Glashütte Neustart Ost

Die zu DDR-Zeiten triste sächsische Kleinstadt Glashütte, 30 Kilometer südlich von Dresden, ist heute erblüht wie die Wüste nach dem Regen. Das deutsche Uhrenmekka im Osterzgebirge feiert 20 Jahre Mauerfall.

Gibt es den Pferdearsch eigentlich auch in Grau?", fragt Roland Schwertner in die Runde, über drei schwarze, samtgefütterte Kassetten voller Uhren gebeugt.

Im neuen Glaspavillon am alten Bahnhof des sächsischen Glashütte, heute Bürohaus und Fabrikationsstätte der Marke Nomos, hat der stämmige, gedankenschnelle Inhaber des Unternehmens Designer, Marketingfrau und Pressedame um sich versammelt.

Es herrscht ein flapsig-lockerer Ton mit starkem Hang zu heiterer Ironie. Es geht um die Farbabstimmung der Uhrenarmbänder, die aus schwarzem Shell-Cordovan-Pferdeleder gefertigt sind. Und es handelt sich immerhin um den Auftritt einer neuen Linie: 20 Modelle der schönen, schlichten Zeigeruhren, die Namen tragen wie "Weimar" oder "Herrnhut", "Eisenhüttenstadt" oder "Ludwigslust", allesamt Ortsnamen aus der Ostprovinz. Dazu Zifferblätter in zehn verschiedenen Grautönen. Grau wie einst der Osten.

Schwertner, nie um einen launigen Marketing-Gag verlegen, nennt die neue Linie die "Einheits-Nomos", pünktlich am Markt zur 20. Wiederkehr des Mauerfalls. Und vielleicht auch noch mit grauen Armbändern zu versehen.

Der Düsseldorfer hat allen Grund, das Datum gebührend zu feiern. Es bezeichnet seine große Lebenswende: von West nach Ost, vom einstigen Modefotografen und EDV-Mann zum Uhrenhersteller. Verbunden mit dem gloriosen Wiederaufstieg der traditionsreichen Uhrenstadt Glashütte zur inzwischen global gefeierten deutschen Metropole der Luxuszeitmesser. Eine Entwicklung, die 1989 niemandem auch nur im Traum eingefallen wäre.

Erst recht nicht in dieser Kleinstadt im östlichen Erzgebirge, 4500 Einwohner, 30 Kilometer südlich von Dresden. In deren Tristesse - kein einziges vorzeigbares Restaurant, kein Hotel, keine Disco, kein Kino, aber immer wieder heimgesucht von Hochwassern - man nicht mal ahnen mochte, zu welchen Höchstleistungen der Uhrmacherei (und des Marketings) man hier tatsächlich fähig war.

Und doch ist Glashütte heute erblüht wie die Wüste nach dem Regen. Die mitunter großstädtisch wirkenden Wohnhäuser, die sich unterhalb der üppig an den Hängen wuchernden Datschensiedlungen in das tief eingeschnittene Waldtal zwängen, sind frisch hergerichtet. Straßen und Grünanlagen wirken wie aus dem Ei gepellt.

Auch die kasernenartig aufgereihten Fertigungsstätten der Uhrenmarken Lange & Söhne, Glashütte Original und eines Wempe-Betriebs entlang der Hauptstraße erstrahlen wie neu erbaut. Weiter oben im Tal hat sich - tatsächlich neben einer alten Mühle - der Familienbetrieb Mühle mit 44 Leuten etabliert. Neu hinzugekommen sind gerade noch die Marken Union Glashütte von der Swatch Group  und Tutima, schon früher hier ansässig und heute in sanierten Gebäuden beheimatet.

Von den Toten auferstandenes Luxusspielzeug

Und mittendrin in diesem Unternehmensgewächshaus, gleich gegenüber der Pflanzstätte der hiesigen Uhrenindustrie, dem Stammhaus des Gründers F. A. Lange, prangt das Deutsche Uhrenmuseum Glashütte.

Untergebracht ist es in der einstigen Uhrmacherschule und vor einem Jahr auf den Stifter Nicolas Hayek von der Swatch Group getauft, die elf Millionen Euro in das Projekt gesteckt hat. Eine Schweizer Verneigung vor sächsischem Handwerk - vor Perfektion, Präzision, Ästhetik -, das sein Erblühen an diesem Ort einer tiefen Krise verdankt: Zur Mitte des vorvorigen Jahrhunderts, die Industrialisierung war in schönstem Schwunge, waren hier die Erzvorräte der Silberminen zu Ende. Die Region fiel in Agonie - bis Ferdinand Adolph Lange, Schwiegersohn des sächsischen Hofuhrmachers Friedrich Gutkaes, die Idee kam, die Bedrängten die Uhrmacherei zu lehren. So wie er das während seiner eigenen Wanderjahre im Schweizer Jura erlebt hatte.

