Die besten Geschäftsberichte Stunde der Wahrheit

Viele Firmen gehen unsouverän mit der Krise um. Nicht selten wird geschönt, verharmlost und retuschiert.

Ekkehard Schulz (68) ist ein Mann von großem Beharrungsvermögen. Seit zwölf Jahren regiert er den Düsseldorfer Stahlkonzern ThyssenKrupp. Kaum ein anderer Chef eines Dax-Unternehmens ist länger im Amt als er, kaum ein zweiter Firmenlenker in der deutschen Konzernelite hat die Pensionsgrenze ähnlich weit hinausgeschoben. Und so hatte er es auch nicht eilig, als er Anfang September das Podium des Erbdrostenhofs in Münster betrat.

Auf ein paar Sekunden kam es jetzt nicht mehr an. Schließlich hatte Schulz volle sechs Jahre auf diesen Moment warten müssen: Soeben war der Stahlkonzern zum Sieger des diesjährigen manager-magazin-Wettbewerbs "Die besten Geschäftsberichte" ausgerufen worden, bei dem die gelungensten Jahresreports der rund 200 wichtigsten börsennotierten Firmen aus Deutschland und Europa prämiert werden.

2003 hatte Schulz die Ehrung zum letzten Mal entgegengenommen. "Seither haben die Pessimisten in unserem Team immer gesagt, wir würden die Trophäe nie wieder holen", erinnerte er sich in seiner Dankesrede, aber das Wort "aufgeben" wollte der Manager nie hören: "Wir Stahlleute sind hartnäckig. Und jetzt sind wir verdammt stolz."

Zum dritten Mal wurde der Ruhrkonzern ausgezeichnet, so oft wie kein anderes Unternehmen, seit manager magazin den Wettbewerb 1995 startete. Neben seiner überragenden sprachlichen und gestalterischen Qualität überzeugt der Report in erster Linie durch seine Klarheit und Offenheit im Umgang mit den Risiken des Geschäfts. Bis tief in die einzelnen Segmente hinein werden die potenziellen Gefahren für den Unternehmenserfolg ausgeleuchtet.

Vor allem aber schafften es die ThyssenKrupp-Leute, den Rekordgewinn des vergangenen Geschäftsjahres auszublenden und ihre Investoren auf die bevorstehenden Einbrüche einzustimmen. Eine vertrauensbildende Maßnahme, die sich ein paar Monate später auszahlen sollte. Obwohl die weltweite Rohstahlproduktion 2009 auf den tiefsten Stand seit den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts fiel und Schulz dem Konzern eine gewaltige Restrukturierung zumuten muss, hat sich der Kurs der ThyssenKrupp-Aktie seit Jahresbeginn sogar leicht besser entwickelt als der Dax.

In Sachen vorsorglicher Krisenkommunikation zählt der Stahlkonzern zu den absoluten Ausnahmen. "In den wenigsten Berichten spiegeln sich die möglichen Folgen der Krise wider, und die wenigsten Unternehmen erklären ihren Aktionären, mit welchen Maßnahmen sie aus der Misere wieder herauskommen wollen", analysiert Professor Jörg Baetge von der Universität Münster, der wissenschaftliche Leiter der Untersuchung. Ein Großteil der Firmen feierte sich in seinen Berichten noch für die üppigen Gewinne der ersten Jahreshälfte 2008, während Umsatz und Gewinn vielfach bereits im vierten Quartal wegbrachen.

Die Schwachstellen der Berichte

Tatsächlich zeigt die Analyse der vergangenen beiden Jahre, dass die inhaltliche Qualität der Berichte sinkt, wenn sich das wirtschaftliche Umfeld verschlechtert und die Ertragskraft erodiert.

Diesen Befund, den das in seiner Gründlichkeit und Ausgewogenheit weltweit einmalige mm-Bewertungsverfahren ergab, teilt auch Herbert Meyer, Deutschlands oberster Bilanzpolizist. Der Key-Note-Speaker der diesjährigen Preisverleihung würde dieses Ergebnis auch testieren: "Je geringer die Rendite eines Unternehmens, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Fehler im Geschäftsbericht finden", sagte der Präsident der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung, die Jahr für Jahr rund 140 bereits von Wirtschaftsprüfern testierte Geschäftsberichte überprüft und die Unternehmen dazu zwingt, fehlerhafte Reports nachträglich zu korrigieren.

