Sonntag, 21. April 2019

Jürgen Heraeus Familienflüsterer

3. Teil: Drei Verbündete helfen dem Clanchef

Das Programm - labyrinthisch verästelt - gewann Konturen. Heute steht der Konzern auf fünf Pfeilern: Handel und Verarbeitung von Edelmetallen, Industriesensoren, Zahnkeramik, Quarzglas sowie UV- und Infrarotlampen. Über die mehr als hundert Einzelgesellschaften setzte der Neuerer eine Holding. Gesteuert wird - ganz nach dem Geschmack des erklärten Zahlenmenschen - anhand der genau erfassten Datenlage.

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Alle Anstrengung wäre vergeblich gewesen, das weiß Heraeus, hätte ein tödlicher Virus sich ins Unternehmen eingeschlichen: Familienstreit. Aber wie hält man gut 190 Eigentümer auf einer Linie? Noch dazu ohne Machtmittel? Heraeus selbst besitzt gemeinsam mit seinen Geschwistern nur 25 Prozent der Anteile. Kujonieren kann er keinen.

"Jürgen Heraeus verfügt über ein bewundernswertes Geschick, Menschen zusammenzubringen und Ausgleich zu schaffen", rühmt Linde-Chef Wolfgang Reitzle, der Heraeus seit vielen Jahren kennt. Bis heute, darauf ist der Familienflüsterer stolz, beschlossen die Gesellschafter stets einstimmig.

Drei Verbündete helfen dem Clanchef bei seiner Aufgabe: Seine Frau, die regelmäßig Familienfeste organisiert und herzliche Bande schafft; der Erfolg, der ätzende Kritik erübrigte; schließlich ein altes Sippenethos, im Kern eine tradierte Bescheidenheit.

Die Gesellschafter sind an maßvolle Ausschüttungen gewöhnt, drei Viertel des Jahresüberschusses bleiben in der Kasse. Die Eigner haben in ein Familienstatut ("Family Governance") eingewilligt, das ihnen eine maßvolle Lebensführung auferlegt. Dazu gehört, dass jeder Gesellschafter einer Erwerbsarbeit nachgehen soll. "Die meisten", stellt Heraeus fest, "halten sich dran."

Der Patron lebt das Geforderte vor. Er vermeidet jeden Protz, lebt in einem normalen Einfamilienhaus und verbringt die Ferien auf einem alten Gehöft, das keineswegs nach Geld stinkt.

Mäßigung übt er auch im Geschäft, gerade im Handel mit Edelmetallen, wo es nur so wimmelt vor unmoralischen Angeboten und Einladungen zur Zockerei. "Es ist ein Segen", meint Unternehmensberater Roland Berger, ein langjähriger Weggefährte, "wenn einer in einem so volatilen Geschäft eine gefestigte Persönlichkeit ist."

© manager magazin 7/2009
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