Von 1845 bis 1945 prosperierte die Uhrmacherei im Tal kapitalistisch in einer wachsenden Zahl von Unternehmen zu höchsten Höhen der Feinmechanik (und sei es in Gestalt von Fliegeruhren für die Luftwaffe). Nach Kriegsende ging es dann 40 Jahre sozialistisch weiter, also sehr bald in einem volkseigenen Betrieb. Der lieferte mechanische Armbanduhren - berühmt das Modell "Spezimatic" - an Tchibo und Quelle in den Westen.

"Entschuldigen Sie, wenn ich die Hände falte", sagt der hochgewachsene Museumsdirektor Reinhard Reichel, als er die Sammlung der Preziosen präsentiert. "Gott sei Dank hat der volkseigene Glashütter Uhrenbetrieb (GUB) niemals aufgehört, mechanische Uhren zu bauen."

Denn eigentlich hatte sich die Welt schon weitergedreht. Und war längst bei der Quarzuhr angelangt. Nur in Sachsen war man mal wieder der Zeit hinterher: Wie 1922 die Ablösung der Taschenuhr durch die Armbanduhr verschlafen wurde, so verschraubten die Feinmechaniker des Kombinats hier noch immer Zahnräder zu Zeitmessern.

Doch eine glückliche Fügung wollte es, dass das Ende der DDR in eine Phase fiel, als im Westen die mechanische Uhr von den Toten auferstanden war - als Luxusspielzeug der besseren Stände.

Einer, der diese Entwicklung in Glashütte erlebt hat, residiert heute hoch über dem Ort in der wohltemperierten Chefetage bei Glashütte Original. Geschäftsführer Günter Wiegand, ein kleiner Kantiger mit fein frisiertem weißem Haar, hat 1968 als Werkzeugmacher hier angefangen und erinnert sich noch an die Zeit, als nach 1989 die Pleitegeier über dem Tal kreisten. Erst kamen "Typen, die nur alles zu Geld machen wollten", dann eine französische Firma, die hier Werkteile für Zigtausende Uhren fertigen lassen wollte, um sie dann auf Mauritius zusammenzubauen. "Dort waren die Löhne noch günstiger als hier."

"Das war die Stunde null"

Als die Franzosen ausschieden, schickte die Treuhand 1993 den Liquidator. Der einst 2500 Mitarbeiter zählende Betrieb stand vor dem Aus. Doch der Plattmacher wandelte sich in einen Sanierer. Aus dem Westen schaffte er einen uhrenversessenen Investor herbei, "und im November saßen 72 Hanseln, die Überlebenden des GUB, beisammen und hörten sich die Einstandsrede dieses Heinz W. Pfeifer an", der hier Luxusuhren für 5000, 10.000, gar für 100.000 Mark bauen wollte.

"Wir wussten, dass wir mehr konnten als bisher gezeigt", erzählt Wiegand. "Aber wir konnten uns nicht vorstellen, dass jemand so verrückt sein sollte, für eine Uhr so viel Geld auszugeben."

Heute werden in Glashütte Uhren gefertigt, die schon mal 150.000 Euro kosten können oder die, wie ein neues Modell, ein Zifferblatt aus Meissner Porzellan und ein Tourbillon besitzen, zu 96.000 Euro. Heute gibt es wieder mehr als 300 Mitarbeiter bei Glashütte Original, die Firma gehört seit dem Jahr 2000 zur finanzstarken Swatch Group, spendierte im März gar eine Lohnerhöhung und gibt ihren Lehrlingen, so sie denn "gut" sind, eine Anstellungsgarantie.

Natürlich spüre man die Krise, sagt Wiegand, aber längst nicht so brutal wie in anderen Branchen. Und mit einer neuen Kollektion von Sportuhren für weniger als 10.000 Euro - er trägt ein keramikschwarzes Modell am Handgelenk - erschließe man gerade neue Märkte.

Auch lange & Söhne, der Nachbar nebenan, spürt eine Flaute am Markt und lässt einen Teil der Belegschaft kurzarbeiten. Die Jahresproduktion von 5000 Uhren wurde leicht zurückgefahren. Man hält fest an der Maxime, das Wachstum durch höheren Komplikationsgrad und entsprechenden Preis zu generieren.

