Monsanto Der Gen-Defekt

Der amerikanische Saatguthersteller Monsanto gilt bei Politikern als penetrant, bei Geschäftspartnern und Kunden als diktatorisch und bei allen Gegnern als aggressiv. Wie kann ein Management wirtschaftlich hocherfolgreich sein und trotzdem versagen? Eine Innenansicht des vielleicht unbeliebtesten Unternehmens der Welt.

Wie er da so sitzt mit halb offenem Hemd, zu großer Bundfaltenhose, abgelaufenen Slippern und dabei Cola light aus dem Pappbecher trinkt, wirkt Kerry Preete nicht gerade wie der Topmanager eines Weltmarktführers. Eher schon wie ein Mann vom Land, der sich feingemacht hat und jetzt nicht so recht weiß, was ihn in diesen Konferenzsaal verschlagen hat.

Und doch personifiziert Kerry Preete den Aufstieg Monsantos  zum führenden Saatguthersteller der Welt wie kaum ein Zweiter: In rund 25 Jahren hat er es nicht nur vom Außendienstler zu einem der wichtigsten Vorstände neben CEO Hugh Grant gebracht; auch an der Mutation seines Arbeitgebers von einer mittelmäßigen Chemiebude zum hochprofitablen Gentechnikgiganten hat er mitgewirkt.

Der 49-Jährige könnte also über Erfolge der Vergangenheit referieren und vom Wachstum der Zukunft schwärmen. Aber er gibt sich nachdenklich, fast schüchtern. Auf die Frage, was Monsanto im gentechnikresistenten Europa vorhabe, legt er eine Kunstpause ein. Dann antwortet er langsam: "Wir müssen noch mehr Geduld haben, stärker mit allen gesellschaftlichen Gruppen über unsere Produkte diskutieren und die Konsumenten besser informieren."

Auch sonst serviert Preete ein Menü aus Verständnis, Geduld und Bescheidenheit, ab und zu verfeinert mit einer Prise Weltverbesserung ("Eine Milliarde Menschen gehen hungernd zu Bett - ein unhaltbarer Zustand!"). Dass der Kanadier den Nice Guy gibt, liegt daran, dass er Monsanto auch außerhalb des US-Heimatmarktes zu Erfolg und Anerkennung führen soll. Endlich.

Es ist die wohl undankbarste Aufgabe, die der Konzern zu vergeben hat. Denn kaum ein Unternehmen zieht weltweit so viel Kritik auf sich. Monsantos Image bei vielen Bauern und Konsumenten rangiert irgendwo zwischen dem Ruf von Microsoft bei Techies, McDonald's Beliebtheit bei Vegetariern und der Wertschätzung, die der Ölmulti Exxon bei Umweltschützern genießt.

Was nicht allein daran liegt, dass rund 90 Prozent aller auf der Welt angebauten gentechnisch veränderten Pflanzen das Label "Monsanto inside" tragen, es sich also um eine natürliche Resistenz gegenüber einem Quasi-Monopolisten handelt.

Vielmehr gilt Monsanto bei Politikern als penetrant, bei Geschäftspartnern und Kunden als diktatorisch und bei allen Gegnern als aggressiv. "Mit seiner Unfähigkeit, aus den so offensichtlichen Fehlern zu lernen, macht es das Unternehmen seinen Kritikern leicht", sagt die Autorin Marie-Monique Robin, selbst eine Ikone der Monsanto-Gegner.

Vom Chemie- zum Agrarkonzern

Zwar gibt sich das Unternehmen - siehe Kerry Preete - heute nach außen konzilianter, doch der ruinierte Ruf droht zur Wachstumsbremse für den wirtschaftlich noch hocherfolgreichen Konzern zu werden (2008 lag die Umsatzrendite nach Steuern bei fast 18 Prozent). Denn neue Märkte sind verschlossen, und die Konkurrenz macht sich das miese Image der Firma aus St. Louis, Missouri, inzwischen zunutze. Der Marktführer droht deshalb an sich selbst, seinem kulturellen Gencode, zu scheitern.

Schon der Neuerfindung der Firma haftete etwas Unsauberes an. Bis vor gut zehn Jahren war sie noch ein Chemie-Gemischtwarenladen, der in seiner Geschichte neben Süßstoffen und Herbiziden mit den Produkten PCB und Dioxin allerdings auch zwei der giftigsten Stoffe überhaupt produzierte. Und der die US-Armee im Vietnam-Krieg mit dem Entlaubungsmittel Agent Orange belieferte.

