Jürgen Strube Der Beharrliche

Dank Jürgen Strube, soeben 70 Jahre alt geworden, ist die BASF ein Vorreiter: von der Verbundstrategie bis hin zu der ethischen Orientierung des Chemiekonzerns. Ein Porträt des langjährigen BASF-Kapitäns, den das manager magazin jüngst in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft aufgenommen hat.
Von Sibylle Zehle

Dreißig Köpfe sind in dem Buch "Die BASF - eine Unternehmensgeschichte" abgebildet, von Friedrich Engelhorn, dem rauschebärtigen Gründer (1821-1902), bis hin zu Hans Albers, dem eher spröden Vorstandsvorsitzenden der BASF  von 1983 bis 1990. Die Herren schauen ernst, getragen, besorgt, würdig, in jedem Fall bedeutend in die Kamera. Einer aber strahlt. Er lacht übers ganze Gesicht, es lachen sogar die Augen: Jürgen Friedrich Strube.

Das ist kein Zufall. Strube ist zwar in Bochum geboren, er hat aber etwas von der heiteren Weltzugewandtheit des Pfälzers Helmut Kohl in seinen besten Jahren (und man darf ihn, wiewohl um einige Pfunde leichter, dabei genauso wenig unterschätzen wie einst das Schwergewicht, den Kanzler). Strubes noble Art, mit Menschen umzugehen, ist legendär. Höflich, zuvorkommend, gewinnend, schafft er, wenn er will, sofort ein Klima des Vertrauens.

Vom obersten Stock im Hochhaus der BASF in Ludwigshafen überblickt er sein Leben. Am Horizont sieht man Heidelberg, ehemals Wohnort seines Mentors Rolf Magener, das Privathaus in Mannheim ("In gerade 15 Minuten bin ich da"). Und unten am Ufer des Rheins liegen die über 250 Produktionsbetriebe der BASF, miteinander verbunden, vernetzt, verwoben, aufeinander angewiesen wie ein mächtiger atmender Organismus. Auch in der Krise bewähre sich die Flexibilität der - wie inzwischen selbst die Briten sagen - "Verbundstrategy". Mit der die BASF - kostensparend - alle Ressourcen nutzt.

"So viele Chemiker, Ingenieure, Physiker, Biologen, Mathematiker wie hier finden sie an kaum einem anderen Platz der Welt", erklärt Strube voller Stolz den weltweit größten zusammenhängenden Chemiekomplex. 40 Jahre in Diensten der BASF liegen hinter ihm. Jetzt hat sich Strube, der am 19. August 70 Jahre alt wurde, zurückgezogen. Und verbreitet dennoch so etwas wie Aufbruchstimmung. Wirkt jung, weil er so präsent, engagiert, lebhaft ist. "Schauen Sie, und der Hügel ganz im Norden, das ist der Donnersberg."

Strube geht in einer schweren globalen Krise. Übernommen als Vorstandsvorsitzender hat er das Unternehmen 1990 nach sieben guten Jahren. Sein Vorgänger Albers wurde damals von den Medien "Hans im Glück" genannt. Strube: "Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen, das gilt erst recht, wenn daraus Jahre werden. Die Erfolge von heute sind oft die Quelle der Misserfolge von morgen."

Die BASF war damals zu breit aufgestellt, um auf der Welt erfolgreich zu sein. Strube leitete den schmerzlichen, wiewohl notwendigen Anpassungsprozess ein, der lange, bis 1997, dauerte.

"Es gibt Regeln für das Glück"

Ist die heutige Krise vergleichbar mit den vorigen Krisen, die er erlebt hat? Unlängst habe er Niklas Luhmanns Standardwerk über das "Vertrauen" wieder in die Hand genommen. Denn die jetzige, die erste globale Krise, sagt Strube, berühre etwas Grundlegendes: die Basis des Vertrauens in unsere Wirtschaftsordnung. "Wir haben kein Systemversagen. Wir haben ausgeprägte Systemschwächen - und Kontrollschwächen." Strube lehnt sich zurück. Es reiche nicht, Liquidität in den Markt hineinzugeben, meint er bedächtig. "Man muss sich in viel stärkerem Umfang mit Fragen der Systemarchitektur beschäftigen."

