BMW Der Reithofer-Rap

Mehr Autos verkaufen, mehr Stellen streichen. Norbert Reithofers Sparpläne schneiden tief. Der BMW-Chef macht dabei klare Vorgaben. Die Krise ist noch nicht vorüber.

Sage mal keiner, BMW-Chef Norbert Reithofer (53) könne seine Mannschaft nicht mehr überraschen. Die 300 wichtigsten Führungskräfte des Autobauers staunten mächtig, als der Chef Mitte Juni zum BMW-Tag ein kleines Orchester auf die Bühne bat. Nur, oh Schreck, der Dirigent kam zu spät.

So ganz unter sich, diskutierten die Musiker: Geht es ohne Chef, brauchen sie überhaupt einen Taktgeber? Der Versuch endete im Desaster. Jeder spielte stur seine Noten, erst der wieder aufgetauchte Dirigent brachte die Kakophoniker wieder in Einklang.

Welches Lied BMW-Chef Reithofer in Zukunft dirigieren wird, daran ließ er keine Zweifel. Statt des Orchesters spielten nun die Führungskräfte selbst auf. Es wurden Gruppen gebildet. Die einen tanzten, andere trommelten, wieder andere raschelten im Takt mit Papier.

Und Reithofer rappte: "Audi muss weg, der Speck ist zu fett." Zwei Zeilen, und alles war gesagt.

Erstens: BMW  hat ein neues Feindbild. Mercedes ist nur noch ein Wettbewerber unter vielen, Audi dagegen Erzrivale.

Zweitens: Das Sparen geht weiter, und zwar noch einmal verschärft.

Reithofer hat die Vorgaben für 2009 bereits nachjustiert: Die Kosten müssen um weitere 230 Millionen Euro herunter. Ansonsten droht ein Verlust.

Auch der Vertrieb muss liefern: 1,2 Millionen Autos müsste BMW 2009 verkaufen, hatte Reithofer kalkuliert. Dann bliebe der Konzern in den schwarzen Zahlen. Doch die Rechnung geht nicht auf. Schuld sind die hohen Rabatte, mit denen Vertriebsvorstand Ian Robertson (51) die Premiumautos anbietet. Jetzt muss er fast 1,3 Millionen Autos verkaufen, um das Ergebnis über der Nulllinie zu halten.

Immerhin: Im ersten Halbjahr hat sich BMW angesichts des allgemeinen Nachfrageeinbruchs wacker geschlagen. Der Konzern erreichte vor Zinsen und Steuern ein Ergebnis von 114 Millionen Euro. Konkurrent Daimler lag im gleichen Zeitraum bei minus 2,4 Milliarden Euro.

Anzeichen einer Besserung

Gleichzeitig sehen viele bei BMW und in der Branche Anzeichen einer Besserung. Die Chinesen kaufen Autos wie nie zuvor, die Brasilianer fassen wieder Mut, und auch die Zahlen in Europa wirken besser als zu Jahresbeginn; Abwrackprämien und schwachen Vergleichswerten aus dem Vorjahr sei Dank.

Reithofer jedoch traut den Hoffnungszeichen angesichts der weiter kriselnden Automärkte noch nicht. Er will BMW langfristig absichern. Sorgen bereitet der Konzernspitze vor allem, dass künftig tendenziell mehr kleinere, margenschwächere Modelle gekauft werden. Ab 2012 soll BMW im Autogeschäft 8 bis 10 Prozent Umsatzrendite erreichen. Um das zu schaffen, will Reithofer auch mehr von dem "fetten Speck" wegschneiden, den BMW in den langen Jahren des Erfolgs angesetzt hat.

Rund 12.000 Stellen hat er bereits 2008 gestrichen. Weitere 2000 bis 3000 Beschäftigte sollen im laufenden Jahr gehen, möglichst geräuschlos, überredet zum Teil mit satten Abfindungen.