Firmensprecher Arnd Einhorn mag sich nicht beschweren. Der neue Zeitmesser, die "Richard Lange Pour le Mérite", eine schlichte Schönheit mit hochfiligranem Antrieb über eine Kette aus 636 winzigsten Gliedern, stieß auf begeisterte Nachfrage: 50 Modelle aus Platin zu 98.000 Euro und 200 aus Rotgold für 82.000 Euro waren sofort nach der Präsentation im Januar verkauft.

Die Kunden standen bereits Schlange, als die Initiatoren der wiedererweckten Firma 1994 - nach vier Jahren Entwicklung und 20 Millionen D-Mark Investition - ihre ersten 20 Modelle vorstellten, darunter vier Tourbillons.

"Die wurden unter den Händlern verlost, so groß war das Interesse", sagt Einhorn. "Das war die Stunde null, wir wussten, wir sind auf dem richtigen Weg."

Auch hier waren es - neben dem Urenkel des Gründers, der an die verlorene Familientradition anknüpfen wollte - uhrenvernarrte Manager, die die Unruh zum Schwingen brachten. Günter Blümlein, Chef bei der Schaffhausener IWC, und Albert Keck, gelernter Uhrmacher und Aufsichtsratsvorsitzender der IWC-Mutter VDO, machten sich gleich nach der Wende nach Sachsen auf; sie wollten herausfinden, wie es um das legendäre Glashütte stand. Anfang Dezember 1990 gründeten sie zusammen mit Walter Lange das traditionsreiche Unternehmen, heute im Reich der Luxusgruppe Richemont, neu. Mit damals zwei Konstrukteuren und fünf Uhrmachern.

"Damit spielen wir in der obersten Liga"

Das Unternehmen darf sich mittlerweile zur ersten Garnitur der internationalen Zeitmesserzunft rechnen, weil es mit technischen Raffinessen glänzen kann, etwa einer eigenen Spiralherstellung. Dieses feinste Herzstück des Mechanismus können nur weniger als eine Handvoll Manufakturen weltweit zaubern. "Spiralen zu fertigen ist ein strategischer Vorteil gegenüber Mitbewerbern", sagt Einhorn. Und verhehlt nicht, dass sich dieses Können einigen Ingenieuren aus der Kombinatszeit verdankt. "Damit spielen wir in der obersten Liga."

Ganz anders hat sich Schwertner mit Nomos positioniert. Er hält sich zugute, als Erster nach der Wende eine neue Uhr in Glashütte herausgebracht zu haben.

"Wir wollten eine schöne, bezahlbare Gebrauchsuhr machen, Handaufzug, Stahl, um die 1000 Euro", erklärt er. Ostern 1992 stellte er das Ergebnis der Arbeit dreier Uhrmacher, damals untergebracht in einer Drei-Zimmer-Wohnung, vor, im Juli wurden die ersten Modelle verkauft. Heute zählt das Unternehmen rund 80 Mitarbeiter, hat im vergangenen Jahr noch einmal kräftig in Technologie investiert, eine neue Entwicklungsabteilung im ehemaligen Stellwerk des Bahnhofs eingerichtet. Und auch für neue Geselligkeit am Ort ist gesorgt: Michi, der Kantinenkoch von Nomos, einst beschäftigt in der Berliner "Paris Bar", hat mit Schwertners Hilfe eine schöne kleine Destille eröffnet.

Auch sonst ist Schwertner rührig. So pflegt er seit zehn Jahren eine gedeihliche Kooperation mit dem Luxusjuwelier Wempe aus Hamburg, dem er durch seine zwei Konstrukteure Thierry Albert und Mirko Heyne zu eigenen Modellen mit eigenen Werken verhalf. Und zu einem wunderbaren Firmensitz hoch auf den satten Matten des Ochsenkopfes - der ehemaligen Sternwarte -, die Wempe für 1,5 Millionen Euro zu einem Uhrmacheridyll ausgebaut hat. Hier werden die Chronometer und die Linie "Zeitmeister" gefertigt, mit denen der Juwelier eine Marktlücke aufgetan hat. Und diese Nische so gut füllt, dass auf der Wiese nebenan ein Erweiterungsbau geplant ist. Die Stimmung ist verhalten euphorisch.

Gefragt nach dem Erfolgsgeheimnis von Glashütte, sagt Schwertner: "Hier findet die Vereinigung so statt, wie ich sie mir vorgestellt habe: dass von West was kommt, von Ost was kommt und daraus etwas Neues entsteht."

Fotostrecke: Die neuen Luxusuhren - edle Vielfalt, stille Größe

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