Strubes Grundhaltung dabei: wie immer positiv. Weltuntergangsstimmungen lässt er nicht zu. "Im Gegenteil, die Wahrscheinlichkeit, dass Europa aus dieser Krise gestärkt hervorgeht, ist groß." Und wie er da druckreif formuliert, Brillantes aus seinem Bildungsschatz serviert, Erfahrungen aus der Vergangenheit klug mit den Forderungen der neuen Zeit kombiniert, erinnert man einen Satz seines spanischen Hausphilosophen, Balthasar Gracián, den er häufig zitiert. Über die Kunst, Glück zu haben, zum Beispiel. "Es gibt Regeln für das Glück, denn für den Klugen ist nicht alles Zufall."

Jürgen Strube hatte Glück mit der BASF. Aber er war zugleich ein Glücksfall für den Chemieriesen, den er nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftspolitisch verankerte. Aus der BASF, dem Chemiebösewicht der Nachkriegszeit, wurde ein ethischer Vorreiter, der unter anderen zu den Gründungsmitgliedern des Global Compact der Vereinten Nationen zählt. Mit Strube, dem ersten Nichtnaturwissenschaftler auf dem Stuhl des Vorstandsvorsitzenden, stand kein Technokrat an der Spitze, sondern ein kluger Stratege und Visionär.

1995 lässt er vom Vorstand die Vision 2010 entwickeln. Fast alle der damals aufgestellten Prognosen trafen ein. Die Globalisierung des Konzerns, die Fokussierung auf die Chemie, die Dynamik des Asien-Geschäfts, die Internationalisierung der Aktionärsstruktur, die wertorientierte Portfoliopolitik, die nachhaltig hohe Kapitalrendite. Seine Maxime dabei: "unabhängig mit eigener Identität unsere Zukunft gestalten". Das war mal der Titel eines Geschäftsberichts. "Und dass Jürgen Hambrecht das weitertreibt, ist für mich hochbefriedigend."

"Mit Lederhosen in die Kirschen"

Bei Strubes Führung beeindruckte - dem Altkanzler Kohl, der oft seinen Rat suchte, dabei wiederum nicht unähnlich - diese seltene Mischung aus Durchsetzungskraft, Beharrlichkeit und Gelassenheit. Man hat ihn in den Medien immer wieder als "stillen Lenker" bezeichnet und als eher farblos empfunden, dabei ist er ein sensibler Riese, ein wacher Intellektueller, der sich hinter einer bulligen Statur verbirgt. Und der studierte Jurist ist, weit mehr als alle, die ihn umgeben: von eiserner Selbstdisziplin.

Jürgen Strube ist in einer Großfamilie aufgewachsen. Beide Eltern starben früh, die bestimmende Figur seiner Kindheit und Jugend war die Großmutter. Früh verwitwet, ihr Mann war im Bergbau, war Obersteiger gewesen, hat sie erst ihre Kinder, dann die Enkel großgezogen, eine starke, zupackende, vielseitig interessierte Frau. Was Pflichtgefühl, was Verantwortung bedeutet, all das lernte er von ihr. Klassenprimus. Klassensprecher. Schulsprecher.

Der Bub setzte sich früh durch, packte gern mit an. Das Familienhaus umgab ein großer Obstgarten. "Und ich wurde als Junge mit Lederhose und Leinenbeutel zum Pflücken auf die Birnbäume und in die Kirschen geschickt." Als die Großmutter 1961 84-jährig starb, wurde Strube gerade 22 Jahre alt. "Mir war sehr früh klar, dass ich auf eigenen Füßen stehen musste."

Bei der BASF zählte er schnell - wie übrigens auch Ronaldo Schmitz - zu den Magener-Boys, also zu der Elite junger Leute, die Rolf Magener, Weltbürger und brillanter Finanzvorstand, um sich zu scharen wusste. Strube war 15 Jahre für die BASF im Ausland gewesen, von Brasilien bis Nordamerika, und hatte in den verschiedensten Unternehmensbereichen gearbeitet. Die wichtigsten Bausteine für seine Karriere.