Als sich Monsanto vom grau diversifizierten Chemie- zum grün fokussierten Agrartechnikkonzern wandelte, setzte die Führung auch auf einen historischen Neuanfang. Spitzfindig wurde fortan zwischen der vermeintlich unbelasteten "Today's Monsanto Company" und der recht toxischen "Original Monsanto Company" unterschieden.

Diese Art der Geschichtsklitterung - die heutige Firma ist die Rechtsnachfolgerin der früheren - legte den Keim für die Proteste. Als US-Konzern, der eine umstrittene Technologie wie die grüne Gentechnik propagiert und gleichzeitig seine unschöne Vergangenheit negiert, gab und gibt Monsanto den perfekten Gegner für Kritiker wie Greenpeace ab.

Die Amerikaner sehen sich freilich anders: Eigentlich, so die Selbstdarstellung, will der Konzern mit seinen ertragreicheren Gentech-Produkten den Hunger in der Welt bekämpfen. Und die Erde vor dem Klimawandel retten. Schließlich benötigt das getunte Saatgut weniger Spritzmittel, die Bauern müssen mit ihren Traktoren also seltener aufs Feld. "Food, Health, Hope" lautet denn auch die Monsanto-Dreifaltigkeit.

Allein, die Imagepolitur hat bis jetzt nicht verfangen - im Gegenteil. "Ein kapitalmarktgetriebener Konzern mit legitimen Gewinninteressen sollte sich nie als Heilsbringer aufführen; und schon gar nicht mit der Not anderer Menschen argumentieren", sagt ein Kommunikationsprofi, der das Unternehmen einst beriet. Vergeblich allerdings.

Zu gut sind noch die Zahlen, zu ertragreich ist das Geschäftsmodell, um den Antrieb für echte kulturelle Veränderungen zu schaffen.

Das umstrittene Geschäftsmodell

Immerhin fast 40 Prozent seiner gut elf Milliarden Dollar Umsatz erwirtschaftete Monsanto 2008 noch mit seinem Uraltprodukt Roundup aus den 70er Jahren. Denn das Gentechnik-Saatgut der Firma zeichnet sich bisher vor allem dadurch aus, dass es gegen das hauseigene Totalherbizid resistent ist.

Monsanto profitiert also doppelt: Steigt der Körnerverkauf, ziehen auch die Chemikalienumsätze an. Ein intelligentes Geschäftsmodell, aber eben auch ein durchsichtiges. Doch gegen Kritik an diesem Gebaren ist die Firma so resistent wie der Mais und die Soja gegen Roundup.

Weil sich das Gentech-Saatgut in den USA aufgrund liberaler Gesetze seit der Markteinführung 1996 schnell durchsetzte und auch Südamerika im Eiltempo erobert wurde, glaubte das Management, es könne sein Geschäftsmodell der gesamten Welt überstülpen.

Substanziell geändert hat sich diese Einstellung bis heute nicht. "Noch immer dominiert der Irrglaube, man könne die Menschen überall zu Gentechnik-Freunden umerziehen. Es gibt keine echte Bereitschaft, auf regionale Besonderheiten wirklich einzugehen", sagt ein Ex-Topmanager von Monsanto in Europa.

Das zeigt sich auch an der Konzernstruktur. Monsanto ist ein straff organisiertes Unternehmen, in dem die dezentralen Einheiten vor allem dafür da sind, die strategischen Vorgaben aus der Zentrale umzusetzen. Und so sind gerade einmal rund 100 der weltweit mehr als 20.000 Mitarbeiter in Deutschland angestellt, drei Viertel davon sind Vertriebler.

Etwa die Kommunikationsabteilungen in Europa aufzustocken, die propagierte Dialogbereitschaft also auch personell sichtbar zu machen - das gehört zu Ausgaben mit unsicherem Ertrag, die jenseits der Forschung möglichst gering gehalten werden. Seine beeindruckende Bruttomarge von weit über 50 Prozent verdankt Monsanto nicht zuletzt dem extremen Kostenbewusstsein der Zentrale.

Hier im Mittleren Westen, wo rechts der Landstraße bis zum Horizont der Mais wächst und links, so weit das Auge reicht, Soja blüht, kann ein Verständnis für andere Kulturen und kleinteiligere Dimensionen kaum entstehen. Monsanto ist zwar stolz, die Führungskräfte auch ins Ausland zu schicken. Wer aber nachhakt, was sich dahinter verbirgt, hört auch schon mal: "Ich war zwei Monate in Frankreich." Echtes Eintauchen in fremde Kulturen sieht anders aus.

Und so setzt der Konzern noch immer eher auf Konfrontation. Wie sehr das Auftreten der Doktrin des ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush ("Entweder ihr seid mit uns, oder ihr seid gegen uns") gleicht, erlebt auch BASF .

