Jürgen Heraeus Familienflüsterer

Jürgen Heraeus hat ein Traditionshaus in die Globalisierung geführt. Gelingen konnte das nur, weil er die 190 Familiengesellschafter zusammenschweißte. Ein Porträt des Unternehmers und Clanchefs, den das manager magazin jüngst in die Hall of Fame der deutschen Wirtschaft aufgenommen hat.

Jürgen Heraeus steht an der Essenausgabe seiner Werkskantine. Als die Reihe an ihn kommt, murmelt er ein "Für mich mit mehr Kartoffeln, bitte". Der Küchenhelfer stutzt einen Augenblick; er scheint zu überlegen, wie viel mehr "mehr" bedeutet bei diesem auffallend schlanken Herrn.

Weiter kommt er nicht, denn noch im gleichen Moment tritt eine Kollegin heran. "Ich mach das schon", sagt sie, lädt mit sicherem Schwung eine ordentliche Portion neben den Spargel und reicht den Teller heraus. "Wir kennen uns ja schon ein paar Jahre", erklärt sie und wirft Heraeus ein kurzes Lächeln zu. Heraeus lächelt zurück.

Gemeinsames Verständnis, wie man es aus einer Familie kennt - das ist genau das, worum er stets gerungen hat. Jürgen Heraeus ist der Kopf eines Konzerns, der auf Familiengeist baut wie kaum ein zweiter in Deutschland.

Zehn Generationen reicht die Dynastie zurück, bis zu Johann Heer, der sich 1611 in Johannes Heraeus umbenannte und ein Geschlecht von Apothekern begründete. Urgroßvater Wilhelm Carl Heraeus brach in neue, noch dieser Tage ertragreiche Geschäfte auf, als er 1856 ein Verfahren erfand, mit dem sich Platin in größeren Mengen verarbeiten ließ.

Heute ist die Sippe weitverzweigt, gut 190 Familiengesellschafter kontrollieren das Unternehmen. Kontrollieren? Im Wesentlichen vertrauen sie darauf, dass einer es zusammenhält, den Fortgang sichern wird: Jürgen Heraeus.

Eine Bürde aus Tradition und Erwartungen. Mancher könnte sich erdrückt fühlen. Tatsächlich wirkt Heraeus auf den ersten Blick ernst, mit viel Vorsicht im Blick und einer gewissen Unnahbarkeit. Seinen Körper hält er selbstbewusst gerade; abwartende Gesten - die Linke mit den Fingerspitzen in der Hosentasche - lassen an englischen Landadel denken.

Die Frisur, hinten etwas länger, deutet auf sein wahres Naturell. Jürgen Heraeus wahrt die Distanz, aber auch die Distanz zum Überernst. Munter erzählt er Anekdoten, sein leicht hessischer Tonfall suggeriert Erdennähe. Er liebt moderne Kunst mit originellen Anklängen. Den Besuchern seines Büros etwa späht ein rundbäuchiges Männlein entgegen, grob aus einem Holzstamm geschnitzt.

Strenge hatte er in seiner Jugend schon genug. Sein Vater setzte klare Vorgaben: "Es war eigentlich selbstverständlich", erzählt Heraeus, "dass ich einmal das Unternehmen übernehme." Der Junge wuchs in einem typischen Unternehmerhaushalt auf, "es wurde immer nur über die Firma geredet". Sonntagsspaziergänge endeten meist in der Fabrik.

"Die Zahlen verstehen musst du selbst"

Die Härten des Kriegs und der Nachkriegszeit trafen auch ihn. Er erlebte Bombennächte in einem ehemaligen Weingewölbe. Erst kürzlich kam die Erinnerung hoch, als er bei seiner Mutter, heute 97, auf eine alte Blechkiste stieß - jene Dose aus dem Bombenkeller, die Trostkekse für die Kinder enthielt. Vier lange Jahre lebte er mit der Mutter und den zwei Geschwistern in einem Behelfsheim auf dem Lande.