Es reiche nicht aus, wie in einem Schornstein aufzusteigen, meint er selbst. Wie Magener habe er später Leute bevorzugt, die schon verschiedene Pferde geritten haben, auf den verschiedensten Kontinenten. "Weil man der Prägekraft dieses Standorts hier dann auch etwas skeptischer gegenübertritt." Nicht gestellte Fragen seien gefährlicher als falsche Antworten.

Jürgen Strube darf man heute als einen der erfolgreichsten deutschen Unternehmenslenker der vergangenen zwei Jahrzehnte nennen. Und eigentlich sollte man Birgit Keil, die von ihm verehrte Primaballerina, bitten, ein paar Pirouetten für den ausgewiesenen Ballettliebhaber zu drehen. In Strubes Amtszeit hat sich der Umsatz des Konzerns um 40 Prozent erhöht, das Eigenkapital wurde verdoppelt, der Börsenwert beinahe verdreifacht. Balance halten, so nennt er selbst die Kunst der Unternehmensführung.

"Die Motten der kostbaren Zeit"

Stundenlang könnte man mit ihm reden. Vom brasilianischen Barock bis hin zum Züricher Sprechtheater. Fundiert, belesen, humorvoll beschenkt er seine Zuhörer mit einer Fülle von Erfahrungen, Erlebnissen, Beobachtungen, Reflektionen.

Aber die Zeiten sind düster. Der Ton wird härter. Strube ist besorgt. "Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, wir sind aufeinander angewiesen. Wir können nur gemeinsam erfolgreich sein. Und wir würden uns einen großen Gefallen erweisen, wenn wir gerade in einer kritischen Phase zwischen den verschiedenen Funktionseliten mit mehr Respekt miteinander umgingen."

Wer ihm zuhört, den befällt Wehmut. Die Topmanager von Unternehmen, bei denen die Firma Lebensinhalt ist und nicht Lebensunterhalt, muss man inzwischen suchen. Die Vorbilder, die Strube für sich benennt, sind entweder schon betagt - oder bereits verstorben. Reinhard Mohn (Bertelsmann) habe ihm imponiert bei der "Initiative für Beschäftigung"; mit Hans L. Merkle hat ihn nicht nur die Liebe zu Brasilien verbunden - "er wusste alles über brasilianische Kunst, die politischen Strömungen" -, ihn hat auch dessen Grundhaltung als patriotischer Unternehmer beeindruckt und dessen Contenance in der Spendenaffäre. "Dieses Gefasstsein Merkle war ein Mann mit Haltung. Und genau diese Haltung gab Halt."

Natürlich wünschte man sich für den ausgeschiedenen Aufsichtsratsvorsitzenden nun viele neue gewichtige öffentliche Rollen. Da wehrt er erschrocken ab. Zu viele Dinge würden an ihn herangetragen: Jürgen, du musst, Herr Professor, Sie sollten. "Ich habe 40 Jahre wirklich intensiv für die BASF gearbeitet. Jetzt spüre ich Verantwortung zunächst einmal meiner Familie gegenüber. Und lasse mir Zeit zu überlegen, was ich selbst will." Auch da spendet Gracián, der Spanier, Rat. "Es gibt fremdartige Beschäftigungen, welche die Motten der kostbaren Zeit sind."

Endlich mal spontan sein. Bei schönem Wetter mit Frau und Freunden mittags nach Forst an der Weinstraße fahren, Saumagen und Pfälzer Riesling genießen. Endlich lesen, dicke Bücher, ohne Unterbrechung. Endlich reisen, aus Neigung, nicht aus Pflicht. Da spürt man viel Neugier, Freude, Lust an Entdeckung. Beneidenswert die Freunde, die ihn nun begleiten dürfen. Berthold und Doris Leibinger sind es auf der ersten großen Reise. Auch sie zwei Besondere im Kreis der deutschen Unternehmer. Auch sie lesen - wie Strube - gern Gedichte.

Hall of Fame: Auszeichnung für Jürgen Strube Hall of Fame: Die Preisträger in Bildern

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.