Sonntag, 15. September 2019

Familie Krise an der Heimatfront

Viele Manager sind derzeit mehr denn je gefordert. Sie durchleiden eine doppelte Krise - im Beruf und im Privatleben. Der Grund: zu wenig Zeit für die Familie. Doch statt ihre beruflichen Fähigkeiten auch zu Hause anzuwenden, ignorieren sie das Problem, sind ratlos oder tun das Falsche.

"Und alles wird leichter", so warb vor Jahren ein Softwarekonzern für sein neues Betriebssystem. Alles leichter? Für Christine Deibert (Name von der Redaktion geändert), Assistentin eines Microsoft-Managers, war es überaus schwierig, einen freien Termin im Kalender ihres Chefs zu finden. Frank Nitz (Name von der Redaktion geändert) würde in den nächsten Wochen nur selten im Büro sein, sondern in Russland und den USA, in Brüssel und Warschau.

Manager sind heutzutage Surfer im Raum-Zeit-Kontinuum, Weltenreiter zwischen Firma und Familie. Beide Welten kämpfen um Zeit und Zuwendung. Ein Phänomen des 21. Jahrhunderts? Kaum: Schon in den 50er Jahren beschrieb William H. Whyte in "The Organization Man" den Konkurrenzkampf zwischen Ehefrau und Firma, und vor 20 Jahren sagten 90 Prozent der oberen Führungskräfte, ihr berufliches Engagement führe zu Schwierigkeiten mit der Familie.

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Doch heute sind vor allem auch das mittlere und untere Management betroffen. Globaler Wettbewerb, Druck der Shareholder, Leistungsverdichtung und ein veränderter Führungsstil brachten Arbeitszeiten wie im Manchester-Kapitalismus. Die Wirtschaftskrise hat die Situation noch einmal verschärft und bei manchem Manager auch zu einer Krise in der Familie geführt.

Gleichwohl behaupten Manager oft, die Familie sei ihnen das Wichtigste, die Quelle ihrer Kraft. Wissenschaftler sind da skeptisch: Viele Führungskräfte seien emotional oft stärker an ihr Unternehmen als an ihre Familie gebunden. Trübt das Konjugium mit dem Konzern das häusliche Glück? Und hat das dann wiederum Auswirkungen auf die Arbeit des Managers?

Der Unternehmensberater Martin Hagen kennt das Problem nur zu gut. "Beim Einzelcoaching zu Führungsfragen wird häufig deutlich, dass sich Probleme in diesem Bereich nicht von der Person des Managers, von seinem privaten Leben trennen lassen", so der Geschäftsführer der Augsburger Hauserconsulting. Doch offen darüber reden möchten nur wenige - und wenn, dann unter vier Augen. Hagen ist immer wieder überrascht, "dass es so umsetzungsorientierten, handlungsmächtigen Managern oft nicht gelingt, ihre in der Firma angewandten Fähigkeiten auch zu Hause einzusetzen". Denn langfristig kann sich kaum ein Manager eine Krise an der Heimatfront leisten.

Zeit oder Geld

Ein Mangel an Zeit steht oft am Anfang einer Kaskade familiärer Probleme, da die "Beschleunigung des Lebens" Manager besonders trifft: Sie müssen immer mehr in immer weniger Zeit erledigen. Viele arbeiten bereits auf dem Weg zur Arbeit, nach Feierabend, am Wochenende und sogar im Urlaub. Durch die Hypervernetzung mit Handy, Blackberry und Laptop sind sie nahezu rund um die Uhr und rund um den Globus erreichbar. Und eben auch zu Hause, wo andere Maximen gelten als im Berufsleben.

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