Die Firma erstand buchstäblich aus Ruinen auf. Das Gewirr der Bauten und Anbauten auf dem Werksgelände lässt noch heute erahnen, wie improvisiert der Wiederaufbau lief. Zwei Studienfächer hätten den Abiturienten gereizt: Jura und Betriebswirtschaft. Wieder gab der Vater die Richtung an. "Juristen kannst du dir halten", sprach er, "die Zahlen verstehen musst du selbst." Diesen Ratschluss hat Heraeus allerdings nie bereut.

Mein erstes Jahr im Unternehmen", erinnert er sich, "war meine beste Zeit." Er durchlief als Trainee sämtliche Abteilungen, lernte die Produkte und Abläufe kennen, vor allem aber das Wesentliche eines Unternehmens: die Mitarbeiter. Er stieß auf Begabte und weniger Begabte, Neugierige und Bremser und begriff die Herausforderung, sie alle bestmöglich einzusetzen und zu motivieren. Er traf auf Servilität ("Die Schlauen haben schon gemerkt, dass da der künftige Chef kommt"), aber auch auf Patzigkeit.

Als der Junior in der Bestellabteilung ein Häuflein reichlich alter Zettel fand, fragte er nach: ob da womöglich etwas liegen geblieben sei? "Das sind ungeklärte Fälle", grunzte der Zuständige, "normalerweise bekämst du jetzt von mir einen Tritt in den Hintern."

Der Vater kontrollierte streng das pünktliche Erscheinen des Sohnes, schenkte ihm aber zugleich "ein unheimliches Vertrauen", wie Heraeus schwärmt. Vertrauen ist eines seiner Lieblingswörter. Und seine Managementmaxime. Seinen Mitarbeitern gewährt er grundsätzlich Freiräume und Kredit. Umso enttäuschter reagiert er, wenn das Vertrauen missbraucht wird. Diebstähle in der Edelmetallabteilung etwa sind ihm ein Graus. "Wenn einer was einsteckt, fliegt er raus", droht Heraeus, "da bin ich gnadenlos."

Den Goodwill des Seniors nutzte er zu mutigen Reformen. "Dr. Jürgen", wie er im Betrieb bald hieß, räumte bei Tochterfirmen auf. Er führte ein fortschrittliches Kostenmanagement ein. Er trieb - anfänglich doch zum Unwillen des Alten - die Internationalisierung voran; heute erwirtschaftet der Konzern reichlich 82 Prozent seiner Umsätze im Ausland.

Drei Verbündete helfen dem Clanchef

Das Programm - labyrinthisch verästelt - gewann Konturen. Heute steht der Konzern auf fünf Pfeilern: Handel und Verarbeitung von Edelmetallen, Industriesensoren, Zahnkeramik, Quarzglas sowie UV- und Infrarotlampen. Über die mehr als hundert Einzelgesellschaften setzte der Neuerer eine Holding. Gesteuert wird - ganz nach dem Geschmack des erklärten Zahlenmenschen - anhand der genau erfassten Datenlage.

Alle Anstrengung wäre vergeblich gewesen, das weiß Heraeus, hätte ein tödlicher Virus sich ins Unternehmen eingeschlichen: Familienstreit. Aber wie hält man gut 190 Eigentümer auf einer Linie? Noch dazu ohne Machtmittel? Heraeus selbst besitzt gemeinsam mit seinen Geschwistern nur 25 Prozent der Anteile. Kujonieren kann er keinen.

"Jürgen Heraeus verfügt über ein bewundernswertes Geschick, Menschen zusammenzubringen und Ausgleich zu schaffen", rühmt Linde-Chef Wolfgang Reitzle, der Heraeus seit vielen Jahren kennt. Bis heute, darauf ist der Familienflüsterer stolz, beschlossen die Gesellschafter stets einstimmig.

Drei Verbündete helfen dem Clanchef bei seiner Aufgabe: Seine Frau, die regelmäßig Familienfeste organisiert und herzliche Bande schafft; der Erfolg, der ätzende Kritik erübrigte; schließlich ein altes Sippenethos, im Kern eine tradierte Bescheidenheit.

Die Gesellschafter sind an maßvolle Ausschüttungen gewöhnt, drei Viertel des Jahresüberschusses bleiben in der Kasse. Die Eigner haben in ein Familienstatut ("Family Governance") eingewilligt, das ihnen eine maßvolle Lebensführung auferlegt. Dazu gehört, dass jeder Gesellschafter einer Erwerbsarbeit nachgehen soll. "Die meisten", stellt Heraeus fest, "halten sich dran."