Kontrolle durch Saatgutpolizei

Monsanto hat mit dem größten Chemiekonzern der Welt die global wichtigste Kooperation abgeschlossen, beide Unternehmen poolen ihre Gendatenbanken und wollen ab 2012 trockenheitsresistente Pflanzen auf den Markt bringen, wahrscheinlich ein Milliardengeschäft. BASF trägt dabei 50 Prozent der Forschungskosten, bekommt von den Einnahmen allerdings nur 40 Prozent.

Es ist nicht einmal diese ungleiche Verteilung, die in Ludwigshafen den Eindruck erwachsen lässt, nur der geduldete Juniorpartner zu sein. Bereits öfter wurden die forschungsstarken BASFler von den marktgetriebenen US-Amerikanern mit ihren Ideen ausgebremst. Das Killerargument: "kommerziell uninteressant".

Die Anfangseuphorie bei BASF ist bei einigen Beteiligten in Frust umgeschlagen. "Weil es mittlerweile eine reine Lieferanten-Abnehmer-Beziehung ist, gibt es kaum noch inhaltliche Diskussionen", sagt ein Kenner der Situation. Bei etlichen Treffen soll es zu Auseinandersetzungen gekommen sein. BASF bestreitet das und sieht in der Zusammenarbeit mit Monsanto vielmehr eine Kooperation, die "konstruktiv und offen und beispielhaft für eine arbeitsteilige Industriepartnerschaft" ist.

Weil die meisten Branchenvertreter mit Monsanto kooperieren, ist auch bei anderen von Irritationen über das harsche Auftreten gegenüber Geschäftspartnern zu hören - trotz der allseitigen Bewunderung für die glänzende Forschungsarbeit.

Es scheint, als arbeite Monsanto mit viel Verve an der Profilierung als unsympathischer Konzern. Das gilt sogar im Verhältnis zur Politik. "Die Monsanto-Leute sind die penetrantesten Lobbyisten überhaupt", sagt ein ehemaliger Bundesminister. "Wenn sie bei mir nicht sofort das bekommen haben, was sie wollten, sind sie zum Kanzleramt gerannt und haben mich damit hintergangen."

Ungeschickt stellt sich Monsanto auch in Brüssel an, wo in der EU die wichtigen Zulassungsentscheidungen fallen. "Wir erzählen der Firma seit Langem, dass die einzige Chance für eine größere Akzeptanz der Gentechnik bei den Konsumenten darin besteht, dass sie endlich Produkte mit ersichtlichem Verbrauchernutzen auf den Markt bringt", stöhnt ein EU-Beamter. Noch sind solche Pflanzen, etwa mit Vitaminzusätzen oder geringerem Fettanteil, Visionen.

Monsanto stößt aber nicht nur in Europa auf Widerstände. Die Firma verbreite Angst und Schrecken, heißt es in vielen ländlichen Gegenden der USA. Weil der Saatguthersteller jedes Jahr beträchtliche Lizenzgebühren von den Bauern kassiert, ist die Sorge vor Missbrauch groß. Deshalb hat der Konzern unter anderem eine Hotline eingerichtet, bei der Landwirte tatsächliche oder vermeintliche Vertragsbrecher denunzieren können. Auch schickt Monsanto selbst Ermittler auf die Felder ("Saatgutpolizei") und zerrt Bauern vor Gericht.

"Wir würden so nie mit den Farmern umgehen, schließlich sind sie unsere Kunden. Stattdessen werben wir immer wieder aufs Neue um Verständnis für unsere Position", sagt eine Führungskraft eines Konkurrenten, der ebenfalls Lizenzgebühren verlangt.

"Das Image ist ramponiert"

Auch im Umgang mit den Kunden hat sich Monsantos Härte längst zum Bumerang entwickelt. Gegen den kanadischen Farmer Percy Schmeiser, der illegal Saatgut benutzte, siegten die Anwälte zwar vor Gericht, in dem jahrelangen Disput profilierte er sich jedoch als Rebell.

Erst Monsantos Insistieren machte aus Schmeiser einen Helden der Gegenseite. Der 78-Jährige bedankt sich heute dafür, indem er um die Welt tourt und gegen die Kläger von einst agitiert. Besonders gern tritt er mit der indischen Bürgerrechtlerin Vandana Shiva auf, die sich dadurch auszeichnet, auf Basis eher übersichtlicher Empirie zu behaupten, die teure Monsanto-Baumwolle treibe Bauern in Indien zum Selbstmord.

Blut auf dem Monsanto-Logo - das ist pure Polemik, doch der Konzern ist hilflos. Angesichts seiner Patzer in der Kommunikation, dem Verprellen von Politikern und Geschäftspartnern und der Unfähigkeit, aus Fehlern zu lernen, bleibt inzwischen jeder Vorwurf an ihm haften.