Die Resultate der aktuellen manager-magazin-Untersuchung fallen entsprechend aus: An das Bewertungsniveau von 2006 jedenfalls, dem letzten Jahr vor Ausbruch der Krise, kamen die Berichte des Jahrgangs 2008 in der Kategorie Inhalt nicht heran. Im Schnitt sank die Punktzahl beim wichtigsten Beurteilungskriterium über die vergangenen beiden Jahre um knapp einen Punkt auf nur noch etwas mehr als 57 Punkte.

Gerade die Kapitel der Geschäftsberichte, die für die Orientierung der Anleger entscheidend sind, gehören zu den Schwachstellen. Im Schnitt kommen die Risikoberichte mit einer Punktzahl von 52 gerade noch auf die Note "befriedigend".

Bei den Prognoseberichten fällt das Missverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit noch drastischer aus. Rund 40 Prozent der Unternehmen waren schlechter als im Vorjahr. Im Schnitt erreichten die untersuchten Firmen nur 36 Punkte für den zukunftsorientierten Teil ihrer Reports - Note: "mangelhaft".

Selbst Dax-Unternehmen wie der Darmstädter Pharma- und Chemiekonzern Merck, die mit vergleichsweise stabilen Geschäftsmodellen operieren, werden schweigsam, wenn es um den Ausblick geht. Die Folgen der Krise, heißt es lapidar im Merck-Geschäftsbericht, "erlauben uns derzeit keine quantitativen Prognosen. Auch qualitative Trendaussagen sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit dem durch die Lageberichterstattung vorgesehenen Planungshorizont vereinbar".

Geschönt, verharmlost, weichgezeichnet

Diese Blockadehaltung verärgert nicht nur Aktionäre und potenzielle Investoren, sie erregt im Zweifel auch das Misstrauen der Bilanzpolizei. "Es gibt einen klaren Zusammenhang zwischen unseren Erkenntnissen und den Ergebnissen des mm-Wettbewerbs", stellt Prüfstellenpräsident Meyer fest, der in seinem früheren Leben als Finanzchef des Druckmaschinenherstellers Heidelberg selbst fünfmal den Preis für den besten M-Dax-Report in Empfang nehmen durfte: "Wir finden sehr viel häufiger Fehler in Reports, deren Prognose- und Risikoberichte auch nach den Kriterien des manager magazins durchfallen würden, als in Berichten, die transparent mit Risiken umgehen und den Aktionären einen vernünftigen Ausblick bieten."

Absolute Spitze: Die Topreports aus allen Börsensegmenten (maximale Punktzahl: 100)

Rang Unternehmen Index Punkte
1 ThyssenKrupp Dax 85,06
2 Gildemeister MDax 84,54
3 Adidas Dax 82,16
4 Fresenius Medical Care Dax 79,59
5 Heidelberger Druck MDax 79,01
6 Deutsche Post Dax 78,67
7 K+S Dax 77,28
8 RWE Dax 74,78
9 Commerzbank Dax 74,27
10 Bayer Dax 74,25

Insgesamt gingen die Firmen in ihren Reports mit der Krise alles andere als souverän um - es wurde geschönt, verharmlost und weichgezeichnet.

So startet etwa der Bericht der Commerzbank mit in riesigen Lettern gedruckten Erfolgsmeldungen: 574.000 neue Privatkunden, ein Gewinnplus von 37,4 Prozent im Privatkundengeschäft und ein Kundenzuwachs von 51 Prozent in Ost- und Mitteleuropa.

190 Seiten später folgt dann in der Gewinn-und-Verlustrechnung das Eingeständnis, dass trotz der schönen Zahlen fast nichts bei den Aktionären ankommt: Ganze drei Millionen Euro beträgt der Gewinn. Und selbst diese Zahl hat nichts mit der wirtschaftlichen Realität der Bank zu tun. Die wird noch einmal zwei Seiten später in der Eigenkapitalveränderungsrechnung nachgeliefert. Dort findet sich unter der Rubrik umfassendes Periodenergebnis ein Minus von 4.485.000.000 Euro - klein gedruckt natürlich.