Fast schon stolz haben Reithofer und seine Topleute registriert, wie reibungslos der Personalabbau bislang funktioniert. So wollten sie weitermachen, heißt es im Konzern. In den nächsten beiden Jahren sollten 6500, längerfristig sogar 8000 bis 10.000 Stellen gestrichen werden. So viele Beschäftigte seien, verglichen mit Audi und anderen Konkurrenten, zu viel an Bord. Ohne großen Ärger solle es ablaufen: Stellen nicht neu besetzen, Abfindungen zahlen. Das Unternehmen sagt allerdings, es gebe keine solchen Pläne.

Verstärkt widmen dürfte sich Reithofer dem Thema Führungskräfte. Allzu viele im Management führten nicht, seien in Alibifunktionen abgeschoben oder völlig zu Unrecht befördert worden, kritisieren BMW-Leute.

Wie ernst er es meint mit seinen Sparvorgaben, hat Reithofer gerade erst bewiesen. Er hat durchgesetzt, dass BMW künftig nicht mehr in der Formel 1 antreten wird. Viele Hundert Millionen Euro hat sich der Konzern das Rennsportspektakel kosten lassen, kam dabei jedoch nie in Reichweite des Weltmeisterschaftstitels. Jetzt reagierte Reithofer: zu teuer sei die Formel 1 und passe nicht zur Strategie, den Konzern stärker auf Nachhaltigkeit auszurichten.

Vertriebsvorstand unter Feuer

Ein anderes Sparpotenzial dagegen rührt Reithofer nicht an: die Werke. BMW wird auf Jahre hinaus nicht genug Autos verkaufen, um seine Fabriken auszulasten. Schon bald könnten - Produktivitätsfortschritte eingerechnet - jedes Jahr 1,8 Millionen BMWs und Minis vom Band laufen. Theoretisch. In der Praxis ist das Unternehmen um rund 30 Prozent entfernt von jenen 1,7 Millionen Autos, die sich die Konzernspitze für 2010 einmal erhofft hatte. Die Folge: Es gibt zu wenig Arbeit für die Beschäftigten.

Manch Kritiker im Konzern indes hält den ehemaligen Produktionsvorstand in dieser Frage für befangen. Außerdem würde Betriebsratschef Manfred Schoch (53) bei drastischen Plänen nicht mitziehen, heißt es.

Reithofer kümmert sich lieber um einen anderen Problemfall: den Vertrieb. Vorstand Ian Robertson, selbst bei Rover einst Werksleiter, steht im Vorstand regelmäßig unter Feuer. "Nicht druckreif" sei Reithofers Kritik mitunter, heißt es im Unternehmen. Der Konzernchef verstehe nicht, dass Robertson den Vertrieb nicht ähnlich effizient steuern könne wie Reithofer einst die Produktion.

Allzu viele Freunde im Topmanagement hat Robertson ohnehin nicht. Im Vorstand bleibt er schon deshalb Außenseiter, weil er nur wenig Deutsch spricht, die Kollegen sich aber auf ihren Treffen nicht auf Englisch unterhalten mögen.

Robertson ist im Vorstand mittlerweile nicht mehr unumstritten. Gleich drei Vertraute hat Reithofer ihm zur Seite gestellt. Karsten Engel (50), 2007 von der Werkstattkette ATU zu BMW zurückgekehrt, verantwortet seit einem halben Jahr den deutschen Markt. Seine Vorgabe: BMW muss seine Führung vor Audi halten, fast um jeden Preis.

Ludwig Willisch (53) kümmert sich seit Mai um Resteuropa. Und Günter Klamer (55), Produktionsmann wie Reithofer und einer seiner engsten Vertrauten, soll das Geschäft mit Ersatzteilen und Serviceprodukten ankurbeln. Inoffiziell hat Reithofer ihm den Auftrag erteilt, den Vertrieb aufzumischen.

In anderen Ressorts wirken offenbar auch sanftere Methoden. Ein Hauptabteilungsleiter aus der Entwicklung jedenfalls nahm sich einfach Reithofers musikalische Einlage zum Vorbild. Kurz nach dem BMW-Tag ließ er seine Leute mit einem alten Monty-Python-Song gegen die Krise ansingen: "Always look on the bright side of life".

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