"Das Image ist so ramponiert, dass sich Monsanto umbenennen müsste", sagt ein Insider. Weil das zur Rufverbesserung wohl nur die Ultima Ratio sein kann, müsste der Konzern zumindest die Bereitschaft zeigen, seine "One fits all"-Strategie wirklich infrage zu stellen.

Wie man der eigenen Unternehmens-DNA neue Bausteine hinzufügt, können sich die Gentechnikexperten bei anderen US-Firmen abgucken, die ihre Imageprobleme erfolgreich verringert haben. So berücksichtigt McDonald's bei seinen Produkten immer stärker regionale Befindlichkeiten, Microsoft stattete seine Ländermanager mit weitreichender unternehmerischer Verantwortung aus, und Exxon löste sich mit der Forderung nach der Einführung einer Ökosteuer sogar von alten Dogmen.

Dass Monsanto etwas tun muss, hat auch mit einer sehr unerfreulichen Nebenwirkung des miesen Rufs zu tun: Vor allem in Europa ist die Debatte über die grüne Gentechnik so emotionalisiert, dass wissenschaftliche Fakten gegen die Frankenfood-Fiktion von Greenpeace und Co. kaum noch eine Chance haben.

Wie absurd die Situation ist, zeigt sich auch an diesem schwülen Juli-Nachmittag in der Magdeburger Börde. Ursula Lüttmer-Ouazane, die Nordeuropa-Chefin von Monsanto, sitzt im Garten des Stiftsguts Üplingen, wenige Kilometer östlich der ehemaligen Zonengrenze. Zusammen mit anderen Biotech-Konzernen hat der Weltmarktführer hier ein großes Versuchsfeld errichtet - geschützt durch eine Art antifundamentalistischen Schutzwall aus hohem Zaun, riesigen Strahlern und beachtlichem Wachturm.

Die bedrohte Alleinherrschaft

Sieht so etwa die Zukunft der Gentechnik und die von Monsanto aus, Frau Lüttmer-Ouazane? "In Europa ist die Lage kompliziert, zugestanden, aber global gesehen ist Monsanto auf Erfolgskurs."

Da könnte sie sich täuschen. Denn drei Viertel seines Umsatzes erwirtschaftet Monsanto noch immer in Nord- und Südamerika. In den USA strengen Farmer eine Klage an, es geht um den Missbrauch von Marktmacht durch überhöhte Preise. Der Ausgang ist offen, aber es könnte sehr teuer werden.

Und in Südamerika hat der Konzern die Grenzen seiner harschen Patentstrategie kennengelernt. Nicht überall lassen sich rechtliche Ansprüche so gut durchsetzen wie in den Industriestaaten.

Wachstum außerhalb des amerikanischen Kontinents ist deshalb Pflicht. Doch nicht nur in Europa hat die Marke Monsanto erhebliche Blessuren erlitten. So lassen sich in Afrika bislang kaum Geschäfte machen. Beliebtes Argument der Bauern: Wir exportieren vor allem nach Europa, wo niemand Gentechnik will.

Auch im technologiefanatischen Asien werden die Monsanto-Pflanzen wohl kaum in den Himmel wachsen. Zwar investieren China und Indien hohe Summen in die grüne Gentechnik, allerdings um eigene Innovationen voranzutreiben. Kaum denkbar, dass die Regierungen die Ernährung ihrer Milliardenvölker in die Hände eines US-Konzerns geben. Von der Durchsetzbarkeit der Patentansprüche ganz zu schweigen.

Dass die Zeiten der Monsanto-Alleinherrschaft bald vorbei sein dürften, liegt aber nicht nur am Widerstand gegen die Firma, sondern auch an den Hauptwettbewerbern wie der Schweizer Syngenta , der Biotech-Tochter Pioneer des US-Chemiekonglomerats Dupont und Bayer .

Lange haben sie Monsanto die Gen-Felder fast allein überlassen. Zwar ist dessen technologischer Vorsprung noch groß, aber immerhin gibt es mittlerweile erste Konkurrenzprodukte. Es ist wieder so etwas wie ein Markt entstanden, sehr zur Freude der Bauern.

Und die Wettbewerber profitieren vom Ärger, den die Manager aus St. Louis auf sich ziehen. "Das Schöne ist: Wir wollen das Gleiche wie Monsanto, aber werden gar nicht mit grüner Gentechnik assoziiert. Mit dieser Situation können wir bestens leben", frohlockt der Vertreter eines Saatgutherstellers.

Kritische Masse: Wie deutsche Konzerne mit Monsanto kooperieren

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