Dienstag, 10. Dezember 2019

Aldi Eine Tüte geht um die Welt

7. Teil: Briefpapier mit abgeschaffter vierstelliger Postleitzahl

Egal, welche Zahlen die Gebrüder Albrecht auch ausweisen: Die beiden reichsten Deutschen geben sich äußerst sparsam und bescheiden. Die Knauserei geht manchmal bis hin zum Skurrilen. So benutzt Theo Albrecht noch heute privates Briefpapier mit der vor 16 Jahren abgeschafften vierstelligen Postleitzahl. Fein säuberlich wird mit Bleistift die alte 4300 von Essen durchgestrichen und durch die fünfstellige Zahl ersetzt.

Zwar kommt Theo Albrecht seit einiger Zeit nicht mehr ins Büro, doch in der Nord-Zentrale läuft nach wie vor alles in seinem Sinn. Garant dafür, dass vom Tugendpfad des Harddiscounts nicht abgewichen wird, ist der 64-jährige Hartmuth Wiesemann. Theos Ziehsohn, der mit 14 Jahren als Lehrling bei Aldi begann, ist formal nur einer von fünf Verwaltungsräten, aber der eigentlich starke Mann. Operative Entscheidungen trifft er in der Regel allein. Nur Struktur- und Strategiefragen diskutiert er mit seinen Ratskollegen.

Bis sich das oberste Leitungsgremium allerdings zu Entscheidungen durchringt, können mitunter Jahre vergehen. So wird seit längerer Zeit darüber debattiert, den Zuschnitt der Führung an das gewachsene Auslandsgeschäft anzupassen. Das macht schon mehr als die Hälfte des Umsatzes aus, wird aber noch immer von Wiesemann und Verwaltungsratsmitglied Werner Vettern nebenher betreut. Bislang verliefen die Diskussionsrunden ergebnislos. Vermutlich wird es so ausgehen wie meist: Man schaut erst einmal, was die Schwesterfirma tut.

Tatsächlich waren die Manager im Süden, wo Karl Albrecht die Verantwortung längst abgegeben hat, wieder einmal schneller. Das oberste operative Gremium, der bis vor Kurzem aus dem Duo Norbert Podschlapp und Jürgen Kroll bestehende Koordinierungsrat, hat Anfang 2008 eine internationale Einkaufsorganisation gegründet. Sie kümmert sich auch um die Verwaltung und die Informationstechnik der Auslandsfilialen.

In den Koordinierungsrat ist inzwischen Armin Burger, der seit geraumer Zeit die internationale Expansion von Aldi Süd vorantreibt, als drittes Mitglied eingezogen. Burger wurde damit für gute Arbeit in der Vergangenheit belohnt: Die österreichische Hofer-Gruppe, die er lange Zeit leitete, wirft hohe Gewinne ab.

Die Spitzenkräfte im Süden entscheiden rascher als ihre Kollegen im Norden, sie sind mutiger - und sie passen sich flexibler fremden Kulturen an. Die Chefs der Auslandstöchter haben relativ großen Spielraum. Sie dürfen Interviews geben; die US-Organisation warb sogar mit einer TV-Kampagne, und sie bildet den eigenen Führungsnachwuchs aus. In den Nordterritorien wäre all das undenkbar.

© manager magazin 6/2009
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