nutzen? Einem neuen Vorstandsvorsitzenden, der von außen kommt? Oder doch dem internen Anwärter Nummer eins - Edwin Eichler?

Anwärter Nummer eins

Sicher, ein Externer könnte die Aufgabe unbelastet anpacken. Ein Überraschungskandidat aus dem Ausland käme infrage. So wie im Fall von Peter Löscher bei Siemens und Marijn Dekkers bei Bayer . Einen heimischen Superstar könnte Cromme auch nehmen, wenn er ihn denn bekäme.

Allerdings: Mit den Stimmen der Arbeitnehmer, die bei ThyssenKrupp traditionell starken Einfluss haben, wäre eine solche Lösung kaum durchzusetzen. Ein Aufsichtsrat der Arbeitnehmerbank formuliert es so: "Wird Eichler oder Ersatzkandidat Berlien zum Chef von ThyssenKrupp bestimmt, hätten wir keinen Grund zur Ablehnung."

Ohnehin muss der Kandidat in dem Fall Stiftungschef Beitz gefallen. Der dürfte eine interne Besetzung favorisieren. Beitz schätzt Verlässlichkeit. Eichler ist für ihn kalkulierbar.

Eichler ist ein Manager mit Vorwärtsdrang, mit unternehmerischer Polung auf Wachstum. Schwungvolle Reden sind sein Ding, ebenso fleißiges Arbeiten. In die Rolle als Stahlchef, die er nach der Entlassung des Divisionsleiters und Vorstandskollegen Karl-Ulrich Köhler im Frühjahr übernahm, hat sich der ehemalige Bertelsmann-Manager schnell eingefunden.

Kritiker indes bemängeln an dem Kandidaten eine gewisse Inkonsequenz. Er kicke viele Bälle an, heißt es aus berufenem Munde. "Am Ende ist er allerdings nicht derjenige, der die Tore schießt." Eichler brauche stets jemanden neben sich, der Pläne mit Zahlen fundieren und Projekten die rechte Richtung geben könne. Künftig könnte Finanzchef Hippe diese Rolle übernehmen. Auch lässt Eichler Fachkräfte, die ihn im Stahlbereich ersetzen sollen, bereits mit Hochdruck suchen. Voraussichtlich wird Eichler die Leitung der beiden Geschäftsfelder Steel Americas und Steel Europe jeweils ausländischen Managern anvertrauen.

Mit Eichler oder mit einem fremden Mann an der Spitze - Cromme dürfte noch machtvoller werden. Nach dem Ausscheiden von Schulz und Middelmann ist er der Einzige, der einen engen Draht zu Beitz hat.

Schon auf der heutigen Sitzung des Aufsichtrats könnte die Besetzungsfrage zur Sprache kommen. Zur Hauptversammlung im könnten dann bereits Ergebnisse vorliegen.

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