Sonntag, 21. April 2019

Jürgen Heraeus Familienflüsterer

2. Teil: "Die Zahlen verstehen musst du selbst"

Die Härten des Kriegs und der Nachkriegszeit trafen auch ihn. Er erlebte Bombennächte in einem ehemaligen Weingewölbe. Erst kürzlich kam die Erinnerung hoch, als er bei seiner Mutter, heute 97, auf eine alte Blechkiste stieß - jene Dose aus dem Bombenkeller, die Trostkekse für die Kinder enthielt. Vier lange Jahre lebte er mit der Mutter und den zwei Geschwistern in einem Behelfsheim auf dem Lande.

Die Firma erstand buchstäblich aus Ruinen auf. Das Gewirr der Bauten und Anbauten auf dem Werksgelände lässt noch heute erahnen, wie improvisiert der Wiederaufbau lief. Zwei Studienfächer hätten den Abiturienten gereizt: Jura und Betriebswirtschaft. Wieder gab der Vater die Richtung an. "Juristen kannst du dir halten", sprach er, "die Zahlen verstehen musst du selbst." Diesen Ratschluss hat Heraeus allerdings nie bereut.

Mein erstes Jahr im Unternehmen", erinnert er sich, "war meine beste Zeit." Er durchlief als Trainee sämtliche Abteilungen, lernte die Produkte und Abläufe kennen, vor allem aber das Wesentliche eines Unternehmens: die Mitarbeiter. Er stieß auf Begabte und weniger Begabte, Neugierige und Bremser und begriff die Herausforderung, sie alle bestmöglich einzusetzen und zu motivieren. Er traf auf Servilität ("Die Schlauen haben schon gemerkt, dass da der künftige Chef kommt"), aber auch auf Patzigkeit.

Als der Junior in der Bestellabteilung ein Häuflein reichlich alter Zettel fand, fragte er nach: ob da womöglich etwas liegen geblieben sei? "Das sind ungeklärte Fälle", grunzte der Zuständige, "normalerweise bekämst du jetzt von mir einen Tritt in den Hintern."

Der Vater kontrollierte streng das pünktliche Erscheinen des Sohnes, schenkte ihm aber zugleich "ein unheimliches Vertrauen", wie Heraeus schwärmt. Vertrauen ist eines seiner Lieblingswörter. Und seine Managementmaxime. Seinen Mitarbeitern gewährt er grundsätzlich Freiräume und Kredit. Umso enttäuschter reagiert er, wenn das Vertrauen missbraucht wird. Diebstähle in der Edelmetallabteilung etwa sind ihm ein Graus. "Wenn einer was einsteckt, fliegt er raus", droht Heraeus, "da bin ich gnadenlos."

Den Goodwill des Seniors nutzte er zu mutigen Reformen. "Dr. Jürgen", wie er im Betrieb bald hieß, räumte bei Tochterfirmen auf. Er führte ein fortschrittliches Kostenmanagement ein. Er trieb - anfänglich doch zum Unwillen des Alten - die Internationalisierung voran; heute erwirtschaftet der Konzern reichlich 82 Prozent seiner Umsätze im Ausland.

© manager magazin 7/2009
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