Der Patron lebt das Geforderte vor. Er vermeidet jeden Protz, lebt in einem normalen Einfamilienhaus und verbringt die Ferien auf einem alten Gehöft, das keineswegs nach Geld stinkt.

Mäßigung übt er auch im Geschäft, gerade im Handel mit Edelmetallen, wo es nur so wimmelt vor unmoralischen Angeboten und Einladungen zur Zockerei. "Es ist ein Segen", meint Unternehmensberater Roland Berger, ein langjähriger Weggefährte, "wenn einer in einem so volatilen Geschäft eine gefestigte Persönlichkeit ist."

"Ich habe einen Ruf zu verlieren"

Gern trägt Jürgen Heraeus seine Ansichten vom rechten Maß weiter, räsoniert in öffentlichen Debatten und Vorworten seiner Geschäftsberichte über seine Auffassung von sozialer Marktwirtschaft. Es hätte nahegelegen, ihn in ein Spitzenamt der deutschen Wirtschaftsverbände zu wählen. Tatsächlich machte er sich in den 90er Jahren Hoffnungen, BDI-Präsident zu werden. Doch weder verstand er sich auf die erforderliche Taktik, noch passte es wirklich. Die Diktion des BDI war damals die des Tacheles. Diese Schärfe trauten die Königsmacher ihm nicht zu.

Die amtierende Bundesregierung hingegen schätzt Heraeus gerade wegen seiner Sachlichkeit. Im März berief sie ihn in den Lenkungsrat, der sie bei der Vergabe von Notkrediten und Bürgschaften berät. Die Zukunft seines Unternehmens scheint allemal gesichert.

Zwar leidet auch der Heraeus-Konzern heftig unter der Krise. Wenn weniger Computer hergestellt werden, wird auch weniger mikrofeiner Golddraht gebraucht, eine Spezialität des Hauses. Und die Stahlindustrie bestellt weniger jener Sensoren, die den Gasen im Hochofen nachspüren, bis sie selbst verglühen.

Doch Heraeus hat Maß gehalten, den Lockrufen des Turbokapitalismus widerstanden. Es ist nicht lange her, da lagen ihm Banker in den Ohren, er solle doch beherzt zugreifen und den Wettbewerber H. C. Starck kaufen; ein Milliardenkredit sei gar kein Problem. Heraeus aber fand, mehr als 700 Millionen solle er nicht investieren. Das Unternehmen ging für 1,2 Milliarden Euro an Finanzinvestoren, die heute größte Nöte mit dem Zukauf leiden.

Seit dem Jahr 2000 ist Jürgen Heraeus nicht mehr Vorsitzender der Geschäftsführung, sondern erster Aufseher. Der Wechsel fiel schwer, ihm und vielen Arbeitnehmern. Die fragten den neuen Manager bei jeder größeren Entscheidung, ob denn auch "der Chef" davon wisse, also Heraeus. Inzwischen aber hat er sich mit dem Management arrangiert. Und das Management mit ihm. Ein Familienspross ist auch gepflanzt. Sein Schwiegersohn leitet das Finanzressort. Auch Heraeus näherte sich einst über diesen Posten der Unternehmensspitze.

Er hat wieder mehr Zeit. Und hob im vergangenen Jahr zur allgemeinen Überraschung die Hand, als das Kinderhilfswerk Unicef einen Retter brauchte. Dubiose Spendenakquise hatte die Organisation in eine schwere Krise gestürzt.

Heraeus übernahm den Vorsitz, setzte eine neue Geschäftsführerin ein und Unicef schnell wieder ins rechte Licht. Dabei hatte das Komitee den Bewerber zunächst mit gehöriger Skepsis empfangen. Ein Großindustrieller wollte sich um karitative Grußkarten und Kleinspenden kümmern? Das schien ihnen suspekt. Heraeus aber versicherte, er riskiere mit seinem Engagement einen hohen Einsatz, eigentlich den höchsten: "Ich habe einen Ruf zu verlieren."

Hall of Fame: Auszeichnung für Jürgen Heraeus Hall of Fame: Die Preisträger in Bildern

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