Gerry Weber Spiel, Satz, Sieg

Gehoben, aber nicht abgehoben - geschickt hat die Gerry Weber AG ihr Label zwischen Hermès und H&M etabliert. Mitten in der Krise punktet das Modeunternehmen aus Halle in Westfalen. Die Firma wächst. Und Gründer und Firmenchef Gerhard Weber schmiedet bereits neue Pläne.
Von Anne Preissner

Der dunkle Stufenrock - na ja. Der Pulli mit boxerähnlichen Schulterpolstern - eher grenzwertig. Und dann noch das 17-jährige Model mit der markanten Nase - einfach unmöglich. Als Gerhard Weber (heute 68) vor 23 Jahren eine neue Kollektion für die Frau ab 30 präsentierte, erntete er bei etlichen Einkäufern Spott und Hohn.

Doch die vermeintliche Lachnummer geriet zum Megaerfolg. Nicht nur der Stufenrock verkaufte sich prächtig, auch die "falsche Lady" (Weber) erwies sich als Volltreffer: Steffi Graf stürmte Platz eins der Tennis-Weltrangliste und verhalf der Marke Gerry Weber  Ende der 80er Jahre zur nötigen Popularität für den Börsengang.

Spiel, Satz, Sieg. Auch jetzt, mitten in der Flaute, punktet Weber. Während Luxuslabel wie Lacroix und Escada  Insolvenz anmelden müssen, legt der Modemacher aus Halle in Westfalen zu. Die Erlöse im laufenden Geschäftsjahr werden um mindestens 6 Prozent auf rund 600 Millionen Euro steigen, die operative Marge soll sich von 11 auf 12 Prozent erhöhen. "Wir gewinnen vor allem Käuferinnen aus dem Luxussegment", sagt Weber. Stilbewusste Fashion Victims wie Frauke Ludowig demonstrieren, dass zu einem Blazer von Windsor und High Heels von Miu Miu vorzüglich eine Gerry-Weber-Bluse für 60 Euro passt.

Gehoben, aber nicht abgehoben - geschickt hat der Mittelständler sein Label zwischen Hermès und H&M etabliert. Aushängeschild des Textilunternehmens sind die mittlerweile 318 "Houses of Gerry Weber". Die meist in 1-a-Lagen angesiedelten Boutiquen - darunter 172 im Ausland - verbreiten einen Hauch von Exklusivität, ohne die einschüchternde Arroganz der Prada- und Gucci-Paläste zu entfalten.

Vor zehn Jahren startete der "Kirk Douglas aus Ostwestfalen" ("Bild-Zeitung") den Ausbau seiner Häuser. "Kein namhafter Modeproduzent wird langfristig auf eigene Läden verzichten können", glaubt Weber. Jeden Tag, pünktlich um 7.45 Uhr, ruft Weber die Abverkäufe in seinen Häusern ab und erhält eine genaue Übersicht, welche Produkte Renner und welche Ladenhüter sind. Das Retailgeschäft läuft so erfolgreich, dass Weber die Zahl seiner Dependancen allein im laufenden Geschäftsjahr um gut 75 erhöhen will.

Forsche Expansion mitten in der Krise - es ist ein Wagnis, natürlich. An Mut zum Risiko hat es dem gelernten Industriekaufmann nie gemangelt. 1973 gründete er mit Ex-Nachbar und Saunakumpel Udo Hardieck (65) die Hatex KG (Haller Textilien), Vorläufergesellschaft der Gerry Weber International AG.

"Die Guten wachsen in der Krise"

Das Sagen im Unternehmen hatte von Anfang an Weber, während Hardieck sich im Vorstand um Technik und Logistik kümmerte. Extrovertiert und selbstbewusst, äußerst penibel und manchmal auch lautstark - Webers Talent, sich in den Mittelpunkt zu stellen, ist mindestens so ausgeprägt wie sein kaufmännisches Gespür.

Konsequent verzichtete der gebürtige Haller auf den Zukauf von Modemarken und entwickelte stattdessen um die Kernmarke Gerry Weber gezielt Sublabels. 1989, im Jahr des Börsengangs, kreierte er die Marke Taifun mit peppigen Outfits für jüngere Frauen. Fünf Jahre später kam mit Samoon die erste Kollektion für fülligere Damen ab Größe 42 auf den Markt. Nach dem Start der Gerry-Weber-Häuser rundete er mit Einzelstücken der Gerry Weber Edition sein Portfolio ab. Als jüngstes Label kam die preisaggressive Ware von G.W. hinzu.

Sorgsam wie bei der Markenausweitung ging Weber auch bei der Finanzierung des Unternehmens vor. Eine hohe Eigenkapitalquote - derzeit rund 58 Prozent - sichert ihm die weitgehende Unabhängigkeit von Banken. Vor Begehrlichkeiten gieriger Finanzinvestoren schützen ihn die Beteiligungsverhältnisse. Weber, seine Familie sowie Hardieck - seit August im Aufsichtsrat der AG - halten 54 Prozent am Unternehmen.

Alles richtig gemacht, Gerhard Weber? Fast alles. Sein Versuch, vor drei Jahren mit Gerry Weber Men auch in der Männermode Fuß zu fassen, misslang. Um rasch ins Geschäft zu kommen, griff er auf Lizenzprodukte zurück. Doch "die Linie war trotz großer Bemühungen nicht erfolgreich auf dem Markt", räumt Weber ein. Im Frühjahr zog er abrupt einen Schlussstrich unter die Kooperation. Aufgeben will der passionierte Modemacher aber nicht. Spätestens 2011 plant er das Debüt mit einer hauseigenen Herrenkollektion.

Weber denkt und redet schnell, scheint ständig auf dem Sprung zu sein. Sicher, die Krise zwingt auch ihn, die Produktionskosten zu senken, die Kollektionen zu straffen und die IT zu optimieren. Doch er bleibt zuversichtlich: "Die Guten wachsen in der Krise." Zwischen 6 und 10 Prozent will er in den kommenden Jahren zulegen.

Bis Ende Oktober 2011 hat der Aufsichtsrat den Vorstandsvertrag des drahtigen Golfspielers (Handicap: 14,5) verlängert. Dann könnte Sohn Ralf (45), der seit Oktober vergangenen Jahres das Controlling des Unternehmens leitet, die Nachfolge übernehmen. Der Diplomkaufmann gilt allerdings nicht als Multitalent wie sein Vater. Er zähle eher zu den nüchternen Zahlenmenschen, sagen Firmenkenner.

Chancen auf den Vorstandsvorsitz räumen Insider auch Doris Strätker (49) ein, die seit Juli 2008 im Vorstand für Design zuständig ist. Die ehemalige Geschäftsführerin der Escada-Tochter Biba genießt in der Branche einen guten Ruf und könnte nach Steffi Graf die zweite Frau im Hause Weber sein, die das Unternehmen ein großes Stück voranbringt.

Hauch von Exklusivität: Wie Gerry Weber punktet

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