Sonntag, 21. April 2019

Jürgen Heraeus Familienflüsterer

4. Teil: "Ich habe einen Ruf zu verlieren"

Gern trägt Jürgen Heraeus seine Ansichten vom rechten Maß weiter, räsoniert in öffentlichen Debatten und Vorworten seiner Geschäftsberichte über seine Auffassung von sozialer Marktwirtschaft. Es hätte nahegelegen, ihn in ein Spitzenamt der deutschen Wirtschaftsverbände zu wählen. Tatsächlich machte er sich in den 90er Jahren Hoffnungen, BDI-Präsident zu werden. Doch weder verstand er sich auf die erforderliche Taktik, noch passte es wirklich. Die Diktion des BDI war damals die des Tacheles. Diese Schärfe trauten die Königsmacher ihm nicht zu.

Maß gehalten: Jürgen Heraeus lebt das Geforderte vor
Die amtierende Bundesregierung hingegen schätzt Heraeus gerade wegen seiner Sachlichkeit. Im März berief sie ihn in den Lenkungsrat, der sie bei der Vergabe von Notkrediten und Bürgschaften berät. Die Zukunft seines Unternehmens scheint allemal gesichert.

Zwar leidet auch der Heraeus-Konzern heftig unter der Krise. Wenn weniger Computer hergestellt werden, wird auch weniger mikrofeiner Golddraht gebraucht, eine Spezialität des Hauses. Und die Stahlindustrie bestellt weniger jener Sensoren, die den Gasen im Hochofen nachspüren, bis sie selbst verglühen.

Doch Heraeus hat Maß gehalten, den Lockrufen des Turbokapitalismus widerstanden. Es ist nicht lange her, da lagen ihm Banker in den Ohren, er solle doch beherzt zugreifen und den Wettbewerber H. C. Starck kaufen; ein Milliardenkredit sei gar kein Problem. Heraeus aber fand, mehr als 700 Millionen solle er nicht investieren. Das Unternehmen ging für 1,2 Milliarden Euro an Finanzinvestoren, die heute größte Nöte mit dem Zukauf leiden.

Seit dem Jahr 2000 ist Jürgen Heraeus nicht mehr Vorsitzender der Geschäftsführung, sondern erster Aufseher. Der Wechsel fiel schwer, ihm und vielen Arbeitnehmern. Die fragten den neuen Manager bei jeder größeren Entscheidung, ob denn auch "der Chef" davon wisse, also Heraeus. Inzwischen aber hat er sich mit dem Management arrangiert. Und das Management mit ihm. Ein Familienspross ist auch gepflanzt. Sein Schwiegersohn leitet das Finanzressort. Auch Heraeus näherte sich einst über diesen Posten der Unternehmensspitze.

Er hat wieder mehr Zeit. Und hob im vergangenen Jahr zur allgemeinen Überraschung die Hand, als das Kinderhilfswerk Unicef einen Retter brauchte. Dubiose Spendenakquise hatte die Organisation in eine schwere Krise gestürzt.

Heraeus übernahm den Vorsitz, setzte eine neue Geschäftsführerin ein und Unicef schnell wieder ins rechte Licht. Dabei hatte das Komitee den Bewerber zunächst mit gehöriger Skepsis empfangen. Ein Großindustrieller wollte sich um karitative Grußkarten und Kleinspenden kümmern? Das schien ihnen suspekt. Heraeus aber versicherte, er riskiere mit seinem Engagement einen hohen Einsatz, eigentlich den höchsten: "Ich habe einen Ruf zu verlieren."

© manager magazin 7/2009
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