Und der im M-Dax notierte Holzverarbeitungsspezialist Pfleiderer hielt es weder im Vorwort noch im Lagebericht für nötig, seinen Anlegern die Ursachen für den Einbruch des Konzerngewinns um 90 Prozent zu erklären. Auch der Risikobericht ließ nicht erahnen, was dem Unternehmen droht.

Wie es um Pfleiderer tatsächlich bestellt war, erfuhren die Aktionäre exakt neun Wochen nach Präsentation der Bilanz. Eine Woche vor der Hauptversammlung Ende Juni legte Pfleiderer-Chef Hans Overdiek (56) eine Art Offenbarungseid ab.

Seit Anfang des Jahres hätten sich die Zahlen noch einmal so dramatisch verschlechtert, gestand er seinen Anteilseignern, dass der Konzern die Kreditverträge nicht mehr einhalten könne. Die Folge: Weil die Banken ihr Geld nun zurückfordern können, muss die Finanzierung der hoch verschuldeten Firma komplett neu ausgehandelt werden. Am Ende wusste sich Overdiek nicht mehr anders zu helfen, als öffentlich um Staatsbürgschaften und Kredite der KfW-Staatsbanker zu buhlen.

Unfreiwillig komische Nebenwirkungen

Dass Geschäftsberichte auch in Zeiten fundamentaler Erschütterungen transparent und glaubwürdig ausfallen können, zeigt die Nummer zwei im MDax, der Druckmaschinenhersteller Heidelberg. Die Finanzkrise hat das Traditionsunternehmen noch weit schlimmer durchgeschüttelt als Pfleiderer. Knapp eine viertel Milliarde Euro Minus standen am Ende in der Bilanz - ohne staatliche Bürgschaften und KfW-Kredite in Höhe von insgesamt 850 Millionen Euro hätte es ziemlich düster ausgesehen.

Anders als bei vielen anderen Unternehmen spiegelt der Heidelberg-Report die missliche Lage ohne große Beschönigungsversuche wider. Die Risiken werden unmissverständlich benannt, und der Vorstand legt sich auf einen klaren Katalog von Maßnahmen fest, mit denen er die Krise bewältigen will.

Selbst die Gestaltung vermittelt, wie tief die Einschnitte gehen - die Optik ist nüchtern und zurückgenommen. Die aufwendige Grafik und die opulente Fotografie der vergangenen Jahre sind verschwunden, die wenigen Bilder stammen aus dem hauseigenen Archiv.

Mit einem für Krisenzeiten angemessenen Auftritt tun sich dagegen viele Unternehmen sichtlich schwer. So verharrt etwa der Bielefelder Maschinenbauer Gildemeister, der aktuelle Sieger im MDax, in der optischen Opulenz längst vergangener Boomjahre. Das fängt bei der Verpackung an - ein kompliziert gefalteter Schuber, der beim Aufklappen einen USB-Stick preisgibt, auf dem eine akustische Version des Berichts gespeichert ist. Und setzt sich beim extradicken Umschlagkarton mit Geheimfächern fort, in denen sich zusätzlich Zahlen- und Produktbroschüren verstecken.

Bei den wissenschaftlichen Gutachtern konnten die Gildemeister-Leute mit solcherlei Schnickschnack nicht punkten - im Gegenteil: Bei der optischen Note kassierten die Westfalen im Vergleich zum Vorjahr deutliche Punktabzüge.

Im Zweifel riskieren Unternehmen mit derlei gestalterischen Gimmicks ohnehin nur unerwünschte und bisweilen sogar unfreiwillig komische Nebenwirkungen. Bestes Beispiel: Die im Tec-Dax notierte Solarfirma Q-Cells. Die verzierte ihren Geschäftsbericht mit einer illustrierten Steckdose - inklusive der dazugehörigen Löcher, die durch die ersten 96 Seiten gestanzt wurden.

Dass die Steckdosenöffnungen dabei das Gruppenfoto des Kontrollgremiums ausgerechnet auf Höhe der Kniescheiben des Aufsichtsratschefs durchbohren, war wohl eher unbeabsichtigt - der sprichwörtliche Schuss ins Knie eben.

Inhalt, Sprache, Gestaltung: Die Sieger in den Kategorien Ergebnistabellen: Alle Sieger im Überblick Methode: So werden die Reports bewertet Downloads: Die Kriterien zum Herunterladen

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